Weben gegen Hitler

Hitler auf dem Wandteppich

Wiederentdeckung von Hannah Ryggen als eine der bedeutendsten politischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts

Erschienen in Melodie & Rhythmus, 4/2019.

Die 1894 in Malmö geborene Schwedin Hannah Ryggen stammte aus dem Arbeitermilieu, war Feministin, Pazifistin und Kommunistin. Sie arbeitete als ausgebildete Lehrerin und Malerin in einem Metier, das sie sich selbst erschlossen hatte: der künstlerischen Weberei. Sie fertigte ab den 1930ern auf einem Bauernhof auf der kleinen Halbinsel Ørland am Nordmeer mit einem Webstuhl großformatige Wandteppiche wie den berühmten »Hitler-Teppet« und schuf damit ein hochpolitisches Werk, das heute kaum jemand mehr kennt. 

Die Motive lieferten ihr zeitgenössische politische Ereignisse und Entwicklungen. Etwa »Drømmedød« (Tod der Träume) von 1936, darauf zu sehen: Hakenkreuze und Menschen hinter Gitterstäben, links der 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft verstorbene Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, in der Mitte würgen Göring, Goebbels und Hitler einen Häftling. Auf einem anderen aus dem Jahr 1938 stammenden Teppich ist Liselotte Hermann dargestellt, Kommunistin und Mutter eines dreijährigen Kindes, im Jahr zuvor trotz großem internationalen Protest durch das Fallbeil der Nazijustiz hingerichtet. Ryggen ging sogar soweit, dass sie ihre Arbeiten während der Nazi-Besatzung (auf Ørland waren etwa 7.000 Wehrmachts-Soldaten stationiert) gut sichtbar an der Wäscheleine vor ihrem Haus aufhängte.

Die norwegische Kunsthistorikern Marit Paasche, die die Frankfurter Ryggen-Ausstellung gemeinsam mit Esther Schlicht kuratiert, war »fast schockiert, wie gut sie war«, als sie die 1970 verstorbene Künstlerin vor zehn Jahren entdeckte. Angesichts der außergewöhnlichen Qualität, so Paasche im Gespräch mit M&R, habe sie sich gewundert, »warum Ryggen keinen prominenteren Platz in der europäischen Kunstgeschichte hatte«. Auch wenn Ryggen zu Lebzeiten internationale Aufmerksamkeit bekam – das Werk »Ethiopia« (1935) etwa, das sie zu Mussolinis Invasion in Äthiopien angefertigt hatte, wurde 1937 neben Picassos »Guernica« in der Pariser Weltausstellung gezeigt, und Ryggen vertrat Norwegen 1964 auf der Biennale –, fand Paasche heraus, dass die Berichterstattung bereits in den späten 40ern und frühen 50ern begann, ihre Kunst auf fragwürdige Weise zu kategorisieren: Sie wurde als »einfach« und »rustikal« beschrieben und der Primitiven bzw. Naiven Kunst zugeordnet. 

Der politische Impact von Ryggens Kunst, der sich sowohl in den Bildbotschaften als auch in der Form ausdrückt (der Wandteppich hat auch einen Gebrauchswert als mobiles Transparent), ist heute aktueller denn je. Und versteht man Kunst als ein in die Realität eingreifendes Instrument emanzipatorischer Ideen, dann ist Ryggen eine ihrer hervorragendsten Vertreter. »Sie baute ganz und gar auf die Kunst, sie hatte unerschütterliches Vertrauen in deren Kraft«, stellt Paasche heraus. »Ein solcher Glaube an die Bedeutung der Kunst ist ansteckend – und wir brauchen ihn.«

Hannah Ryggen

Schirn Kunsthalle Frankfurt

26. September 2019 bis 12. Januar 2020

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