»… an jedem Abend waren wir die glücklichsten Menschen auf der Welt.«
Viktor Kossakowski
Eine realistische Sicht
Viktor Kossakowski gewährt mit seinem poetischen Dokumentarfilm unverstellte Einblicke in das Leben der Schweine in der fleischwarenproduzierenden Gesellschaft
Interview: Bastian Tebarth
Erschienen in: Melodie & Rhythmus 02/2021, S. 12-13.
Die Stars in dem neuen Film von Viktor Kossakowski, »Gunda«, sind eine Sau, ihre Jungen, zwei Kühe und ein einbeiniges Huhn. Der russische Filmemacher drehte auf Bauernhöfen in drei verschiedenen europäischen Ländern, um den Alltag der Nutztiere zu dokumentieren. Sein Werk ist ein berührendes Plädoyer für einen radikal anderen Umgang des Menschen mit den Tieren und für vernünftig eingerichtete gesellschaftliche Naturverhältnisse. M&R sprach mit Viktor Kossakowski über die Dreharbeiten, das Casting, die Hauptdarsteller, speziesistische und antispeziesistische Perspektiven.
Herr Kossakowski, Sie haben einen abendfüllenden Schwarzweißfilm ohne Dialoge, Voiceover und Musik gemacht, dessen Protagonist ein Schwein namens Gunda ist. Vermutlich war es nicht einfach, so einen ungewöhnlichen Film finanziert zu bekommen, oder?
Im Gegensatz zu den Dreharbeiten, die ich als sehr leicht durchführbar empfunden habe, war die Finanzierung wirklich schwierig. Es war so: 1997 wurde ich gefragt, was ich gerne als nächstes für einen Film machen würde, wenn man mir die nötigen Geldmittel zur Verfügung stellen würde. Ich antwortete, dass ich einen Film über Hühner, Kühe und Schweine machen wolle. Leider wurde diese Idee als Witz aufgefasst. Es hat also 20 Jahre gedauert, bis ich einen Produzenten gefunden habe, der bereit war, dieses Risiko einzugehen. Es hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.
Was genau ist das?
Zum Beispiel gab es in der Umgebung meiner Wohnung in Berlin noch vor fünf Jahren nur zwei Imbisse mit vegetarischem Essen; mittlerweile gibt es hier fünf vegane Restaurants. Und ich erhalte täglich Dutzende Mails von Leuten aus allen Teilen der Welt, die mir schreiben, dass sie »Gunda« auf einem Festival gesehen haben und nun kein Fleisch mehr essen können. Wir Menschen sind keine »bösen Wesen«. Wir sind einfach nur sehr langsam. Ich meine, es gibt Fortschritt, man denke an die vielen Revolutionen – also industrielle, soziale, technologische, sexuelle –, und jetzt ist es an der Zeit zu verstehen, dass Tiere Subjekte sind, Gefühle und auch einen Intellekt haben.
Wenn man die Hauptfiguren Ihres Films beobachtet, kann man auf jeden Fall zu diesem Schluss kommen. Wie haben Sie Gunda gefunden?
Wir haben insgesamt gut ein halbes Jahr nach geeigneten Bauernhöfen und Tieren gesucht. Gunda selbst habe aber ich sehr früh entdeckt, schon bei der ersten Erkundungsreise. Ich sah sie und wusste sofort: Das ist sie. Ich sagte zu meinem Produzenten: »Wir haben unsere Meryl Streep gefunden!«
Man ist bei der Aufzucht der Ferkel hautnah dabei. Wie haben Sie das angestellt?
Wir wollten Gunda mit ihren Ferkeln auf keinen Fall stören und haben deswegen ihren Stall nachgebaut und ferngesteuerte Kameras installiert, die man um 260 Grad schwenken kann. Drei Wochen vor der Geburt waren wir fertig, und Gunda hat ihr neues Zuhause bezogen: Sie hat sich regelrecht eingerichtet und auf das große Ereignis vorbereitet. Auf diese Art konnten mein Team und ich draußen bleiben und trotzdem alles filmen.
Wie sah der Drehalltag aus?
Wir kamen jeden Tag um vier Uhr morgens zur Farm und warteten, bis die Schweine aufwachten, und fuhren am Abend, wenn sie sich wieder schlafen gelegt haben, zurück zum Hotel. Das waren sehr lange Tage, aber an jedem Abend waren wir die glücklichsten Menschen auf der Welt. Ich konnte beobachten, wie ich mich veränderte und wie die Mitglieder meines Teams sich veränderten; wir wurden während der Dreharbeiten tatsächlich zu anderen Menschen.
Kritisieren Sie mit Ihrer Arbeit eine anthropozentrische Sicht auf die Welt?
Ja. Unsere Gesellschaft ist alles andere als vernünftig eingerichtet. Schon die Art, wie wir über den Klimawandel sprechen, ist falsch. Es geht ausschließlich um die Gefahren, die er für uns mit sich bringt. Dieser Anthropozentrismus verschleiert die Ausplünderung und Verschmutzung des Planeten.Was Kino vermag, ist, eine realistische Sicht auf die Welt zu vermitteln. Als ich beispielsweise »Aquarela«, meinen Film über Wasser, gedreht habe, sind wir mehrere Tage durch riesige, auf dem Meer treibende Plastikinseln von der Größe Großbritanniens gefahren. Ich denke, es ist – wollen wir nicht über kurz oder lang ausgelöscht werden – notwendig, dass wir bescheidener werden und unseren Platz an der Seite der Tier- und Pflanzenwelt finden. Und dafür müssen wir dringend aufhören, die Natur zu zerstören und Tiere zu töten.
Sind denn die Menschen heute eher bereit, mit dem Speziesismus, also der Rechtfertigungsideologie für die Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren, zu brechen?
Zunächst einmal ist doch eines klar: Wir haben keine Reißzähne wie ein Tiger – es ist also ein Fehler, den Menschen als Raubtier zu begreifen. Und schließlich hat die Natur den Menschen auch mit Vernunft ausgestattet. Wir müssen endlich einsehen, dass alle Kreaturen ein Recht darauf haben, auf diesem Planeten zu sein. Abgesehen davon, fällt uns unsere Arroganz verlässlich auf die Füße: Wenn das ökologische Gleichgewicht gestört wird, dann reagiert Natur immer auf Unvernunft. Ich denke zum Beispiel, dass das Coronavirus in diesem Sinn eine Konsequenz dieser Ignoranz gegenüber der Natur ist. Es wurden Maschinengewehre, Konzentrationslager und die Atombombe erfunden – so viel in die Welt gesetzt, mit dem die Natur, inklusive der Menschen, nicht leben kann.
Wenn Kinder zum ersten Mal damit konfrontiert werden, dass Tiere umgebracht werden, damit man sie zur Fleischware verarbeiten, verkaufen und essen kann, dann sind sie meist verstört und empfinden diese Gewalt instinktiv als Unrecht. Dieses Mitgefühl wird ihnen aber in aller Regel ausgetrieben. Mit Ihrem Film appellieren Sie an diese unterdrückten mimetischen Impulse, richtig?
Ja, Sie haben absolut recht. Das ist auch der Grund, weshalb der Film ohne Voiceover auskommt. Ich wollte keinen klassischen Protestfilm gegen die Zustände in den Schlachthöfen machen, sondern zeigen, wie Tiere wirklich sind. Normalerweise spricht in Dokumentarfilmen nach kurzer Zeit jemand aus dem Off zu dir, das heißt, dass sich jemand an dein rationales Bewusstsein richtet. Dabei sind die Menschen von Natur so eingerichtet, dass sie zuallererst ihre Umwelt mit den Augen erfassen: Wir sind, ebenso wie die Tiere, vorwiegend visuelle Wesen. Wir schauen etwa, ob unser Gegenüber uns freundlich oder feindlich gesinnt ist. Dazu braucht man in der Regel nur einen Blick. Das ist unsere natürliche Art, die Welt zu erfassen. Ich möchte also nichts lehren, sondern zeigen. Das ist für mich Kino.
Der Blick in die Augen deines Gegenübers kann eine existentielle soziale Dimension eröffnen. In Ihrem Film passiert genau das: Der Zuschauer blickt in die Augen von Gunda, und Gunda schaut zurück.
Das ist gut beobachtet. In einer zentralen Szene, der 15-minütigen Schlusssequenz, in der Gunda auf den Abtransport ihrer Kinder zur Mast reagiert, haben wir uns dazu entschlossen auf Distanz zu bleiben. Normalerweise hätte man da auf die Augen gezoomt oder hätte sich ihr sonst wie genähert; wir haben uns aber für das Gegenteil entschieden: Wir bleiben in der Ecke und geben ihr Raum, und wenn sie will, kann sie zu uns kommen. Tatsächlich hat sie genau das getan, und sie hat mich angeschaut und mich mit ihren Augen gefragt: »Was macht ihr Typen mit mir? Warum tut ihr mir das an?« Das kann man nicht fehlinterpretieren – sie spricht mit ihren Augen, und das in einer eindeutigen Weise.
Vor gut 15 Jahren haben Sie zehn Regeln für Dokumentarfilmer aufgestellt. Eine davon besagt, dass man einen Film nur dann drehen sollte, wenn man ohne ihn nicht leben kann.
Nun, es werden pro Jahr etwa 50.000 Filme produziert. Das ist auch eine Art von Umweltverschmutzung. Der Filmemacher muss sich klarmachen, dass er dem Betrachter seines Werkes 90 Minuten von dessen Lebenszeit stiehlt. Man sollte also ganz genau wissen, was man machen möchte und warum. Die künstlerische Freiheit, die wir in Europa haben, ist großartig, aber sie sollte mit künstlerischer Verantwortung verknüpft sein.
Sie haben an der berühmten Moskauer Filmschule studiert. Was bedeutet Ihnen die sowjetische Avantgarde, die dort in den 1920er- und 30er-Jahren gelehrt hat?
Nun, Alexander Dowschenko ist sicherlich wichtig für mich. Oder nehmen wir Sergei Eisenstein: Er war ein Meister der Komposition, des Lichts, des Ausdrucks, der Bewegung, der Dramatik und der Dramaturgie. Er war einfach ein Genie. Aber bei ihm geht es um Montage, das heißt, er lenkt den Blick des Zuschauers. Er sagt dir, was du denken sollst. Meine Art von Filmemachen funktioniert ganz anders.
Sie lassen dem Betrachter mehr Freiheit. Aber eines ist doch auch offensichtlich: Sie ergreifen Partei – im Fall von »Gunda« für die Tiere. Auf der Berlinale, wo der Film 2020 Premiere feierte, haben Sie erklärt, dass man generell Menschen und Tiere hübsch oder hässlich zeigen kann, und dass Sie versucht haben, Gundas Schönheit einzufangen. Sie haben sich also für eine bestimmte Perspektive entschieden, oder?
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Es ist natürlich besonders einfach, Schweine in einer Art zu filmen, die sie abstoßend wirken lässt, man muss nur wissen, wo man die Kamera positionieren und wie man sie ausrichten muss. Ich meine, diese Tiere haben normalerweise keine Dusche, richtig? Die Kamera ist bekanntlich eine Waffe; man kann damit hervorragend manipulieren. Und die Filme gerade heutzutage sind so aufgenommen und geschnitten, dass sie dir diktieren, was du denken sollst. Wenn ich hingegen eine Sequenz unkommentiert filme, lasse ich dem Betrachter viel Freiheit: Ich gebe ihm die Möglichkeit, sich selbst zu spüren und nachzudenken. Aber natürlich will ich auch seine Empathie wecken. Die Tatsache ist doch die: Jedes Jahr werden über eine Milliarde Schweine geschlachtet, um sie zu verzehren. Diese Tiere verbringen ihr gesamtes Leben, das brutal auf eine Nutzperiode verkürzt wird, auf Betonboden und eingepfercht auf engstem Raum. Man spricht ihnen ihre Empfindungsfähigkeit ab – und das ist einfach Bullshit.
Gunda
Regie: Viktor Kossakowski
Filmwelt Verleih