Kinderknast

Weggesperrt und isoliert

Der Fotoreporter Richard Ross über Kinder und Jugendliche in US-Gefängnissen

»Die Haft zerstört sie«

Richard Ross

Richard Ross über den inhumanen Jugendstrafvollzug in den USA

Interview: Bastian Tebarth

Der US-amerikanische Fotograf Richard Ross erfährt als Leiter des Projekts »Juvenile in Justice« schon seit mehr als einem Jahrzehnt große internationale Aufmerksamkeit. 2012 wurde er dafür mit dem Preis für die beste Nachrichten- und Dokumentarfotografie ausgezeichnet. Für seine Langzeitreportage über die Zustände in den Jugendgefängnissen der USA hat Ross, der 1947 in New York geboren wurde und an der Universität Santa Barbara in Kalifornien Bildjournalismus lehrt, minderjährige Häftlinge fotografiert, interviewt und ihnen damit auch eine Stimme gegeben. Gegenwärtig arbeitet er an einem Projekt zur Rekonstruktion von Fällen, in denen Jugendliche wenige Jahre nach ihrer Haftentlassung Opfer von Gewalttaten wurden. Seine Werke werden weltweit in Museen wie der Tate Modern in London ausgestellt und in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie dem New York Times Magazine veröffentlicht. M&R sprach mit Richard Ross über Motivation und Alltag seiner Arbeit in Jugendstrafanstalten, über rabiate Disziplinierungsmaßnahmen und über die Auswüchse eines von Profitinteressen und reaktionären Menschenbildern dominierten Justizsystems. 

Erschienen in Melodie & Rhythmus, 02/2022, S. 42-43. 

Herr Ross, Sie haben über ein Jahrzehnt lang inhaftierte Kinder und Jugendliche fotografiert. Wie entstand die Idee zu diesem ungewöhnlichen Langzeitprojekt?

Vor ziemlich genau 20 Jahren untersuchte ich die Art und Weise, wie Menschen durch die Räume, in denen sie sich aufhalten und leben, definiert werden. Das daraus entstandene Buch »Architecture of Authority« (Architektur der Macht) verhalf mir zu einem Guggenheim-Stipendium. Dadurch hatte ich etwas Geld und machte weiter. Ich führte Gespräche mit einigen Kids, die in der Jugendstrafanstalt in El Paso im Bundesstaat Texas einsaßen. Ich musste sehr bald feststellen, dass ich der einzige Mensch war, der ihnen zuhörte, und ich fing an zu recherchieren, ob es Institutionen oder Einzelpersonen gibt, die etwas für diese Kinder tun, aber ich fand praktisch niemanden. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich unbedingt etwas dazu machen musste. Ich wollte damals die ganze verdammte Welt ändern. Also besuchte ich eine Jugendhaftanstalt nach der anderen und dann immer so weiter.

Kann es sein, dass Sie nicht überall mit offenen Armen empfangen wurden? 

Ich bin in New York aufgewachsen, da entwickelt man einen Sturkopf. Es musste natürlich viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, vor allem in dem Punkt, dass ich nicht die Absicht habe, Institutionen zu verteufeln, sondern einfach die Lage der Kinder verbessern will. Und ich musste natürlich ein Vertrauensverhältnis zu den Kids aufbauen. Ich klopfte an die Türen ihrer Zellen und fragte, ob ich eintreten darf. Sobald sie es mir gestattet hatten, zog ich meine Schuhe aus und setzte mich auf den Boden. Dass jemand um Erlaubnis bittet, in ihre Zellen kommen zu dürfen, und ihnen die Kontrolle über die Situation gibt, war etwas, das sie überhaupt nicht kannten.

Kinder sind ja schon unter »normalen« Bedingungen ein sensibles Fotoobjekt. Lichtet man sie als Häftlinge ab, berührt das gleich auf mehreren Ebenen ethische und rechtliche Fragen.

Selbstverständlich ist es sehr wichtig, dass ich nicht ihre Gesichter zeige. Ich habe bewusst Unschärfe oder nachträglich die Weichzeichnerfunktion eingesetzt. Aus zweierlei Gründen: Erstens wird das Kind dadurch universalisiert. Und zweitens vereinfacht es meine Arbeit erheblich – etwa wenn es darum geht, die Bildrechte zu bekommen. Dadurch, dass niemand identifiziert werden kann, gib es auch keine potenzielle Verletzung von Persönlichkeitsrechten. 

Welche Rolle spielten künstlerische und ästhetische Aspekte bei Ihrem Projekt?

Wenn ich einen schwarzen Jungen in einem orangenen Overall vor einer kahlen Wand sitzen habe, dann ist das allein schon eine Komposition, die Mondrian Tränen in die Augen treiben würde. Damit ich aber nicht immer die gleichen Fotos mache, habe ich eng mit den Kindern zusammengearbeitet, ihnen erklärt, was ich vermeiden will, und sie gefragt, was wir anders machen könnten. Wir haben dann alles Mögliche ausprobiert. Dadurch, dass ich sie mit einbezogen und respektvoll mit ihnen umgegangen bin, habe ich ihnen auch ein Stück Menschlichkeit zurückgegeben.

Was konkret bekommen Sie von den psychosozialen Auswirkungen des Gefängnisaufenthalts auf die Heranwachsenden mit?

Die Haft zerstört sie. In dem Moment, in dem ein Kind seinen Fuß über die Schwelle einer Jugendstrafanstalt setzt, halbiert sich bereits die Chance auf eine erfolgreiche Resozialisierung. Und je weiter ein junger Mensch in die Mühlen des Systems gerät, umso destruktiver wirkt sich dies auf seine psychosoziale Struktur aus.

Auf einem Ihrer Fotos sieht man einen Zwangsstuhl. 

Die Gefängnisdirektoren sagen natürlich, dass sie solche Mittel nur dann anwenden, wenn das Wohl des Kindes oder das anderer Personen gefährdet ist. Aber man muss sich schon fragen, wie eine Situation überhaupt derart eskalieren kann, dass man ein Kind in eine Zwangsjacke steckt, mit Pfefferspray traktiert oder am Boden fixiert. Ein anderes Problem ist Isolation, die eigentlich verboten ist. Ich habe aber in rund 35 Bundesstaaten Jugendstrafanstalten besucht und konnte belegen, dass Isolation eine durchaus übliche Praxis ist. Die Verantwortlichen bezeichnen entsprechende Maßnahmen euphemistisch als Verwahrung in einem »Time-out-Room« (Auszeitraum) oder, noch nebulöser, als »verwaltungstechnische Trennung«.

Das Jugendstrafrecht in den USA wurde in den 1990er-Jahren verschärft. Das führte unter anderem dazu, dass viele Fälle nach den Standards des Erwachsenenstrafrechts behandelt werden.

Die Zeitungen und das Fernsehen berichteten in den frühen 90ern ausführlich über Gang-Kriminalität. In Princeton lehrte damals der Politikwissenschaftler John J. Dilulio jr., der den Begriff des »Superpredators« (Superraubtier) in die Debatte um die angebliche Brutalisierung jugendlicher Gewalttäter einführte. Dilulio, der übrigens für die Regierung von George W. Bush tätig war, behauptete zudem, dass sich die Zahl der durch Jugendliche verübten Straftaten bis 2010 verdreifachen würde. 

Das Gegenteil war der Fall: Tatsächlich gingen die von Jugendlichen begangenen Morde in den USA bis 2011 um zwei Drittel zurück.

Dilulios Aussagen dämonisierten vor allem afroamerikanische Jungen und schufen eine Kultur der Angst vor schwarzen Jugendlichen. Im Jahr 1989 sorgte der Fall der sogenannten Central Park Five – fünf afro- und lateinamerikanischer Jugendlicher im Alter von 14 bis 16 Jahren, denen die brutale Vergewaltigung einer weißen Joggerin zur Last gelegt wurde – für viel Aufmerksamkeit. Donald Trump warb damals mit ganzseitigen Zeitungsanzeigen für die Wiedereinführung der Todesstrafe im Bundesstaat New York und forderte ein Todesurteil für die Angeklagten. Es stellte sich später raus, dass sie unschuldig waren. Ihre Hinrichtung wäre natürlich die größte Tragödie gewesen, aber es war schon schlimm genug, dass die Jungen über ein Jahrzehnt im Gefängnis saßen, nur weil bestimmte politische Kräfte und Medien die Hysterie angefacht und rassistische Ressentiments geschürt hatten.

Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat 2005 festgestellt, dass die Verhängung der Todesstrafe gegen Jugendliche unter 18 Jahren verfassungswidrig ist. Aber es werden weiter teilweise drakonische Strafen gegen Minderjährige verhängt. 

Das ist richtig. Ein gutes Beispiel dafür ist Terrance Graham. Der Junge sitzt in Florida in Haft – lebenslänglich ohne Bewährung. Und das, obwohl er kein Kapitalverbrechen wie Mord oder Vergewaltigung, sondern lediglich im Alter von 16 Jahren einen bewaffneten Einbruch begangen hat. Der Fall war auch vor den Obersten Gerichtshof gelangt, der schließlich entschied, dass Jugendliche nicht zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit der Bewährung verurteilt werden dürfen, wenn sie keine Tötungsdelikte begangen haben. Daraufhin sagte das Gericht in Florida: »Ok, dann wandeln wir das Urteil einfach in ›25 Jahre plus‹ um«. Leider schickt heute niemand mehr wegen solcher Verfehlungen die Nationalgarde in die Südstaaten.

Diese Law-and-Order-Politik füttert eine mächtige Gefängnisindustrie.

Das Ganze ist wie Krebs. Niemand weiß, wie man ihn heilen soll. Er wuchert in einer Gesellschaft, die durch Rassismus, fehlende ökonomische Möglichkeiten und eine desaströse Bildungspolitik gezeichnet ist. 

Sie lassen sich aber offensichtlich nicht von dieser scheinbar ausweglosen Situation entmutigen?

Ich kann diese Kinder einfach nicht ihrem Schicksal überlassen. Und ich möchte mit meiner Arbeit der jungen Generation zeigen, dass auch ein einzelner Mensch etwas bewirken kann.

richardross.net