Der Große Diktator

Geschrieben 14. August 2008, 14:22

Charlie Chaplin – The great dictator USA 1940 (Paulette Goddard, Jack Oakie) 

Aus der Reihe: »Neuschnee«-Filmnotizen. Ursprünglich 2008 veröffentlicht auf filmforen.de

Absolut großartiger, völlig einzigartiger Film, der einen Zweikampf der realen Personen Charlie Chaplin und Adolf Hitler inszeniert und gleichzeitig von der individuellen Ebene abstrahiert und das humanistische dem menschenverachtenden Weltbild gegenüberstellt. 


Durch die wunderbar groteske Darstellung Chaplins als Hinkel wird Hitler zur lächerlichen Figur (die er ja eigentlich war) runtergestutzt, hierdurch aber auch verharmlost (zu dem Zeitpunkt der Fertigstellung des Films – 1939 – war das Ausmaß der Gräueltaten noch nicht abzusehen und Chaplin sagte später, dass er in Kenntnis dieser Taten den Film nicht gemacht hätte).


Was der Film aber den Nachgeborenen unbestreitbar vor Augen führt, ist die völlige Normalität einer liberalen und zutiefst humanistischen Einstellung zu der Zeit, als die Generation unserer Großeltern ein Regime zuließen und unterstützten, das menschenverachtender nicht sein kann. Der Versuch heute unmöglich verstandene Gesinnung irgendwie zu verstehen oder nach zu vollziehen, um auch den Menschen und ihrer Zeit gerecht zu werden und nicht ohne ein gewisses Maß an Empathie den Großeltern entgegen zu treten, wird durch diesen Film erschüttert. Sieht man die warmherzige und leidenschaftliche Verteidigung der Menschenwürde in jeder Szene, will sich noch nicht mal ein Funken Verständnis durch Einbezug von Zeitumständen etc. für Duckmäusertum, stillem Protest oder sonst einer feigen Ausrede einstellen. 


Es gibt in diesem Film so viel schöne Szenen, die einen tief berühren und gleichzeitig zum Lachen wie zum Schlucken bringen, dass es schwer fällt, sie alle aufzuzählen: Die genialen Hitler-als-Redner-Imitationen, der Tanz mit der Weltkugel, Chaplins Rede am Schluß, die Duelle zwischen Hinkel und Napoloni (der ebenso geniale Jack Oakie als Mussolini), die fantastische Rasiermesser-Walzer-Choreographie und und und. 


Neben Lubitschs To be or not to be einer der besten Beiträge Hollywoods – nein, des Kinos überhaupt – zur Menschheits-Bildung. Chaplin war wirklich genial, auch wenn er so unverblümt didaktisch daherkommt wie hier.