Knäuel der Widersprüche
Thomas Heise setzt mit »Heimat ist ein Raum aus Zeit« seine fulminante Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte fort
Bastian Tebarth
Als seine Mutter 2014 starb, erbte er Kartons voller Briefe, Fotos, Dokumente, Material der eigenen Geschichte. Thomas Heise ist jemand, der Umwege scheut. Und so liest er in seinem neuen Film »Heimat ist ein Raum aus Zeit«, der auf der letzten Berlinale zu Recht gefeiert wurde, Briefe vor. Der 1955 in der DDR geborene Theaterregisseur, Hörspiel- und Dokumentarfilmemacher, der seit den frühen 1980ern ein Werk geschaffen hat, das zu dem Wichtigsten gehört, was hierzulande an Gesellschaftsanalyse in den letzten Jahrzehnten produziert wurde, liest aus Briefen vor, die vor allem seine Eltern und Großeltern geschrieben haben. Zeugnisse insgesamt dreier Generationen, ein ganzes Jahrhundert umspannend. Das erste Dokument datiert auf 1914, das letzte markiert den Tod der Mutter. Heise liest in zurückhaltendem Hochdeutsch, aber sein Berliner Singsang lässt sich nicht in Gänze verbergen. Dazu sieht man in Schwarz-Weiss meist menschenleere Landschaften. In langen Plansequenzen fährt die Kamera an Gebäudefassaden und Waldsäumen entlang und besucht Stationen der Familienbiografie. Etwa die ehemalige Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo einst die »Vergeltungsraketen« zusammengeschraubt wurden, oder das mittlerweile abgerissene Gestapo-Lager Zerbst, wo Heises Vater als 18-jähriger im 2. Weltkrieg zu Ausschachtungsarbeiten gezwungen wurde und heute Windräder in den Himmel ragen. Es sind von der Geschichte kontaminierte Orte, in deren Sediment sich Schicksale abgelagert haben. Letztere werden nicht unmittelbar im Bild, aber im Verbund mit den vorgelesenen Textstellen sichtbar.
Das Gegenwärtige im Bild trifft auf das Vergangene der Tonspur, Geschichte wird erfahrbar in diesem Aufeinandertreffen – in Heises »Raum aus Zeit« finden persönliche Biografie, allgemeine Geschichte und das, was von ihr als Zeugnis heute (noch) zu finden ist, zusammen. Heise macht das, weil er daran glaubt, was der Historiker Sebastian Haffner im Vorwort zu seinen berühmten Erinnerungen »Geschichte eines Deutschen« 1939 als Leitsatz notierte: »Wer etwas darüber [die Geschichte] erfahren will, muß Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute.«
»Unbekannte Privatleute« sind die Protagonisten von Heises Film allerdings nicht. Seine Eltern waren aufs Engste mit der Kulturgeschichte der DDR verbunden, waren mit Heiner Müller und Christa Wolf befreundet. Sein Vater Wolfgang Heise galt als einer der wichtigsten Philosophen im Arbeiter- und Bauernstaat, seine Mutter Rosemarie Heise war Romanistin und Walter-Benjamin-Herausgeberin – ihre Korrespondenzen und Tagebucheinträge bilden das Herzstück des Films.
»Wie nähere ich mich meinem Gegenstand?«, fragt Heise auf der Web-Seite der Akademie der bildenden Künste Wien, wo er seit Herbst 2013 als Nachfolger von dem anderen großen deutschen, 2014 verstorbenen Filmessayisten, Harun Farocki, lehrt. Die Antwort beschreibt seine Arbeitsweise als Dokumentarfilmemachers und gibt auch Auskunft darüber, wie er vermutlich damit umgegangen ist, in »Heimat« selbst »Gegenstand« seiner Arbeit zu sein: »Aufmerksamkeit, Beobachtung, Annäherung, wache Bescheidenheit. Und bei aller damit verbundenen Emotionalität heißt es, um mit Brecht zu sprechen, dabei kalt zu denken, scharf. Film heißt zuallererst Sehen lernen.«
In einem Gesprächsprotokoll zwischen Wolfgang Heise und Heiner Müller, das ebenfalls in »Heimat« zu hören ist, antwortet letzterer auf die Frage, ob mit einem »Verstärken von Subjektivität zugleich eine verstärkte Objektivität erfasst« sei, dass »man von sich selber reden (muss), damit man angehört wird«. Das Verletzbarwerden, dass dieses »Ich«-Sagen mit sich bringt, ist auch in seinem Film ein Versuch, »brüchiger« zu werden, weil der Mensch bis heute zu viel aushält, erklärt Heise: »Es war eine ganz merkwürdige Erfahrung ich zu sagen, wie nie vorher.«
Eine der bewegendsten Passagen von »Heimat ist ein Raum aus Zeit« ist die, in der Heise die Briefe der Familie seiner Großmutter Edith Hirschhorn verliest. »Wenn wir nur schon Koffer hätten«, heißt es an einer Stelle in diesem Briefwechsel über die herannahende Deportation der jüdischen Familie aus Wien in die Vernichtungslager nach Polen, ein Satz, der ihn »umgehauen« habe. In ihm drücke sich, so Heise im Gespräch mit M&R, der »Versuch aus, alles das, was von einem erwartet oder verlangt wurde, ordentlich zu erfüllen«. Dass die Hirschhorns in den Briefen an die Berliner Verwandtschaft eine Flucht nicht einmal erwogen hätten, weise auf die Grenzen dessen, was man für möglich hielt. »Die Briefe richten sich gegen nichts und niemanden«, so Heise, »sie beschreiben, zunehmend vorsichtiger, auch ratloser, was geschieht. Die, die geschrieben haben, nehmen ihr Schicksal an, tun nichts, um dem zu entgehen. Es war ihnen nicht vorstellbar.« Heise lässt zu den Briefstellen die Deportationslisten der jüdischen Bewohner Wiens endlos lang über den Bildschirm fließen, die Stellen, an denen die Hirschhorns aufgeführt werden, sind markiert. Am Ende der Passage setzt Heise ein Black, in das hinein das strammbeinige Nazi-Revue-Starlet Marika Rökk ihre Durchhalte-Botschaft trällert: »Schau nicht hin, schau nicht her, Schau nur grade aus, Und was dann noch kommt, Mach dir nichts daraus.«
Mit »Heimat« setzt Heise aber vor allem seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR fort, die er spätestens 2009 mit dem Film »Material« begonnen hat: »Irgendwann ist mir aufgefallen, wie wütend ich bin. Nicht verbittert, wütend«, erklärt er im Gespräch mit M&R. Wütend darüber, dass die »die eigentliche Sensation«, nämlich die »Erfahrung, dass ein Volk auf der Straße sich zum Souverän erklärt«, zur »Revolution, deren Ziel der Mauerfall und Anschluss oder Beitritt zur Bundesrepublik gewesen sein soll«, umgedeutet wurde. Und für Heise ist die deutsch-deutsche Geschichte nicht beendet: »›Wir sind die Sieger der Geschichte‹ konnte man als Parole auf Transparenten in der DDR lesen. Daran ist die DDR zugrunde gegangen und die Bundesrepublik wird eine so grundsätzliche Fehleinschätzung auf Dauer auch nicht überleben«.
Heises Mutter schreibt nach der sogenannten »Wende« in einem Brief an Christa Wolf von der »immer perfekteren Schizophrenie«, in die man sich zuletzt durch die inneren Widersprüche der DDR hineinmanövriert habe. Sie frage sich, »ob es sinnvoll wäre, dieses Knäuel einmal aufzudröseln«. Sein Film sei, so Heise, »Teil dieser Aufdröselung«.
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