ON – Neue Musik Köln

Interview mit Manuel Schwiertz (ON – Neue Musik Köln)

Die Förderung von ON – Neue Musik Köln durch den Bund lief zum Jahreswechsel 2011/12 aus. Manuel Schwiertz, Musikwissenschaftler und Labelmacher („blinker – Marke für Rezentes“), ist zur Zeit kommissarischer Geschäftsführer von ON. Zusammen mit Till Kniola, der zu Jahresanfang ans ZKM nach Karlsruhe ging, hat er das Büro von ON besetzt. Hier resümiert er die ersten vier Jahre und gibt einen Ausblick.

Wie startete ON vor vier Jahren?

Bereits in den Jahren 2006/2007 gab es ja die Ausschreibung vom Netzwerk Neue Musik mit dem Fokus auf Vermittlung und auf Initiative des Kulturamtes kamen in Köln überraschend viele Akteure der Neuen Musik an einen Tisch – in Berlin sprach man gar vom „Wunder von Köln“. Da kamen erst mal Fragen auf wie „Was ist eigentlich Neue Musik?“. Till Kniola und ich haben den Begriff dann später recht offen gehandhabt, über den akademischen Gebrauch hinaus in Richtung Improv, Pop, Noise und Jazz, mehr im Sinne zeitgenössischer Musik. Das Projekt war mit der Antragsbewilligung über die ersten vier Jahre finanziell durchgeplant, das war notwendig, aber nicht wirklich flexibel. Zumindest war es in den Jahren 2008 bis 2011 nicht ganz einfach, neue Projektvorschläge oder Initiativen spontan zu integrieren.

Es gab in den vier Jahren mehr als 300 Veranstaltungen. Mit der Konzertreihe „Schlüsselwerke der Neuen Musik“ habt ihr z.B. frischen Wind in die Vermittlung Neuer Musik gebracht.

Diese Konzertreihe ist verschiedenartig bewertet worden. Ich persönlich finde, dass die Schlüsselwerksidee z.B. erstmal ein schönes Instrument für Neulinge ist, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aus dem Studium weiß ich noch, wie schwierig es ist, sich da zu orientieren. In der Reihe konnten Ensembles jährlich Anträge für Programme mit einem Werk aus der Schlüsselwerksliste stellen. Neben etablierten wirkten zunehmend junge Ensembles mit. Zum Beispiel hat das Ensemble Garage seine ersten Konzerte im Rahmen von ON gemacht, die spielen demnächst beim Auftakt der Donaueschinger Musiktage. Oder auch das Ensemble Handwerk. Die haben dieses Jahr in Witten im Rahmenprogramm gespielt. Da ist ein frischer Nachwuchs, der meint es ernst. Das ist sehr erfreulich. Sowohl Entwicklungen an der Hochschule und in der freien Szene als auch ON haben hier ihren Anteil.

Welche anderen Projekte würdest du als besonders geglückt nennen wollen?

Da greife ich zwei stellvertretend für viele heraus: ich will mal das Regionalkantorat als Beispiel nennen, also einen Vertreter der katholischen Kirchenmusik in Köln. Das Kantorat hat mit einem Projekt eine sehr schöne Reihe unter Einbeziehung von Laienmusikern etabliert. Hier wurden Beteiligte und Publikum überzeugend an Elemente Neuer Musik herangeführt Erfolgreich waren auch die Kooperationen von ON. Neben schönen Projekten mit der Kunst-Station Sankt Peter haben wir sehr gut in den letzten zwei Jahren mit dem Museum Ludwig zusammengearbeitet. Da hatten wir zum Beispiel einen tollen Abend mit Marcus Schmickler und der italienischen Cembalistin Giovanna Tricarico vor einem großen Publikum.

Um an die reiche musikgeschichtliche Vergangenheit Kölns anzuknüpfen, gibt es schon seit langem die Idee eines Zentrums für Neue Musik in der Stadt. 2011 gab es im Rahmen von ON zu diesem Thema eine Tagung.

Sogar im Fördervertrag stand der Begriff des Zentrums. Das ist dort als erwünschte Bestrebung genannt. Die Idee, die es ja, wie du sagst, schon länger in Köln gibt, wurde dann auch von ON verfolgt, ganz konkret in Überlegungen zu möglichen Orten beispielsweise. Und ja, im Jahr 2011 gab es die Tagung „musik prospektiv“ mit Fachleuten wie Johannes Goebel, Direktor vom EMPAC und vorher am ZKM, die ihre Erfahrungen mitteilten.

Das Fördervolumen vom Netzwerk war bundesweit über die vier Jahre 24 Millionen €. Die Stadt Köln fördert ON zur Zeit im Jahr mit 150.000 €. Die Zahlen stehen in einem eher schrägen Verhältnis zu der von dir genannten Institution: Wenn du vom EMPAC sprichst, einem Zentrum für experimentelle Medien und Darstellende Künste im Staat New York, das durch eine private Spende von über 40 Millionen $ ermöglicht wurde, dann stellt sich die Frage, in welcher Größenordnung man in Köln über so ein Zentrum nachdenkt.

In solchen Größenordnungen wird auf kurze Sicht momentan nicht gedacht. Vielmehr stellt sich die Frage: Braucht ein Zentrum überhaupt einen solchen festen Ort? Man braucht einen festen Ort, wenn man Produktion und Vermittlung institutionell verankern und hier große außergewöhnliche Konzerte und Musiktheaterproduktionen hinholen will. Die lassen ja auf dem Weg von Amsterdam nach Berlin Köln bislang gezwungenermaßen aus. Wir denken als ON zur Zeit vorerst über ein virtuelles Zentrum nach, das – weiterhin mit einem Büro als Anlaufstelle – Konzerte und Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten in der Stadt organisiert. Ein großes Haus mit internationaler Ausrichtung wird stark von den verschiedensten Interessen bestimmt. Unser derzeitiges Ziel liegt darin, dem lokalen Künstler Entfaltungsmöglichkeiten zu geben und in Austausch mit internationalen Künstlern zu bringen. Beispielsweise richten wir gerade Mikrostipendien ein, bei denen man Leuten kurze Aufenthalte in der Stadt ermöglicht, und diese einen Input mitbringen, egal ob in Form von Konzerten, Workshops oder ähnlichem. Till und ich haben auch über ein eingebundenes nettes Café oder einen kleinen Plattenladen als Orte des Austauschs nachgedacht. Allerdings ist die Realisierung eines solchen Zentrums auch in dieser Größe eher nur längerfristig denkbar.

Wie sieht es denn mit der finanziellen Sicherung und der inhaltlichen Ausrichtung von ON in der nächsten Zukunft aus?

Wir arbeiten im Moment an der weiteren finanziellen Basisförderung durch die Stadt. Und wir haben viele erfolgreiche Förderanträge gestellt und tun dies natürlich auch weiterhin. Die Vermittlung bleibt ein wichtiges Thema. In Zukunft wollen wir aber dem genuin künstlerischen Bereich mehr Gewicht geben und die Netzwerkarbeit weiter ausweiten. Durch die neue Reihe „Plattform für künstlerische Produktion“ ermöglichen wir mit offenen Ausschreibungen verstärkt unkonventionelle Produktions- und Konzertideen. Und wir suchen ungewöhnliche Orte: Nach der Auftaktveranstaltung im Kunstverein veranstalten wir in diesem Jahr ein Konzert in den Jack-in-the-Box-Hallen und eines soll in einer Galerie im Belgischen stattfinden. Im nächsten Jahr wollen wir gerne der Idee des Austauschs folgend Doppel-Konzerte mit internationalen und nationalen Künstlern machen. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass sich in Köln etwas bewegt.

Veröffentlicht in: Stadtrevue Oktober 2012.