Marino Zuccheri

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Bruno Stucchi hat eigentlich keine Zeit. Der Mailänder Grafikdesigner und Betreiber des kleinen Labels Die Schachtel ist ein schwer beschäftigter Mann, empfängt mich aber gern. Immerhin feiert seine Plattenfirma dieses Jahr 15-jähriges Jubiläum, da muss man die Werbetrommel rühren. In dem Souterrainbüro seines Designunternehmens nahe des gigantomanischen Hauptbahnhofs aus der Ära Mussolini entsteht auch das Layout der Schachtel-Publikationen, ihr Brot verdienen Stucchi und seine Mitarbeiter aber mit Arbeiten für die Mailänder Scala oder Ausstellungen. Der irritierende deutsche Name des Labels geht zurück auf die gleichnamige Komposition des Avantgarde-Komponisten Franco Evangelisti und signalisiert damit den High-Brow-Anspruch Stucchis. Mit Verve und Stolz zeigt er einige der aufwendig gestalteten Veröffentlichungen, etwa die gemeinsam mit dem amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman konzipierte Veröffentlichung »Soundtrack from First Violin Film« mit einem neongrün-transparenten Plexiglascover oder die 5-LP-Holzbox mit Aufnahmen des legendären Kollektivs Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza, zu dem der berühmte Filmkomponist Ennio Morricone gehörte.

Das Label, das Stucchi gemeinsam mit Fabio Carboni 2003 gegründet hat, ist aber vor allem dafür bekannt, historische elektronische Avantgardemusik aus Italien und insbesondere aus dem Umfeld des Mailänder Studio Di Fonologia (wieder) zu veröffentlichen. Und im Gegenwartsitalien, das mit den Wahlen weit nach rechts zu rutschen droht, kann der Verweis auf die eigenen emanzipativen Traditionen Gold wert sein. Die gibt es in der einstigen Hauptstadt des Faschismus und ehemaligen Hochburg Berlusconis nämlich auch. Die Musik, die ab Mitte der fünfziger Jahre in dem von Luciano Berio und Bruno Maderna als Pendant zum Kölner Studio für elektronische Musik gegründeten Labor entstanden ist, war zwar nicht unbedingt politisch intendiert, ist es aber implizit.

Ursprünglich aus dem experimentellen Umgang mit den Messinstrumenten des staatlichen Radiosenders RAI wurde hier eine Musik entwickelt, die jegliche Tradition über Bord warf. Die frühe Computermusik war Vorläufer der heutigen softwarebasierten Produktion und unerhört progressiv: Sie begann tatsächlich bei Null. Die Quellen- und körperlose Musik, die die Physiker, Tonmeister und Komponisten dort in mühsamer Kleinstarbeit zusammenfummelten, hatte tatsächlich seinerzeit etwas Magisches, der Vergleich mit Alchemistenküchen des Mittelalters kommt nicht von ungefähr. Mit der Möglichkeit, aus weißem Rauschen und Sinustönen, die eigentlich zu Messzwecken und Fehleranalysen in der Radiostation gedacht waren, jeden denkbaren Klang zu produzieren, trat die Musik in den Fünfzigern in eine neue Epoche. Für ihn, erklärt Stucchi mit leuchtenden Augen, sei die Musik des Mailänder Studios eine genuin utopische – ein Versuch, »physikalische und psychologische Grenzen zu überschreiten« und dabei so etwas wie Freiheit zu finden.

Einer der Toningenieure, ohne die die Komponisten vermutlich keinen Mucks aus den Maschinen herausbekommen hätten, war Marino Zuccheri (1923-2005). Jüngst gedachte man seiner mit einer großangelegten Mailänder Veranstaltungsreihe, Mitinitiator war Die Schachtel. Gekrönt wird das Gedenken nun mit einer Veröffentlichung, die die zentrale Figur des Studios mustergültig unter die Lupe nimmt. Zuccheri war der Mann, der wusste, wie die Tonbandgeräte, Ringmodulatoren und Transponiermaschinen zu bedienen waren, und dem die Komponisten ihre Visionen anvertrauten. Mit ihm arbeiteten Berio, Maderna, Luigi Nono und häufige Gäste des Studios wie John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Henri Pousseur. In dem 57 Seiten dicken, aufgeräumt gestalteten und reich bebilderten Buch im LP-Format, das zusammen mit einer LP und einer CD zur prächtigen Box gehört, räumen die Komponisten dem Techniker sogar eine Co-Autorenschaft ein. Seine Arbeit beschreiben sie als »Hebammenkunst«, sein Vorgehen als »sokratische Methode«. Stockhausen soll bei jedem seiner Italien-Besuche Zuccheri angefordert haben, um seine Stücke zu realisieren.

Mitte der fünfziger Jahre war an eine Personalunion aus Techniker und Komponist, wie sie heute üblich ist, noch nicht zu denken, eine Arbeitsteilung galt als unerlässlich. Doch die Grenzen wurden mit der Zeit durchlässiger, auf Anregung von Luigi Nono produzierte Zuccheri Mitte der Sechziger ein eigenes Stück: „Parete 1967 per Emilio Vedova“, das nur dank dem Engagement der Schachtel-Macher überhaupt veröffentlicht wurde (allerdings erst 2005, kurz nach dem Tod Zuccheris). Zuccheri komponierte es anlässlich der Expo 1967 im kanadischen Montréal und bezog sich dabei auf die im italienischen Pavillon ausgestellten Bilder des abstrakten Malers Emilio Vedova. Das halbstündige Stück würde man heute Drone-Industrial nennen; man hört einen Mahlstrom aus Sounds, die Nono zuvor als Klangmüll aussortiert hatte. Zuccheri formte aus dem Material Musik wie kaltes Fiebern. Im Echoraum schälen sich aus dem weißen Rauschen Figuren, flüchtig wie Nebencharaktere in einem Tolstoi-Roman, kurze Ahnungen von polymorphen Klanggebilden, die in der nächsten Sekunde wieder zerstieben. Man assoziiert infernalische Choräle, Orgelcluster und mit dem Hammer bearbeitete Klaviersaiten, man hört aber vor allem Klänge, die man keiner Quelle zuordnen kann, pure Elektrizität. Der Hörer wird in diese Ursuppe elektronischer Musik hineingesogen; nach einer halben Stunde hat man umgekehrte Genealogien zum Back-Katalog des legendären Neunziger-Jahre-Glitch-Labels Warp über den Jump-Cut-House Akufens bis hin zum synästhetischen Techno eines Stefan Juster (Jung An Tagen) geschlagen.

In den fünfziger und sechziger Jahren war, das wird beim Hören klar, in der elektronischen Musik bereits eine Freiheit verwirklicht, die in ihrer Radikalität bis in die Gegenwart wirkt. Heute gilt es mehr denn je, sie zu verteidigen.

Marino Zuccheri and Friends

Box mit einer LP, einer CD und einem Buch. Die Schachtel 

Erschienen in: Konkret 04/2018, S. 59.

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