»This performance is not the only possible one«
Vor 50 Jahren gründete Cornelius Cardew das legendäre Scratch Orchestra, dessen emanzipatorischer Geist bis heute wirkt
Cornelius Cardew wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 in London von einem Auto überrollt. Der Mann, der den Wagen mit hoher Geschwindigkeit in die falsche Richtung einer Einbahnstraße gelenkt hatte, beging Fahrerflucht. Cardew ging in dieser klirrend kalten Nacht der vereisten Bürgersteige wegen mitten auf der Fahrbahn, was zunächst einen unglücklichen Unfall nahelegte – doch mindestens die schlampig durchgeführten Untersuchungen der Polizei warfen schnell Fragen auf. So erzählt es Cardews Weggefährte, der Pianist John Tilbury, im letzten Kapitel seiner über 1000-seitigen Biografie »Cornelius Cardew: A Life Unfinished«. Tatsächlich besteht die Vermutung, dass der gerade mal 45 Jahre alte Komponist Opfer eines schatten-staatlichen oder rechtsradikalen Anschlags wurde.
Cardew, der der englischen Nachkriegsavantgarde in etwa so wichtig war wie Karlheinz Stockhausen in Deutschland oder Pierre Boulez in Frankreich, hatte sich im Laufe der 1970er Jahre immer stärker politisiert und gehörte Ende des Jahrzehnts zum geheimdienstlich überwachten Kader der Revolutionary Communist Party of Britain (Marxist-Leninist).
Seine Radikalität, zunächst im musikalischen Bereich, dann im politischen, sein popkultureller Status als Ikone des Widerstands – seine Werke wurden von Sonic Youth gespielt, Brian Eno und Robert Wyatt waren Fans –, und sein mysteriöser Tod: All das wirkt bis heute.
Der Musikwissenschaftler Tony Harris schreibt in seinem Buch »The Legacy of Cornelius Cardew« (2013), dass Cardews Zugang zum Marxismus ein revolutionärer war. Er dachte Kultur und Politik nicht getrennt: Cardew »war jemand, der glaubte, dass die in der Welt auftretenden Ungleichheiten in Frage gestellt werden könnten und sollten, und dass Künstler oder Kulturschaffende ebenso gut wie alle anderen in der Lage seien, bei dieser Herausforderung eine führende Rolle zu übernehmen.« Und diesen Anspruch füllte Cardew aus – nicht zuletzt mit dem 1969 von ihm mitgegründeten Scratch Orchestra. Seine unbestrittene musikalische Autorität stellte er in den Dienst der Gemeinschaft und setzte damit die Energien der Teilnehmer frei. Die Idee einer offenen Gruppe, die sich sowohl aus Musikern als auch Nicht-Musikern zusammensetzte und Prinzipien aus der bildenden Kunst (Duchamp, Action Painting), aus der Musik eines John Cage (Aleatorik) oder dem Jazz (freies Improvisieren) importierte, lag Ende der 1960er in der Luft, war aber in der Radikalität des Scratch Orchestra singulär. Mit dem Orchestra spielte man, so der Pianist Tilbury, gleichermaßen vor »Farmern aus Cornwall« und »Industriearbeitern aus dem Nordosten« wie vor »Musikconnaisseuren, die sonst in die Royal Albert Hall gingen«. Zu dem Kollektiv gehörten neben Cardew und Tilbury über die Jahre so bekannte Komponisten und Musiker wie Michael Nyman, Brian Eno, Gavin Bryars, Evan Parker, Christian Wolff und Keith Rowe.
Die feingliedrige, achtsame Musikpraxis des Orchestra versuchte die Emanzipation der Subjekte voranzutreiben. Ohne festgefügte Ordnung, die Unwägbarkeiten vermeidet, lag das Scheitern immer nah. Das Gelingen war von der Kreativität, Achtsamkeit und Offenheit der Teilnehmer abhängig. Die Konzerte des Scratch Orchestra kann man sich als existentielle soziale Akte vorstellen, in dem sich die Subjekte zeitweise aus ihrer Unterworfenheit lösten und in eine herrschaftsfreie Kommunikation begaben. Eine Situation, die sich vermutlich nur für kurze Momente realisierte. Doch je häufiger man versagte, desto »besser scheiterte« man. Den ungemein befreienden Impuls, den die Arbeitsweise des Kollektivs entfesselte, kann man auch heute in ähnlichen Formationen erleben – im Kern der Improvisations-Musik steht immer die Suche nach dieser konkreten sozialen Utopie. Man kann sie auch dann erleben, wenn die 1970 von Cardew und dem Orchestra entwickelte offene Komposition »The Great Learning« neu aufgeführt wird. Die bei der Erstaufführung neun Stunden währende Performance folgt konfuzianischen Paragrafen und überführt das Ästhetische ins Ethische: Im fünften Paragraf heißt es »Anything in the matrix may be changed«. Im zweiten: »This performance is not the only possible one«. Wesentliche Koordinaten, die das gemeinsame künstlerische Arbeiten bestimmten, waren laut Tony Harris gegenseitiges Vertrauen, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Somit wird den Menschen, die an »The Great Learning« teilnehmen, letztlich die gesamte Verantwortung über Gelingen oder Scheitern übertragen.
Cardew löste mit seiner Arbeit im Scratch Orchestra während den Konzerten den Widerspruch zwischen Individualismus und Kollektivismus auf, öffnete den zwischenmenschlichen Raum und ließ wirkliche Freiheit entstehen. Doch bald reichte ihm diese vorübergehende Emanzipation nicht. Bis zu seinem Sprung ins maoistische Lager dachte Cardew, dass sich eine egalitäre Gesellschaft womöglich über die musikalische Aktion realisieren ließe. Als ihm schwante, dass der Versuch, die Freiheit des Einzelnen mit der der Gemeinschaft in Einklang zu bringen, nicht über die Konzertsituation hinaus aufgehen würde, negierte er seine gesamte bisherige Arbeit und schrieb Arbeiterlieder. Selbstbestimmung erfuhr man vielleicht im bürgerlichen Bereich der schönen Künste – aber auf der Straße sah es anders aus: Den Arbeiter befreite man auch mit der befreiten Musik nicht. Zu Beginn der 1970er begannen Teile des Kollektivs sich immer stärker zu politisieren. Cardew, Tilbury und Rowe orientierten sich in Richtung Marxismus-Leninismus, ein anderer Teil folgte anarchistischen Ideen. Aus dem Scratch Orchestra formte Cardew das Red Flame Proletarian Propaganda Team, das fortan irische Volkslieder und chinesische Revolutionsstücke aufführte. Aber das künstlerisch-politische Erbe von Cornelius Cardew inspiriert bis heute vor allem durch seine marxistisch beeinflusste Arbeit mit dem Scratch Orchestra.
Die Musikerin Carole Finer, die letztes Jahr mit dem London Experimental Ensemble eine Interpretation des Cardew-Werks »Treatise« veröffentlichte, erinnerte sich anlässlich des 25. Jubiläums des Orchestra an den egalitären und emanzipativen Geist des Kollektivs: »Alle waren wichtig, jeder zählte. Wir waren alle Stars. Wir alle hatten unsere 15 Minuten Ruhm … es ging um gewöhnliche Leute, Nicht-Musiker, die ermutigt wurden, neben Profis Musik zu machen. Cornelius hat es uns allen ermöglicht, diesen unglaublichen Traum mit dem Scratch Orchestra zu verwirklichen.«
Zuerst erschienen in: Melodie & Rhythmus 02/2019.
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