Fred Frith

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Alles ist immer jetzt

Der berühmte Avantgarde-Musiker Fred Frith feierte Anfang des Jahres seinen 70. und geht nun auf Geburtstagstour

Der Mann ist bescheiden. Bei seinen Konzerten verliert Fred Frith nicht viel Worte, zur Verabschiedung gibt es meist nur eine kurze Verbeugung. Zuvor hat der legendäre Improvisateur und Multi-Instrumentalist eine gute Stunde hochkonzentriert seine Gitarre bearbeitet – Hilfsmittel sind ihm dabei Fundstücke wie Schuhbürsten, Pinsel oder Wäscheklammern, aber auch alte Blechdosen, Kiesel und Geigenbögen. Zusammen mit einer Loop-Pedal, die der stets Barfuß auftretende Frith ebenso virtuos bedient wie die Saiten seiner Gibson, entfaltet sich eine dichte Klanglandschaft aus Drones, Melodieschnipseln und hochkomplexen Rhythmuspatterns. Wenn nach einem Konzert der Applaus besonders frenetisch ausfällt, reckt er kurz die Faust in die Luft. Dann huscht der meist in schwarzem Hemd und ebensolcher Hose betont schlicht gekleidete Musiker von der Bühne. 

Jeremy Webster »Fred« Frith feierte Anfang des Jahres seinen 70. Geburtstag. Von den siebzig Jahren verbrachte der am 17. Februar 1949 in der Grafschaft East Sussex geborene Musiker mehr als ein halbes Jahrhundert auf der Bühne. Das aufgenommene Werk, das in diesem Zeitraum entstanden ist, hat immense Ausmaße und gehört in Teilen zu dem Wichtigsten, was im Bereich der experimentellen Musik veröffentlicht wurde. Seine stilistisches Repertoire reicht von lyrisch und hochvirtuos über brachial und primitivistisch bis hin zu einer Spielweise, die sowohl menschenfreundlichen Humor als auch eine selten in der traditionell »ernst« interpretierten Avantgardemusik anzutreffende Leichtfüßigkeit mit einschließt. Mit diesem Spektrum hat Frith einen immensen Einfluss auf die Improvisierte Musik. Aber auch im Gespräch mit M&R gibt er sich nüchtern und bescheiden. Einen Status als Vorbild lehnt er höflich ab: so etwas fänden junge Musiker ohnehin, so vermutet er, »extremely annoying«. Und die These, dass sich in der Improv-Szene ein emanzipatorischer 68er-Geist gehalten hätte, findet er »romantisch«: »Manche Kollektive mögen Utopien folgen. Aber ich vermute, die meisten versuchen schlicht zu überleben, indem sie sich zusammenschließen, um eine Musik zu unterstützen, die noch relativ unpopulär und missverstanden ist. Sicher gibt es Solidarität und Neugierde. Aber eben auch Misstrauen gegenüber Außenseitern, unausgesprochene und ausgesprochene Hierarchien und sozialen Spannungen, basierend auf starken ästhetischen und politischen Unterschieden, einschließlich Klassen-, Rassen- und Geschlechterfragen. Ich sehe keine Community, die sich diesen Themen stellt«.

Ein Netzwerker, der mit egalitärem Gestus Menschen und Szenen miteinander verbindet, ist Frith dennoch. Begonnen hatte alles mit Henry Cow. Im Mai 1968 gründete der damals 19-jährige mit seinem Kumpel Tim Hodgkinson in Cambridge die bald maßgebliche Art-Rock-Band mit dem an den Maverick-Composer Henry Cowell gemahnenden Namen. Die Formation, zu der bald auch Chris Cutler stieß, war Teil der Canterbury-Szene und eine der ersten englischen Bands, die sich anti-kapitalistisch positionierten – aus ihr ging später die Rock-In-Opposition-Bewegung hervor. 1974 veröffentlichte Frith das wegweisende Album »Guitar Solos«, auf dem er seine Lektüre von John Cages einflussreichem Buch »Silence« umsetzte und einen konsequent klangexplorativen Umgang mit der Gitarre etablierte: wie unterscheidet sich eigentlich »der Sound, spielt man die Saiten mit Steinen, Holz oder Papier«? 1978/79 siedelte Frith nach New York über. Der Impresario und Soft-Machine-Produzent Giorgio Gomelsky hatte ihn zur Teilnahme an dem dortigen »Zu ManiFestival« – auf dem er dann mit David Aellen, Cutler und Vertretern der noch jungen No-Wave-Szene wie Bill Laswell auftreten sollte – mittels eines spendierten Flugtickets überredet: »Da konnte ich nicht Nein sagen«. 

Zwanzig Jahre und unzählige grandiose Aufnahmen später (um nur zwei Beispiele seines irrwitzigen Outputs zu nennen: das mit seiner Band Massacre 1981 veröffentlichte Album »Killing Time« oder seine Kooperation mit John Zorn auf dessen »Naked City«-Album von 1990 sind mythischen Zuschnitts) schloss sich ein weiterer Kreis. 1998 folgte er einem Ruf als Kompositionsprofessor an das Mills College im kalifornischen Oakland, an dessen Musik-Department in den 1940er-Jahren bereits Cowell und Cage unterrichtet hatten. Seit 2010 lebt Frith mit seiner deutschen Frau, der Künstlerin Heike Liss, in Basel – nachdem er 2018 am Mills College emeritiert wurde, lehrt er an der dortigen Musik Akademie weiter.

Seinen runden Geburtstag begeht Frith mit einer ausgedehnten Tour. Dabei kehrt er zu Orten zurück, die ihm in den letzten Jahrzehnten Heimathäfen waren. An drei bzw. fünf aufeinanderfolgenden Konzertabenden tritt er Ende Juni im Londoner Café Oto und Ende September im New Yorker The Stone auf. Mit der Box »Live At The Stone« sind im Frühjahr passenderweise Aufnahmen aus dem legendären Club von John Zorn erschienen, auf denen Frith u.a. mit Pauline Oliveros, Ikue Mori und Laurie Anderson zu hören ist. Im Spätherbst folgt ein Auftritt auf dem renommierten Kölner Avantpop-Festival Weekend, weitere Termine in Deutschland sind geplant.

Frith wäre nicht Frith, würde er nicht grundlegende Fragen aufwerfen. Die Improvisierte Musik richte sich doch vornehmlich, zitiert er zum Ende des Gesprächs einen Artikel von Robert Hunter, an eine »subkulturelle Elite«. Damit drohe sie, »nur eine weitere Alternative innerhalb einer wachsenden Palette von Konsumentenoptionen« zu bleiben. Es ist unklar, ob das nun resignativ gemeint ist oder darin ein Appell verborgen liegt. Man kann sein Statement auf jeden Fall produktiv interpretieren: jeder muss mit sich selbst ausmachen, ob er die in der Improvisierten Musik schlummernde soziale Utopie für das eigene Leben fruchtbar machen will.

Erschienen in: Melodie & Rhythmus 03/2019.

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