Eine Reise in das Herz des globalisierten Kapitalismus
Erschienen in Melodie & Rhythmus 02/2020, S 46-47.
Das Bewusstsein schärfen
Der Fotograf Tommaso Protti hat die soziale und humanitäre Katastrophe im sterbenden Amazonas dokumentiert
Tommaso Protti, 1986 im italienischen Mantova geboren, ist frei schaffender Fotograf. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften und Internationalen Beziehungen schloss er am London College of Communication einen Master in Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ab. Erste Projekte führten ihn nach Italien und die Türkei, seit 2014 lebt er in Brasilien, wo er in den letzten Jahren vornehmlich zu den sozialen Folgen der Umweltzerstörung arbeitet. Für seine gemeinsam mit dem britischen Journalisten Sam Cowie realisierte Amazonas-Reportage erhielt Protti den 10. Carmignac Photojournalism Award. Insgesamt waren Protti und Cowie für die Reportage sechs Monate lang unterwegs, dabei haben sie mehrere Tausend Kilometer im brasilianischen Amazonas zurückgelegt. Sie dokumentierten die anhaltende Zerstörung des Regenwaldes und die verheerenden Lebensumstände besonders der indigenen Bevölkerung; daraus entstand das Buch »Amazônia«. Prottis Bilder wurden international ausgestellt und von renommierten Magazinen wie Time und National Geographic veröffentlicht.
Bei der Betrachtung Ihrer Bilder kommt einem unweigerlich Joseph Conrads Erzählung »Das Herz der Finsternis« über die gnadenlose Ausbeutung der kolonisierten Menschen und der Natur in Belgisch-Kongo des 19. Jahrhunderts in den Sinn. Ist heute der Amazonas der globale Brennpunkt, an dem sich das wahre Gesicht des Kapitalismus zeigt?
Der Amazonas-Regenwald ist die biologisch vielfältigste Region der Erde. Wissenschaftler meinen,, dass die Entwicklung in diesem Gebiet aufgrund der anhaltenden sZerstörung des Waldes einen kritischen Wendepunkt erreicht hat. Das ist das Ergebnis von Veränderungen auf dem Weltmarkt und des exponentiellen Anstiegs des globalen Verbrauchs − von Kokain bis Rindfleisch. Die Lage des Amazons markiert einen Scheideweg: zwischen Tradition und Moderne, Bewahrung und Erschließung. Wir müssen entscheiden, ob wir gemeinsam handeln und Pfade für eine neue Lebensweise ebnen, die auf Sorgfalt und Erhaltung im Gegensatz zu Produktion und Konsumtion beruht, oder ob wir einfach sein Schicksal akzeptieren. Die Verwüstung in der Region ist untrennbar mit einer bestimmten Idee von Fortschritt verbunden und wird durch illegale Abholzung und Landraub, expandierende Agrarwirtschaft und Rohstoffgewinnung vorangetrieben.
Wenn die Menschen in Europa von der Zerstörung der Regenwälder im Amazonasgebiet hören, dann denken sie an unberührte Natur , die von Bulldozern plattgewalzt wird. Ihre Fotos desavouieren diese Vorstellung. Sie sind 2014 nach Brasilien ausgewandert – hat sich Ihre Wahrnehmung der Region seitdem verändert?
Auch mein Kopf war voller Klischee-Bilder, bevor ich in den Amazonas kam. Ich dachte, es sei ein völlig leerer Ort, der lediglich von einzelnen, isoliert voneinander lebenden indigenen Stämmen bewohnt wird. Dann musste ich feststellen, wie komplex die Verhältnisse sind, und mir wurde klar, dass es sich um eine sich rapide verändernde Region handelt. Das Amazonasgebiet besteht aus wachsenden städtischen Zentren , in denen Millionen Menschen, wie überall auf der Welt, nach Glück suchen. Der vielleicht grausamste Widerspruch ist, dass so wenige der Einwohner über den enormen natürlichen Reichtum des Amazons verfügen – das Gros der Menschen lebt in einem unglaublichen Elend. All das brachte mich zu der Erkenntnis, dass wir die Natur nicht wirklich erhalten können, ohne gleichzeitig die Armut und Ungleichheit zu bekämpfen.
Der amtierende Präsident Jair Bolsonaro verspricht indes wirtschaftlichen Aufschwung durch die verstärkte wirtschaftliche Nutzung des Amazonas. Der Regenwald wird vor allem für den Anbau von Futtermitteln zerstört, Hauptabnehmer sind chinesische Schweinezüchter – tatsächlich ein Markt mit Wachstumschancen. Warum kann der Moloch, den Sie auf Ihren Bildern zeigen, auch perspektivisch keine »blühenden Landschaften«o hervorbringen?
Die Idee, das Amazonasgebiet für Handel und Industrie zu öffnen, ist ja ein alter Hut. Sie wurde von brasilianischen Politikern seit dem Zweiten Weltkrieg bis zu den Jahren der Militärdiktatur verfolgt, als die Regierungen Tausende von Menschen ermutigten, die Region im Namen der nationalen Sicherheit und Souveränität zu kolonisieren. Heute können wir sehen, dass diese Politik nicht funktioniert hat. Was sie stattdessen gebracht hat, ist eine fortschreitende Konzentration des Landbesitzes in den Händen weniger und ein unkontrolliertes Wettrennen um die Ausbeutung der Ressourcen. Bolsonaro ist mit der in Brasilien sehr mächtigen Agrarlobby verbündet und tut alles, um den Schutz der Wälder und der Indigenen weiter zu reduzieren. Ich glaube nicht, dass sich seine Vorhaben am Allgemeinwohl orientieren. Meiner Ansicht nach ist der Amazonas der Wilde Westen Lateinamerikas: ein Ort, an dem der Staat entweder keine Präsenz zeigt oder an dem er mitschuldig an den dort begangenen Verbrechen ist: Mord, Umweltzerstörung und die räuberische Aneignung von öffentlichem Eigentum für privaten Profit.
Sie zeigen den Kampf der Indigenen gegen die Holzfäller-Mafia und den der Bauern gegen Landraub in diesem »Wilden Westen Südamerikas«. Auf einem Ihrer Bilder sieht man einen Landarbeiter, der auf einer ehemals illegal auf öffentlicher Fläche betriebenen und heute von der Liga dos Camponeses Pobres (Liga der armen Bauern) besetzten Farm ein Schild errichtet. Diese Farm, auf der heute 197 Familien leben, war im Mai 2017 Schauplatz eines Massakers. Bei der damaligen Räumung wurden zehn Landarbeiter von der Polizei getötet. Sie berichten in Ihrem Buch, es sei üblich, dass reiche Landbesitzer ehemalige Polizeibeamte beauftragen, um Landräumungen ohne Gerichtsbeschluss durchzuführen und sogar Morde zu begehen.
Es herrscht faktisch Straffreiheit, und die 17 Polizisten, die für das Massaker von Pau d’Arco verantwortlich sind, befinden sich bis heuteh auf freiem Fuß. In den urbanen Gebieten der Region werden weltweit die meisten Umweltaktivisten und Indigenen ermordet, Verbrechen, die fast immer ungesühnt bleiben. In dieser Gegend prägen extreme Gewalt und Unterdrückung das soziale Gefüge.
Gewalt und ihre Folgen sind entsprechend omnipräsent in Ihren Bildern. Sie folgen aber ästhetischen Gestaltungsprinzipien – allein das Schwarz-Weiß mildert die Wirkung. Wie gehen Sie als Fotograf mit den Gefahren der Ästhetisierung um?
Ich strebe danach, so objektiv wie möglich nach Schönheit in der Darstellung meiner Motive zu suchen − auch dann wenn die Realität hart und hässlich ist. Ich fotografiere Gewalt auf die gleiche Weise, wie ich eine Party ablichten würde; mein visueller Stil ändert sich nicht mit den Motiven. Das Einzige, was ich nicht mache, ist, Prints meiner Bilder in Galerien zu verkaufen, wenn darauf explizit Schmerz und Leid dargestellt werden. Als ich in Manaus war, verbrachte ich ganze Nächte damit, mich von einem Tatort zum nächsten zu bewegen. Dort sah ich, wie unbeteiligte Frauen mit ihren Kindern Bilder von den mit Kugeln übersäten Opfern machten und über Whatsapp an Verwandte und Freunde sendeten − als ob das alles nur eine Show wäre. Die Öffentlichkeit wird durch Gewalt anästhesiert. Möglicherweise kann eine Ästhetik, wie ich sie verfolge, verhindern, dass meine Bilder konsumierbar werden und letztlich das Bewusstsein des Betrachters schärfen.
Ihre Fotos konterkarieren einfache Schuldzuschreibungen und produzieren Irritationen. Beispielsweise bei einem Bild von einer entsetzlich zugerichteten toten Kuh erfährt man erst aus der Bildunterschrift, dass das Tier nicht, wie erwartet, Opfer einer Brandrodung geworden ist, sondern eines indigenen Rituals. Ist das eine von Ihnen bewusst gewählte Strategie – welches Ziel verfolgen Sie damit?
Ich will den Betrachter mit meinen fotografischen und ästhetischen Mitteln faszinieren und in die gezeigten Situationen hineinziehen, und ihn damit deren Komplexität spüren zu lassen. Ich glaube, dass dieses Vorgehen den Blick auf die Bildunterschriften lenkt und der Betrachter veranlasst wird, selbst Nachforschungen über das Gezeigte anzustellen. So erfährt er unter Umständen mehr, als wenn er mit einer eindeutigen Ästhetik konfrontiert wäre. Er darf nicht alles, was er sieht, für selbst verständlich halten, er muss selbst Verantwortung übernehmen. Auf einem meiner Bilder ist zum Beispiel ein Feuer zu sehen, das auf dem indigenen Land wütet, in dem der Stamm der Canela Apanyekrá beheimatet ist. Dieses Feuer wurde als Schulungsübung der Prevfogo, einer Brandschutzabteilung des Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (Institut für Umwelt und erneuerbare natürliche Ressourcen), gelegt, und eben nicht von Landbesitzern oder Holzfällern, wie man zuerst vermuten würde.
Sie dokumentieren auch den Alltag in indigenen Siedlungen, zeigen etwa rituelle Tänze oder fröhlich herumspringende Kinder. Wollten Sie den Betrachter nicht mit den dystopischen Bildern allein lassen?
Von Anfang an bestand die Idee des Projekts darin, eine Vielzahl von Situationen und Facetten des Komplexes Amazonas abzubilden. Das Hauptanliegen war, die Aufmerksamkeit auf die Krise zu lenken. Aber ich wollte auch einen Einblick in das alltägliche Leben geben, wo Menschen zusammenkommen, auf Feste gehen, Gottesdienste abhalten und versuchen, das Beste aus ihrem Leben zu machen − wie überall auf der Welt. Diese Kombination hat es mir ermöglicht, die Erzählung etwas lichter zu gestalten und dem Betrachter nicht gänzlich den Atem abzuschnüren.