Bernd Alois Zimmermann

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Einsam geht der Komponist durch die eisige Landschaft, man sieht förmlich, wie schwer seine Schritte wiegen. Er muss sich gegen den Wind stemmen, der Blick ist zu Boden gerichtet. Die eindrückliche Fotografie zeigt Bernd Alois Zimmermann im Winter 1968 auf Sylt am Strand. Sie zeigt einen Mann, der mit seinem Schicksal und dem Schicksal der Welt hadert. Nicht einmal zwei Jahre später bringt sich der Komponist um. Kurz zuvor schreibt er in einem Brief an seine Tochter, dass sein »seelischer Zusammenbruch« aus der Einsicht resultiere, dass die »Musik sich selbst umgebracht hat.«

Zimmermann ist der große Unbekannte der bundesdeutschen Nachkriegsavantgarde. Sein Werk wurde lange von seinem Suizid und seinem Antagonisten Karlheinz Stockhausen überschattet. Anlässlich seines 100. Geburtstags brachte die Oper Köln, die einst das Werk als unspielbar abgelehnt hatte, in diesem Frühjahr Zimmermanns Monumentaloper »Die Soldaten« (1957-65) auf die Bühne. Die Aufführung ist Teil einer Wiederentdeckung, die das Werk Zimmermanns derzeit erfährt: In den letzten Jahren haben sich einige große Häuser an der aufwendig zu realisierenden Oper versucht und binden auch andere seiner Stücke wieder häufiger in Konzertprogramme ein. Die neue CD-Box »Bernd Alois Zimmermann und das symphonische Spätwerk« enthält drei Stücke und zahlreiche Tondokumente, auf denen der Komponist selbst mit seinem charakteristischen rheinischen Singsang zu hören ist. Die Akademien der Wissenschaften in Berlin und Mainz arbeiten seit zwei Jahren an einer auf 30 Bände geplanten historisch-kritischen Gesamtausgabe, voraussichtlich wird dieses Jahr der erste Band bei Schott Music erscheinen. Und die Tochter des Komponisten, Bettina Zimmermann, hat gerade gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Rainer Peters eine über 400 Seiten starke Biografie (Con tutta forza, Wolke-Verlag) herausgebracht, in der sich besagte Fotografie findet.

Diese Sammlung von Gesprächen, Dokumenten und Fotos, verbunden durch eine chronologische Biografie, zeichnet ein komplexes Bild, das dem Klischee vom düsteren Komponisten monströser Zumutungen wie »Die Soldaten« und »Requiem für einen jungen Dichter« entgegenwirkt. Zimmermann konnte ausgiebig feiern, liebte das dolce vita während seiner Aufenthalte in der Villa Massimo bei Rom, war ein liebevoller Vater und Ehemann. Doch die ihn prägenden Erlebnisse, die im Buch ebenfalls ihren Niederschlag finden, wirken aneinandergereiht dann doch erdrückend. Etwa die Erfahrungen des 1918 geborenen Weltkriegsteilnehmers: Seinen Kriegsdienst tat Zimmermann auch im Pferdelazarett an der Ostfront – das massenhafte Sterben der Tiere führte ihm das sinnentleerte Metzeln vermutlich besonders krass vor Augen. Später machte ihm ein Glaukom, auch Grüner Star genannt, das Komponieren immer schwerer und bedrohte ihn schließlich mit gänzlicher Erblindung. Und ab Ende der Sechziger litt er an einer psychischen Erkrankung (heute würde man wahrscheinlich eine bipolare Störung diagnostizieren), die ihren Teil zu seiner Entscheidung für den Suizid beitrug. Der durch die Tochter geleitete Einblick ins Privatleben – Bettina Zimmermann war 18 Jahre alt, als ihr Vater sich umbrachte – berührt. Man merkt, dass hier jemand fast 50 Jahre später nach Antworten sucht, die ein Suizid zwangsläufig aufwirft, und diesem Sog kann sich der Leser nur selten entziehen. Neben dieser existentiellen Dimension macht das Buch ein Stück Musik- und Zeitgeschichte lebendig. Die Schilderung von Zimmermanns Außenseiterdasein im Neue-Musik-Diskurs der fünfziger und sechziger Jahre etwa, das vor allem Karlheinz Stockhausen und der Darmstädter Zirkel forcierten, erhellt diese in ihrem progressiven Impuls auch sehr unfreie Ära.

Zimmermanns Stellung in der bundesrepublikanischen Musikgeschichte kann man erst durch die Antagonismen verstehen, die die Neue-Musik-Szene bestimmten. Dass etwa Stockhausen 1960 den ihm und Zimmermann gemeinsam zugedachten Großen Kunstpreis der Landes Nordrheinwestfalen ablehnte, kann man als Zurückweisung der künstlerischen Position und mithin als Demütigung Zimmermanns verstehen. Die Berichte über den leidenschaftlichen, mitunter eitlen Dogmatismus Stockhausens sind Legion – dem in beruflichen Dingen eher kühl und zurückhaltend agierenden Zimmermann verstörte die öffentliche Missbilligung. Ebenfalls implizit abgelehnt haben die Vertreter der Darmstädter Schule Zimmermanns Kompositionstechnik, die sich auch aus seinen Studien zu Film, Architektur, Bildender Kunst und Literatur speist. Die (avant la lettre) postmoderne Collage- und Zitattechnik, die man nun mit Hilfe der CD-Box studieren kann, war den Serialisten offensichtlich nicht »musikalisch« genug.

Ein gänzlich neues Kapitel schlug Zimmermann mit seinem letzten Orchesterstück auf. »Stille und Umkehr« (1970) funktioniert nicht wie die anderen, grandios überbordernden Stücke aus der Spätphase, etwa das »Requiem« oder »Photoptosis«, die wie Monolithen aus der Neuen Musik der Sechziger herausragen. Die karge, beiläufig-zwingende Ästhetik der Komposition steht im krassen Gegensatz zu der Überfülle, mit der Zimmermann in seinen dichten Zitatcollagen arbeitete. Das Stück ist auf der CD-Box zu hören, und allein dafür lohnt sich der Kauf (mal abgesehen von den Originalaufnahmen von Zimmermanns Stimme). Die Einspielung von Bernhard Kontarsky, der auch eine famose »Requiem«-Aufnahme besorgt hat und hier das Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart dirigiert, ist nahezu perfekt, wenn auch im Tempo zu drängend. Die Spannung, die sich aus der nach vorne strebenden und dennoch verharrenden Bewegung der Komposition ergibt, fängt Kontarsky kongenial ein. »Stille und Umkehr« ist das vertonte »Trotzdem« des von Zimmermann so geschätzten Albert Camus. Selten ist der grundlegende Widerspruch mit so großer Klarheit vertont worden.

 

Diverse: Bernd Alois Zimmermann und das symphonische Spätwerk

3 SACDs/MP3. Cybele Records

Erschienen in: Konkret 08/2018, S. 55.

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