ANDREAS MALM
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IM TREIBHAUS DES KAPITALS
GESPRÄCH MIT ANDREAS MALM ÜBER DIE RACKET-NATUR DER FOSSILEN POLITISCHEN ÖKONOMIE, REVOLUTIONÄRE NATURKRÄFTE UND DIE NOTWENDIGKEIT VON MILITANTEM WIDERSTAND
Erschienen in Melodie & Rhythmus, 1/2020.
Der schwedische Humanökologe Andreas Malm hat in den vergangenen Jahren vielbeachtete Beiträge zur marxistischen Theorie und Geschichte der Erderwärmung geschrieben. In »Fossil Capital« (2016) rekapituliert er die Industrialisierung des Energiesektors als Teil des kapitalistischen Umbaus der britischen Wirtschaft im 19. Jahrhundert: Dampfkraft verdrängte laut Malm Wind und Wasser als Energiequellen, vor allem weil das Kapital damit seine Klassenherrschaft festigen konnte. In seinem Buch »The Progress of This Storm« (2017) schließlich verteidigt Malm in der Klimadebatte den historischen Materialismus gegen Konstruktivismus, Hybridismus und Postmoderne. Die M&R-Redaktion interessiert sich besonders für seine Thesen zum revolutionären Kampf gegen die Erderwärmung, die heute schon die Existenz von Millionen Menschen vorwiegend im globalen Süden bedroht, und die Bedeutung, die der Natur und Kultur dabei zukommt. Das Gespräch führten Bastian Tebarth und Susann Witt-Stahl.
Sie bezeichnen die geochronologische Epoche, in der wir leben, als »Kapitalozän«. Der Begriff schlägt offenbar zwei Fliegen mit einer Klappe: Er markiert das ökologische als ökonomisches Problem und definiert damit den Kampf gegen den Klimawandel als die vordringlichste Aufgabe der antikapitalistischen Linken. Warum verwenden Sie nicht den Begriff »Anthropozän« der bürgerlichen Wissenschaft?
Ich habe kein Problem mit dem Begriff als solchem. »Anthropozän« beschreibt eine Epoche, in der menschliche Aktivitäten zur vorherrschenden Kraft im Erdsystem geworden sind − das ist an sich eine unbestreitbare Beobachtung. Ein Problem entsteht aber dann, wenn diese wissenschaftliche Erkenntnis in eine Erzählung über die Ursachen der Umweltzerstörung einfließt, die die menschliche Spezies in toto, alle Menschen in Vergangenheit und Gegenwart, als die Schuldigen ausmacht. Das ist ein verhängnisvoller Fehlschluss, weil diese Erzählung schlichtweg nicht wahr ist. Die Produktivkräfte, die sich jetzt auf der Ebene der Biosphäre in zerstörerische Kräfte verwandelt haben, wurden zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte von der Menschheit (im Sinne einer universellen Einheit) erfunden und entwickelt. Ich habe mich in meiner Forschung intensiv mit der Dampfmaschine beschäftigt, die zu Recht als entscheidender Technologiesprung in eine auf fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaft angesehen wird: Sie war eine Erfindung eines kleinen Kreises wohlhabender weißer Männer in Großbritannien, die zudem ein beträchtliches Maß an Gewalt einsetzten, um sie im eigenen Land und in der Welt zu verbreiten. In den vom Imperialismus dominierten Weltökonomien kann die Technologiegeschichte nicht von den Widersprüchen von Klasse, Rasse, Geschlecht und nicht zuletzt Zentrum und Peri-pherie getrennt werden. So ist es Fakt, dass die CO2-Emissionen bizarr ungleichmäßig verteilt sind. Laut jüngsten Untersuchungen emittieren die reichsten 0,54 Prozent der Menschheit ein Drittel mehr als die gesamte ärmere Hälfte. Die Flotte von Superyachten − weltweit 300 Schiffe, die sich im Besitz von Ultrareichen befinden − emittiert in einem Jahr so viel CO2 wie alle zehn Millionen Einwohner Burundis zusammen. Sicher haben menschliche Aktivitäten andere Kräfte auf dem Planeten überholt − das sind aber keine Aktivitäten, die von uns allen gemeinsam oder im Konsens unternommen werden. Die Spezies, die die Erde beherrscht, ist in Klassen gespalten, und sie würde niemals auf die gleiche Weise herrschen, wenn es keine Hierarchien gäbe. Das heißt, eine Menschheit, die in materieller Gleichheit lebt, wäre logischerweise unvereinbar mit der Art von Kapitalakkumulation, die jetzt den Planeten verwüstet. Präziser ist daher der Begriff »Kapitalozän«. Die Reichen machen unser Leben nicht nur unnötig elend. Sie treiben den ökologischen Zusammenbruch voran.
Und die bürgerlich-kapitalistische Idee des »grünen« Fortschritts wird als die Lösung für die selbst verursachten Probleme präsentiert – sozusagen das Prinzip der Brandbekämpfung mittels Feuer. Dieser Propaganda setzen Sie Walter Benjamins Figur des destruktiven Charakters entgegen. Sie zitieren in Ihrem Buch aus Benjamins Text von 1930/31: »Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht«. Dass ein (Human-)Ökologe Benjamin zitiert, ist ungewöhnlich. Sollen die Naturwissenschaften endlich Farbe bekennen und die »Neutralität« ablegen, sich also gegen die Herrschaft des Kapitals positionieren?
Zunächst einmal bin ich kein Naturwissenschaftler. Ich gehöre einer sozialwissenschaftlichen Fakultät an, obwohl meine Forschung wahrscheinlich der Disziplin Geschichte oder zumindest der Umweltgeschichte zuzuordnen ist.
Aber ich glaube, dass die Ergebnisse der Klimawissenschaft zunehmend mit der Realität der Kapitalakkumulation kollidieren. Dies bringt einige Klimaforscher – und vor allem diejenigen, die ihre eigenen Botschaften ernst nehmen – dazu, den Kapitalismus in Frage zu stellen. Anzeichen für diese Annäherung von Wissenschaft und Protest kann man auch andersrum bei der Bewegung Fridays for Future mit ihrem Aufruf, den Wissenschaften »zuzuhören«, erkennen.
Wenn wir aber der Wissenschaft unser Gehör schenken, dann bedeutet dies letztlich die Einsicht, dass ein ganzes Universum fossiler Infrastruktur zerstört werden muss.Die Infrastruktur muss nicht notwendigerweise über Nacht in Trümmer verwandelt werden – das wäre sozusagen das Traumszenario. Aber sie muss sicherlich vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden, das heißt lange bevor die letzten Gewinne herausgepresst wurden.
Aber das Kapital wird dies niemals zulassen. Es wird alles daran setzen, seine Investitionen in Ölplattformen, Pipelines, Bohrlöcher, Minen, Kraftwerke, Tanklager, Tankstellen, SUVs usw. zu verteidigen. Darüber hinaus wird es weiterhin immer mehr Investitionen in diese Infrastruktur versenken – dies geschieht jeden Tag, jede Stunde. Wenn ein kürzlich veröffentlichter Artikel im Nature-Journal »ein globales Verbot aller neuen CO₂-emittierenden Maschinen« empfiehlt, um überhaupt die Chance zu haben, unter einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad zu bleiben, ist dies objektiv eine Forderung nach Abschaffung des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.
Der Kapitalismus könnte zwar ein solches globales Verbot überleben, indem er mutiert und sich anpasst, aber er würde zumindest in kürzester Zeit von seiner materiellen Substanz befreit werden. Nur antikapitalistische Kräfte könnten eine solche Politik durchsetzen. Es bleibt abzuwarten, ob die Klimawissenschaft und ihre Unterstützer die dazu nötigen Schlagkraft aufbringen können.
Aber der Weg zum Überleben muss eindeutig Benjamins destruktivem Charakter folgen – demjenigen, der bereit ist, das Kapital zu beseitigen, um einen Weg in die Zukunft zu finden. Ich sehe keinen Weg, der um diese Konfrontation herumführt.
In Ihrer Argumentation für die Verbindung von sozialen und ökologischen antikapitalistischen Kämpfen beziehen Sie sich auf Herbert Marcuses Versammlungsruf »Auch die Natur wartet auf die Revolution!« von 1972 und weisen auf die Verflechtung der Ausbeutung der Arbeiter und der Natur hin. Sie machen zudem deutlich, dass »die Befreiung der Natur nicht das Werk der Natur selbst sein kann« und dass die Natur »für ein solches Unternehmen anfällig« ist und dass es Kräfte in der Natur gibt, die verzerrt und unterdrückt wurden – Kräfte, die die Befreiung der Natur unterstützen und verstärken könnten. Diese Fähigkeit der Natur kann, wie Marcuse schreibt, als »Zufall« oder »blinde Freiheit« bezeichnet werden. Wie könnte diese blinde Autonomie der Natur in revolutionäres Potenzial umgewandelt werden und der öko-marxistischen Bewegung helfen, in der »Konfrontation« zu siegen? Sie halten das für unvermeidlich – wie könnte man sich das vorstellen?
Diese Überlegungen von Marcuse bieten sich an, um einen Unterschied zwischen erneuerbarer Energie und fossilem Brennstoff zu analysieren: Erstere – Sonne, Wind, Wasser, Wellen – kommt und geht, besucht einen Ort und geht weiter, scheint und verblasst, bläst und lässt nach, rast und ruht, ohne in einen Zustand zu versteinern, der leicht ausgebeutet werden kann. In diesen Energiequellen steckt, um mit Marcuse zu sprechen, ein Element von »Zufall« oder »blinder Freiheit«. Zumindest wenn man sie mit fossilen Brennstoffen vergleicht, die unter der Erde ruhen, angeeignet und verbrannt werden können. Ich glaube, dies ist einer der Gründe, warum fossile Brennstoffe in Deutschland, den USA, Polen, Norwegen, Kanada, Australien und einer Vielzahl anderer Länder, die alle eigentlich ein enormes Potenzial für die Erzeugung erneuerbarer Energien haben, so beliebt sind.
Und die Rechtsextreme verteidigt aggressiv Kohle sowie Öl und Gas – in der derzeitigen politischen Konjunktur ist das eines der Haupthindernisse für einen Übergang zu erneuerbaren Energien. Nationalistische Kräfte können diese Brennstoffe als »unsere« Kohle, »unser« Öl, als Stoffe, die in »unserem Boden« liegen, auffassen. Erneuerbare Energien rufen keine ähnlichen romantischen Vorstellungen hervor, auch weil diese Energiequellen keine vergleichbare Verbindung zum »Körper der Nation«haben, so wie sich die Rechte das gerne vorstellt. Ein Bündnis aller Kräfte gegen fossile Brennstoffe – die leicht zu beherrschen und daher nützlich sind für die Vorherrschaft anderer – wird ein wesentlicher Bestandteil der Bekämpfung der Rechten und der zunehmend reaktionären Kräften sein, die das normale Geschäft aufrecht erhalten, in den kommenden Jahren sein.
Wenn die Natur auf die Revolution wartet, sind damit auch die Tiere gemeint. Die können selbst zwar kein revolutionäres kollektives Subjekt bilden, sie sind, wie Sie in »Fossil Capital« schreiben, »subjektiv stumm«. Aber gibt es nicht etwas, das die unterdrückte Klasse von den Tieren lernen und für ihren Kampf für eine befreite Gesellschaft (von der auch die Tiere profitieren würden) nutzen kann? Adorno entdeckte, dass sich eine »Utopie« in den Tieren »vermummt«: »Indem die Tiere ohne den Menschen irgend erkennbare Aufgabe existieren, stellen sie als Ausdruck gleichsam den eigenen Namen vor, das schlechterdings nicht Vertauschbare«, schrieb er in »Minima Moralia«. »Das macht sie den Kindern lieb und ihre Betrachtung selig. Ich bin ein Nashorn, bedeutet die Figur des Nashorns.«
Ich habe hier wenig hinzuzufügen, da man Adorno in diesem Punkt nicht verbessern kann. Tatsächlich staune ich bei jedem neuen Adorno-Text, den ich lese, über den Reichtum seiner Einsichten, nicht zuletzt in ökologischen Fragen.
Einsichten wie die, die Sie gerade zitiert haben, machen ihn und die Frankfurter Schule nachgerade zur fruchtbarsten Quelle für kritisches ökologisches Denken – und sie übertreffen dabei alle anderen Strömungen im westlichen Marxismus. Deswegen freue ich mich, im Frühjahr 2020 als Gastforscher an der KTB (Kritische Theorie in Berlin) arbeiten zu können. Ich möchte mich dort intensiver mit der Frankfurter Tradition beschäftigen und einige ihrer Ideen in einem großen Projekt ausarbeiten, das ich über die Sozialgeschichte der Wildnis plane.
Ich bin kein Philosoph, sondern ein Historiker, aber ich denke, es gibt da eine verdrängte Geschichte; eine Geschichte darüber, wie die wilde Natur – also die Lebensräume von Nashörnern und anderen Tieren – von der Geburt der Klassengesellschaft bis in die Gegenwart eine Quelle der Revolte und des Widerstands war. Die Zerstörung dieser Quelle geht mit einer Vertiefung der Herrschaft einher. Adorno liefert das philosophische Gerüst für eine solche Geschichte, und zu dieser möchte ich mit der Art von empirischem Material beitragen, das Historiker lieben. Meine Lieblingsbeispiele für Menschen, die sich in die wilde Natur zurückgezogen haben, um dem Ansturm einer Katastrophe zu widerstehen, sind die Maroons in der Karibik und die jüdischen Partisanen in Osteuropa.
Strenggenommen hat das Sprechen über das Klima nicht den geringsten Einfluss auf die Entwicklung desselben. Sie weisen aber zu Recht darauf hin, dass Theorie und allgemein Kultur auch zur Entfaltung eines kritischen Bewusstseins beitragen können. Wie Sie sehr deutlich schreiben, »wird das zukünftige Klima jetzt durch die Beziehungen zwischen Menschen bestimmt.« Wie kann denn nach Ihrer Einschätzung heute Kunst aussehen, die die Bedingungen der Befreiung widerspiegelt und von der ein revolutionärer Impuls ausgeht?
Von Kunst verstehe ich zu wenig, aber ich weiß ein bisschen etwas über Literatur. Beim Schreiben von Climate Fiction bleibt die größte Herausforderung, die Hauptursache des Problems – die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Vergangenheit und Gegenwart – mit den Folgen der globalen Erwärmung in Verbindung zu bringen. Praktisch die gesamte Cli-Fi-Welt ist immer noch mit zukünftigen Dystopien beschäftigt, ohne dass fossile Brennstoffe in die Erzählung einbezogen werden. Dies produziert erschreckende Visionen darüber, was auf uns zukommt – und die beste Cli-Fi liefert spekulative politische Einblicke in kommende Kämpfe –, ignoriert jedoch den eigentlichen Treiber der Katastrophe.
Es ist aber dieser Treiber, der im Fokus stehen muss, wenn literarische Erzählungen revolutionäres Handeln anregen sollen. Tatsächlich wundert es mich, dass die Verfasser von Cli-Fi diese Herausforderung immer noch nicht gemeistert haben – es sollte nicht so schwer sein, Geschichten zu erfinden, die die Gewinnung und Verbrennung fossiler Brennstoffe mit deren Folgen in Verbindung bringen. Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen beides gleichzeitig passiert – denken Sie an Irak und Nigeria, um nur zwei Bespiele zu nennen.
Und eigentlich sollte eine solche Cli-Fi aus dem globalen Süden hervorgehen, wo doch heute einige der besten Literaturen produziert werden, besonders etwa in Nigeria. Ich warte auf einen epischen und militanten Roman, der den Bogen von fossilen Brennstoffen zu Klimakatastrophen in einem einzigen Werk spannt, ähnlich wie es mehrere Romane über Sklaverei und heutigen Rassismus getan haben.
Dieses Schweigen der Kultur über die wahren Zusammenhänge scheint Ausdruck einer allgemeinen Lähmung zu sein. Sie schreiben im selben Buch: Die »Verleugnung [der Klimakrise] ist das wahre Kennzeichen der Gegenwart«. Welche Rolle spielt die Kulturindustrie bei dieser Verleugnung?
Die Kulturindustrie spielt natürlich eine zentrale Rolle bei der Verleugnung und insbesondere bei ihrer digitalen Instanziierung [soviel wie die Echtzeit-Generierung von Informationen, Anm. d. Red.] – der gesamte kulturindustrielle Terror der sozialen Medien oder der »Twittering-Maschine«, um mit Richard Seymour zu sprechen. Adorno und seine Kollegen haben teilweise vorweggenommen, wie das funktioniert, aber ich denke, sie wären – obwohl Erzpessimisten – überrascht über das Ausmaß der Regression, das durch diese Apparate hervorgerufen wird.
Hat sich an der Intensität der Regression seit der Stärkung der Klimabewegung nicht etwas geändert?
Die Verweigerung ist, seit die Klimabewegung in ihren gegenwärtigen Mobilisierungszyklus eingetreten ist, sogar aggressiver und konfrontativer geworden. Wir sehen das nicht zuletzt an den unerbittlichen Angriffen auf Greta Thunberg (von einer Armee von Rechten und Trollen in den sozialen Medien).
Zur Zeit des Pariser Abkommens war allgemein erwartet worden, dass die Klimawandel-Leugner der Vergangenheit angehören würden. Niemand hätte damals gedacht, dass die Politik in Ländern wie Schweden und Deutschland in einigen Jahren von Parteien mitbestimmt wird, die die Klimawissenschaft explizit leugnen – den Schwedendemokraten und der AfD, die erstere ist jetzt in Schweden die größte Partei und sie greift unnachgiebig den »Klimaschwindel« an. Dies ist das Thema eines dicken Buches, das ich unlängst zusammen mit dem Zetkin-Kollektiv geschrieben habe und das 2020 bei Verso und La Fabrique herauskommt: »White Skin, Black Fuel: On the Danger of Fossil Fascism«. Wir analysieren dort die Verweigerung der Rechten als Reaktion auf die Klimabewegung sowie einige der Mechanismen, die fossiles Kapital mit Nationalismus und Rassismus verbinden.
Alles deutet darauf hin, dass wir uns in naher Zukunft noch intensiver mit dieser Kombination auseinandersetzen müssen. Je mächtiger die Klimabewegung ist, desto mehr, so scheint es, verstärken die Rechtsradikalen ihre Bemühungen. Und keine andere Plattform ist für die Verbreitung ihres Giftes so nützlich wie (Anti) Social Media.
So tragisch es ist, aber das vermutlich wirksamste Gegengift sind die tatsächlichen Folgen der globalen Erwärmung – vor allem dann, wenn sie die Keller der Klimaleugner volllaufen lassen. Die Überschwemmung Mitte November 2019 in Venedig hat zumindest gezeigt, dass der Klimawandel in Europa früher als erwartet zu spüren sein wird.
Ich denke, dass Ereignisse wie die Überschwemmungen in Venedig dafür sorgen werden, dass die Klimabewegung weiter wächst und die Bevölkerung im globalen Norden in Bezug auf das Klima immer stärker mobilisiert wird.
Es entbehrt im Übrigen nicht einer tragischen Ironie, dass gerade Venedig so schwer getroffen wurde – nur wenige Monate nachdem in der Stadt das erste Klimacamp in der Geschichte Italiens stattfand, die erste Kopie von Ende Gelände in diesem Land. Im September nahmen auch enorme Menschenmassen an den Schulstreiks teil – nach Deutschland ist Italien bisher das europäische Land mit den meisten klimabewegten Menschen auf den Straßen.
Aufgabe der Bewegung ist es, ihre Empörung in Handlungsformen umzusetzen, und zwar in solche, die der Dringlichkeit und der Wut entsprechen. Dies bedeutet mehr Militanz und weniger Pazifismus vom Typ XR [gemeint ist die Bewegung Extinction Rebellion; Anm. d. Red.].
In dem Buch »How to Blow up a Pipeline: Learning to Fight in a World on Fire«, das 2020 ebenfalls bei Verso und La Fabrique erscheinen wird, argumentiere ich für Sabotage und Sachbeschädigung im Klimakampf. Solche Maßnahmen werden natürlich nicht ausreichen, um das Business-as-usual zu unterbrechen, aber ich denke nicht, dass wir ohne sie das fossile Kapital stürzen werden.
Die Folgen der Klimaerwärmung – wie der Verteidigungskrieg gegen die Flüchtlinge aus den Regionen, die als erste von den Ökoziden betroffen sind, und der wachsende Rassismus usw. – verdienen, sagen Sie, »mutatis mutandis einen ähnlichen Platz wie Auschwitz in den Schriften von Adorno.« Was genau würde es bedeuten, die Erwärmung als Rückschritt in die Barbarei zu reflektieren? Im Zusammenhang mit Auschwitz sagte Adorno, dass er der unfreien Menschheit »einen neuen kategorischen Imperativ« auferlegte. Wie würde ein kategorischer Imperativ im Kontext der ökologischen Katastrophe lauten?
Sich der Katastrophe mit allen Mitteln zu widersetzen und niemals der Vorstellung zu erliegen, dass es zu spät ist, sich zu widersetzen. Je später es wird, desto mehr Gründe gibt es dafür.