Lumumba

Das Nachleben eines Unabhängigkeitskämpfers

Vor 60 Jahren wurde Patrice Lumumba ermordet. Seither erinnern Musiker unermüdlich an das Erbe 

Erschienen in Melodie & Rhythmus, 01/2021, S. 49.

Seine Leiche galt als spurlos verschwunden. Die sterblichen Überreste Patrice Lumumbas waren mit Batteriesäure aufgelöst worden. Doch nicht nur weil ein an der Vertuschung des Gewaltverbrechens beteiligter Kolonialbeamter zugab, zwei Schneidezähne zurückbehalten zu haben, war der Versuch, auch die Erinnerung an denersten Premierminister der Demokratischen Republik Kongo auszutilgen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. 

Bereits ein Jahr vor seiner höchstwahrscheinlich von Belgien lancierten und von den USA unterstützten Ermordung war Lumumba musikalisch verewigt worden. Während einer Konferenz in Brüssel hatten ihn zwei der berühmtesten Vertreter der kongolesischen Rumba, Le Grand Kallé und Vicky Logomba, als Hoffnungsträger der kurz vor seiner Unabhängigkeit stehenden Republik Kongo. Stücke wie »Indépendance Cha Cha« und »Vive Patrice Lumumba« bezeugen die Euphorie, die beiderseits des Kongo, in den Metropolen Brazzaville und Kinshasa (dem damaligen Leopoldville) damals herrschte. 

Doch die Aufbruchsstimmung währte nicht lang. Nach nur zehn Wochen im Amt wurde Patrice Lumumba inhaftiert, gefoltert und am 17. Januar 1961 ermordet. Noch im selben Jahr ließ der Estrada- und Filmmusikkomponist Dmitri Pokrass in »Pesnya o Lumumbe« (Lied über Lumumba) die sowjetische Solidarität mit dem Unabhängigkeitskämpfer besingen. Dieser Solidaritätsbekundung und Paul Dessaus »Requiem für Lumumba«, 1964 in Leipzig uraufgeführt, folgten Würdigungen von Künstlern verschiedenster kultureller wie politischer Herkunft. Seine brutale Ermordung wurde zum Sinnbild der Gegenrevolution der postkolonialen imperialistischen Mächte, zugleich machten ihn sein Wirken und Schicksal zur Ikone der nationalen Befreiungskämpfe eines ganzen Kontinents. 1963 schrieb Jean-Paul Sartre im Vorwort zu den postum herausgebrachten politischen Schriften Lumumbas: »Seit Lumumba tot ist, hört er auf, eine Person zu sein. Er wird zu ganz Afrika«.

Der Literaturwissenschaftler Ira Dworkin stellte in seinem 2017 erschienenen Buch »Congo Love Song: African American Culture and the Crisis of the Colonial State« heraus, wie sich erst die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung und dann Black Nationalism auf den kongolesischen Unabhängigkeitskämpfer als Identifikationsfigur bezogen. Von Malcolm X stammt der Satz, dass man sich die berühmte Rede, die Lumumba anlässlich der Unabhängigkeit vor dem belgischen König gehalten hatte, »über die Türe heften« solle. Ein führendes Mitglied der in Folge der Ermordung von Malcolm X gegründeten Black Panther, der Sozialist Stokely Carmichael, war mit der südafrikanischen Jazz-Sängerin Miriam Makeba verheiratet, die nach gemeinsamer Flucht 1969 vor dem FBI nach Westafrika, 1974 das Stück »Lumumba« veröffentlichte. Der Titel verwies auch auf ihren Enkel, Nelson Lumumba Lee – Makebas Tochter hatte 1968 ihr Kind nach dem Freiheitskämpfer benannt. 

Die Erinnerung an die Geschichte Lumumbas wird heute vor allem im Hip-Hop wachgehalten. In dem 2020 erschienenen Sammelband »Lumumba in the Arts« analysiert der belgische Historiker Gert Huskens das »Erbe Lumumbas« in diesem Genre. Neben US-amerikanischen Künstlern wie X Clan, David Banner, Black Thought (von dem bekannten Conscious-Rap-Duo The Roots) und Sammus, einer Großnichte von ihm, verweisen in den vergangenen Jahren immer wieder kongolesische Hip-Hop-Künstler wie Lexxus Legal oder der aus Sierra Leone stammende Kao Denero in ihren Lyrics auf die Geschichte Lumumbas. Vor allem aber sind belgische und französische Rapper mit kongolesischen Wurzeln aktiv. In dem 2015 veröffentlichten Stück »Que la paix soit avec vous tous« (Friede sei mit euch allen) klagt etwa der 1982 in Kinshasa geborene und in Frankreich lebende Musiker Despo Rutti die Kontinuität US-amerikanischer Ausbeutungspolitik durch die damalige Obama-Administration an und stellt dabei Lumumba an die Seite von berühmten afroamerikanischen Figuren (»Il t’endort en jouant au basket avec des blackos/ Un bras qui tient la balle, l’autre dans les mines du Congo/ Farrakhan, Lumumba, Rosa Parks/ J’suis avec la rébellion Bluetooth/ Que la paix soit sur vous tous«; ›Er schläfert dich ein, während er mit Schwarzen Basketball spielt./ Eine Hand hält den Ball, die andere hat er auf den Minen des Kongo/ Farrakhan, Lumumba, Rosa Parks/ Ich gehöre zur Bluetooth-Rebellion/ Friede sei mit euch allen). Der kongolesisch-stämmige Rapper Badi aus Brüssel wiederum vertonte im selben Jahr den letzten Brief Lumumbas an dessen Frau, in dem der Todgeweihte das Erbe seines bis heute unvollendeten Kampfes an seine Landsleute weitergibt.