Roland Kayn

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Die analoge Revolution 

Über Roland Kayns »Simultan«, Cybersyn und das Versprechen der Kybernetik

Die Musik von Roland Kayn spottet jeglicher Metaphorik. Nichts darin ist vertraut, nichts versöhnlich. Sie wirkt auf den Hörer fremd, ja verstörend. In ihr kündigt sich eine Zukunft an, in der die Grenze zwischen Mensch und Maschine aufgehoben ist. Sein über zweistündiges Werk »Simultan« (1970-72), das 2018 auf dem Mailänder Label Die Schachtel in einer prächtigen Box mit ausführlichen Linernotes wiederveröffentlicht wurde, muss man sich als eine revolutionäre Musik vorstellen.

Der deutsch-niederländische Komponist Roland Kayn (1933-2011) produzierte vor fünfzig Jahren kybernetische Musik. Als Metawissenschaft von selbstregulatorischen Prozessen untersuchte die Kybernetik seit Ende der 1940er-Jahre biologische, soziologische und physikalische Wechselwirkungen und leitete daraus zunächst Ideen für wirtschaftliche und elektronische Systeme ab. Ende der Sechziger-Jahre fand dann im Zuge der politisch-sozialen Revolutionen auch ein technologisch-ästhetischer Paradigmenwechsel statt: das kybernetische Denken ergriff alle gesellschaftlichen Felder.

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Kayn gehörte zu den Pionieren, die die Kybernetik auf das Feld der musikalischen Komposition übertrugen. Er hatte die Wissenschaft von der »Kunst des Steuerns« bereits in den Fünfzigern während seines Studiums bei Max Bense als interdisziplinäres Arbeitsfeld zwischen Technologie und Kunst kennengelernt, bevor er 1964 in Rom gemeinsam mit Franco Evangelisti die Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza gründete. Das Kollektiv, zu dem zeitweilig auch Ennio Morricone gehörte, verfolgte die utopische Idee einer ‚spontanen Komposition’. Für Evangelisti war dies die »Fähigkeit des Anhörens der eigenen Fehler und der Fehler der anderen und in der unmittelbaren Reaktion, sich entsprechend zu korrigieren, also in der Verteilung der individuellen Energie im Dienste der gemeinsamen Idee.« Diese »Azioni-Reazioni«-Kopplung entwickelte Kayn in seiner elektronischen Musik mit dem Ziel weiter, »die organischen und automatischen Kontrollprozesse in direkten Kontakt miteinander (zu) setzen«.

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Die Steuerungsutopie der Kybernetiker beflügelte auch Salvador Allendes Sozialisten. Von 1971 bis 1973 arbeitete ein transnationales Team an dem Projekt Cybersyn – die technologische Umsetzung des »chilenischen Weges zum Sozialismus«. Die »wichtigsten Industrien unter staatliche Kontrolle zu bringen, forderte«, so Eden Medina in ihrem Buch »Cybernetic Revolutionairies«, »die Management-Kapazitäten der Allende-Administration heraus«. Der britische Wissenschaftler Stafford Beer organisierte hierfür eine dezentrale und offene Netzwerk-Architektur, in der Produktionsdaten mit statistischen Programmen in Echtzeit ausgewertet und Mechanismen zur Arbeiter-Partizipation integriert werden sollten. Beer entwarf zudem (allerdings weitaus weniger erfolgversprechende) Ideen, wie sich Marx’ Klassenkampf in kybernetische Gesellschafts-Modelle übersetzen ließ. Der CIA-gestützte Pinochet-Putsch bereitete dem historischen Projekt ein gewaltsames Ende, noch bevor es sich beweisen konnte.

In dem Moment des Unbestimmten, das sowohl Cybersyn als auch die Arbeiten Kayns auszeichnete, schlummert ein Versprechen. Für Bruno Stucchi vom Label Die Schachtel liegt in diesem Moment, das sich nicht in das digitale Dispositiv integrieren lässt, ein revolutionäres Potenzial: »Man kann leicht eine Parallele zwischen dem Konzept der intrinsischen, aber generativen Unvollkommenheit des Analogen bei Kayn und der fortschrittlichsten KI-Forschung ziehen. Letztere hat begonnen, die Einführung der Unbestimmtheit als Schlüsselelement für die Generierung von Selbstbewusstsein einer selbstlernenden und empfindungsfähigen Maschine zu postulieren«. Die Komplexität von Kayns Musik entsteht aus einer emanzipativen Ordnung, die auf die Umwelt reagiert. In dieser Offenheit lag für Kayn das kybernetische Versprechen: »Je mehr er (der Komponist, d.A.) bereit ist, sich nicht festzulegen, umso mehr kann es ihm gelingen, in die Tiefe des Unbekannten vorzudringen.«

Erschienen in: Melodie & Rhythmus 01/2019.

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