SCHWABINGGRAD BALLETT

»Vielleicht zahlt ihr erstmal eure Nazischulden?«

Das Schwabinggrad Ballett nimmt nach der Austeritäts- die Flüchtlingspolitik aufs Korn

»Vielleicht zahlt ihr erstmal eure Nazischulden?« Die Empfehlung, die die Aktivisten des Schwabinggrad Balletts angesichts der Austeritätspolitik der Troika in Athen formulierte, wollte der deutsche Botschafter nicht persönlich entgegennehmen. Dafür warfen die Aktivisten ein Ei gegen das hoheitliche Botschaftsschild. Seit 1999 sind die Balletteusen, die sich nach der größten Niederlage der Nazis und den »Schwabinger Krawallen« benannt haben, nun unterwegs und machen Agitprop – als offenes Kollektiv auch zusammen mit Betroffenen.

Nach Griechenland und den Esso-Häusern in Hamburg liegt zurzeit die Arbeit mit Geflüchteten im Fokus, seit einigen Jahren kooperiert man konkret mit in Hamburg lebenden Flüchtlingen. Was bedeutet die Willkommenskultur heute? Asyl? Duldung? Oder zusammen leben? Wie kann so was aussehen? Gibt es da nicht Sprachbarrieren, Mentalitäts- und Kulturunterschiede? Die aus der Migrantinnengruppe »Lampedusa in Hamburg« hervorgegangene Gruppe Arrivati, mit der das Kollektiv nun das Album »Beyond Welcome!« herausgebracht hat, kämpft für Arbeitserlaubnis, Bleiberecht und Unterkunft.

Ted Gaier, Gründungsmitglied des Balletts und Teil der Goldenen Zitronen, betont, dass es ihm bei der Kooperation um eine Arbeit auf Augenhöhe geht, abseits der »Refugee-Industrie, wo eigentlich nur prekarisierte, mitteleuropäische Kunstschaffende verdienen«. Entsprechend geht es bei dem Kollektiv nicht um den künstlerischen Ausweis oder Rentenflickerei sondern um das gemeinsame Arbeiten und die politische Botschaft. Gaier steuert Riddims von Stücken der Zitronen bei und besorgt die Produktion, Bandkollege Meense Reents hat auch seine Finger mit im Spiel. Das Ergebnis lässt sich hören, der Zitronenkosmos ist ja seit jeher offen für afrikanische Polyrhythmik und Agitation. Und weil der Musik selbst ein ästhetischer Stachel eingepflanzt ist – sie ist weder cool noch sexy – ist sie wirklich subversiv (und tanzbar!). »Beyond Welcome!« stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit und hat auch ein paar Antworten im Gepäck.

In umgearbeiteter Fassung erschienen in: Stadtrevue 03/2017.