»I don´t see the fire«
Bei der Konferenz »Digging the Global South« wird mit Panels und Konzerten die Situation im sogenannten Globalen Süden befragt, der seit geraumer Zeit die »Realitätsreserve« für den leergelaufenen Kulturbetrieb der wohlhabenden Nationen liefere. So die Prämisse des Festivalmachers Thomas Gläßer. Für Mahmoud Refat, Panelteilnehmer und Pate der Kairoer Szene, stehen die Musiker überall auf der Welt ungefähr den gleichen Problemen gegenüber.
Mahmoud Refat ist ein viel beschäftigter Mann. Der ägyptische Musiker spielte gerade mit Islam Chipsy auf Norwegens wichtigstem Festival für elektronische Pop-Musik Insomnia, danach geht es weiter nach England, in die Schweiz und die Niederlande. Islam Chipsy & E.E.K., so der komplette Name der angesagten Electro-Shaabi-Kombo, eilt der Ruf voraus, ein elektrisiertes Publikum zu hinterlassen. Nicht ohne Grund nennt man die Musik, die sie spielen, auch Mahraganat, was so viel wie »Festival« oder »Feier« bedeutet. Ursprünglich spielte man sie auf arabischen Hochzeiten, seit einigen Jahren wird die in Ägypten extrem populäre Straßenmusik aus der 20-Millionen-Metropole Kairo aber auch gern im Westen gebucht. Ob dieses Jahr in Brooklyn beim Redbull-Festival oder Ende 2016 im Café Oto, der derzeit wichtigsten Londoner Avantpop-Venue – die Konzertnachlesen überschlagen sich in ihrem begeisterten Tonfall.
Zwischendurch nimmt Refat, der nebenbei auch noch als Labelchef (100Copies), Produzent und Impresario der subkulturellen Kairoer Szene agiert, an der Kölner »Digging the Global South«-Konferenz teil. Es geht um die Produktionsbedingungen im Globalen Süden, um kulturelle Aneignung und Exotismus. Refat, der solo und mit Bands wie Bikya selbst für die ägyptische Subkultur wegweisende Alben eingespielt und zahlreiche Künstler produziert hat, macht am Anfang des Telefonats klar, dass die Musiker in Ägypten den gleichen Problemen wie ihre Kollegen anderswo auf der Welt gegenüberstünden: »In Ägypten lädt sich niemand für Geld Musik bei iTunes herunter, niemand bezahlt für Musiksoftware. Es wird geteilt, gehackt und gecrackt«. Das sei in Ägypten vielleicht noch einmal deutlicher so, unterscheide sich aber nicht wesentlich von westlichen Märkten. Und das der globalisierte Markt mit seinem Hunger nach neuen, exotischen Sounds die Musiker auf ihre regionale Wurzeln zurückwirft (Stichwort: Electro Shaabi), findet er nicht weiter problematisch. Die große Technoszene in Kairo etwa, so Refat, würde sich eben nicht weiter von der in einer europäischen Großstadt unterscheiden, deswegen wären die ägyptischen DJs auch nicht international gefragt.
Refat wirkt etwas müde, spricht man ihn auf die politische Situation in Ägypten an. Seit Jahren muss er Fragen von ausländischen Journalisten nach Auswirkungen der Revolution auf die Subkultur Kairos beantworten. Seine Antwort ist kurz: es gibt keine. Die Underground-Szene in Kairo bestehe, so Refat, mindestens seit Ende der Neunziger; das einzige, was sich seit 2011 verändert habe, sei die Aufmerksamkeit, die der Westen der Subkultur im Nahen Osten seither schenke. Und auch das Bild, das vornehmlich in westlichen Medien vom gegenwärtigen Ägypten gezeichnet wird – das eines repressiven Militär-Regimes, das deviante kulturelle Äußerungen rigoros unterdrücken würde – teilt er offenbar nicht. Den Fall der libanesischen Popgruppe Mashrou´ Leila, die kürzlich wegen einer auf ihrem Konzerte geschwenkten Regenbogenfahne (das internationale Zeichen der LGBQ-Gemeinde) mit einem Auftrittsverbot in Ägypten belegt wurde, möchte er nicht kommentieren, solange er nicht die genauen Vorwürfe der Behörden kennt. Er lehne natürlich Zensur und eine Kriminalisierung wegen einer geschwenkten Fahne ab – ihm wäre aber in seiner über zwanzig Jahre währenden Laufbahn als Musiker noch kein Fall einer schwerwiegenden Zensur bekannt geworden.
Refat wehrt sich sichtlich vor einer Dramatisierung der Verhältnisse in seiner Heimat. Er sieht zwar die vielfältigen Probleme, denen das Land gegenwärtig begegnen muss, weiß aber auch, dass bestimmte westliche Medien dazu tendieren, die Lage zu skandalisieren. So zumindest scheint es der 42-jährige Familienvater, den seine musikalischen Zöglinge gerne Pate nennen, zu empfinden, wenn er sagt, dass er einfach in Ruhe seine Arbeit machen wolle und ihn dabei tatsächlich auch niemand in Kairo störe. Wirklich schwierige Hindernisse seien lediglich die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen er seine Arbeit tun muss. Die Finanzierung etwa des D-CAF (Downtown Contemporary Arts Festival), das im Frühjahr dieses Jahres zum 4. Mal stattfand und das Refat seit Beginn an mitgestaltet, wäre sehr schwierig gewesen, man habe empfindliche Abstriche machen müssen. Das erfolgreiche 3-wöchige Festival für Gegenwartskünste ist immerhin das bisher einzige seiner Art in Ägypten und hat Leuchtturmcharakter. Im Vorfeld waren wichtige Sponsoren abgesprungen, sodass das von ihm kuratierte musikalische Programm des Festivals hätte eingedampft werden müssen. Dass die ägyptische Regierung das Festival nicht subventioniert (D-CAF wird hauptsächlich durch europäische Kulturinstitutionen wie dem Goethe-Institut oder dem British Council finanziert), sieht er mit abgeklärter Gelassenheit: im Gegensatz zum reichen Deutschland gäbe es hierfür eben in Ägypten keine Mittel.
Man könnte Refat einen geradlinigen Pragmatiker nennen, einer der schlicht mit dem umgeht, was ihn umgibt. Er erwartet von seiner Regierung nichts. Doch treiben ihn offensichtlich Enthusiasmus und Idealismus an. Die werden spätestens dann bemerkbar, wenn er über sein Projekt mit jungen ägyptischen Komponistinnen spricht: die 2013 erstmals erschienene Kompilation »Egyptian Females Experimental Music Session« soll bald eine Fortsetzung finden. Refat führt die Zusammenarbeit mit den Komponistinnen im Gedenken an einen Freund fort. Die Künstlerinnen waren Schüler des 2011 bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz von Polizeikugeln getöteten Documenta-Künstlers Ahmed Basiony.
Veröffentlicht in: Stadtrevue November 2017.