Gewaltsam Gegenwärtig
Es war ein langer Weg in den Olymp, denn Kompromisse waren seine Sache nie. Vaterfiguren ließ Pierre Boulez, der dieser Tage seinen 90. Geburtstag feiert, nicht gelten. Eine Ausnahme ist vielleicht Claude Debussy. Nicolas Hodges und Michael Wendeberg begeben sich auf Spurensuche.
Im Jahr 1948 schreibt der dreiundzwanzigjährige Pierre Boulez: »Ich glaube, Musik sollte kollektive Hysterie und Verzauberung sein, gewaltsam gegenwärtig.« Ende der Vierziger arbeitet Boulez als musikalischer Leiter des Théâtre Marigny, interessiert sich für Antonin Artaud und lernt bei Olivier Messiaen und René Leibowitz. Er lehnt Schoenberg ab – später wird er ihn dennoch dirigierend zum Klingen bringen – und bald auch alle anderen Vaterfiguren. Messiaen, einer der Vorreiter der seriellen Methode, und Leibowitz, der in Darmstadt die Zwölftontechnik propagiert, gehen ihm nicht weit genug. Den anarchistischen Impuls und progressiven Drive hat Boulez, bei allen Wandlungen und Widersprüchen, beibehalten. Und der »Robespierre der Musikwelt« erhält bis heute Gegenwind. Noch vor fünf Jahren etwa: als zu seinem 85. Geburtstag angekündigt wurde, er werde die Berliner Philharmoniker dirigieren, gaben viele der Abonnenten ihre Karten zurück.
Beim Geburtstagskonzert kommt seine Klaviermusik zu ihrem Recht und stößt hoffentlich auf offenere Ohren: Boulez erstes serielles Werk, die erste Klaviersonate von 1946, erinnert mit seinem dramatischen Stil und dem Wechsel von langsamen Tempo und plötzlichen Explosionen an Webern. Mit dem emblematischen Structures (1951-52) endet Boulez´ dogmatische serielle Episode: das totalitäre Korsett der Komposition ist ihm bald zu eng. Sehr viel später ersetzt Boulez Webern mit Claude Debussy. Schon seit den Fünfzigern Gegenstand kritischer Auseinandersetzung, hat der als modernistischer Impressionist geltende Komponist für Boulez immer mehr an Bedeutung gewonnen, bis er ihn einer Umdeutung unterzieht und zum eigentlichen Zerstörer der Tradition kührt. Besonders das Spätwerk Debussys liefert hierfür einiges an Argumentationsmaterial, die beiden letzten Klavierzyklen von 1915 sind Boulez »geflochtene« Formen »ohne platzanweisende Hierarchie«. An den radikalen späten Debussy knüpft Boulez mit seinem Stück Incises (1994) an: das erste Soloklavierwerk seit der dritten Sonate von 1957, sei – so eine Spielanweisung – mit »eisernen Händen in Samthandschuhen« zu spielen; nicht nur die nötige Präzision und technische Fertigkeit, die dem Interpreten abverlangt wird, erinnern an Debussys späte hochkomplexe Klavierstücke. Die wirbelnden und aufgefalteten Rhythmen von Incises lassen unter anderem die zwölfte der Debussyschen Ètuden anklingen.
Der britische Pianist und Professor an der Musikhochschule Stuttgart, Nicolas Hodges, und der Pianist und Dirigent Michael Wendeberg, der zeitweilig zum Ensemble Intercontemporain gehörte, sind ausgewiesene Experten für Debussy und Boulez. Sie werden Verbindungslinien und Gegensätze hörbar machen. Boulez, der am 26. März seinen 90. Geburtstag feiert, gehört zu den radikalen Erneuerern der Moderne, fordernd und unnachgiebig. Wenn sich auch die spröde Eleganz seiner Kompositionen dem aufgeschlossenen Hörer unmittelbar erschließt, ist die Komplexität seiner Arbeit und nicht zuletzt der kontroverse Diskurs, der bis heute um seine Musik geführt wird, einer Erläuterung würdig. Das Quartett der Kritiker widmet sich dieser Aufgabe, eine unbedingt zu empfehlende Vorbereitung auf das Geburtstagskonzert: dieses Mal mit Eleonore Büning, Leiterin des Musikressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Max Nyffeler, ehemals Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk und freier Autor, Michael Stegemann, Professor an der TU Dortmund, und Michael Struck-Schloen, WDR-Moderator, allesamt Jurymitglieder des Deutschen Schallplattenpreises.
Ursprünglich veröffentlicht in: Das Magazin der Philharmonie Köln, März/April 2015.
