MOOR MOTHER

Moor x Jewelry. Crime Waves

Don Giovanni Records

Taugt Black Music noch zur schwarzen Emanzipationserzählung? Zugegeben eine alte Diskussion mit vielen Varianten. Eine fokussiert den Umstand, dass die weiße Hegemonialmacht der Musik des Black Atlantic mittels kultureller Aneignung jeden emanzipatorischen Impuls in kürzester Zeit austreibt. Die Geschichte der Wigger (“Wannabe Nigger“) und Hipster ist tatsächlich lang; man schaue sich nur den 1959 gedrehten Film »Cry of Jazz« an: Auf dem Höhepunkt des klassisch gewordenen Modern Jazz, nach Jahrzehnten der Appropriation durch swingin kids und white negroes, sagt er den Jazz tot (natürlich ist Sun Ra dabei!). Auch nach fast 60 Jahren noch ein Punch in die Colorblindness weißer Akademikerkinder.

Mit Hiphop und R’n’B – so sieht es Camae Ayewa – verhält es sich heute ähnlich. Es scheint fast, als hielte es Ayewa aka Moor Mother auch in dieser Hinsicht mit ihrem Säulenheiligen Marcus Garvey, dem Gründer der Universal Negro Improvement Association (Unia), dem »offene Feinde der Schwarzen lieber« waren »als vermeintliche Freunde«. Für die Afrofuturistin, Dichterin und Musikerin aus Philadelphia ist der politische Habitus etwa einer Beyoncé vermutlich nichts als fun in einem fortbestehenden Apartheid-System. Allein der Name Moor Mother gibt Stoff für Seminararbeiten in Gender- oder Postcolonial Studies, Stichworte: subversive Affirmation und The Republic of New Afrika.

Ihr letztjähriges, von „Wire“ bis „Rolling Stone“ gefeiertes Debüt »Fetish Bones« ist genau eines nicht: schwarzer HipHop. Ähnlich wie Dean Blunt oder Death Grips eignet sich Moor Mother weiße Subkultur an und baut so an einer neuen Protestmusik: ein Hybrid aus Beats, Noise und Power Electronics, unversöhnlich, anstrengend, geradezu brechtisch. Über diese aversive Musik brüllt und flüstert Ayewa ihre dystopischen Gedichte, in denen sie sich mit der Leidensgeschichte der afrikanischen Diaspora identifiziert.

Nun hat sie die EP Moor x Jewelry. Crime Waves rausgebracht, auf der der alptraumeske Noise des Debüts zugunsten von Black-Music-Derivaten zurücktritt. Ayewas Kollaborateur Mental Jewelry, der mit dem famosen Queer-Rapper Abdu Ali aus Baltimore gearbeitet hat, mischt Dub, Jungle und Grime drunter. Offenbar gilt es nun, die Blackness der schwarzen Protestmusik zurückzuerobern. Moor Mother scheint zumindest die Dialektik von Frantz Fanons Schlüsselwerk Black Skin, White Masks verstanden zu haben.

Erstmals erschienen in: Konkret 8/2017.

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Konzertankündigung in Stadtrevue 7/2017:

Stadtrevue präsentiert: 7.7. Moor Mother, Garage der Deutzer Brücke, Köln

Hier ist nichts ok, das ist vom ersten Ton klar. Die »Mohr-Mutter-Göttin« Camea Ayewa aus Philadelphia sieht das Apartheidsystem in den U.S.A. noch nicht abgeschafft und gießt ihre grimmigen Botschaften in eine unversöhnliche Musik, die mit Erwartungen bricht. Hiphop, einst bevorzugte afroamerikanische Emanzipationserzählung, ist das hier nur entfernt. Eher Noise und Industrial. Das konventionelle Appropriations-Verhältnis – Weiße eignen sich schwarze Subkultur an – wird umgekehrt. Die Dichterin und Musikerin ist seit 2012 aktiv im Kampf gegen Rassismus und Sexismus, es geht der am Intersektionellen Feminismus geschulten Künstlerin insbesonders um die Diskriminierung von schwarzen Frauen. Ihr letztjähriges Debüt »Fetish Bones« wurde nicht nur vom Wire sondern auch vom Rolling Stone gefeiert. Bleibt die Frage, ob dieser übergreifende Erfolg dem Projekt den Stachel zieht. Wenn die Kritisierten Beifall klatschen und sich dabei auf der richtigen Seite wähnen, dann ist man zumindest mitten drin im Widerspruch.