Akzelerationismus

NICK SRNICEK

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ALLGEMEIN

»1. umfassende Automatisierung, 2. Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit, 3. Bereitstellung eines bedingungslosen Grundeinkommens, 4. Demontage des Arbeitsethos«

Nick Srnicek and Alex Williams. Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work
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Die Zukunft entwerfen

Das todgeglaubte Manifest feiert seit der letzten großen Krise eine Renaissance. 

Erschienen in Melodie & Rhythmus 1/2019.

»We have changed the world so much, that it´s high time to interpret it«, twitterte am 11. November 2018 Slavoj Žižek in der für ihn so typisch zotigen Manier. In einem seiner letzten Bücher, »The Courage Of Hopelessness« (2017; Mut der Hoffnungslosigkeit, 2018), bewies er ein Mal mehr seine Fähigkeiten als hellsichtiger Diagnostiker: Er malte ein düsteres Bild der Gegenwart. Was aber sein darin gestecktes Ziel anbelangt, »den Kommunismus neu zu erfinden und eine radikale Veränderung herbeizuführen, die über eine vage Vorstellung von gesellschaftlicher Solidarität weit hinausgeht«, blieb er folgerichtig konkrete Vorschläge schuldig. Er ziehe es vor, verzweifelt zu sein. Denn erst aus der Hoffnungslosigkeit, so der wendige Philosoph, entstehe der nötige Mut zum Handeln. Angesichts des global herrschenden Leidensdrucks aber macht, muss man schlicht entgegnen, die Umkehrung der Marx’schen Feuerbachthese heute weniger denn je Sinn.

Ganz entgegen der Žižek-Volte erlebt seit der Krise 2007/8 nicht nur die Marx’sche Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsformation eine Renaissance, sondern auch das Manifest. Als »handgreiflich gemachte« Theorie der gesellschaftlichen Verhältnisse, die zwischen Gedanke und Tat, Hand und Kopf vermittelt, rehabilitierte sich das Manifest als Medium eines neuen Politaktivismus. Und dieser politische Aktivismus ist angesichts des pandemischen Krisenkapitalismus auch einer pandemischen Ausmaßes. Der Medientheoretiker Peter Weibel nennt ihn mit aller Ambivalenz, die man in diese These legen kann, die neue Kunstform des 21. Jahrhundert. Die im Zuge dieses Politaktivismus veröffentlichten Schriften kreuzen sich, stoßen sich ab, sind sich teilweise spinnefeind: die Inkompatibilitäten zwischen (neo-)marxistischen, poststrukturalistischen, neu-realistischen und kontinentalphilosophischen bzw. anglophonen Denktraditionen sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man, tritt man drei Schritte zurück, ein gemeinsames Ziel ausmachen kann.

Das Ende 2010 erschienene »Indignez-vous!« (Empört euch!, 2011) war zu Beginn der Dekade der prominenteste schriftliche Ausdruck des neuen Politaktivismus. Der Verfasser war der damals 93-jährige Stéphane Hessel, das Büchlein wurde zum Millionen-Seller. Der ehemalige Résistance-Kämpfer und UN-Diplomat (1917-2013) rief darin zur gewaltlosen Revolte gegen den Finanzkapitalismus auf. Sein zentrales Anliegen: eines der abhanden gekommenen, aber »absolut konstitutiven Merkmale des Menschen« wieder zu wecken – »die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement«. Viel mehr Inhalte lieferte Hessel nicht, und darin lag vermutlich auch der Erfolg von »Empört Euch!«. Die Allgemeinplätze boten Anschlussmöglichkeiten für Protestierende in aller Welt – die Indignados in Spanien 2011/12 etwa und die Demonstranten in Portugal und Griechenland beriefen sich auf Hessels Schrift.

Vor Hessels Aufruf hatte eine Schrift die Runde gemacht, die einen ganz anderen Tonfall anschlug. Das Manifest des Unsichtbaren Komitees (Comité Invisible – L’Insurrection qui vient, 2007; Der kommenden Aufstand, 2010) stellte klar: »Es gibt keinen friedlichen Aufstand. Waffen sind notwendig: Es geht darum, alles daran zu setzen, ihre Nutzung überflüssig zu machen«. Mit militant-poetischer Rhetorik und einem Theoriemix aus Gilles Deleuze, Toni Negri und Guy Debord entwarf das anonyme Autorenkollektiv ein Programm des dezentralen Widerstands, das die »Einnahme Rungis« (dem Großmarkt von Paris) und die Bildung von wilden Kommunen empfahl. Mit den Protesten zwischen 2010 und 12 konstatierte das Kollektiv dann 2014 in ihrer Schrift »À nos amis« (An unsere Freunde, 2015) das vorläufige Scheitern der Revolution: diese sei in den städtischen Aufständen stecken geblieben. Was den Protesten fehle, sei eine »von allen geteilte Einschätzung der Lage«.

Die hatte zwischenzeitlich – in einer freilich gemäßigteren und konsensfähigeren Variante – David Harvey geliefert. Der bekannte britische Humangeograph und Sozialtheoretiker legte 2012 mit »Rebel Cities« (Rebellische Städte, 2013) ein Buch vor, das Marxisten und Occupy-Aktivisten an einen Tisch brachte. Mit Harvey konnte man in den urbanen Tumulten, Aufständen und Demonstrationen die Klassenkämpfe der Gegenwart erkennen. Seine Kernthese: »Die Weltwirtschaftskrise ist eine Krise der Urbanisierung«. Und die Urbanisierung ist ihm dabei eine grundlegende kapitalistische Strategie, um der Rezession zu entkommen. Um dem fatalen Kreislauf des Kapitalismus zu entkommen, machte er konkrete Vorschläge. In seinem 2016 erschienenen Buch »The Ways of the World« brachte Harvey dazu seine bereits 2011 vorgestellte »co-evolutionäre Theorie des sozialen Wandels« nochmals in Anschlag. Er definierte sieben Handlungssphären (Ökologie, Administration, Wissenschaft und Technologie, Alltag und Reproduktion, soziale Beziehungen, mentale Konzepte, Produktion und Arbeitsprozesse), in denen eine breite Allianz progressiver Kräfte Transformationsprozesse in Gang setzen und sich dabei miteinander vernetzen solle.

Mit ihrer Idee, die Arbeit abschaffen zu wollen, sorgten wiederum Nick Srnicek und Alex Williams für einigen Wirbel. In ihrem 2013 erschienenen »Manifesto for an Accelerationist Politics« (Das Beschleunigungsmanifest für eine Akzelerationistische Politik, 2013) forderte das britisch-kanadische Autorenduo die Beschleunigung der Automatisierung, also eines Prozesses, den der Kapitalismus im Kampf gegen den tendenziellen Fall der Profitrate ohnehin voran treibt. Eine Forderung, die in weiten Teilen der Linken auf Unverständnis stieß, hörte sie sich doch zu sehr nach den Verlautbarungen der Monopolkapitalisten aus dem Silicon Valley an. Doch in ihrem 2015 nachgelegten Buch »Inventing the Future. Postcapitalism and a World without Work« (Die Zukunft erfinden – Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, 2016) grenzten sich Srnicek und Williams gegen eine »Right-wing«-Interpretation ihres Akzelerationismus ab und präzisierten ihre Forderungen: »1. umfassende Automatisierung, 2. Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit, 3. Bereitstellung eines bedingungslosen Grundeinkommens, 4. Demontage des Arbeitsethos«. Eine zentrale Maßnahme, um diese Ziele zu erreichen, sei das Entwerfen und Umsetzen einer »gegenhegemonialen Strategie«. Denn bislang fehle der Linken eine Strategie, um den progressiven Neoliberalismus als herrschende Erzählung abzulösen. Ihrer Analyse der Strategeme der rechten Thinktanks (etwa die der Mont Pèlerin Society), die zum neoliberalen Paradigmenwechsel in den 1980ern führten, folgte die Forderung, einen neuen Common Sense durchzusetzen. Dazu müsse die Linke von ihrem Feind lernen und eine »soziotechnologische Hegemonie entwickeln: sowohl in der Sphäre der Ideen und Ideologien als auch im Bereich der materiellen Infrastruktur«.

Für Domenico Losurdo waren dies alles vermutlich unzulängliche Versuche von »sogenannten radikalen Linken, die von revolutionärem Romantizismus befallen sind«. Der italienische Philosoph (1941-2018) bewies auch in seinen letzten Büchern, dass die schärfste Kritik an der Linken nicht von rechts kommt. In seinem Buch »La sinistra assente. Crisi, societá dello spettacolo, guerra« (2014), das kurz vor seinem Tod auf Deutsch erschien (Wenn die Linke fehlt… Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg, 2018), rechnete er mit dem falschen Bewusstsein innerhalb der Linken ab. Er entlarvte den humanistisch geprägten Universalismus als Ethnozentrismus der »Stärkeren«, der Großteil der Linken galt ihm als imperialistisch unterwandert. Seine Skepsis, dass sich eine geeinigte Linke anschicke, die »sozialen und ökonomischen Rechte« global zu verteidigen, war bis zuletzt groß: »Das ist eine besorgniserregende Situation, die nicht allein durch das Anprangern von Opportunismus oder mittels Appellen an revolutionäre Zielstrebigkeit überwunden werden kann.« Vorher müsse man, so endeten das Buch und damit das Werk Losurdos, die neue weltweite Lage analysieren.

Für eine solche Analyse hat zumindest sein Landsmann Roberto Saviano keine Zeit mehr. Im Juni 2018 geriet der bekannte Journalist, der seit zehn Jahren wegen seines 2006 veröffentlichten Anti-Mafia-Mega-Sellers »Gomorrha« unter polizeilichem Schutz steht, unter Druck. Weil er öffentlich die Flüchtlingspolitik der neuen italienischen Regierung kritisiert hatte, drohte Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega mit süffisanter Geste damit, ihm den Polizeischutz zu entziehen. Saviano richtete darauf hin einen Appell an Italiens Künstler und Intellektuelle, der auch in Deutschland veröffentlicht wurde: Sie sollten sich solidarisch mit den Migranten zeigen, auf deren Rücken die neue Regierung ihre zwischenparteilichen Unstimmigkeiten austragen würden: »Die Zeit, sich bedeckt zu halten, ist vorbei. Wenn ihr euch nicht beteiligt, bedeutet das, dass ihr einverstanden seid mit dem, was passiert: Es gibt nur Komplizen oder Rebellen«. Für Saviano geht es um Leben oder Tod. Für alle anderen um die Wahl zwischen Ohnmacht und Zukunft.