Für das Gedeihen des Lebens
In den letzten Jahren formiert sich eine neue feministische und anti-kapitalistische Bewegung, ein Autorinnen-Kollektiv hat das dazugehörige Manifest verfasst
Erschienen: Melodie & Rhythmus 04/2019, S. 70-71.
Die Inauguration Donald Trumps 2016 bestätigte die mittlerweile vielzitierte These über das »Ende des progressiven Neoliberalismus« wie ein Paukenschlag. Ihre Verfasserin Nancy Fraser wirbt seither für einen Feminismus, der Gerechtigkeit für alle erkämpft. Anfang 2019 veröffentlichte sie mit Cinzia Arruzza und Tithi Bhattacharya ein Manifest, das eine breite Koalition festigen will. Dazu berufen sich die Autorinnen auf eine Vielzahl internationaler Proteste und Streiks, über die seit 2017 unter dem Namen »Feminismus der 99%« berichtet wird.
M&R sprach mit Tithi Bhattacharya, Associate Professor für Geschichte und Direktorin der Global Studies an der Purdue University, Indiana, über die in dem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch »Feminismus für die 99%. Ein Manifest« formulierten Thesen.
Sie und ihre Mitstreiterinnen fordern einen Feminismus der 99 Prozent, der Identitäts- mit Klassenpolitik zusammen denkt. Warum ist es für die Mainstream-Linke so schwierig, die Befreiung der Frau als Teil der Befreiung der Unterdrückten zu verstehen?
Ich denke, dass die Mainstream-Linke, ja sogar die Liberalen, durchaus Frauen als unterdrückte Gruppe verstehen. Die sogenannte »Frauenfrage« – eine Formulierung der französischen Querelle des Femmes – diskutiert Frauen als unterdrückte Gruppe und ihre Rechte seit den Anfängen des industriellen Kapitalismus. Das Problem, das wir im Manifest auch so identifizieren, ist aber, dass die beiden Formen der gesellschaftlichen Diskriminierung – also Frauen als unterdrückte Gruppe und Frauen als Teil der Arbeiterklasse, die vom Kapital ausgebeutet wird – so behandelt werden, als würden sie auf getrennten Bahnen verlaufen. Es gibt daher zwei unbefriedigende strategische Schlussfolgerungen, die daraus abgeleitet werden, dass diese Prozesse voneinander verschieden sind. Erstens bevorzugen bestimmte marxistische (oft stalinistische) Traditionen eine von feministischen oder antirassistischen Kämpfen abgetrennte Konzeption des »Klassenkampfs«. Zweitens werden in liberalen Traditionen die beiden Diskriminierungen als »intersektional« angesehen, d. h. dass sie getrennt sind und nur zu bestimmten Zeitpunkten zusammenfallen.
Unser Manifest, das in wesentlichen Punkten Marx folgt, lehnt beide Ansätze ab. Wir sehen die Beziehung zwischen Klassenausbeutung, bei der allen Arbeitnehmern der Mehrwert entzogen wird, und sozialer Unterdrückung wie Sexismus und Rassismus, bei der bestimmte Gruppen unabhängig von ihrem Klassenstandort eingestuft werden, als ko-konstitutiv und innerlich verbunden an. Soziale Unterdrückungen unterstützen und fördern Aneignungsprozesse von Mehrwert, während häufig neue soziale Unterdrückungen geschaffen werden, um die anhaltende Stabilität solcher Prozesse sicherzustellen. Aus diesem Grund finden wir die Gegenüberstellung von »Klassenpolitik« und »Identitätspolitik« nicht nur theoretisch steril, sondern tatsächlich kontraproduktiv. Sie unterschätzt radikal das antisystemische Potenzial feministischer und antirassistischer Kämpfe und lässt die organische Beziehung zwischen Kämpfen am Arbeitsplatz und in der Gemeinschaft außer Acht, die durch ein Geflecht sozialer Beziehungen zwischen Arbeit, Zuhause und Gemeinschaft miteinander verbunden sind.
Der neoliberale Feminismus hat in den vergangenen Jahrzehnten sozialistische und kommunistische Konzepte verdrängt. Welche Rolle spielt die postmoderne Bewegung und die linguistische Wende bei dieser Entwicklung?
Ich kann dieser Frage nicht gerecht werden, ohne die philosophischen Wurzeln der Postmoderne und den Zusammenhang ihrer Logik mit der des Kapitals ausführlich zu diskutieren. Ich beschränke mich hier also nur auf einen Aspekt, der meiner Meinung nach für die feministische Bewegung relevant ist.
Die Postmoderne hat eine Kritik an Kategorien ausgelöst, die wir als stabil und dauerhaft verstanden haben, etwa Wahrheit und Subjekt. Nach dieser Auffassung ist jede wahrgenommene Einheit einer Entität eine radikal kontingente, so dass alle Wahrheiten und Subjektivitäten nur aus bestimmten sozialen Regimen resultierten, ohne historische Kontinuität oder Immanenz. Aber es handelte sich um einen doppelten Zug. Während das »Subjekt« destabilisiert und von der Geschichte abgekoppelt war, war das »Selbst« bzw. das Individuum dies nicht. Die Postmoderne machte es sich zum Ziel, das Selbst zu erforschen und zu emanzipieren, die Wurzeln seiner Pathologien zu verfolgen und soziale »Technologien« zu erfassen, die es sowohl hervorbrachten als auch unterdrückten. Das Projekt bestand dann darin, das »Selbst« zu befreien, anstatt von der Emanzipation universeller Kategorien wie der Menschheit zu sprechen.
Die Prinzipien, die dem neoliberalen Feminismus zugrunde liegen, passen so gut zu diesem Projekt, dass man sagen kann, dass das erstere eine unbeabsichtigte Konsequenz des letzteren ist. Der neoliberale Feminismus forderte nicht die Freiheit aller Frauen, sondern den Erfolg einiger weniger. Es war das Individuum, das Emanzipation brauchte, und der individuelle Erfolg im Kapitalismus war ein Schritt in diese Richtung. Während der Fokus früherer feministischer Kämpfe oft antisystemisch war, feierte diese neue Generation von CEO-Feministinnen und Staatsoberhäuptern ihre Beherrschung des Systems und ihren Platz darin. Ein emanzipatorischer und expansiver Feminismus, der die Freiheit der Frauen und der gesamten Menschheit befürwortete, wurde grausam umgeschrieben, um die Macht einiger Kapitalistinnen zu demonstrieren.
Im Manifest betonen Sie die Wichtigkeit der Reproduktionsarbeit im Klassenkampf und behaupten, dass heute »die globale Arbeiterklasse vor allem aus Migranten, rassifizierten Menschen, Frauen – sowohl Cis- als auch Transfrauen – und Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten« besteht. Laufen Sie nicht mit diesen klassischen feministischen Positionen Gefahr, die »weißen Männer« für den gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus zu verlieren?
Ich denke, wir sollten uns freuen, wenn sich Männer, die sich politisch als »weiße Männer« verstehen, von unseren Bewegungen fernhalten! Politisch weiß zu sein ist etwas ganz anderes als weiß geboren zu werden, was ebenso ein Zufall ist, wie als Mann oder Frau geboren zu werden. Die Grundlage eines gemeinsamen Kampfes gegen Rassismus und Sexismus kann nicht die Nächstenliebe der Weißen für uns farbige Menschen sein. Die politische Grundlage eines erfolgreichen antirassistischen Kampfes muss die Erkenntnis sein, dass die Unfreiheit aller Menschen miteinander verbunden ist. Während einer unfrei ist, ist es für andere unmöglich, frei zu sein. Ich denke, Männer, die sich feministischen Kämpfen und Streiks anschließen, und es gibt Tausende, die das tun, verstehen dieses Prinzip, und wir stehen als Genossinnen an ihrer Seite.
Das Manifest wurde im Autorinnenkollektiv verfasst, doch mit »Wir« sind natürlich mehr als nur die drei Autorinnen gemeint. Wer sind »Wir«? Und wie soll der Kampf fortgeführt werden, will man den typischen Tod einer Bewegung durch Institutionalisierung vermeiden?
Wie der Begriff bereits andeutet, ist das »Manifest« kein akademisches Buch, und wir haben es nicht geschrieben, um den Menschen beizubringen, wie sie über feministische Theorie denken sollen. Stattdessen haben uns unsere Erfahrung als Organisatoren des Streiks in den USA im Jahr 2017 und unsere darauf folgende Arbeit mit Streikaktivisten in Europa, Asien und Lateinamerika dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Das Manifest ist ein Versuch, die Politik der neuen feministischen Streikbewegung zu destillieren und zu verstärken. Und es ist diese Verstärkung, die uns in dreierlei Hinsicht vor der Kooption bewahrt. Erstens müssen wir unseren Kreis der Verbündeten der Bewegung kontinuierlich erweitern und bewusste Solidarität mit anderen antisystemischen Bewegungen wie diejenige für die Befreiung der Palästinenser und die für Klimagerechtigkeit üben. Zweitens müssen wir unsere Erwartungen weiter nach oben schrauben, von Abtreibungsrechten bis zur vollständigen Gesundheitsversorgung für alle, von gleichem Entgelt bis zu einem existenzsichernden Lohn für alle. Während wir im Hier und Jetzt für Reformen kämpfen, um unser Leben zu verbessern, können wir schließlich nie vergessen, dass Reformen im Kapitalismus ihrer Natur nach vorübergehend sind. Bei der ersten Gelegenheit wird das Kapital versuchen, sie wieder einzukassieren. Ein Lohn, der eine Familie ernähren kann, kann durch einen Federstrich halbiert werden. Wenn für die 99% das Hauptziel des Feminismus das Gedeihen des Lebens ist, muss eine entsprechende Politik notwendigerweise auf ein Ende eines Systems abzielen, das das Leben dem Profit unterordnet.
Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser
Feminismus für die 99%. Ein Manifest
Matthes & Seitz Berlin
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