Er macht mit seiner Musik deutlich, dass Glauben zuallererst eine Kulturtechnik ist, die Abwesendes anwesend macht. In ihm können sich Hoffnung, Imaginationskraft und Selbstermächtigung zu einer Praxis verbinden, die heute mehr denn je vonnöten ist. Ob mit oder ohne Gott.
Die imaginative Kraft der Non-Präsenz
Das Ensemble Modern begibt sich auf eine säkulare Gottes-Suche und bringt das Triptychon »riss« des deutsch-französischen Komponisten Mark Andre zur Aufführung
Erschienen in: Das Magazin der Philharmonie Köln, Januar/Februar 2019, S. 24-25.
»Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten« heißt es im Matthäus-Evangelium. In dem Augenblick, in dem Jesus am Kreuz stirbt, reißt der Vorhang im Jerusalemer Tempel zum Allerheiligsten entzwei. Und gibt den Blick frei auf das, was nur den Hohepriestern ein Mal im Jahr zum Versöhnungsfest erlaubt war zu sehen – Gottes Abwesenheit. In dieser Leerstelle, sichtbar geworden für jedermann durch den Riss im Vorhang, liegt der Keim für den christlichen Glauben. Gott ist da, weil er nicht anwesend ist. In seinem Verschwinden – und später in dem des Leichnams Jesu – liegt eine von nun ab verinnerlichte Präsenz.
2011 reiste Mark Andre nach Jerusalem, um für seine Oper »Wunderzaichen« zu recherchieren. Dort traf der 1964 in Paris geborene Komponist die Theologin Margareta Gruber und ließ sich von deren Essay »Der zerrissene Vorhang« zu der Komposition »riss« inspirieren. Die Trilogie, deren einzelnen Teile Andre in den Jahren 2014-16 für das Ensemble Modern, das Ensemble Musikfabrik und das Ensemble Intercontemporain schrieb, verarbeitet Grubers Gedanken zur abwesenden Präsenz Gottes.
Die Grenze zwischen Hörbarem und Unhörbarem wird direkt zu Beginn des ersten Teils des Triptychons markiert. Zögerlich behauptet die Musik ihre Präsenz, ihre Form bleibt rätselhaft. Ein Flirren, ein Zischen, ein äolisches Reißen, das Klappenspiel der Blasinstrumente interpunktiert leise Klangflächen. Angerissene musikalische Figuren deuten Eindeutigkeiten an, zerstieben aber direkt wieder in der Stille.
Häufig wählt Andre, der nach seinem Studium bei Claude Ballif und Gérard Grisey vor allem von Helmut Lachenmann geprägt wurde, Präpositionen als Titel. Etwa »durch«, »zu«, »in«, »da« oder »auf«, es sind meist Fingerzeige auf Stellen im Neuen Testament. Aber es sind vor allem Wörter, die Verhältnisse beschreiben und (abwesende) Dinge in eine örtliche oder zeitliche Relation setzen. Die durch Lachenmanns Musique concrète instrumentale geprägte Sprache Andres ist eine der Relationen. Sie agiert nicht in Hauptsätzen, sondern arbeitet mit einer mikrotonalen Syntax der Konjunktionen und Phoneme, der geräuschhaften Klänge und klingenden Geräusche. Sie bringt etwas zu Gehör, was nicht präsent, nicht im einfachen Sinne da ist, eine Musik im Verschwinden. Unter dem Dirigat von Ingo Metzmacher wird das Ensemble Modern nun alle drei Teile zu einem Ganzen fügen und ihre Non-Präsenz zum Klingen bringen.
Dass aus dieser immanenten und höchst intimen Musik eine spirituelle Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten entstehen kann, ist die Stärke von Mark Andres kompositorischen Schaffens. In seiner Kindheit habe er bereits den Heiligen Geist als Energie gespürt, erzählte Andre in einem Interview. Er macht mit seiner Musik deutlich, dass Glauben zuallererst eine Kulturtechnik ist, die Abwesendes anwesend macht. In ihm können sich Hoffnung, Imaginationskraft und Selbstermächtigung zu einer Praxis verbinden, die heute mehr denn je vonnöten ist. Ob mit oder ohne Gott.