Reihe M

Konzertankündigungen zur reiheM in der Kölner Stadtrevue:

7.11.2015, reiheM: Anthony Moore & The Missing Present Band, Stadtgarten

Anthony Moore war vor seiner Berufung 1996 zum Professor für Sound an der KHM und seiner Emeritierung Anfang 2015 ein Avantgardist mit wirrer Frisur. Zusammen mit seiner späteren Ehefrau Dagmar Krause und Peter Blegvad gründete er in Hamburg 1972 die »Naiv«-Avant-Band Slapp Happy, die mit der Unterstützung der Krautrocker von Faust einige Alben einspielte bevor sie mit der britischen Artrockband Henry Cow um Fred Frith fusionierte. Darauf folgten verstärkt Soloarbeiten, bei denen er u.a. mit Leuten aus der Canterbury-Szene wie Kevin Ayers (u.a. Soft Machine) und Andy Summers (The Police; 1968 kurze Zeit bei Soft Machine) zusammenarbeitete. Als Produzent hat er das Debüt von This Heat zu verantworten. In seiner aktuellen Arbeit widmet er sich den Hunden, die mit sowjetischen Raumkapseln in den Weltraum geschossen wurden. Bon Voyage!

 

11.2.2016, reiheM: Yann Leguay / Thomas Lehn, Stadtgarten

Sie folgen der Disziplin der Fehlerästhetik, der Missbrauch von Medien, Instrumenten und Technologien ist ihre Arbeitsweise. Der Brüsseler Klangkünstler Yann Leguay ist ein »Mediensaboteur«, der schon mal eine 7“-Single ohne Mittelloch veröffentlicht, Mikrophone mit Winkelschleifern oder Schallplatten mit dem Skalpell bearbeitet. Live arbeitet Leguay mit selbst gebauten Hybrid-Instrumenten, die u.a. aus Computerhardware, Tonabnehmern von Plattenspieler und anderen Wandlern bestehen. Der Kölner Jazz-Improv-Neue-Musik-Veteran Thomas Lehn arbeitet bereits seit den 1980er-Jahren mit Analog-Synthesizern auf Improvisationsbasis und kollaborierte dabei mit der Crème der internationalen Szene, etwa mit John Tilbury, Han Bennink und Keith Rowe. Zur Zeit von ihm bevorzugtes Instrument ist der legendäre EMS Synthi-A, u.a. bekannt von Pink Floyds Pompeji-Konzert.

 

4.3.2016, reiheM: Pop HD, Seine Augen trinken a, Gewölbe

Uwe Schmidt ist eine Schlüsselfigur der bundesrepublikanischen Techno-Szene. Die De:Bug nannte ihn den »Martin Luther des Techno« und bekannte, dass sein Werk das »Urstromtal unserer Ideen von übermorgen« sei. Von Lassigue Bendthaus´ »Inure« aus dem Jahr 1988 über »One Atomsecond« von 1994 und seine als Señor Coconut 1999 produzierten Latin-Fassungen von Kraftwerk-Stücken bis zu seinem Zugriff auf die Musikgeschichte – der Mann hat mit EBM, Ambient, IDM und dem heutigen Eklektizismus (fast) alle Entwicklungsphasen des Techno mitgemacht und sie dabei maßgeblich beeinflusst. Am heutigen Abend wird er dem Vernehmen nach Stücke von Kraftwerk, Prince und The Who in seinen Soundkosmos integrieren, immer auf der Suche nach dem nächsten »Quantensprung«. Flankiert wird er von Sven Hahne und Detlef Weinrich (Kreidler).

 

18.4.2016, reiheM: Kassel Jaeger, Emeka Ogboh, Repetition/Distract (Stadtgarten)

Mit dem Mikrofon lauscht er verlassenen Geisterstädten, knarzenden Schaukelstühlen in Davos oder archaischen Instrumenten ihre akustische Ontologie ab und tritt mit den Orten und Objekten in einen Dialog. Für den franko-schweizerische Komponisten Kassel Jaeger ist die Herkunft seines Klangmaterials ausschlaggebend. Der in Paris lebende Komponist und elektroakustische Musiker mit dem bürgerlichen Namen François Bonnet ist nicht ohne Grund Mitglied des GRM, des von Pierre Schaeffer gegründeten Instituts für elektroakustische Musik. Jaegers Arbeiten sind sonische Geräuschetüden, die die Intersektionen von Field Recordings, instrumenteller Improvisation und digitale Verarbeitung untersuchen. Er veröffentlicht u.a. bei Editions Mego. Ebenfalls spannend verspricht das Konzert von dem nigerianischen Künstler Emeka Ogboh zu werden. Er hat die Megacity Lagos in Musique concrète verwandelt.

 

9.6.2016, reiheM: James Tenney, Ulrich Krieger, Kunststation St.Peter

Man stelle sich vor, der Heilige Geist des Free Jazz, Albert Ayler, hätte zusammen mit dem Dreamhouse-Spiritisten LaMonte Young ein Stück eingespielt. Die Komposition »Saxony« von James Tenney ist spiritueller Drone von pulsierender Intensität und verbindet Aylersches Spiel mit stehenden Tönen. Tenney (1934-2006) gehört zu den sogenannten »Maverick Composers«, studierte bei John Cage und Edgar Varèse Komposition und war Pionier auf dem Gebiet der elektronischen und der Computer-Musik. Das Stück »Saxony« ist wie geschaffen für den Avant-Saxophonisten Ulrich Krieger. Dieser hat tatsächlich mit LaMonte Young gearbeitet, aber auch mit Merzbow oder Lee Ranaldo von Sonic Youth. Krieger (Jahrgang 1962) hat sich früh mit den Hausheiligen der Moderne Schönberg, Xenakis, Nono und Stockhausen auseinandergesetzt, fand aber in New York über Phill Niblock zum Drone-Minimalismus.

 

9.9.2016, reiheM: Elektronische Musik aus Mailand, Museum für Ostasiatische Kunst

Mailand ist nicht nur Geburtsort des Futurismus sondern auch Italiens Hauptstadt der elektronischen Musik. 1954/55 entstand Kölner Vorbild das Studio di fonologia musicale di Radio Milano. Mit der Jahrtausendwende setzte dann die Musealisierung der Pioniere ein, eine technosozialisierte Generation forschte nach ihren Wurzeln. 2003 gründete Fabio Carboni ein Label, um frühe elektronische Musik italienischer Komponisten zugänglich zu machen. Er wird einen einführenden Vortrag halten. Live treten Jennifer Veillerobe und Bellows auf: die deutsch-französische Klangkünstlerin Veillerobe soll maßgeblich von Eliane Radigue beeinflusst sein, Guiseppe Ielasi und Nicola Ratti aka Bellows gelten als das Bindeglied zwischen Wolfgang Voigts Gas und Philip »Loophole« Jeck.

 

13.10.2016, reiheM: David Grubbs, Loft

Mit seinen Bands Bastro und Gastr del Sol hat er Musikgeschichte geschrieben. David Grubbs ist einer der wichtigsten Figuren eines Genres, das Ende der Achtziger einen Ausweg aus der künstlerischen Sackgasse suchte, in die sich Rockmusik manövriert hatte. Ein Zentrum des Postrock, dieser Wiedergeburt der Rockmusik unter anderen Vorzeichen, war Chicago, wohin Grubbs zu dieser Zeit zog. Inspiration zog er aus Improvisierter und Neuer Musik, aus Jazz und dem Postpunk der vorigen Dekade. Zwischen kopflastiger Kammermusik und leichtfüßigen Songs bewegt sich seither Grubbs´ Soloarbeit, es gibt heute wenig Gitarrenmusik die derart berührt. Kein Wunder, bringt doch Grubbs einige der besten Musiken des 20. Jahrhunderts auf einen unspektakulären Nenner: das Einfache im Komplexen und das Komplexe im Einfachen finden. Heute wird er neben einem Akustikkonzert sein neues Buch über John Cage vorstellen.

 

29.4.2017, reiheM: G*Park, Eric Cordier, Stadtgarten

Im Dunkeln steht der Mann mit Höhlenstirnlampe hinter seinem Gerätepark, durch den Raum zucken Krachkaskaden. Marc Zeier alias G*Park mag den dramatischen Auftritt. Er ist seit den frühen Achtzigern unterwegs und entstammt der Kassetten-Industrial-Szene. Seine Spielfelder sind Musique Concrète, Noise und Ambient, er arbeitet klassisch mit dem Taperecorder, die Soundaufnahmen werden im Studio nachbearbeitet. Zeier war auch Teil der Obskurantisten der Schimpfluch-Gruppe, zu dessen Dunstkreis Merzbow und Masonna gehören. Der Bretone Eric Cordier macht Musiques brutes. Ausgangsmaterial für seine kosmisch-spiritualistischen Stücke sind Aufnahmen von Reisfeldern in Honshu oder aus einem Straflager in Französisch-Guayana. Er arbeitet mit selbstgebauten Apparaturen und Effektgeräten, seine Sound-Installationen versteht er als sonische Protestformen.

 

8.5.2017, reiheM: Telebossa und Simon Nabatov, Loft

Unlängst wurde der brasilianische Exil-Schweizer Komponist Walter Smetak durch das Frankfurter Ensemble Modern wiederentdeckt. Smetak wirkte in den 1950er- und 60er-Jahren im Tropicália-Epizentrum Salvador de Bahia und beeinflusste dort Caetano Veloso und Gilberto Gil. In Köln nimmt nun die reihe M die brasilianische Pop-Avantgarde in den Fokus. Der russisch-amerikanische Pianist und Wahl-Kölner Simon Nabatov bezeichnet Brasilien als »seine imaginative Heimat« und arbeitet sich seit Jahren an den großen Samba- und Tropicalismo-Künstlern ab, dekonstruiert die brasilianische Musik ohne sie ihrer federnden Leichtigkeit zu berauben. Telebossa sind Nicolas Bussmann (Piano-Roboter, Elektronik) und Chico Melle (Klarinette, Gesang). Das Berliner Duo verarbeitet brasilianische Lieder des frühen 20. Jahrhunderts zu minimalistischen, elektroakustischen Kompositionen.

 

7.6.2017, reiheM: Spoken Sounds, Stadtgarten

Chris Mann nennt sich selbst einen »kompositionellen Linguisten«. Der Sohn jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland ist tatsächlich studierter Sprachwissenschaftler, war sogar zeitweilig Koordinator für ein UNESCO-Projekt über akustische Grammatik. Der in New York lebende Australier hat seit Beginn der Neunziger lautpoetische und experimentelle Kompositionen veröffentlicht und Werke von u.a. John Cage und der großartigen neuseeländischen Komponistin Annea Lockwood aufgeführt. Er hat zudem mit illustren Leuten wie Anthony Coleman, Mark Stewart (nicht der von der Pop Group, sondern von Bang On A Can), Christian Marclay und Christian Wolff zusammengearbeitet. Seine Performance kommt nicht ohne eine gehörige Portion Humor aus, wer mag kann sich vorab davon auf seiner verwirrend-schönen Homepage theuse.info überzeugen.

 

17.10.2017, reiheM: Meinecke & Move D, Gewölbe

Thomas Meinecke ist so etwas wie der Ethnograph des Black Atlantic. Seit Jahren zeichnet der Musiker (F.S.K.) und Schriftsteller (zuletzt der Roman »Selbst«) in seinem mäandernden Werk die Wege der Musik der afrikanischen Diaspora nach, in letzter Zeit besonders als Protegé des Chicago-House-Genres Footwork. Meinecke ist an den Mikrogeschichten interessiert, in denen sich die großen historischen Erzählungen kristallisieren. Mit seinem Langzeitkollaborateur, dem House-Produzenten und DJ David Moufang aka Move D, produzierte er 2015 für den Bayerischen Rundfunk das Hörspiel »On the map«. Das Hörspiel mit dem sonoren Meinecke-Sound ist ein musikalisches Porträt der Städte St. Louis, Chicago, L.A. und Houston, es geht also um Orte und Geschichten der amerikanischen Clubmusik. Heute führen die beiden das Hörspiel im Club auf, ein seltener Fall von Popkulturgeschichtsschreibung am Ort des Geschehens.

 

24.11.2017, reiheM: Club Moral / Vomit Heat

»Mit neuen Waffen« hieß das erste Album von Club Moral. 1982 in Belgien sicherlich keine zimperliche Geste. Passend die Musik: Tiroler Volksmusik meets Power Electronics. Dazu wird das »R« gerollt und allerlei Kannibalisches kundgetan. Die 1981 von Anne-Mie van Kerckhoven und Danny Devos in Antwerpen gegründete Industrialband steht auf Konfrontation und Provokation. Ihr gleichnamiges Label, auf dem Genrevorreiter wie Nurse with Wound und Whitehouse veröffentlicht wurden, stieß ins selbe Horn. Die dumpf »Für Ilse Koch« betitelte Labelkompilation versammelte Heinrich Himmler, Charles Manson und Aleister Crowley. Mittlerweile sind Devos und Kerckhoven Teil der Kunstszene, 2016 hatte letztere eine Ausstellung im Museum Abteiberg in Aachen. Vomit Heat ist der Wahlkölner Nils Herzogenrath. Der Multiinstrumentalist macht seit 2009 experimentelle und »dysfunktionelle Popmusik«.