LOUIS ANDRIESSEN
A way of living
Louis Andriessen, der wichtigste Agent der Minimal Music in Europa, politischer Provokateur und ehemaliges Enfant terrible der niederländischen Musikszene, feierte 2014 seinen 75. Geburtstag. Von Altersmilde kann aber keine Rede sein. Die Kölner Philharmonie widmet sich ihm mit einem Porträt.
Erschienen in: Das Magazin der Philharmonie Köln, Mai/Juni 2015.
Am Abend des 17. November 1969, gerade als Dirigent Bernard Haitink mit dem Concertgebouw-Orchester ansetzte, ein Konzert für Flöte aus dem 18. Jahrhundert zum Klingen zu bringen, wurde die Stille durch ohrenbetäubenden Lärm unterbrochen. Mit Pfiffen, Getrommel und Megaphon drang eine 40-köpfige Gruppe Studierender in den Konzertsaal und forderte lautstark, dass mehr zeitgenössische Musik auf das Programm gesetzt werde. Die Störenfriede wurden von der schnell herbeigerufenen Polizei abgeführt und die Amsterdamer Philharmoniker ignorierten fortan die komponierenden Rädelsführer. Dem Skandal um die Aktion der »Notenkraker« – so nannte sich die Gruppe um die jungen Komponisten Peter Schat, Reinbert de Leeuw, Jan van Vlijmen, Misha Mengelberg und Louis Andriessen – war im Sommer des Jahres ein Skandal um die Oper »Reconstructie« vorangegangen. Dem politisch-allegorischen Musiktheater desselben Komponistenkollektivs wurde eine anti-amerikanische Haltung vorgeworfen, Kulturministerin Marga Klompé und Stargast Herbert von Karajan verließen fluchtartig die Aufführung und der Telegraaf sprach von einer staatlich subventionierten Attacke auf den Bündnispartner. Zwei Ereignisse, die als Wendepunkt in der jüngeren niederländischen Musikgeschichte gelten können. Das Kollektiv stellte nicht nur das Establishment an den Pranger, sondern formulierte auch Kritik an der als überholt empfundenen musikalischen Form der Sinfonie. Der neben Peter Schat politischste Kopf der Gruppe, Louis Andriessen, zog eine radikale Konsequenz. Er schrieb ab 1969 nicht mehr für Sinfonieorchester und entwickelte sich zu einem der führenden Köpfen der aufkeimenden Ensemble-Kultur. 2013 aber kam mit »Mysteriën« anlässlich des 125. Jubiläums des Royal Concertgebouw Orchesters wieder ein sinfonisches Werk von Andriessen in Amsterdam zur Premiere – durchaus eine Geste der Verständigung. In den Jahren dazwischen entwickelte sich Andriessen zum bedeutendsten niederländischen Komponisten der Gegenwart.
Vor dem biographischen Hintergrund Andriessens verwundert dies nicht. Fragt man ihn nach seiner Profession, antwortet er: »Ich führe das Geschäft meines Vaters fort«. Und der Vater, fügt er dann verschmitzt hinzu, schaue ihm bei der Arbeit immer »über die Schulter«. Hendrik Andriessen galt Zeit seines Lebens als einer der wichtigsten Komponisten der Niederlande, aber nicht nur dieser Umstand bürgt für eine besondere Prägung. Louis Andriessen wurde als jüngstes von sechs Kindern am 6. Juni 1939 in Utrecht in eine Familie mit musikalischer Tradition geboren. Bereits die Urgroßväter und Großväter waren Chorleiter und Organisten, sein Onkel Willem gehörte ebenfalls zu den wichtigsten Komponisten seiner Zeit. Und auch wenn Louis als Teenager Schumann und Dvorak sterbenslangweilig fand – er mochte lieber Gershwin und Big-Band-Jazz – trat er wie sein ältester Bruder Jurriaan in die Fußstapfen des Vaters und studierte Komposition am Königlichen Musikkonservatorium in Den Haag. Schon während des Studiums entdeckte er die für seine musikalische Entwicklung so wichtigen Komponisten Charles Ives, Erik Satie und Guillaume de Machaut. Nach dem Abschluss studierte er bis Mitte der Sechziger in Mailand und Berlin bei dem ihm ebenfalls maßgeblich beeinflussenden Luciano Berio. Nachdem das Establishment die Anliegen der jungen Generation ignoriert hatte, rechnete Andriessen 1970 mit der Bourgeoisie auf humorvoll-unterhaltsame Weise ab (»Die neun Sinfonien von Beethoven«, für Orchester und Eisverkäufer-Schelle). Und schwor, nie wieder für Orchester zu komponieren, gründete sein erstes Ensemble und arbeitete weiter daran, die Grenzen zwischen Komponisten und Musikern, notierter und improvisierter Musik und Hoch- und Populärkultur einzuebnen. Geeignetes Mittel erschienen ihm hierzu die Techniken der Minimal Music wie er sie in Terry Rileys »In C« kennengelernt hatte und in dessen Geist er das erste Ensemblestück komponierte: »De Volharding«. Zu den Verfahren der Minimal Music gesellte sich bald die Unisono-Technik: Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Stück, mit dem Andriessen 1976 seinen internationalen Durchbruch feierte, »De Staat«. Es folgten monumentale Arbeiten wie »Mausoleum« (1979), »De Tijd« (1981), »De Snelheid« (1983) und »De Materie« (1989), mit denen Andriessen zu seinem unverwechselbaren minimalistischen Stil fand.
Seine Musik wird immer wieder mit der der amerikanischen Minimalisten Riley, Steve Reich und Philip Glass verglichen, unterscheidet sich von dieser aber dadurch, dass sie sich weniger an ostasiatischem Transzendentalismus orientiert, sondern ihren Bezugspunkt in der europäischen Kunstmusik findet. Dies und sein Humor stellen Andriessen an die Seite des Briten Michael Nyman, dem anderen großen europäischen Minimalisten. Nicht ohne Grund hat er in den Neunzigern mehrmals mit dem Filmemacher und Nyman-Regisseur Peter Greenaway (u.a. »M is for Man, Music, Mozart«, 1991) zusammengearbeitet. Von Nyman scheidet ihn jedoch, dass Andriessen mit seiner Arbeit immer auch eine explizit politische Relevanz beansprucht. Louis Andriessen ist eine singuläre und kraftvolle Stimme der Neuen Musik, er verbindet Zugänglichkeit, politische Haltung und Humor. Und das einstige Enfant terrible mag schon lange selbst Teil des Establishments sein, seine anarchistische Lust am Querschießen hat der 75-jährige bis heute nicht verloren. Auf Twitter antwortete er auf die Frage, ob das Alter ihn weniger radikal werden lasse: »How do I know? Ask my cat. Radicalism is a way of living.«
