Konzerte Logbuch

Die gesammelten Konzertankündigungen für die Kölner Stadtrevue seit 2014

2014

Ontologische Enthaltsamkeit – Instrumentalmusik und elektronische Werke von Éliane Radigue, Mittwoch, 18. Juni 2014
 20h 
Kunst-Station Sankt Peter, Köln

Hört man die Stücke der französischen Komponistin Éliane Radigue, wird man unwillkürlich angefasst. Die Grand Dame des Dronecore hat in den Fünfzigern beim Concrètisten Pierre Schaeffer in Paris gelernt, sich aber ab den späten Sechzigern eine eigene Klangwelt geschaffen. Die Musik rührt in ihrer Essenzialität, sie fasst prenatales Rauschen und letalen Übergang in eins. Omnht (1970) etwa besteht aus modulierten Feedbackschleifen und wird in seiner dronigen Intensität körperinnere Membrane und Kirchenfenster mitsingen lassen. Usral (1969), ebenfalls ein Werk aus ihrer frühen Rückkopplungsphase, ist ein fiependes Biest from outer space mit extrem verlangsamten und damit hörbar gemachten Ultraschalllauten. Die neuen akustischen Werke stehen ihrem Frühwerk in Nichts nach: Occam, eine seit 2011 sich fortschreibende Werkreihe, ist inspiriert vom Spektrum elektromagnetischer Wellen und Wilhelm von Ockhams methodischer Metapher des Rasiermessers: es gilt alles Überflüssige wegzuschneiden und die simpelste und damit beste Erklärung zu finden. Ein passendes Bild für Radigues Musik.

 

Blut am Discoschuh – Death of Rave Night:

VATICAN SHADOW (USA), 
HELM (PAN, UK) 
SENKING (raster noton, Köln), 
TITANOBOA (Lena Willikens & Melanie Wratil, Köln), Sonntag,  1. Juni 2014 
21.00 hStadtgarten

Irgendwo zwischen Power Electronics, Sakral-Tekkno und der chauvinistischen Ästhetik kalifornischer Industrialacts: Dominick Fernow alias Vatican Shadow erfüllt alle Erwartungen an einen Szenestar und wird heuer ein garantiert ironiefreies Set an der Schmerzgrenze zum Nimmerlandstag fahren. Manchmal liegt Pein und Lust, aber auch Pein und Peinlichkeit nah beieinander. Weniger 4/4, dafür umso spannender verspricht der Auftritt von Helm aka Luke Younger aus London zu werden: aus Distortiongewittern schraubt der noisige Beau hypnotische Beats, zudem soll der Mann Coil und Nurse with Wound zu seinen Lieblingskünstlern zählen. Die wirklichen Highlights des Abends kommen aber weder aus L.A. noch von der Themse: der Kölner Jens Massel erfreut schon seit gut zwanzig Jahren mit dem wunderbar (Achtung!) freundlichen Sound seiner Projekte wie Kandis und Genf oder dem düster-vertrakten, basslastigen Dubtechno seines Raster-Noton-Alias Senking. Richtig geil wird’s mit Lena Willikens und Melanie Wratils „Apocalytic Drone Noise“-Projekt Titanoboa: der Krach ist komplex und (meist) tanzbar. Also rein in die Stiefeletten!

 

Cosmic Psychos, Gebäude 9, SR präsentiert

Die Re-Inszenierungswelle ist noch lange nicht ausgerollt. Erfreuliche Entdeckungen kann man meist aus dem Lager „Verblichene Lieblingsbands scheintoter Grungebands“ melden: die 1982 gegründete Bulldozer-Pubpunkrockband Cosmic Psychos aus Australien etwa wird von Mudhoney und den Melvins hochgeschätzt, Anfang der Neunziger legte gar Butch Vig seine goldenen Händchen an. Re-Inszeniert wird hier aber nichts, die drei Jungs waren bis auf eine Kreativpause um die Jahrtausendwende nie weg vom Fenster. Erhöhte Aufmerksamkeit bekamen die Bogans (so nennt man down under Rednecks) vorletztes Jahr allerdings durch eine Rockdoku, da hat man natürlich an der Tour-Frequenz gedreht. Der simple Sound der drei Aussies ist eine sonische Mischung aus Black Sabbath, 77 Punkrock, Bierneigung, gut ergrautem Machismo und einem ziemlich geilen Austrailish-Sprechgesang. Fertig ist das perfekte Konzert für die Working-Class, die anderen erfahren eine Lehrstunde zur Inszenierung von Geschichte und ihrem Verhältnis von Fiktion und Authentizität.

 

The Black Dahlia Murder, MTC

Es soll ja Leute geben, die bei ultahartem Sound nicht auf Melodien verzichten wollen. TBDM bedienen dieses Melodic Death Metal genannte Subgenre. Aus dem Blastbeatgewitter schält sich eine trashige Gitarrenlinie, ins Grunz schraubt sich ein Gremlinkreisch, das Hackwerk wird zuweilen von einer fiesen Synthie-Atmo zusammengehalten: der reinen Lehre wurde im Metal-Fach trotz gegenteiliger Beteuerungen noch nie wirklich gehuldigt. Kaum eine Genre mit so hoher Diversifikationsdichte. TBDM ist im comic-haft überzeichneten Musikgenre quasi eine Postmetaband, sie binden den geschlechtslosen Death- zurück an den Metal alter Schule, wo sich Männer in engen Hosen noch an zackigen Gitarren reiben konnten. Wer auf renaturierten Nähmaschinensound á la At the Gates steht, sollte vorbeikommen.

 

Thy Art Is Murder, Blue Shell

Hart, härter, deathcore: brutal schneller Sound und misanthrop gegrunzte Texte, das sind die typischen Ingredienzien des lustigen Genrebastards aus Death Metal und Hardcore. Und TAIM aus Australien sind zünftige Vertreter, “Hate” heißt ihre Botschaft und ihr aktuelles Album. Keiner growlt so schön wie der Jonathan-Meese-Lookalike CJ MacMahon, der Rest ist ein massives Geknete mittels Dum-Dum-Blastbeats und Stakkatogitarrenwerk (btw: der Drummer könnte der kleine Bruder von Die Andwoord sein). Im Netz wird MacMahons Sangeskunst mittlerweile von unzähligen Karaoke-Growlern abgekultet. Im Blue Shell wird der Sound nochmal kompakter, das Randstehen dafür unmöglich sein. Der Support kommt von den Karikaturisten We Are Wolf, Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht.

 

Nails, MTC

Die Hardcore-Szene wehrte sich in den frühen Neunzigern vermeintlich gegen die Vereinnahmung durch den Mainstream, in dem man immer lauter, schneller und brutaler klingen wollte: das Rendezvous zwischen Hardcore Punk und Metal scheint bis heute nichts an seiner Faszination eingebüßt zu haben und ist längst selbst kommerzialisiert worden. Die Nägel aus Kalifornien etwa sind zwar mit dem Schnullipunk von Green Day und Offspring großgeworden, haben dann aber bald die Szene-Vorreiter Cro-Mags und Agnostic Front für sich entdeckt. Nach einem klar von der New Yorker Hardcore-Szene beeinflussten Debüt orientiert sich das Trio neuerdings folgerichtig Richtung Death Metal, der Sound ist düsterer und riffiger geworden. Das letzte Album „Abandon All Life“ erschien 2013 auf Southern Lord, das ist durchaus ein Güte-Siegel.

 

Territorien des Vergessens, Loft

Bei Spektralmusik geht es um Resonanz, Klangfarbe und Obertöne. Das, was mitschwingt, wenn man einen Ton anschlägt. Deswegen bleibt bei Tristan Murails „Territoirs d´Oublie“ die Klavierpedale über das ganze Stück durchgetreten: wie eine einzige lange Welle treiben die Obertöne durch den Raum, angestoßen von den Anschlägen, die Murail lediglich als „Narbe im Kontinuum“ verstanden wissen will. Eine Musik im Überschuss, in der die Töne nur Anlass für viel komplexere Klangfarben sind. Das fünfundzwanzig-minütige Stück für Klavier (das bisher längste Solowerk Murails) ist in seiner diffundierten Konzentration sicherlich eines seiner intensivsten. Dramatisch schön ist aber auch La Madragore von 1993. Unterstützung erhalten die Kompositionen von Murail von seinen spektralen Kollegen Haas und Harvey, zum Klavier gesellt sich dann Live-Elektronik.

 

7 Seconds, MTC

Kevin Seconds hat alle Höhen und Tiefen eines Musikerlebens durchstiegen. Drogen waren dabei allerdings nicht im Spiel, der Mann bleibt bis heute der Straight Edge-Philosophie treu. Die konservative Meute hat ihm aber seine Ausflüge in Powerpop, College Rock und Poppunk in den späten Achtzigern nicht verziehen. Wirklich erfrischend an Bands wie 7 Seconds ist das affirmative, inklusive Element der Musik (man schreckte nicht mal vor einer Coverversion von Nenas 99 Luftballons zurück). Positive Hardcore nannte man das in Abgrenzung zur homophoben und misogynen Metalcore-Szene. Wenn der Anti-Dogmatiker heuer auf der Bühne steht, wird man ihm seine 53 Lenze nicht anmerken, der eigene Aufenthalt im Ringelpiez wird sich hernach allerdings nicht verleugnen lassen.

 

Reconstructing Song: To Rococo Rot, Mdou Moctar

Mdou Moctar kommt nach Köln! Der Tuareg-Hochzeitsmusiker aus Niger hat vor ein paar Jahren internationale Aufmerksamkeit durch sein zunächst nur über Mobilfunknetzwerke verbreitetes Debüt erlangt – und das völlig zu recht. Die Kombination von ekstatisch-melancholischer Gitarrenarbeit, simplen Keyboardbeats und treibender Drum-Arbeit, Handclaps und (zuweilen autogetuneten) Gesang ist brillant. Die Musik gleicht einem nächtlichen Flug über vergangene und zukünftige Erfahrungen, über innere Sehnsuchtsräume. Federleicht Statik und Dynamik auswertend, so ist die zweite Band des Abends, To Rococo Rot, schon seit gut 20 Jahren unterwegs. Dank dem Engagement von Arto Lindsay auf dem brandneuen Album “Instrument” mischt sich nun etwas unkontrolliertes Beachboy-Nerdtum in die Musik. Wer hätte gedacht, dass sein Gesang so gut zum Postrock-Ambient-Techno von TRR passen würde.

 

Misery Index, MTC

Der Elendsindex aus Baltimore, Maryland steht für Grindcore mit sozialkritischen Texten. Und einem Faible für deutsche Songtitel, etwa “Urfaust” und “Angst Isst die (sic!) Seele auf”. Die Summe von Inflationsrate, Goethe, Arbeitslosenquote, Fassbinder, Grunzen und Lichtschwertgitarren? Dem Gitarristen und musikalischem Mastermind Mark Kloeppel ist Metal zu “fiktiv”, deswegen will man ein soziales und historisches Bewusstsein schaffen. Wie erfrischend. In der Szene gibt es ja leider viel Dumpfes, dass sich im Zweifel nach Rechts orientiert. Die Musik von MI ist dabei wenig verkopft, sondern ein ziemlich eingängiges Brett Death mit Trashanleihen, musikalische (und politisch zweifelhafte) Vorbilder sind Slayer und Sepultura. Und für Leute mit Orientierungsproblemen hat Kloeppel auch ein wegweisenden Rat: “Fuck Nazis!”.

 

Matthew Herbert – Fürze in Formaldehyd

Der Mann ist ein Phänomen. Auf geradezu bestürzende Weise führt er vor, wie kurz der Weg vom nerdigen Elektronikfrickler zu everybodys Kunstdarling sein kann. Seit der Jahrtausendwende ist der vormals als House-Produzent nur Eingeweihten bekannte Matthew Herbert in Clubs wie dem Berghain und in Hochkulturstätten wie der Berliner Oper unterwegs. Herbert ist populär.

Im Jahr 2001 erschienen seine „Bodily Functions“, ein House-Album, das im Wesentlichen auf Körpergeräuschen aufbaute. Mit seinem Anti-Sample-Manifesto hatte Herbert sich kurz zuvor Prinzipien der Musique concrète und der Aleatorik verpflichtet. Vor allem aber führte Herbert das Prinzip des Selbstgemachten in die kalte Welt der Presets ein. Dass der Hörer des Albums indes kaum etwas von all dem mitbekam, war das eigentlich Irritierende, die versponnene Mischung aus Deep House und Triphop verschleierte ihre kontingente Herkunft aus dem Darminneren.

Für Wirbel sorgt seither immer wieder das Ausgangsmaterial von Herberts Stücken: etwa Aufnahmen aus der Massentierhaltung, von Bombenexplosionen in Libyen und vom Leben und Tod eines Schweins. Letzteres musste gar seine Haut für eine Trommel hergeben. Mit so viel Konzept im Gepäck überschreitet Herbert locker die Grenze zur Kunst. Das Spektakelhafte der Ideen erinnert dabei an den Gestus der Young British Artists der Nuller Jahre. Das Problem hier wie dort: das Riskante der Idee findet sich kaum im Sicht- oder Hörbaren wieder. Das kann man besonders hintersinnig nennen oder auch einfach nur ein bisschen langweilig finden. Neigt man zu Letzterem, kann man zumindest hoffen, dass sich Herbert mal vom Konzeptkunstgroßonkel John Baldessari inspirieren lässt. Der hat sich 1971 (nach dem er alle seine Werke vernichtete) auch ein Manifest gegeben, es bestand genau aus einem Satz: „I Will Not Make Any More Boring Art“. Auf der diesjährigen Ruhrtriennale wird eine Komposition aus verschiedenen Piano-Sounds zu hören sein. Dazu hat Herbert u.a. den Klang von Rachmaninows Klavier, vom Grand Piano der britischen Königsmutter und vom Steinway, auf dem John Lennon „Imagine“ einspielte, aufgenommen. Eine Sternstunde erratischer Instrumentenkunde kann man also auf jeden Fall erwarten.

 

Protomartyr, 12.8. Gebäude 9, SR präsentiert

Der Guardian schrieb im Frühjahr, dass da draußen wieder mal ein paar zornige junge Bands unterwegs wären: Evil Blizzard etwa, Eagulls oder die Sleaford Mods. Letztere mischten unlängst Köln auf, bemitleidenswert diejenigen, die das Konzert verpasst haben. Jetzt kann man ein paar Rants nachholen. Protomartyr kommen aus der Arbeiterstadt Detroit, teilen aber nicht nur deswegen eine ähnliche Sozialisation mit den Kollegen aus Leeds oder Nottingham. Auch wenn sie schon mal die Stooges covern sind ihre musikalischen Einflüsse nämlich ganz klar britischer New-Wave-Post-Punk-Provenienz. Der Sänger Joe Casey sieht zudem wie ein entlassener  Kreisparkassenangestellter aus, was selbstredend sein Bariton-Ranting erheblich dramatisiert. Gelegentliche Distortionausbrüche und griffige Hooklines Marke Interpol tun ihr übriges. Jetzt haben sie ihr zweites Album rausgebracht und besuchen unsere kleine Proletarierstadt – wie passend, sind wir ja auch mit einem Fuß im Insolvenzverfahren und Ford schließt bis Ende des Jahres ein Werk im nahen Genk. Da ist Rumbandusen angesagt.

 

Conor Oberst, 17.8. Gloria, SR präsentiert

»I dreamt of a fever, one that would cure me of this cold winter set heart« sang vor über 15 Jahren eine zittrige Stimme über eine treibende Akustikgitarre und eroberte im Sturm mein Herz. Seit Obersts Anfängen als Indiewunderkind und seiner Band Bright Eyes ist wirklich schon eine Menge Zeit vergangen. Mittlerweile ist er ein erwachsener Mann, der sich gegen Missbrauchsvorwürfe wehren muss, und meine Begeisterung ist einer distanzierten und teilweise ernüchterten Wertschätzung der immer neuen Emanationen Obersts gewichen. Alternative Country Pop nennt man gemeinhin das Genre, in dem er sich seit einigen Jahren umtut und das ist explizit Musik für Erwachsene: zu seinen Fans gehören mehrheitlich Menschen mit Wohlstandsbauch und Family Van, die Dylan, Springsteen und Tom Petty gut finden und Wert auf eine saubere Produktion legen. Da wünsche ich mir doch das Rauhe und Unperfekte wieder zurück. Live wird der Sound aber sicherlich etwas brüchiger, etwa so wie es Obersts grandiose Stimme auch heute noch ist.

 

Dam-Funk, 5.8. King Georg / King Ludwig, SR präsentiert

Der Mann domestiziert das Rohe des P-Funk, kitzelt den Gangsta neckisch im G-Funk und gießt dann das Ganze in eine ultraslicke R´n´B-Produktion. Damon Riddick ist aber mit Snoop Dogg als Protegé nicht einfach nur eine der angesagtesten Cheesiest-Funk-Nummern im derzeitigen Post-Disco-Kosmos. Er hat auch Leute wie Ariel Pink und Animal Collective geremixt, hat also auch Sinn für Eckiges jenseits des smoothen Zerfließens. Live geht es aber um den Groove in Großbuchstaben, genau das Richtige für einen hochsommerlichen Abend auf einer der besten Dachterrassen der Stadt.

 

Autoramas, 6.08. Sonic Ballroom

Die Kreppsohlen-Szene ist ziemlich lebendig in Brasilien, Psychobilly- wie Os Catalepticos oder Rockabilly-Acts wie das aus Rio de Janeiro stammende Trio um Gabriel Thomaz sind auch hierzulande bekannt. Die nach der guten alten Carrera-Bahn benannte Band hat schon ausgiebig Europa betourt, in Japan eröffnete sie die Shows von Guitar Wolf, in der Heimat bespielt man mittlerweile mittelgroße Hallen und heimste auch schon MTV-Auszeichnungen ein. Musikalisch gibt man sich offen, klare Einflüsse sind New Wave, Beat, Surf und die Düsseldorfer Fred Banana Combo, Thomaz steht auf »German Rock«. Live machen Thomaz an der Gitarre, Flávia am Bass und Bacalhau am Schlagwerk selbstredend mächtig Dampf, da darf man sich schon mal im Ballroom auf die Velourslederschuhe springen.

 

Reagan Youth, 11.8 Sonic Ballroom

Walter Schreifels hat anlässlich seiner Reunion-Tour mit den Gorilla Biscuits vor ein paar Jahren selbstironisch von den »aufgetauten Höhlenmenschen des Hardcore« gesprochen und von dem seltsamen Gefühl, sein 19-jähriges Ego wieder aufstehen zu lassen. So ähnlich wird es vermutlich auch Paul Cripple gehen, letztes verbliebenes Gründungsmitglied und Gitarrist der Early-80s-NYHC-Semi-Legende Reagan Youth. RY sind nämlich seit gut fünf Jahren wieder unterwegs und ihr Rumpelsound wirkt immer noch ziemlich frisch. Das liegt auch an Cripples Vorliebe für gelegentliche Acid- und Heavy Rock-Ausflüge, immer schon RYs Alleinstellungsmerkmal. Und ihre kompromisslose »I hate hate«-Peace Punk-Haltung ist so herrlich wenig widerspruchsfrei wie zur Zeit der Veröffentlichung ihres einzigen offiziellen Albums vor 30 Jahren.

 

Murphy´s Law, 14.8. MTC

Alles was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. So Murphys Gesetz. Da muss man zeitig die richtige Haltung zum Schicksal finden. Seit Mitte der 80er sind Jimmy Gestapo und seine Mannen etwa damit beschäftigt, sich schwermütige Gedanken über den richtigen Gebrauch von Bier und Dope zu machen. Titel wie »Attack of the Killer Beers« oder »What will the neighbours think?« zeugen von dieser Angst-ridden Mania, darin den frühen Beastie Boys oder Gang Green aus Boston ähnlich. Übersetzt in den bratzigen Hardcore-Crossover-Sound mit häufigen Ska- und Reggae-Ausflügen wird daraus allerdings meist ein lustiger Partyreigen. Das wird in der Karnevalshochburg mit reichlich Murphys-Gesetz-Erfahrung wohl kaum anders sein.

 

Wolfgang Mitterer, 23.8. musikFabrik im WDR Funkhaus

Der Mann ist ein Glücksfall. Er gilt als der wichtigste zeitgenössische Komponist für elektronische Musik Österreichs und man hat tatsächlich das Gefühl, dass da jemand ist, der nicht nur auf der Höhe der Zeit arbeitet, sondern auch noch mit ein paar guten Ideen in der Tasche angenehm unakademisch daherkommt. So einer wird natürlich von den Kulturinstitutionen umarmt, funktioniert er doch hervorragend als Vermittler. Mitterer sagt dann auch noch schlaue Sachen wie: »In einem halben Jahrhundert wird die Musik ein Potpourri aus der Musik des Zwanzigsten Jahrhunderts sein, weil sie dann eben rechtefrei sein wird« oder »Je weniger verbildet man ist, desto mehr Genuss hat man«. Er arbeitet mit hochintensiven Klangtexturen, samplet Beatmusik und Tschaikowski oder arbeitet mit Tom Cora und Monolake zusammen. Glücksfall eben.

 

Blumfeld, 27.8. Live Music Hall, SR präsentiert

»Etwas einfach totzusagen oder über etwas zu sagen: „Das geht heute nicht mehr“ – das ist ein Gestus, den ich zweifelhaft finde.« Sagte Jochen Distelmeyer vor über 10 Jahren in einem Interview. Nun stehen sie also wieder auf der Bühne. Warum eigentlich nicht. Ihr Grundlagenwerk über das Verhältnis von Gemeinwesen und Individuum jährt sich zum 20. Mal. Vor allem aber: Distelmeyer ist mittlerweile der Schriftsteller, der er immer sein wollte. Und André Rattay darf in seiner Freizeit Rock´n´Roll spielen. Und Eike Bohlken hat ein Buch über die Pflichten der Eliten geschrieben. Beste Voraussetzungen also für eine Reunion. Und bei aller reflexhafter Skepsis gegenüber Reenactments, beim Drübernachdenken fühlt sich das gar nicht schal an. Es ist einfach an der Zeit, mit denen, die es wissen wollen, Klartext zu reden.

 

c/o Pop 2014

Cashmere Cat, Ryan Hemsworth

Kaschmirkatze Magnus August Høiberg aus Oslo bastelt seit ein paar Jahren aus Harfenklängen und Matratzenfedern R´n´B infizierte EDM-Perlen, die mighty Timbaland neidisch aus der Wäsche schauen und hartgesottene Popverächter kuschelweich werden lassen. Wen wunderts, dass sich bereits Lana Del Rey und Drake von Høiberg remixen ließen. Mit der neuen EP Wedding Bells ist ihm zudem ein sexy Biest gelungen, das die Erwartung in aufregende Höhen pitcht. Der Kanadier Ryan Hemsworth ist auf ähnlichem Terrain unterwegs, auch er hat schon für illustre Leute – etwa Grimes, Cat Power und Frank Ocean – Remixe produziert. Hier stehen also heute abend zwei vielversprechende Produzententalente hinterm Gerätepark, das kann durchaus spannend werden.

Claire

So hört sich es an, wenn die Ratschläge von Xavier Naidoo befolgt werden. Sängerin Josie trat bei The Voice of Germany auf, kam nicht weiter, bekam dafür aber den wertvollen Rat, sich eine Band zu suchen. Genau das hat sie gemacht und heraus kam Claire. Die machen Musik für junge Menschen mit Bausparvertrag und Melt-VIP-Festival-Pass. Richtig aufregend ist das nicht, aber hier wird geradezu exemplarisch vorgeführt, wie clever Radiomainstream heute sämtliche Hipstermovements der letzten 10 Jahre integriert: von French Party House und Electroclash über Indie und Shoegazer-Revival bis hin zu Dream House – wenig was nicht mit verwurstet wird und den Münchner Elektropop nicht noch konsensfähiger machen würde. Wer niederschwellige Party will, kommt hier hin.

Spot On Denmark

ASBJØRN, JULIAS MOON, KILL J, BLAUE BLUME

Die Zukunft des Pop. Asbjørn schlittert gerade tatsächlich genau dorthin. Vor zwei Jahren debütierte der damals 19-jährige aus Aarhus, nun ist seine neue EP erschienen: eine atemberaubende Folge von höchst eigensinnigen Popentwürfen, beständig zwischen Eingängigkeit und widerborstiger Struktur, zwischen Electropop der Zeit, der Sophistication von Patrick Wolf und der Weirdness von Owen Pallett changierend. Zusätzlich ist er auch noch ein gutaussehender Kerl mit verteufelt schöner Stimme, der gern unbequeme Kleidung trägt. Asbjørn ist der Wirklichkeit gewordene Traum des Genderseminars deines Vertrauens, mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit bimmelt hier jemand an der Pforte zum Popolymp. Die anderen Bands der Veranstaltung des dänischen Councils für kulturellen Austausch mögen als Dornen auf dem Weg zur Erleuchtung verstanden werden.

Rone, Kele Okereke, 23.8.

Kele Okereke hat sich nach der Auflösung seiner Band Bloc Party der Church of House verschrieben (zur Zeit befindet sich BP in einem undefinierten Status). Nach Kollaborationen mit Hercules & Love Affair, Sub Focus und diversen Soloveröffentlichungen hat er im April wieder eine EP herausgebracht, der Sound ist härter und oldschooliger geworden: mit seinem Warehouse-Ego erfindet Kele zwar nur sich selbst neu, man kann dazu aber prima die Gliedmaßen schütteln. Transpiratives wird auch der Wahlberliner Erwan Castex im Gepäck haben, der Franzose mit dem Alias Rone verarbeitet Melancholie und Euphorie zu schwindeligen Abfahrten. In seine DJ-Sets schleicht sich zudem immer wieder Sperriges vom Schlage Muslimgauze oder Ben Frost, das zeugt von einem guten Gleichgewichtssinn.

Harrison Birtwistle – Studio musikFabrik trifft auf ACME, 9.8. Studio musikFabrik

Birtwistle gilt als der bedeutendste englische Komponist seit Benjamin Britten. Und seinen Kompositionen wird zuweilen eine gewalttätige Aura zugeschrieben, Birtwistle spricht selbst von der Brutalität seiner Musik als einem Nebenprodukt des von ihm genutzten Materials. Ritual Fragment von 1990 erinnert in der Tat in seiner Zerrissenheit an die Bilder des von Birtwistle verehrten Francis Bacon. Den lyrischen Bläsern werden zerhackte Rhythmen und Streicherkaskaden entgegengeworfen, das Ritual wird bedeutungsschwer von einer archaischen Trommel beendet. Aber Birtwistle ist an diesem Abend nur Zugpferd für eine Reihe ganz frischer Komponisten aus Südostasien: sie stammen aus Thailand, Malaysien, den Philippinen und Indonesien und werden vom Hausensemble in Zusammenarbeit mit dem Asean Contemporary Music Ensemble vorgestellt.

AnnenMayKantereit

Dreimal junger deutschsprachiger Indie aus Köln und Berlin: Schellenkranz auf der Hihat, Mundharmonika, Akustikklampfe und eine waschechte Rockröhre. Oder sagt man besser Reibeisenstimme? Die musikalischen Mittel der drei schwer sympathischen Jungs Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit wirken ein wenig aus der Zeit gefallen, aber ihre Präsenz verortet sie fest in der Gegenwart. Das ist keine Folk-Retro-Maskerade sondern das was man gemeinhin ehrliches Handwerk nennt. Effektkiste, mehrstimmiger Tomte-Gedächtnis-Gesang und New-Wave-Synthie, der Sound von Neufundland ist schon sehr viel zeitgeistiger. Musikalisch am interessantesten ist Von Wegen Lisbeth unterwegs. Während die beiden Kölner Kombos schon mittelgroße Hallen wie das Gebäude füllen, haben die Berliner noch geradezu Geheimtippstatus!

Kelis

Huch, »I hate you so much right now!«, der Signature-Yell vom Debüt Kaleidoscope, ist schon 15 Jahre alt?! Der Girl-Power-Hymne steht auf dem aktuellen sechsten Album ein Prolog entgegen, der von Kelis´ 4-jährigen Sohn eingesprochenen wurde: »Hey guys! Are you hungry? My mom made food.« So ändern sich die Zeiten. Kelis hat viel in der Zwischenzeit erlebt, war künstlerisch wie kommerziell extrem erfolgreich, schickte Nas in die Wüste und schrieb ein Kochbuch. Folgerichtig heißt ihr neues Album Food und orientiert sich an den Hörgewohnheiten ihrer Eltern (Memphis Soul, Afrobeat und Rhythm´n´Blues). Das von TV On The Radio´s Dave Sitek produzierte Album durchzieht ein warmer, zuweilen nostalgischer Sepia-Ton und ist beim englischen Indielabel Ninja Tune erschienen. Scheint fast, als wenn Kelis mehr denn je genau das macht, was sie will.

Adult Jazz – 21.8.

Die Band mit dem ultrahippen Namen kommt aus Leeds und macht – Überraschung! smarten Indie-Pop. Plötzliche Harmoniewechsel und komplex-segmentierte Rhythmusstrukturen trugen ihr bereits Vergleiche mit Grizzly Bear und den Dirty Projectors ein. Zu Recht. Nach einer vielversprechenden EP Anfang des Jahres kommt nun im August ihr erstes Album namens Gist Is raus, das mit dem Einsatz von Bläsern und ungewöhnlichen Songformaten überrascht – allein der Opener ist knapp 10 Minuten lang. Zu genannten Referenzen lassen sich Arthur Russell und Joanna Newsom hinzufügen, der tolle Falsettgesang von Harry Burgess und keine Angst vor Pathos machen die Sache rund. Da passt, dass Burgess auf seinem Twitteraccount Lyrics von Owen Pallett retweetet.

 

9.-11.9, Festival: 10 Jahre Frischzelle, KHM

Zum Jubiläum nimmt das Festival die Istanbuler Avantgarde-Szene in den Fokus. In den letzten zehn Jahren hat sich viel in der 20-Millionen-Stadt am Bosporus getan, heute kann die Metropole als Brutstätte zeitgenössischer Musik gelten: Musiker und Komponisten wie Umut Çağlar, Turgut Erçetin, Demirhan Baylan, Onur Türkmen, Tolga Yaylalars, Zeynep Gedizlioğlu und Interpreten wie das Hezarfen Ensemble zeugen von der Vielfalt der Szene. In Köln werden der Soundkünstler Korhan Erel und der Avant-Gitarrist Sevket Akinci zu Gast sein, beides Mitglieder der führenden türkischen Improvisationsgruppe Islak Köpek. Erel baut dronige Landschaften, kollaboriert aber auch mit Popchanteusen oder Free Jazz-Musikern. Akinci fühlt sich im Folk ebenso zuhause wie im Noise-Ambient-Spannungsfeld. Der derzeitige Professor für Elektronische Musik an der Istanbul Bilgi Universität Tolga Tüzün ist ebenfalls mit von der Partie, der Mann hat u.a. bei Tristan Murail in New York studiert. Das Festival verspricht also hochkarätige Zusammenkünfte, man darf gespannt sein.

 

13.9., Kölner Musiknacht

Das Festival der freien Szene feiert dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Auch in diesem Jahr kann man in einer einzigen langen Nacht mit einer großen Sause durch die Stadt einige Perlen der hiesigen bunten Szene entdecken. Das diesjährige Motto »Unterwegs« folgt wie schon im letzten Jahr nicht mehr musikalischen Großgenres wie etwa Improvisierter, Alter, Vokal- oder Kirchen-Musik sondern widmet sich der Stadt als urbanem Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Empfehlenswert sind etwa der Old-School-Zigeunerswing des Markus Reinhardt Ensembles oder die wilde Balkan-Beat-Mixtur der Hop Stop Banda. Spannend wird es, wenn das Subway Jazz Orchestra mit und auch ohne Kasalla jammt, das junge Ensemble Garage mit barockem Rock aufspielt, der Organist Dominik Susteck bei Ligetis Volumina (fast) alle Register zieht und der Trompeter Udo Moll High Powered Ching Dong-Musik aus Japan anstimmt.

 

17.9., Baba Zula, Club Bahnhof Ehrenfeld [Gezi Soul Festival]

Trotz der Wiederwahl Erdogans haben die Proteste auf dem Taksim-Platz die türkische Gesellschaft nachhaltig politisiert. Der in der Türkei populäre Schauspieler Levent Üzümcü verglich die Demonstrationen mit den 68er Bewegungen in Deutschland und Frankreich, der Journalist Alan Posener etikettierte sie als Beginn des »langen Marsches«. Das von Ehrenfelder Kulturschaffenden und Gastronomen (Artheater, Club Bahnhof Ehrenfeld, Arkadas und Nachtigall) initiierte Gezi Soul Festival will an die Proteste erinnern, Austausch organisieren und auf hiesige Probleme und Potenziale aufmerksam machen. Neben den extrem populären Yeni Türkü stehen Baba Zula im Zentrum, eine der bekanntesten türkischen alternativen Musikgruppen. Das Kollektiv um den charismatischen Saz-Spieler Murat Ertel hält den kritischen Geist wach, sie sind quasi die Popstars der Gezi-Bewegung. Sie verbinden Tradition und Avantgarde, Folklore und Clubmusik, Psychedelik und Agitation. Ihre Auftritte geraten unweigerlich zu schweißtreibenden Orgien, selten war Protest tanzbarer! Pflichttermin.

 

8.9., Outskirts: Phantom Orchard & Lan Thanh Cao, Stadtgarten

Zeena Parkins und Ikue Mori stammen beide aus der New Yorker Downtown-Scene der frühen 80er Jahre: Parkins war zu Beginn ihrer Musikerlaufbahn mit Fred Frith und Tom Cora Teil der Skeleton Crew, Mori gründete mit Arto Lindsay die legendäre No Wave-Band DNA. Seither haben die Harfenistin Parkins und die Elektronikerin Mori mit einer irrsinnigen Menge illustrer Künstlern zusammengearbeitet, darunter John Zorn, Christian Marclay, Pauline Oliveros, Sonic Youth, Matmos, Anthony Braxton, Jim O`Rourke, Mike Patton und Caetano Veloso. Wahrlich beeindruckende Künstlerviten, die zusammengeführt das Projekt Phantom Orchard ergeben. Der Abend verspricht eine beängstigend schöne und enervierende Erfahrung zu werden, die Pianistin Lan Cao wird vorab gemeinsam mit dem Elektroniker Gregor Siedl Stücke u.a. von Jonathan Harvey und Giacinto Scelsi spielen.

 

10.9., Graveltones, Sonic Ballroom

Im Frühjahr haben sie als Vorband den Werbefutzis von BossHoss die Show gestohlen, jetzt sind sich die Jungs nicht zu schade, durch die Klitschen der Republik zu tingeln. Will man mit gerade mal einem Album im Gepäck nach oben, muss man sich noch ein bisschen abstrampeln – wenn man den in London ansässigen Bartträgern from downunder auch anmerkt, dass sie sich auf großer Bühne durchaus jetzt schon wohl fühlen, kaum eine Pepsi- oder Jägermeister-Bühne derzeit ohne sie. Die Koordinaten stimmen schon mal: das klassische Gitarre-Schlagzeug-Duo macht Heavy-Blues-Rock´n´Roll und den macht es mit mächtig Dampf, Vergleiche mit den Black Keys und den White Stripes sind durchaus angebracht. Also, rauf auf die Maschine (KVB geht auch), Kanne an den Hals (Vorsicht, Kannenverbot!) und ab zum Ballroom!

 

16.9., Oval feat. Parissa, Loft

Markus Popp aka Oval gilt als einer der Pioniere der digitalen Schlafzimmerrevolution der späten 1990er, der schönen neuen Welt im Mikrochip. Mitte der Neunziger hat er auf dem wegweisenden Frankfurter Label Mille Plateaux veröffentlicht und mit seinem Glitch die von Labelchef und Theoriedesperado Achim Szepanski ausgerufene Deleuze´sche Musikpolitik eingelöst: Musik als Differenzproduktion. Aus dieser Zeit stammt von Popp auch das feine Bonmot: »Musik überlebt nur noch als Metapher in der Software.« Oval machte nach der Jahrtausendwende eine lange Pause, 2010 meldete sich Popp fulminant zurück. Seit dem drängt auch die physische in die virtuelle Welt zurück: Arbeitsinstrument ist nun ein üblicher PC und das Ur-Instrument schlechthin, die menschliche Stimme, schleicht sich kongenial in den Oval´schen Glitch-Pop-Romantizismus ein. Heute abend wird Popp von der iranischstämmigen Sängerin Parissa begleitet.

 

17.9., Impakt – Festival für Improvisierte Musik, Stadtgarten

Improvisation ist Utopie. Eine immanent politische Vision davon wie Gemeinschaft funktionieren kann, geht es doch um Zuhören, Zusammenspielen, Arbeiten im Kollektiv. Auch für die lose Improv-Szene in Köln macht Selbstorganisation da selbstredend Sinn. Der lustige Zehner ist hinlänglich aus anderen Zusammenhängen (u.a. Das große Ding) bekannt, heute ist feierlicher Aufschlag zum ersten Akt, weitere folgen. Auf die Fahne haben sich die Musiker die Förderung von Kooperationen und Spielmöglichkeiten von Improvisierter und Aktueller Musik (daher die Abkürzung ImpAkt), regelmäßig sollen etwa Joint Ventures von hiesigen Musikern und Künstlern auf der Durchreise organisiert werden. Und da Impakt eigentlich die Kollision zweier Himmelskörper mit großer Geschwindigkeit bezeichnet, sollte man sich warm anziehen.

 

18.9., The Wytches, Sonic Ballroom

Stell dir eine feuchte Wiese am Waldrand vor, es ist Abend, blaue Stunde und merkwürdig still. Dann plötzlich kracht es im Unterholz und ein junger Mann mit blutverschmiertem Hemd, strauchelnden Armen und weit aufgerissenen Augen stürmt mit markerschütterndem Schrei auf dich zu und umklammert deinen Hals. F*ck, ist das hier Blair Witch Project 3? Nein, es sind die Wytches aus Brighton und sie haben einen schlechten Trip. So würde der Vorspann aussehen, wäre ihr neues Album, das dieser Tage erscheint, ein Film. Die vom Guardian selbstredend schon gepushte Jungband spielt nach eigener Aussage »Surf Doom«, präziser wäre Psych-Garage-Surf-Horror-Proto-Punk mit hohem Depersonalisationsfaktor. In Deutschland stehen nur Hamburg und Köln auf ihrem Tourzettel, da sollte unbedingt dabei sein, wer eine Schwäche für Bands der Stunde hat.

 

19.9., Alien Sex Fiend, Luxor

Begonnen hat alles 1979 im legendären Batcave in London, der Brutstätte der britischen Gothic-Szene, wo Nik Fiend anfangs hinterm Tresen stand und eigene Demo-Tapes zu den vorgeführten B-Horror-Movies spielte. Das Ehepaar Nik und Mrs. Fiend ist seit jenen Tagen mit ihrer Gothic-Cabaret-Show unterwegs und hat mehr als ein Dutzend Alben eingespielt, zudem sollen Billy Idol, Alice Cooper und Marilyn Manson durch ASF zu ihren Schauerlichkeiten inspiriert worden sein. Musikalisch ist ebenfalls Beständigkeit angesagt: ASFs Industrialrock ist auch heute noch genauso cheesy, simpel und roh wie am ersten Tag. Aber die Hauptrolle spielte eh immer schon die Show: Teile der eigenen Road Crew sollen sich sogar weigern, die Bühne zu betreten – beim Chef weiß man wohl nie so genau, was das Stündlein geschlagen hat.

 

22.9., The Flying Eyes, Lazlo Lee & The Motherless Children, Sonic Ballroom

Achtung, Schweinerocker! Heute gibts ne Doppelpackung aus Baltimore, Maryland, U.S.A.. Die fliegenden Augen sind so retro, dass man den Grad der Retrofizierung kaum mehr bemerkt. Mit einer juvenilen Selbstverständlichkeit spielen die Anfang Zwanzigjährigen einen erdigen Psychedelic-Hardrock, der sich wie eine domestizierte Version von Led Zeppelin, Deep Purple und den Doors anhört, dass einem das schüttere Haar erzittert. Allenfalls kommen einem noch die Retrorocker Pearl Jam zu ihrer konservativen Anfangsphase in den Sinn, mehr Gegenwart gibts aber nicht. Lazlo und seine mutterlosen Kinder sind ebenfalls tief verwurzelt in den Siebzigern, ihr Blues-Rock hat allerdings deutlich mehr Rotz. Zitat geht anders, dieser Abend bietet Vollblutrückwärtsgewandtheit mit höchstem Authentizitätsfaktor.

 

24.9., Entombed A.D., Gebäude 9

In der Gruft der Begrabenen hängt seit einiger Zeit der Haussegen schief. Lange Jahre verbrachte die bekannteste schwedische Death Metal-Band Entombed auf Tour, spielte Besetzungspoker, pflegte den Bestand und nahm nichts Neues auf. Dann der Paukenschlag. Ein neues Album, aber mit verändertem Namen: Entombed A.D.! Das angefügte Kürzel A.D. steht gemeinhin für Anno domini – im Jahr des Herrn. Nach einem Rechtsstreit mit Gitarrist Axel Hellid rief Sänger L.G. Petrov kurzerhand eine neue Zeitrechnung aus. Die letzte aktuelle Besetzung (ohne Hellid) kommt nach Veröffentlichung des lange angekündigten und immer wieder verschobenen neuen Albums (»Back to the Front«) im Jahr des Herrn nun nach Köln und man darf nun selbst entscheiden, auf welches Konzert man geht – auf das des Plagiats oder das des Originals. Kräftig klingeln wirds in den Gehörgängen allemal.

 

24.9., Tuxedomoon, Luxor

Bereits mit ihrer ersten Single von 1978 – »Pinheads on the Move« – entwarfen sie das bis heute gültige Bild der rastlosen Bohemien, die den Soundtrack zum eigenen Roadtrip spielen. Pinhead, soviel wie Eierkopf, war eine Reminiszenz an Tod Brownings Freaks und David Lynchs Eraserhead, gemeint waren also verkrüppelte Existenzen am Rande der Gesellschaft. Ihr großartiges Musiktheater aus Postpunk, Artaud, Morricone und Dandytum wurde von Bassist Peter Principle einmal »Loungezak – muzak for existentially angsted New Wave people« genannt, eine glatte Untertreibung. Die Alben aus den 80er Jahren gehören allesamt zum schützenswerten Erbe unseres kleinen Planeten. Mit »Pink Narcissus« (inspiriert von James Bigoods Camp-Klassiker) haben sie unlängst wieder ein gutes Album aufgenommen und kommen auf ein Klubkonzert vorbei: Welcome to the Twilight Zone.

 

10.10. A Night of Surprise, Stadtgarten, Studio 672, Café

Dieses Festival ist in der Tat A Night of Surprise. Da haben die Macher mal eben eine Experimental-Jazz-Noiserock-Elektronik-Kracher aus dem Boden gestampft, dass einem der Kinnladen hängt. Und: das Ganze ist auch noch umsonst! Der Reigen beginnt in loser Reihenfolge mit der Sängerin Donatienne Michel-Dansac aus Paris, die auf die Interpretation zeitgenössischer Vokalakrobatiker vom Schlage Luciano Berios und Georges Aperghis´ spezialisiert ist. Ihr Auftritt verspricht ein formidabler Auftakt für einen delikaten Abend zu werden. Der Züricher Nils Wogram wird nach der stimmlichen Trapezarbeit mit seinem Posaunisten-Quartett einen Sturm anblasen. Es folgt das Trio um die Gitarristin Ava Mendoza aus Brooklyn: sie hat mit den Tune-Yards und Fred Frith zusammengearbeitet und macht nach Selbstaussage »complex heavy rock, avant jazz and warped, noisy blues«. Highlight eines jeden Festivals sind die Auftritte von Baby Dee. Die transsexuelle Diva aus Cleveland, die etwa mit Will Oldham oder Current 93 zusammengearbeitet hat, berührt mit ihrem ernsten und komischen Spiel die Herzen der verstocktesten Konservativen. Ebenfalls aus Brooklyn, der ewigen Brutstätte hochkarätiger Hipster-Musikanten, stammen Zs, laut New York Times »one of the strongest avant-garde bands« der Stadt. Tatsächlich ist ihr fordernder Mix aus Noiserock, Free Jazz und No Wave ziemlich großartig und live ein beängstigendes bis ergreifendes Ereignis. Zum Ausklang spielen die Space Monkeys auf: das Duo aus Oslo, bestehend aus Pianist Morten Qvenild (u.a. Jaga Jazzist) und Schlagzeuger Gard Nilssen, wird den Abend mit ihrem Norwegian-Jazz-Sound freundlich beschließen. Unbedingt Beachtung finden sollte aber auch das Rahmenprogramm: das Happy Darkjazz-Plucker-Experimental-Projekt The Nest mit dem Saxophonisten von Bohren und der Club of Gore, Christian Clöser, darf man nicht verpassen, oder Michael Baird aus Zambia, der mit seinen Roto-Toms und Bongos Voodoo Jazz zelebrieren wird. Noch nicht bestätigt ist ein Auftritt von Kölns Avant-Dame Niobe. Dass aber Ausnahme-Schlagzeuger Christian Lillinger das irrsinnig disparate, dabei unglaublich gute Scedule zusammenhalten wird, hingegen schon.

 

3.-5.10. Der Klang der imaginären Heimat, Depot 1, Stadtgarten, King Georg

Der Begriff Heimat ist hierzulande durch die Nazis und ihren Nachgängern schwer in Verruf gebracht worden. Er ist bis heute meist mit Geschichtsrevisionismus oder sogar dumpfer Blut & Boden-Rhetorik assoziiert. Fakt ist, dass Deutschland schon seit vielen Jahren wieder zumindest geografische Heimat vieler verschiedener Ethnien ist: seit den Anwerbezeiten zwischen 1955 und 1972 etwa den Arbeitsmigranten und ihren Kindern und Enkeln. Ein dreitägiges Festival widmet sich anlässlich der  Vereinigungsfeierlichkeiten der komplexen Frage, was heute Heimat bedeutet, in Vorträgen aber vor allem in Konzerten werden Antworten gesucht. Ziel der Festivalmacher ist es, »den Klang der Heimat nicht den Samstagabendshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen« zu überlassen. Mit Louise Gray (NME/The Wire) und Kimberly da Costa Holton (Professorin an der Rutger University) hat man u.a. hochkarätige Vortragende geladen, die das Spannungsfeld Heimat und Musik diskursiv entfalten werden. Eingeladen hat man aber auch Praktiker: Chöre und Bands etwa mit sogenanntem Migrationshintergrund aus Ländern die einen Anwerbevertrag mit der BRD oder der DDR hatten. Sie haben Lieder aus ihren Ursprungsländern mitgebracht, die Teil ihrer neuen deutschen Identität geworden sind. Dementsprechend werden sinnigerweise am Tag der deutschen Einheit u.a. kubanischer Son, portugiesischer Fado, kroatischer Klapagesang, mosambikanischer Marrabenta oder Unesco-geschützter Quan Ho Gesang aus Vietnam zu hören sein. Die „Heimatlieder aus Deutschland“ – als Programm im Übrigen bereits in Berlin und Neuss erfolgreich – werden von den Folklore-Adaptionen der albanisch-stämmigen Sängerin Elina Duni am zweiten Tag ergänzt. Mit viel unprätentiöser Einfühlsamkeit schafft die Barfußsängerin mit ihrem Quartett Gänsehautmomente, Heimat ist ihr im Schweizer Exil eine Bauch- und Herzensangelegenheit. Mit ihrer Volksliedern aus dem Balkan hat Duni zudem passenderweise eine Heimat beim legendären Münchner ECM-Label gefunden. Ganz anders verspricht der Auftritt am dritten Tag zu werden: wenn der niederländische Avant-Gitarrist Andy Moor von den ebenso legendären Amsterdamer Anarcho-Experimentalisten The Ex auf den zypriotischen Soundkünstler Yannis Kyriakides und den griechischen Cellisten Nikos Veliotis trifft und sie gemeinsam Rebetika und Folia bearbeiten, geht es garantiert unkonventioneller zu. Moor spielt schon seit 1996 zusammen mit Tony Buck von den Necks als Kletka Red Klezmer, griechische und russische Lieder. In den Dronelandschaften der Niederlande-Zypern-Griechenland-Connection werden sich die Heimatklänge zwischen den oszillierenden Harmonien, den Soundsplittern und den metallischen Gitarrenakkorden immer wieder neu formieren, um sich sogleich wieder aufzulösen. Vielleicht ein gutes Sinnbild für das diskursive Mäandern eines unverstandenen Begriffs.

 

2.10. Molly Nilsson / Donna Regina, King Georg

Was die Ex-Stewardess Regina Janssen und die Ex-Garderobiere Molly Nilsson verbindet ist die somnambule Beiläufigkeit großer Diven. Das Trennende tritt schnell zu Tage: Karaoke Kalk trifft auf Dark Skies Association, Köln auf Berlin, Hardy auf Nico. Während Nilssons kühler Disco Noir aus Synthiepop der frühen Achtziger und Nico gestrickt ist, funktioniert das Projekt von Regina und Günther Janssen über warm pulsierende Neunziger-Jahre-Elektronica und Françoise Hardy. Bei den Kölnern wird Melancholie mit Leichtfüßigkeit gepaart, bei Nilsson herrscht eine geradezu zwingende Ungerührtheit gegenüber Eskapismen, kein Sehnsuchtsraum tut sich auf, bare, unsentimentale Gegenwart scheint in ihren Stückwelten auf. Diese wunderbare Zusammenkunft wird den nötigen Glanz auf den verregneten Asphalt dieses Sommers zaubern. Versprochen.

 

06.10. Roddy Frame, Stadtgarten

Roddy Frame entstammt der Ursuppe des New Pop – dem Label Postcard Records aus Glasgow. Das 1979 gegründete und recht kurzlebige Label brachte mit Bands wie Orange Juice, Josef K, den Go-Betweens und Frames Band Aztec Camera Leichtfüßigkeit und Empfindsamkeit gegen die militante Coolness der (Post-)Punk-Szene in Stellung. Aztec Camera verbanden in ihrem Sound was in der Punkszene verpönt war – echte Gefühle, leisen Humor, glatte Oberflächen. Frame positionierte sich zudem als eklektizistischer Dandy und behauptete, von der queeren Dekadenz David Bowies genauso inspiriert zu sein wie von der Breitbeinigkeit Bruce Springsteens. Solche gespreizt wirkenden Statements verlieren sich in dem bodenständigen und widerspruchsfreien Sound seiner Musik: egal woher Frame schöpft, heraus kommt immer Pop. Und wenn ihm auch die Grandezza von Morrissey oder die Hipness von Green Gartside (Scritti Politti) fehlt, gehört er in die Riege der Pop-Entrepeneure der frühen Achtziger.

 

07.10. Death From Above 1979, Luxor

»Ich habe Diana Ross gehört, als wenn es kein Morgen gäbe.« Dieser Grabstein-Satz von Jesse Keeler ist schon knapp zehn Jahre alt, hat aber von seiner zusammenfassenden Kraft nichts verloren. Als Keeler und Sebastien Grainger 2002 antraten, um möglichst laut möglichst viele Feuerwerkskörper gleichzeitig abzubrennen, war die Zeit reif: sie machten ihrem Namen alle Ehre und schlugen ein wie eine Bombe. Ihr dionysischer Mix aus Daft Punk, Heavy Metal, Electro Clash und Post-Punk-Disco brachte den zynisch-hedonistischen Geist der Naughties auf den Punkt. Ihre Singles wie Romantic Rights liefen auf dem Peak jeder Party und vermählten Mosh Pit und Dancefloor. Sie hatten es geschafft. Sie waren der Elefant im Wohnzimmer, den man nicht ignorieren konnte. Erklärtes Ziel war es, möglichst viel Geld mit DFA 1979 zu scheffeln, um hernach die Füße hochzulegen. Nun, 10 Jahre hat es wohl gereicht, jetzt kommt ein neues – ihr zweites – Album The Physical World heraus. Und wieder wird der Körper in nachmetaphysischen Zeiten gefeiert.

 

10.10. Caribou, E-Werk

Dan Snaith aus Ontario hat vor ein paar Jahren mit Odessa den Konsens-Hit schlechthin abgeliefert. Seither wandelt er, legitimer Nerd-Nachfolger von James Murphy, auf Superstar-Spuren und füllt Großhallen. Das Album Swim gewann unzählige Preise und wurde von Kritikern und Fans umarmt wie in einer Free-Hugs-Kampagne. Der promovierte Mathematiker (seine Doktorarbeit ist übrigens im Netz komplett zugänglich) war aber auch schon vorher ziemlich erfolgreich, die 2005er und 07er Alben überzeugten mit filigraner Psychedelic-60ies-Folk-Electronica, schön wie ein Abend mit Lavalampe und Fußbad. Für sein neues Album Our Love hat er in seiner Plattenkiste gewühlt und offensichtlich frühe Coldcut- und Old-School-House-Scheiben gefunden – sein melancholisch grundierter Hands-in-the-Air-Sound findet eine neue Heimstatt im Second Summer of Love, nur konsequent nach den Hippiefolk-Exzessen der Andorra-Phase. Das Konzert wird eine Feier des Handgemachten, der Neuerfindung des Raves mit anderen Mitteln: Snaith sitzt am Schlagzeug und wird von gutaufgelegten Musikern begleitet, die Menge jauchzt wie bei einem Rockkonzert. Selten hat sich eine Abfahrt derart warm und wohlig angefühlt.

 

10.10. The Town Heroes, Tsunami

Wieder so ein Bärtigen-Duett mit handfestem Indierock samt Airplay-Garantie. Von Halifax in die große weite Welt, das ist der Plan, bis ins Tsunami haben sie es schon mal geschafft. Irgendwo zwischen ausgewaschenem 90er-Jahre-Indie und Collegerock befindet man sich auf der Interstate in Richtung dem großen Hit, und wenn die Billboard-Charts so funktionieren wie gewöhnlich, klappt das demnächst auch. In den Qualitätsmomenten tauchen vage Abseitigkeiten à la Pavement & Co auf, und zwar immer dann, wenn das Songformat verlassen wird. Vielleicht sollten die Jungs nicht zu angestrengt dem perfekten Popsongs hinterher schielen, manchmal liegt der Erfolg eben ein Hand breit daneben. Live gibt’s bestimmt ein bisschen Feedbackkrach, dann klappts auch mit der Nachhaltigkeit.

 

10.10. Kmpfsprt, Underground

Hardcore-Pate Walter Schreifels hat die Kölner Band einmal treffend als Mischung aus Hot Water Music und Title Fight beschrieben: Post-Hardcore mit langen Melodiebögen und harmonischem Gesang, ein bisschen Emocore, eine Prise Pop, ein Prise Punk. Dazu Texte in Deutsch, die sich um die alltäglichen Widersprüche drehen. 2010 aus den Bands Fire In The Attic und Days In Grief entstanden, hat die Band schon ein paar Jahre Erfahrung auf dem Buckel, dementsprechend erwachsen hört sich ihr Sound an. Gitarrist David Schumann hat in einem Interview mit dem OX-Fanzine seinen Werdegang vom Bierdosenpunk aus dem Bonner Loch zum Straight Edger mit Vorliebe für gut gespielten Melodicore als Läuterung durch eine Gorilla Biscuits-Platte erklärt, da sage noch einer, Musik verändere keine Biographien. Ihr Konzert im Underground anlässlich den neuen Albums Jugend mutiert wird selbstredend ein Heimspiel.

 

12.10. Bonaparte, Gloria

Tobias Jundt alias Bonaparte ist so was wie der Party-Botschafter des scheidenden Hauptstadtoberbürgermeisters Wowereit. Der hat bekanntlich vor 10 Jahren die Losung Arm aber Sexy ausgerufen. Jundt und seine Truppe sind genau das: arm aber sexy. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt: mit Tonträgern lässt sich kein Geld mehr verdienen, darum geht man auf Tour und lockt die Leute mit Menschen, Tieren, Sensationen. Die ostentative Armut der Musik wird durch schwitzenden Hedonismus locker wettgemacht. Visual Trash Punk wird dieser Stil genannt, ein sehr treffendes Label, liegt doch die Betonung auf dem was man sieht: die Bühnenshows geraten regelmäßig zu Orgien, am Ende sind meist alle nackig. Der schweizerische Zirkusunternehmer und Adam-Ant-Wiedergänger ist zudem Erfinder unsterblicher Slogans wie You know Tolstoi, I know Playboy, für solche Sätze wird er auch von den Feuilletons frenetisch gefeiert. Kürzlich ist das vierte Album rausgekommen, selbstredend nur Anlass für eine weitere Runde burleskes Theater.

 

16.10. Avi Buffalo, Luxor

Wenn Avigdor Zahner-Isenberg seine buschigen Augenbrauen zusammenzieht und mit seinen Händen an seinem Hemdsaum nestelt, möchte man ihn glatt zwangsadoptieren. Das haben aber schon die Jungs von Sub Pop getan, Avi veröffentlichte auf dem legendären Label aus Seattle bereits seine zweite Single, jetzt ist dort sein zweites Album erschienen. Jedem Wunderkind seine Tränenstory, bei Avi allerdings mit dem berühmten Glück-im-Unglück-Twist: mit 18 musste er sich einer Hüftoperation unterziehen und hernach seine große Leidenschaft, das Skateboarden, aufgeben. Kurzerhand tauschte er Skateboard mit Gitarre, nahm emsig Stunden und tröstete sich selbst mit seinem wunderschön kniedeligen Gesang. Dazu passt die, der englischen Babysprache entlehnten, Bezeichnung Twee, was so viel wie hübsch, süß, nett bedeutet – Avi macht Twee-Pop. Und das ist wirklich schön.

 

19.10. Esben and the Witch, Gebäude 9

Die britischen Goth-Dramatiker haben vor gerade mal anderthalb Monaten ihr neues Album herausgebracht. Und das ist mit gehörig Wums eingeschlagen. Hatte man die nach einem dänischen Schauermärchen benannte Band bislang als verwunschenes Siouxsie & the Banshees-Revival abgespeichert, muss man nun umdenken. Dreampop war gestern. Meister Steve Albini hat das dritte Album produziert und das hat dem Sound der Band gut getan: das bislang ätherisch-verhallte Gerüst ist einem erdigen, fast bluesigen Unterton gewichen. Auf der ersten Single röhrt Rachel Davies wie Heiland Polly Jean Harvey und es wird gerockt dass die Swans, die ein paar Tage später auf der gleichen Bühne stehen werden, sich anstrengen werden müssen, wollen sie das Gebäude derart unter Strom setzen.

 

20.10. Shit and Shine, Sonic Ballroom

In der Tradition der göttlichen Butthole Surfers baut dieses ominöse Musiker-Kollektiv seit gut zehn Jahren an einer psychedelischen Freak-out-Kathedrale. Und sie haben den Biggest Cock In The Christendom (so der Titel eines ihre Kleinode). Zwei Umstände, die dieses Konzert zu einem Erlebnis mit Erlösungscharakter machen. Wenn sie ihre Messe lesen, besteht die Liturgie aus mehreren Schlagzeugern, die allesamt den gleichen Rhythmus spielen, und mehreren Gitarristen, die allesamt die gleiche Feedblackschleife ziehen. Irgendwer ruft Unverständliches ins Mikrofon. Das britisch-amerikanische Biest wird mit ihren kolossalen Distortiondrones alles platt walzen und mit ihren Loopkaskaden Wahnsinn säen. Menschen mit Sinn für spirituelle Selbsterfahrung sollten sich dies nicht entgehen lassen.

 

24.10. Swans, Gebäude 9

Michael Gira gibt keine Konzerte. Der Kopf der legendären New Yorker Band Swans gibt Gottesdienste. Und da in Giras Kosmos für einen Gott kein Platz vorgesehen ist, betet man das Nichts an. In Form eines monströs in Superzeitlupe aufgeblasenen Noiserocks, der das Hier und Jetzt transzendiert. Gegründet 1982 in der No Wave-Szene u.a. mit Jonathan Kane und Thurston Moore, hat Gira über die Jahrzehnte eine eingeschworene Gemeinde um sich versammelt, die jeden neuen Anschlag auf seiner Gibson Lucille feiert. Und sein Noiserock hat kein Staub angesetzt. Aus gut unterrichteten Kreisen heißt es zwar, dass sich Gira mittlerweile als Zen-Meister im Bogenschießen übt und auf die Zucht einer bestimmten Bonsai-Baumsorte spezialisiert habe. Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten die Swans dennoch ihr 13., von der Kritik einhellig gelobtes Album To be kind. Nun kommen sie in unsere Stadt und wenn sie No Words No Thoughts anstimmen, werden wir uns alle in Nichts auflösen. Amen.

 

25.10. GoGo Penguin, Stadtgarten

Sie machen zart perlende, hochenergetische, komplex segmentierte, melancholische, leichtfüßige Musik. Ihr Instrumente sind Klavier, Schlagzeug, Bass. Ihre Musik nennt man gemeinhin Jazz. Das Trio aus Manchester debütierte 2012 mit einem Album, das sowohl auf klassischen Jazzharmonien als auch auf eher aus Indietronic bekannten Popismen fußte, und weckte Begeisterungsstürme in der einschlägigen Presse. Das Spannungsfeld ihrer Musik ist mit Hauschka, spätem Dave Brubeck, Esbjörn Svensson und Max Richter nur unzulänglich abgesteckt. Jetzt haben sie ihr zweites Album rausgebracht, das sich gleichzeitig nach Frühjahr und Herbst anhört, und nicht nur Freunde von geschmackvollem Jazz jenseits jeder ECM-Esoterik überzeugen wird. Eine wunderbare Liaison von intelligentem Pop und modernem Jazz.

 

26.10. Nihilist Spasm Band, Stadtgarten

Sie sind die Mutter aller Noise-Bands. Von 1965 bis zum heutigen Tag lärmen sie, seit 1966, so behauptet man, in ihrer Heimat Ontario jeden Montagabend vor und auch ohne Publikum. Man braucht angesichts des bald fünfzigjährigen Bestehens, ihres fortgeschrittenen Alters und der entsprechenden Seltenheit ihrer Auftritte nicht die Ereignishaftigkeit eines ihrer Konzerte betonen. Vor allem aber handelt es sich bei NSB um einen der radikalsten musikalischen Entwürfe überhaupt. Radikal, weil die Mitglieder nie ein konventionelles sondern nur ihre eigenen, selbst gebauten Instrumente erlernt haben, radikal, weil sie versuchen, weder im Jazz-, Rock- oder sonst einem musikalisch-konzeptuellen Rahmen zu improvisieren, und deswegen weitestgehend auf dort übliche Formen verzichten. Radikal, weil sie einfach gern und viel miteinander spielen. Seit fast einem halben Jahrhundert.

 

Shabazz Palaces, 15.11. CBE

Hilflosigkeit macht sich breit, geht es darum, den Ort zu identifizieren, den Shabazz Palaces nach gerade mal 5 Jahren, 2 EPs und 2 Alben in der Geschichte des Hiphop einnehmen. Der der Hysterie unverdächtige Guardian versuchte es, in dem er eine Analogie in der Rockgeschichte suchte und in Captain Beefheart fand: was dessen »Trout Mask Replica« dem Bluesrock der Endsechziger gewesen, sei Shabazz Palaces´ 2011er Werk »Black Up« für den zeitgenössischen Hiphop. Ob nun Forellen-Masken-Nachbildungen oder nicht, die Arbeit von Ishmael Butler (formerly known as Butterfly von den Digable Planets) und Tendai Maraire ist in jedem Falle atemberaubend unclassifiable und unverschämt sexy in ihrer zuweilen inkohärenten Komplexität. Shabazz Palaces liefern einen gewichtigen Beweis dafür, dass das Ding mit dem Rap im Jahre 2014 äußerst vital ist. Das wichtigste Avantgarde-Hiphop-Label der Nuller Jahre, Anticon, wirkt da fast wie das Basislager für diesen einsamen Gang ins unwegsame Hochgebirge.

 

Thurston Moore, 16.11. Gebäude

Sonic Youth ist Geschichte. Seit 2011 ruht die Band und das wird wohl auch so bleiben. Gitarrist und Sänger Thurston Moore meinte unlängst, man solle SY wie Mike Kelly und Lou Reed einfach in Ruhe lassen. Und was den Gossip anbelangt: die Situation zwischen den Ex-Ehepartnern Kim Gordon und Moore scheint mehr als verfahren zu sein. Was allerdings die frühlingshaften Bedingungen im Hause Moore zeitigt, ist für den geneigten Fan erfreulich: Moore macht nämlich auf jeden Fall musikalisch weiterhin alles richtig. Gemeinsam mit Steve Shelly, Debbie Googe (My Bloody Valentine) und James Sedwards hat er gerade sein neues Album »The Best Day« rausgebracht und der mittlerweile 56-jährige Neu-Londoner hört sich darauf ausgeschlafen und gut gelaunt an. Musikalisch bewegt man sich zwischen »A thousand leaves«, Led Zeppelin und britischem Folk. Für die moralische Einordnung des SY-Splits muss man noch bis Februar warten: dann veröffentlicht Kim Gordon ihre Memoiren.

 

Reconstructing Song; Song Special Peter Walker, 22.11. Stadtgarten

»Peter Walker plays on the ancient protein strings of the genetic code« schrieb ein gewisser Timothy Francis Leary in den Linernotes zu Walkers Debüt-Album »Rainy Day Raga« von 1966. Leary musste es wissen. Walker war der »Musical Director« von Learys berüchtigten LSD-Erkundungen und Teil der virulenten Greenwich Village Szene. Er vertiefte sich als einer der ersten Folk-Musiker in die klassische Raga-Musik, spielte mit George Harrison, und entdeckte Ähnlichkeiten zwischen indischer Musik und Flamenco. Peter Walker gehört neben John Fahey, Robbie Basho und Leo Kottke zu den großen Gitarristen des Folk-Revivals der Sechziger Jahre. Zu Beginn der 70er zog er sich zurück, widmete sich seiner Familie und wurde Jurist. Er hörte indes aber nie auf, sein Gitarrenspiel weiterzuentwickeln. Nach 40 Jahren Pause ist Walker wieder aktiv, heuer ist er zu Gast in der Stadt. Pflichttermin.

 

Jamie T, 24.11. Stollwerck

Die beste Therapie gegen eine Panikstörung soll ja die Konfrontation mit der Angst sein. Nach dem Erfolg mit seinem großartigen 2007er Debüt »Panic Prevention« und dem ebenfalls gefeierten Nachfolger »Kings & Queens« (2009) hatten sich beim Rapid-Fire-Racenteur und Manic-driven-2-Tone-Punk Jamie Treays aka Jamie T erstmals seit seiner Kindheit wieder massive Panikattacken eingestellt – die hat er nach einem Trip durch die USA als Straßenmusiker jetzt offensichtlich im Griff. Und genauso hört sich sein Comeback an: rastlos war gestern, hier ist jemand bei sich selbst angekommen. Das neue Album »Carry on the Grudge« ist ein eher ruhiges und introvertiertes Singer-Songwriter-Album geworden. Live wird der Lad aus Westlondon aber selbstredend  wieder mächtig aufdrehen, versprochen: Jamie T ist back in the game!

 

Sage Francis, 2.11. Underground

Um die Jahrtausendwende machte das Label Anticon aus Los Angeles mit ein paar großartigen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam: Künstler wie Themselves und Why? fusionierten auf bis dahin selten gehörte Weise Hiphop und Indierock. In der Folge galt das Label lange Zeit als die wichtigste Schmiede außergewöhnlicher Alternative-Hiphop-Acts. Auch Sage Francis gehörte anfangs zum Label-Roster, wanderte aber bald zum Punk-Label Epitaph ab. Das passte, waren doch die Anticons im Gegensatz zum dickhosigen Bartträger aus Providence eher Hornbrillentypen. Francis gehört zur White Trash-Fraktion des Indie-Hiphops: er rappt schlechtgelaunt über seine Mittelschichtkleinstadtherkunft und das Böse in der Welt. Dass sich hinter der miesepetrigen Fassade ein grasnarbiger Humor versteckt, ändert nichts an der immer wieder überraschenden Originalität seiner Musik.

 

Lurk Lab, 5.11. Loft

Hochvertrackte Rhythmik, elektrisches Zirpen und ein kurzatmig schreiendes Sax. Das 2007 gegründete Trio mit dem lustigen Namen verbindet Free Jazz, Noise und Live-Elektronik zu einem schillernden Netz aus Tönen und Geräuschen. Das erinnert an die großartige Schweizer Jazzcore-Kombo Alboth!, minus deren metallische Wucht. Der Berliner Saxophonist Matthias Schubert und die Wiesbadener Jörg Fischer (Schlagzeug) und Uli Böttcher (Live-Elektronik) gehen trotz zuweilen brachialem Gesamteindruck eher feinsinnig an ihre Improvisationen, oft scheint in den minimalen Zwischenräumen so etwas wie Humor auf und es gibt sogar fast meditative Momente. Die Referenzen der Lauscharbeiter sind einwandfrei – sie haben etwa mit Free-Jazz-Größen wie Peter Brötzmann und Eugene Chadbourne zusammengearbeitet.

 

Trümmer, 7.11. King Georg

Aufgeklärtsein und Naivität. Affirmation und Protest. Aktion und Party. Trümmer werden gern als Stellvertreter einer neuen Generation junger Musiker gehandelt, die sich frei gemacht haben. Frei davon, irgendwes Nachfolger zu sein, frei davon, cool oder uncool zu sein, frei davon, sich zwischen oben genannten Antagonismen entscheiden zu müssen. Das ist erfrischend. Und Trümmer haben das Potenzial, viele Menschen anzusprechen. Ihre Musik, gespeist von Indie der Marke Dinosaur Jr., Build to Spill und natürlich Sonic Youth, auch von dem deutscher Provenienz, etwa Blumfeld (die Ähnlichkeit von Sänger Paul Pötsch zum jungen Distelmeyer ist wirklich frappierend), hat unverschämt viel Popappeal, der Gesang ist geradeaus und die Texte sind anschlussfähig. Das ist auch im Jahre 2 nach ihrer Entdeckung immer noch prima, mehr davon.

 

Michael Nyman Band, 8.11. Philharmonie

Michael Nymans Karriere begann mit einer Verweigerung. Eine Verweigerung gegenüber dem Dogma serieller Musik. Diese wollte Nyman nicht komponieren und so suchte er zunächst nach Alternativen, die er bei den amerikanischen Minimalisten fand. Nyman verfasste also bevor er auch nur eine Note zu Papier brachte ein Theoriewerk, »Experimental Music – Cage and beyond« – eine klarsichtige Analyse zum Status Quo, und er erfand dabei für Steve Reich, Philip Glass & Co. den Terminus Minimal Music. Auch wenn Nyman sich hernach an dieser orientierte, arbeitete er sich schon in seinen frühen Stücken wie »In Re Don Giovanni« an der Musikgeschichte ab: hier zeigte sich bereits sein Signature Sound. Und dem ist er bis heute treu geblieben. Seine Soundtracks zu den Spielfilmen von Peter Greenaway, allen voran »Der Kontrakt des Zeichners«, gehören in jedem Fall zu den schönsten Kompositionen der zweiten Jahrhunderthälfte.

 

Marc Ribot, 9.11. Stadtgarten

Der musikalische Kosmopolit und berühmte Avantgitarrist Marc Ribot feiert dieses Jahr seinen Sechzigsten. In den gut dreißig Jahren seines Wirkens hat Ribot mit einer Menge illustrer Musiker zusammengespielt, am bekanntesten sind seine Arbeiten mit Tom Waits, Elvis Costello und John Zorn. Er hat aber auch in gänzlich fremden Gärten – etwa bei Elton John und Marianne Faithfull – gewildert, oder mit den Black Keys und Mike Patton seine Saiten bearbeitet. Sein musikalisches Spektrum ist dementsprechend immens breit gefächert und erstreckt sich von No Wave und Punk über Free Jazz, Delta Blues bis hin zu Rock und kubanischer Folklore. Herz und Motor seines Schaffens ist aber der Jazz eines John Coltrane oder Albert Ayler. Mit dem legendären Coltrane-Pianisten McCoy Tyner hat er ein Album aufgenommen, mit dem Bassisten von Ayler, Henry Grimes, arbeitet Ribot seit geraumer Zeit zusammen. Als Spiritual Unity (mit Schlagzeuger Chad Taylor) erspielt sich das Trio ihre eigene, konzentrierte Aylersche Extase.

 

Outskirts: Nate Wooley, 10.11. Stadtgarten

Clatskanie ist ein Kaff in den Wäldern Oregons in der Nähe des Columbia Rivers. Wer hier aufwächst, muss die Weite der Landschaft irgendwo tief im Hirn gespeichert haben. Nate Wooley wuchs genau dort auf und begann mit 13 Jahren Trompete zu spielen. Wenn er heute mit seinem gedämpften Blechinstrument gegen ein zitterndes Stück Metal bläst, entfaltet sich ein drone-artiger Sound, der sich in etwa so anhört wie die Mündung des Columbia in den Pazifik. Wooley, Jahrgang 1974, hat in einer relativ kurzen Zeit einen erstaunlichen Weg zurückgelegt, der ihn mit Anthony Braxton, John Zorn, David Grubbs und Fred Frith auftreten ließ. Derart beleumundet, verspricht sein Solo-Auftritt mit verstärkter Trompete eine Grenzerfahrung zu werden. Ebenfalls grenzwertig wird die Performance des australischen Trios Great Waitress – die auf lange Dauern und Minimalmodulationen ausgelegten Stücke mit den Weiten des Outbacks in Verbindung zu bringen, ersparen wir uns aber an dieser Stelle.

 

Oracles, 15.11. Gebäude 9

Sie waren unlängst die Buzz-Band-of-the-Week im NME und Pete Doherty schwärmt in höchsten Tönen von ihnen: der Umweg über die Insel scheint hierzulande immer noch der zuverlässigste Weg zur Aufmerksamkeit zu sein. Derartige Schützenhilfe brauchen sie aber gar nicht und auch die hiesigen Scouts haben ihren Job gemacht, auf der c/o Pop etwa konnte man die Zu-zwei-Fünftel-Schnauzbartträger schon begutachten. Jetzt kommt der 2013 gegründete Fünfer mit ihrem kosmischen Cocktail ins Gebäude, der Abend verspricht ein psychoaktives Vergnügen zu werden. Die Köln-Berlin-Connection macht einen erfrischenden Sound, der sich Shoegaze, Afrobeat, Kraut, Canterbury und Indiepop einverleibt, und hat ihr Zuhause beim Hamburger Qualitätslabel Clouds Hill gefunden: in deren Portfolio passt die Band mit dem Omega-O zwischen Faust und Damo Suzuki hervorragend rein.

 

17 Hippies, 17.11. Gloria

Um die Jahrtausendwende kursierte in Berlin ihr Name. Es hieß, sie sei die Band der Stunde und live ein extraordinäres Erlebnis. Sie trugen den komischen Namen 17 Hippies und tatsächlich passte die Band mit den 12 Mitgliedern wie die Faust aufs Zeitgeist-Auge. Man ging ins Kaffee Burger zu Wladimir Kaminer in die Russendisko oder in den Club der polnischen Versager auf der Torstraße und trank Wodka aus Wassergläsern. Und auf die Konzerte besagter 17 Hippies. Das nannten dann irgendwelche amerikanischen Touristen den Berlin Style. 2001 haben die Hippies dann auch noch Andreas Dresens »Halbe Treppe« als griechischer Chor den richtigen Drive gegeben und so Fans in der ganzen Republik gewonnen. Seither sind die Troubadoure mit ihrem Polkachansonhumptabeat eigentlich ununterbrochen auf Tour und veröffentlicht alle zwei Jahre ein neues Album auf dem bandeigenen Label. Real Family-Business eben.

 

The Lurkers, 18.11. Sonic Ballroom

Die britische Version der Ramones. Viel mehr muss man eigentlich nicht sagen. Dass sie aber nicht einfach eine Epigone der berühmten Prinz-Eisenherz-Frisurträger sind und waren, dafür sorgt ihre nicht zu verbergende Herkunft aus dem schwitzigen Pubrock der 70er und ihre Vorliebe für Glam der Marke Slade und Sweet. 1976 in London gegründet, hatte man Ende des Jahrzehnts nicht nur in England einigen Erfolg, die Toten Hosen mussten sie allerdings sie Mitte der Achtziger reanimieren, seither tourt man aber ohne Unterlass und versorgt die mitgealterten Fans zuverlässig mit Wiederauflagen vergriffener Singles in Form von Best-Of-Alben. Seit fast vierzig Jahren sind die Jungs also schon unterwegs: dass sie im Ballroom gebührend gefeiert werden, versteht sich da von selbst. Wie etwa die Vibrators machen die Lurkers eindrucksvoll vor, wie man als Punkband würdig altert: und zwar auf der Bühne!

 

Tamar Aphek, 19.11. Sonic Ballroom

Die Sängerin, Keyboarderin und Gitarristin Tamar Aphek hat mit ihren Bands Carusella und Shoshana bereits mit den Editors und Deerhof zusammengespielt, war ausgiebig in Europa und den USA auf Tour und machte die lebendige Tel-Aviver Indie-Szene auch hierzulande bekannt. Doch das Schicksal war den Bands nicht hold, brachte sie gar buchstäblich zu Fall: Apheks schlagzeugenden Duettpartner verletzten sich beide ernsthaft (ein Autounfall, ein Sturz vom Pferd) und fielen dadurch dauerhaft aus. Davon ließ sich die umtriebige Musikerin aber nicht aus dem Konzept bringen. Sie performt kurzerhand nun unter ihrem bürgerlichen Namen. Ihr wird zuweilen eine gesangliche Nähe zu Nico nachgesagt, tatsächlich ist ihre Stimme in ihrer Klarheit aber einfach recht unique, wie man so schön sagt. Die Musik pendelt zwischen introvertierter und filigraner Vertracktheit und noisigem Rock.

 

Stereo MC´s, 21.11. CBE

»Vielleicht mussten wir uns ja fast selbst zerstören, um jetzt wieder wir selbst sein zu können.« Das sagte Rob Birch 2001 anlässlich des Comebacks der Stereo MC´s über den Absturz nach ihrem Megaerfolg. Die Wahrheit ist: Birch sah immer schon ziemlich fertig aus. Er sah immer wie einer aus, der sich verbrennt. Und genau dafür steht ihre Musik: Euphorie und Gelassenheit angesichts des allgemeinen biologischen Verfalls. Es gab vielleicht nur ein anderes Dance-Stück in den Neunzigern, das ein ähnlicher Konsenshit war wie Stereo MC´s ´»Connected« (d.i. »Groove is in the heart« von Deee-Lite). Mit ihren ersten beiden Alben brachten Stereo MC´s den Madchester-Sound der Happy Mondays mit Hiphop und Funk zusammen und definierten damit wie wenig andere den Sound der frühen Neunziger. Heute ist der drahtige Knochenmann Vater, fit wie ein Turnschuh und hat sich im Griff. Das Konzert ist eine gute Gelegenheit, mal wieder den Verfall zu ignorieren und den Moment zu feiern.

 

Broken Sounds: Ghédalia Tazartès, Mik Quantius 23.11. Stadtgarten

Ghédalia Tazartès ist ein Sonderling. Der in Paris lebende Türke hat 1979 sein erstes Album namens »Diasporas« aufgenommen, ein irrwitziger Trip aus Stimmmodulationen, Trauergesang und Found Footage. Der Chanteur d´extrême ist seither aktiv, bringt alle paar Jahre ein neues Wahnsinnswerk heraus, gibt rare Live-Auftritte und verarbeitet Texte von Mallarmé, Verlaine und Rimbaud. Musikalisch ist das kaum zu fassen, als Orientierungspunkte mögen Harry Partch, Muslimgauze und Jean Dubuffet dienen. Der Kölner Mik Quantius ist seit einigen Jahren der Vokalist bei dem seit 1969 aktiven (!), legendären Krautkollektiv Embryo. Und Quantius ist solo nicht weniger weird unterwegs als die kosmischen Embryonen. Ein Abend mit diesen Ausnahme-Vokalakrobaten verspricht ein extraordinäres Erlebnis zu werden.

 

Week-End-Festival, Stadthalle Mülheim

Barcelona hat das Primavera, Camber Sands All Tomorrows Parties, Köln das Week-End. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall kommen an diesem Wochenende in die stylische Stadthalle am unterschätzten Wiener Platz ein paar ganz fantastische Bands und schreiben die Erfolgsgeschichte des Festivals im vierten Jahr weiter. Allen voran müssen ESG genannt werden: die Ladys aus Brooklyn machen den allercoolsten, dabei völlig unprätentiösen, rohsten Funk ever und haben damit unzählige Hiphop- und House-Produzenten geprägt. Ebenfalls ein Highlight: A Certain Ratio, sie schlossen auf revolutionäre Weise die düstere Postpunk-Attitüde Joy Divisions mit glitzerndem Disco kurz. Die Powerpopband Teenage Fanclub eroberte in den Neunzigern unzählige, frei flottierende Herzen und gab ihnen ein emotionales Zuhause; sicher ein Auftritt, auf den sich nicht nur die Festivalmacher besonders freuen. Es gibt aber nicht nur alte Helden, sondern auch frische Musiker wie Kate Tempest, Sinkane, Nite Jewel und natürlich (räusper) Von Spar. Und nicht zu vergessen Owen Pallett. Und Jarvis Cocker. Haben wir Mdou Moctar erwähnt?!

 

New Pornographers

Phil Spector, zur Zeit wegen Totschlags inhaftierter Soundmagier, nannte seine Produktionen einmal „kleine Sinfonien für Jugendliche“. Die kanadische Indierock-Band New Pornographers folgt einer ähnlichen Überwältigungsästhetik. Ihr superdichter Powerpop kennt aber keine Entwicklung, er springt von Null auf Fünfzig, den Schellenkranz immer fest in der Hand. Ihre Stücke sind kompakte Musikplomben in der Tradition von Big Star, Burt Bacharach und des klassischen Produzentenpops. Letzterem huldigt die Band um Carl Newman auf ihrer neuen Platte „Bill Bruisers“, die im September auf Matador erschien. Benannt nach dem Brill Building, einem Verlagshaus in New York, das den Sound der Sechziger und Siebziger mit Künstlern wie Carole King maßgeblich mitprägte, feiern sie einmal mehr den amerikanischen Pop in seiner klarsten Ausprägung: als Verheißung von Glücksmomenten, von besinnungsloser Freude, von purem Spaß am Leben.

 

Reconstructing Song: Ogoyoa Nengo & Dodo Women Singers, Durian Brothers, 2.12. Stadtgarten

Afrika, Afrika, Afrika. Eine neue Welle des Interesses spült spannende Musik vom dunklen Kontinent auf hiesige Bühnen, Auslöser dieses höchst ungewöhnlichen Auftritts ist Stefan Schneider von den Postrockern To Rococo Rot. Die haben zudem jüngst ihre Auflösung bekanntgegeben, Schneider hat also mehr Zeit für Eigenes. Unlängst stand er ja mit den Lippok-Brüdern noch auf hiesiger Bühne mit dem grandiosen Tuareg-Gitarristen Mdou Moctar aus dem Niger. Jetzt hat er das internationale Debüt der über 70-jährigen Ogoya Nengo produziert, sie ist in Kenia eine Legende des Dodo, einer urwüchsigen A-capella-Musik mit reduzierter Percussion. Nengo heißt eigentlich Anastasia Oluoch und hat in ihrer gut sechzigjährigen Karriere bereits für Häuptlinge, Krieger, Missionare und Kolonialbeamte gesungen, heuer betritt sie das erste Mal eine europäische Bühne. Die Durian Brothers steuern polyrhythmischen Para-Funk hinzu, im Nachprogramm des Konzerts spielt Schneider Folkplatten vom Lake Victoria.

 

Antilopen Gang, 20.12. Gebäude 9

Mit Versen wie „Du hast einen Armani-Anzug, ich finde mein T-Shirt nicht“ und „So ungefähr stell ich mir die Quintessenz von Dialektik der Aufklärung vor“ haben die Zeckenrapper von der Antilopengang ganz klar den Olymp des Deutschraps erklommen. Die beste Charakterisierung ihrerselbst stammt von ihnen selbst – ein Zeugnis der Genialität ist die Erkenntnis der eigenen Mediokrität: sinngemäß heißt es da, dass sie zu schlau für die Dummen und zu dumm für die Schlauen seien. Das ist wahres Außenseiterum, selbst im Moment ihres größten Triumphs hakt es gewaltig. Auf dem Olymp, den sie erklommen haben, war also vorher niemand, er gehört ihnen ganz allein. Sie sind das Mittelmaß der Gesellschaft, irgendwo ganz weit links und an der nächsten Ecke rechts. Sie sind so geil wie die Fantastischen Vier auf Jetzt geht’s ab, so widerspruchsfrei wie Goldie Schorsch Kamerun und so topaktuell wie Advanced Chemistry 1992: „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können“!

 

Metronomy, 14.12. LMH

Wenn die netten Jungs von nebenan den superintelligenten Sound der Stunde fabrizieren, dann bestätigt sich der Trend der Zeit: Popmusik wird immer schlauer. Die Aufgeklärtheit durch die Omnipräsenz der Musikgeschichte – das ist der Schlüssel zu der verblüffenden Qualität von LCD Soundsystem & Co. Passenderweise Weise sind diese Vollender allesamt klassische Nerds, die Schulhof-Eckensteher. Sie aktualisieren im Popformat, die alte Weisheit, dass Informiertheit Macht bedeutet. Auf ihre Musik tanzen heute auch diejenigen, die ihnen in der Kindheit das Leben schwer gemacht haben. Und wenn sich Popgeschichte so elegant verwirklicht wie bei den Jungs von Metronomy, dann klappt auch die Sache mit den Mädchen. Auf die sympathisch-verschrobene Sophistication von Metronomy können sich aber wirklich alle einigen, ihr Amalgam aus Orgelzauber, Zikaden am Pool, Library-Sounds, Klaus Schulze & Supertramp ist auch im 15. Jahr ihres Bestehens absolut überzeugend.

 

Dirtmusic, 21.12. Studio 672

Damon Albarn weiß es. Dirtmusic haben es ebenfalls kapiert. Irgendwo in Westafrika, wahrscheinlich zwischen Niger und Mali, befindet sich die DNA des Blues. Chris Eckman von den Walkabouts und Hugo Race von Nick Caves Seeds arbeiten zusammen mit Musikern aus Mali heraus, wie groß der Einfluss afrikanischer Musik auf den Westen immer schon gewesen ist. Oder, ganz ohne Zentrismus: die Doppelhelix ihres Wüstenblues ist schlicht universell. Eckman hat zudem bereits in seiner Tätigkeit als Produzent für die Desert Rock Band Tamikrest und als Labelchef (Glitterbeat) sein Händchen für die Verbindung westlicher und afrikanischer Hörgewohnheiten bewiesen. Selbstredend hat das nichts mit einer irgendeiner vermeintlichen Weltmusikschnarchigkeit zu tun. Und Dirtmusik beenden an diesem Abend ihre Tournee, umso befreiter werden sie aufspielen.

 

Labrassbanda, 30.11. Live Music Hall

Der ein oder andere erinnert sich noch an den „Riesenärger um den ESC-Vorentscheid“ letztes Jahr. Da hatte die Jury die bayerischen Barfußläufer nach Hause und die Bonnerin Natalie Horler nach Malmö geschickt. Aber auch ohne ESC-Teilnahme läufts wie geschmiert für die Blosmusigruppm, jüngst hat man mit Stefan Remmler und Captain Sensible tighte Coverversionen aufgenommen, ein neues Album namens Kiah Royal aufgenommen und ist nach einer Bierzelttour im Sommer durch Süddeutschland wieder auf Club-Tour inder gesamten Republik. Ihr Boarische-Volksmusik-meets-Balkanbeats-meets-Ska-Funpunk-Spaß wirkt auch im siebten Jahr noch fast genauso unverbraucht wie zu Anfang, das wird auch an einer Frischzellenkur (zwei personelle Ab- und Zugänge) und der live immer wieder entfachten Energie liegen. Der ausgebildete Barocktrompeter Stefan Dettl wird mit seinen boarischen Stakkato-Reden die Stimmung zum Siedepunkt bringen. Keiner verstehts, aber Hauptsache nackert!

 

The Teamsters, 3.12. SB

Neulich wurde im Rolling Stone noch spekuliert, ob Ray Davies die Kinks wiedervereinigt, aber Bruder Dave hat es wieder einmal verhindert. Die in guter alter Mod-Tradition nach einem zutiefst proletarischen Beruf benannte Band aus Nord-London kann sich also sicher sein, zumindest all denjenigen Ersatzbefriedigung zu sein, die bei solchen Verheißungen feuchte Hände bekommen. Letzten Sommer gegründet, reitet das Trio die x-te Mod-Revival-Welle, ihren Sound beschreiben sie selbst als „loud and messy garage beat“, ihre Texte halbironisch als misogyn, zu ihren Einflüssen zählen sie Billy Childish, Bob Dylan und die Wipers. Also, ein paar Dexys eingeklinkt, rauf auf die polierte Lambretta und checken, ob die Texte wirklich so Scheiße sind.

 

Alexander von Schlippenbach, 4.12. Loft

Alexander von Schlippenbach ist der Grandseigneur des Freien Jazz in Deutschland. Mit Peter Brötzmann gründete der Pianist 1966 das Globe Unity Orchestra, quasi die Ursuppe des europäischen Free Jazz. Neben Genannten gehörte zu der Groß-Kommune vieles was später Rang und Namen im kontinentalen Jazz und anderswo bekommen sollte, etwa Peter Kowald, Evan Parker, Antony Braxton und auch Jaki Liebezeit. Die Utopie der befreiten Musik war und ist das Ziel, im prozessorientierten Genre der improvisierten Musik heißt das: auf dem Weg, beim Spielen, in einem Augenblick der Innerlichkeit oder Ekstase, der Verzahnung oder Überlagerung, entsteht befreite Musik und die Utopie wird sekundenhalber Wirklichkeit. Von Schlippenbach spielt mit seinem Trio (Paul Lovens, Evan Parker) genau auf dieser auditiven Klippe im 42. Jahr.

 

Curtis Harding, 7.12. Studio 672

Der Mann ist als Kind mit dem Kirchenchor durch die Gegend gezogen, da bleibt selbstredend was hängen. Die spirituelle Kraft und die physische Energie von Gospel vermögen anscheinend auch heute noch, Musikerkarrieren zu stiften. Hardings Neo-Soul hat einiges von den großen Meistern wie Curtis Mayfield geborgt, klingt aber trotz aller Vintage-Verhaftung zeitgenössisch. Das liegt auch daran, dass sein Stil sich sonst eher am rauen Südstaaten-Soul inklusive kräftiger Rock´n`Roll-Infusion orientiert. So werden die treibende Rhythmusarbeit mit seiner Stratocaster und der stampfende Backbeat aufgelockert und die Musik ein Stückweit in einen Indierock-Kontext gerückt. Das ist simplifizierter Soulrock, moderner Rhythm & Blues, der auch Menschen ohne Gospelaffinität begeistern kann.

 

Northcote/John Allen, 7.12. Blue Shell

Zwei Männer mit Bärten und Reibeisenstimmen, der eine aus Saskatchewan, der andere aus Hamburg. Matthew Goud alias Nortcote und John Allen eint aber noch mehr als ihre stimmlichen Qualitäten. Ihr Singer/Songwritertum hat Wurzeln im Punk, Goud etwa hat zuvor in einer Emocore-Metal-Band gesungen und mit Chuck Ragan von Hot Water Music zusammengearbeitet, dementsprechend rau und rockig geht es zuweilen bei beiden zu. Ansonsten speist sich ihr Sound aus Folk, Americana, Blues und Country, und funktioniert vermutlich auch im Radio. Inwieweit Gouds Herkunft aus der kanadischen Christian Metal-Szene seine Musik und seine Einstellungen heute noch beeinflusst, ist unklar. Er gibt sich aber  neuerdings von Otis Redding und Charlie Mingus inspiriert – da sind „spirituelle Obertöne“ ganz anderer Art vorprogrammiert.

 

Turbostaat, 11./12.12. Stollwerck

Die Husumer Kapelle hält die Spannung. Auch im 15. Jahr ist ihre Mischung aus Wut, Humor und Melancholie absolut überzeugend. Man kann sogar sagen, dass sie immer besser werden, das fortschreitende Alter scheint ihnen gut zu tun. Auf dem aktuellen Album „Stadt der Angst“ (2013) bekommt ihr an Razzia, EA 80 und Angeschissen geschulter Deutschpunk eine leicht zurückgelehnte Note, ist aber dadurch nicht weniger dringlich. Die Musik ist ausgefeilter und vielseitiger, Postpunk, Wave und Sonic Youth klingen an, Sänger Jan Windmeier nimmt ab und an ein wenig den Druck aus der Stimme, das alles wirkt erwachsener und funktioniert erstaunlich gut. Das Jubiläum begeht man mit Doppelkonzerten, Motto „15 Jahre, 2 Abende, 63 Lieder“, ein Geschenk für sich selbst und ihre Fans.

 

Blemishes, 12.12. King Georg

Kratz, schlürp, bambam, zimbel, strichel, fiep. Klar, wird das anstrengend.„True German Hatefull and Misanthropic Free Improv“ – so heißt immerhin das erste der bisher zwei Veröffentlichungen des Kölner Jazz-Quartetts. Und so viel Humor in der Selbstbeschreibung liegt, so nah ist man mit assoziierter Kompromisslosigkeit an ihrem Sound dran. Die umtriebigen und in der hiesigen Szene bereits gut bekannten Nicola Hein (E-Gitarre) und Niklas Wandt (Schlagzeug; auch bei Oracles) haben vor ein paar Jahren Tom Lumley aus Leeds (Tenorsax) und Constantin Herzog (Double-Bass) kennengelernt, seitdem zerhacken sie gemeinsam spontan und lustvoll Hörgewohnheiten. Das ist anstrengend, aber auch lustig, manchmal anrührend, mal nervig, auf abstrakter wie auf ganz konkreter Ebene schön und hässlich. Eine Flucht nach vorne, immer im Jetzt.

 

Mono, 14.12. Gebäude 9

Erhabenheit ist ein Phänomen, das in letzten Jahrzehnten arg gelitten hat. Seit der Transposition des Erhabenen ins Politische mit den bekannten verheerenden Folgen, mag sich niemand mehr so recht für das übersinnlich Große erwärmen, man praktiziert die Verklärung des Gewöhnlichen. Am Ende des letzten Jahrtausends tauchten dann aber ein paar Bands auf, die in wagnerianischer Tradition das Sublime zu ihrem Ziel erkoren: majestätische Klanglandschaften, die das Naturerhabene von sich auftürmenden Wellenbergen oder überwältigenden Gebirgslandschaften nachahmten. Mono aus Japan ist eine solche Band. Sie sind offensichtlich von Godspeed beeinflusst, fügen man dem Genre aber eine verkitschte Morricone-Note hinzu. Mit dieser Soundtrack-Qualität empfehlen sich die Japaner Filmemachern wie Kim Ki-duk. Ob der Kitsch nun das Erhabensein steigert oder unterminiert, muss jeder für sich selbst herausfinden.

 

Georg Graewe, 16.12. Loft

Georg Gräwe ist ein Bochumer Urgestein des Freien Jazz. Als Pianist, Komponist und Bandleader hat er aber nicht nur im Ruhrpott gewirkt, sondern weit darüber hinaus. Seine Zusammenarbeiten mit Musikern wie Hamid Drake, John Butcher, Anthony Braxton, Evan Parker und Roscoe Mitchell haben ihn seit den Siebzigern zu einem wichtigen Protagonisten des europäischen Jazz werden lassen. Dabei hat er neben seiner Arbeit in der Imrov-Szene auch viel im Bereich der Neuen Musik gearbeitet, Kammermusik und Orchestermusik und darüber hinaus Musik für Film und Oper geschrieben. Seinem kristallklaren Spiel merkt man die Nähe zur Klassik an, quasi sein Signature Sound. Mit dem Loft ist seit Anbeginn verbunden, sein Auftritt ist demenstprechend auch ein Coming Home.

 

Leoniden, 17.12. SB

Sex unter Pubertierenden. Justin Timberlake auf Speed. Bums, schon im Text. Vage Hör-Assoziationen und werbetaugliche Selbstzuschreibungen sollen den Weg ebnen zu dieser wirklich vielversprechenden jungen Kombo aus Kiel. Ihr Powersound ist erfrischend eigenständig, prinzipiell wird er über Tempo und Groove definiert. Referenzen können nur Annäherungswert haben: manchmal erinnert die Polyrhythmik und der mehrstimmige Gesang an den leider verblichenen Dischord-Posthardcore à la Q and Not U, dann kommt einem der Discopunk von A Certain Ratio in den Sinn, dann kippt das Ganze in ein beatsteakiges Radiopopformat. Hier wird Pop ernst genommen. Und der Spaß auch.

 

2015

Winterjazz Köln, Stadtgarten & Umgebung

Jeder, der schon mal dabei war, weiß dass mächtig viel los sein wird, wenn die hiesige Szene zur alljährlichen Werkschau bittet. Im spitzen Dreieck – Stadtgarten, Zimmermann´s und Umleitung – treten über zwanzig Kombos auf und zeigen was in Köln in Sachen Jazz und Improvisierter Musik geht. Das ist erfreulich viel: das Quartett um die Sängerin in bester Mark Murphy-Tradition, Filippa Gojo, etwa sollte man nicht verpassen, genauso wenig die großartige Pianistin Laia Genc. Oder das Trio Neuzeit, das mit ihrer Version der Carmina Burana kürzlich für Aufmerksamkeit sorgte (s. auch die letzte SR-Ausgabe, dort fälschlicherweise als Neuland ausgewiesen). Sehr gut auch der Surf-Math-Postrock-infizierte Jazz von Expressway Sketches oder der »Garage Free Jazz Rock« von Colonel Petrov´s Good Judgement. Ein Projekt widmet sich dem mit 51 Jahren viel zu früh verstorbenen Vibraphonisten, Percussionisten und Dozenten Rupert Stamm. Stamm, der mit Vielen der heute aufspielenden Musiker immer wieder zusammenarbeitete, wird mit seinem nachdenklich-leichtfüßigen Spiel und seiner überaus sympathischen Art fehlen.

 

James Blood Ulmer, Stadtgarten

I´m not a creator. I´m a discoverer. I´m discovering what is already there. Weise Worte eines Mannes, der weiß, woher er herkommt. Die Wurzeln des legendären Free-Funk-Gitarristen und Sängers JBU liegen Ende der Vierziger im rassistischen South Carolina in der Gospel-Band seines Vaters. Sich selbst fand er Ende der Sechziger im halluzinogenen Blues eines Jimi Hendrix und in der befreiten Musik Ornette Colemans. Seine offizielle musikalische Biographie beginnt auch erst Anfang der Siebziger mit seiner Begegnung mit Coleman in Brooklyn. Ausgehend von dessen harmolodischen Konzept – die Antwort des schwarzen Amerika auf die dominierende europäische Neue Musik-Avantgarde – entwickelt Ulmer übernatürliche Fähigkeiten an der Gitarre (die er nur mit dem Daumen spielt) und erweitert jedes musikalische Feld, das er betritt, um das Vielfache. Und zwar indem er das findet, was dort schon vorhanden ist. Musikalische Sprachen wie Blues, Funk, Free Jazz, No Wave, Jazzrock oder Neue Musik werden so von Bloods Daumen und Gitarre weiter und um-geschrieben – in zugleich delirierender Atemlosigkeit wie spröder Bodenständigkeit.

 

Zivilisation der Liebe, St.Aposteln

Das Programm der 10. Ausgabe des familiären Ambientfestivals bewegt sich wieder zwischen Elektronik und Neo-Klassik und sucht nach musikalischer Liebe – cool und abgeklärt war vorgestern. Poppy Ackroyd etwa formuliert mit ihrem filigranen Geflecht aus Klavier und Geige ein Gegengewicht zum alltäglichen Informationsoverkill, eine instrumentale Agnes Obel ohne Kate-Bush-Anmutung. Der Rasputin-Wiedergänger und bekennende Spiritualist Lubomyr Melnyk verwandelt sich gleich in Wasser – er praktiziert seit Jahren Tai Chi am Klavier und lässt sich von seinem wogenden Spiel davontragen. Thomas »Honigpumpe« Fehlmann ist eine altgediente Größe im internationalen Technobiz, Palais Schaumburg und The Orb heißen seine populärsten Stationen, unter eigenem Namen veröffentlicht er an der Schnittstelle zwischen Ambient und Techno. Von atemabschnürender Schönheit ist der Kammermusik-Indie von Wooden Arms, Rachels ohne Postrock und Egon Schiele. Auch Eisklötze und High-Brow-Hipster überzeugen verlässlich der Gitarrist und Bert Jansch-Fan James Blackshaw und Kölns Ex-Traumschiffpianist Gregor Schwellenbach, der gekonnt Barock, John Cage und Kompakt-Techno fusioniert.

 

Mark Lanegan, Gloria

Was war eigentlich noch mal Grunge? Eine verlängerte, musikalisch wertkonservative Post-Hippie-Depression, attraktiv in ihrer nihilistischen Wut, die vereinzelt eine ähnliche Kraft entwickelte wie Punk? Die Screaming Trees waren auf jeden Fall Teil des Hypes. Zwar tief in der Szene verwurzelt, blieben sie jedoch immer eine College Rock-Band, die Punk und Metal weitgehend ignorierte. Und Lanegans Ambitionen gingen sowieso immer über den dramatisch-existenzialistisch verhangenen Horizont des Grunge hinaus, er war schon früh solo unterwegs und entwickelte sich weiter, was ihm wahrscheinlich den Hals rettete. Nach denkwürdigen Kollaborationen mit den Queens of Stone Age und Isobel Campbell hat er jüngst wieder ein gutes Album mit seiner Hausband veröffentlicht. Seinem Post-Hippietum ist er treu geblieben, allerdings ist das Graumalen lichter geworden.

 

BomBa Titinka, Sonic Ballroom

Geht es noch spekulativer? Klar. Aber Vintage-Rock´n´Roll, Balkan Beat und Electroswing zu fusionieren, grenzt an faulen Budenzauber. Ein Oldies-but-Goldies-Mash Up remixed by Shantel? In etwa. Allerdings macht der Schwindel bei der ominösen Kombo aus Bari, Italien, so viel Spaß und ist vor allem so tanzbar, dass wir auf unsere sämtlichen Hühneraugen Pflaster kleben und unsere Creepers anziehen. Der kleinwüchsige Zampano Mr. Bricks an der Gitarre, die vollbusige Hühnin Wanda Lazzarovic am Bass und der bärtige Beau David Campanella am Schlagwerk machen moderne Jahrmarktsmusik. Und die hat eben schnell, heiß und billig zu sein!

 

God Damn, Underground

Erinnert sich noch jemand an Skin Yard? TAD? Thom Edward und Ash Weaver aus Wolverhampton, Black Country in Mittelengland, dürften sich gut erinnern. Ihre 2010 gegründete Band ist vom frühen rohen Grunge bis in die Spitzen Ihrer Haarmatten durchdrungen und da Black Country auch home of Black Sabbath und Judas Priest ist, fehlt es nicht am schweinerockigen Grundgerüst. Da passt es auch sehr gut, dass Liam Watson, der Produzent von White Stripes´ Elephant, Hand an ihre zweite Single legte. Die aktuelle God Damn-EP beweist erneut ihr Talent, einen gewesenen Sound so zu aktualisieren, dass nichts nach schaler Retrofizierung klingt. Die Jungs haben nämlich Humor. Etwas, das den Flanellhemdenträgern leider zu häufig abging.

 

HGich.T, Sonic Ballroom

»Freischwingende Pimmel« (Spex) und Inselbegabungen sind zwar nicht mehr der ganz heiße Scheiß, aber Hand aufs Herz: über Kunst kann man doch selten so gut lachen wie bei den Flachsköpfen aus Hamburg, oder? Das obskure Kollektiv um den charismatischen Sänger Vaghvan Svami hatte, man erinnert sich gern, vor gut sechs Jahren einen Überraschungserfolg mit dem Dancefloor-Feger Tutenchamun und seither, allen Unkenrufen zum Trotz, durchgehalten. Jüngst spielte gar Dietrich Kuhlbrodt in einem ihrer Videos und die klug brechnete Adelung ging auf. Die Diskussion über die Kunsthaftigkeit des Projektes der angeblichen Absolventen der HFBK ist so was von tooot, schnuppe, von vorgestern. Überhaupt: auf keinem Konzert hat man so ein geil gemischtes Publikum, da werden die feinen Unterschiede grell sichtbar, die tanzen nämlich gemeinsam auf einer Party.

 

2./3.2. Sonic Art Lab I-II, Loft

Man stelle sich einen Algorithmus vor, der den Typus einer musikalischen Struktur schlechthin verkörpert und aus dem man in Echtzeit hochkomplexe Musik entwickeln kann. Dieses abgewandelte Goethe-Zitat zu seiner Urpflanze beschreibt unzureichend aber anschaulich, was man sich unter Real-Time Composition vorstellen muss. John Cage, Karlheinz Stockhausen und unzählige andere Komponisten und Programmierer haben nach der Möglichkeit einer Vermittlung zwischen Komposition und Improvisation geforscht, dank der technologischen Entwicklung sind in den letzten Jahren die Möglichkeiten der interaktiven Musikprogramme immens gewachsen: man kann von neuen performativen Ökosystemen sprechen. Der in Shanghai lebende, kalifornische Komponist und Instrumentenbauer Cole D. Ingraham wird an zwei aufeinander folgenden Abenden mit einem selbst designten Ipad-Instrument und einem elektro-akustischen Ensemble (u.a. Labtop, Flöte, Cello, präpariertes Klavier) das Loft in ein musikalisches Forschungslaboratorium verwandeln.

 

27.2. Die Türen, Gebäude 9

»Menschen machen Fehler und das ist immer ein guter Grund, schlecht darauf zu sein.« Da hat man sich gerade erst von dem Schock erholt, dass Die Türen beim Echo nicht über eine Nominierung hinausgekommen sind, da geben sich die beliebten Sarkasten auf ihrem aktuellen, unter dem Pseudonym »Der Mann« veröffentlichten Album »Wir sind der Mann« nachtragend. Fehler machen ihre Avatare nicht, im Gegenteil: »Ray, Berthold und George Mann «, so liest man auf der Projektseite, haben Kunstgeschichte, Informatik und Jazzschlagzeug Ende der Achtziger in Rotterdam studiert und viel Robert Wyatt, Stax und Velvet Underground gehört. Ob das nun die Antwort auf die Gorillaz sein soll oder man sich nur über die Prenzlauer Nachbarschaft lustig macht, wer weiß. Die Türen beweisen auf jeden Fall den besten mittelmäßigen Humor, den man sich derzeit denken kann, Zitat Berthold Mann, kurz vor dem Aufstehen: »Mein Penis ist schon wach«. Mit ihrer gutgelaunten Art, schlecht drauf zu sein, können sie tatsächlich derzeit kaum etwas falsch machen.

 

1.2. UltraElektroAbend, Loft

Wie akustische Instrumente elektrisch klingen, freilich ohne sie zu verstärken, dieser Frage wird das UEA-Ensemble nachgehen. »Wer nicht nach Elektronik klingt, fliegt raus!« ist die fein-humorige Ansage, man vermutet eine Aufgabenkarte aus dem Improvisationszettelkasten oder eine Schnapsidee vom Präparatorenstammtisch. Neben Brad Henkel, Trompeter aus New York und »Luftbrücken«-Kurator, treffen etablierte Größen und vielversprechende Newcomer der hiesigen Szene zusammen: der Freiburger Tubist und Johannes-Fritsch-Schüler Carl Ludwig Hübsch, der Berliner Saxophonist Leonhard Huhn, der hessische Kontrabassist Constantin Herzog, der westfälische Schlagzeuger Fabian Jung, der Stuttgarter Elektroniker (!) Florian Zwissler und der Wiener Pianist und Jimmy-Giuffre-Fan Philip Zoubek.

 

3.2. Joscha Oetz – Perfektomat, Stadtgarten

Der Kölner Kontrabassist Joscha Oetz hat zeitweilig in Peru gelebt und in die dortige rege Jazz-Szene kennengelernt. Seither ist er vom dem extrem lässigen Beat des Landó infiziert. Landó ist ein afro-peruanischer Stil, der sich unter anderem aus der Musik der nach Peru gebrachten afro-karibischen und afro-brasilianischen Sklaven speist, vereint also bereits verschiedene Diaspora-Stile. Mit seinem Projekt Perfektomat realisiert Oetz einen zurückgelehnten Mix aus europäischem, nordamerikanischem und peruanischem Jazz. Dabei greift das Ensemble selbstredend auch auf peruanische Percussioninstrumente wie die Quijada, einem Eselsgebiss, dem Vorläufer des Vibraslaps, und die Cajon zurück, einer allerdings auch hierzulande mittlerweile extrem populäre Kistentrommel.

 

3.2. Zoot Woman, CBE

Letztes Jahr haben die Blake-Brüder tatsächlich ihr neues Album veröffentlicht. Ihr viertes in fast zwanzig Jahren. Die aus der geplatzten Electroclash-Blase zurückgebliebene Band mit der gepflegt eleganten Aura lässt sich für jedes Album dermaßen viel Zeit, dass man zwischenzeitlich ihre Existenz beinah vergessen hat. Wäre da nicht »Living in a Magazine«, dieses eine Stück, das ihren Erfolg begründet. Ihr Mix aus 70er Soft Rock und 80er Synthie Pop mag zudem den Boden für unzählige New Romantic-Epigonen der letzten Jahre mitbereitet haben, allein ihren Sound haben die Blakes nicht wirklich weiterentwickelt. Möglicherweise versuchen sie aber einfach nur den einmal gefundenen Stil auszuformulieren und üben sich dabei in der Verweigerungspose des dandyhaften Reaktionärs: und das ist das eigentlich Luxuriöse dieser Retro-Futuristen.

 

4.2. Corey Mwamba, Loft

Corey Mwamba ist ein bestens in der britischen Jazzszene etablierter, geradezu genialischer Vibraphonist. Er hat Musik für eine Death-Metal-Band und für klassische Flöte geschrieben und ist ein absoluter Virtuose an seinem Instrument. Sein Mentor ist unverkennbar der Brite Orphy Robinson, er kann aber auch den Bossa-Zauber à la Lionel Hampton und zugleich die Bobby-Hutcherson´sche Dekonstruktion, er kann in Schwingung geraten, aber auch den schwermütigen Blues, kann feingesponnene Psychedelik, aber auch den Bach´schen Kirchengroove. Zur Höchstform läuft er zuverlässig mit seinem perkussiven Gegenpart, dem Schlagzeuger Joshua Blackmore, auf, im Loft trifft er auf die Saxophonistin Rachel Masson und die Elektroniker Erhard Hirt und Achim Kämper.

 

5.2. reiheM: Compound Eye / Sote / Kallabris, Stadtgarten

Die Reihe ist für tolle Konzertcoups bekannt, man erinnere sich nur an die Auftritte der Nihilist Spasm Band, von Èliane Radigue oder Charlemagne Palestine; allesamt altmeisterliche, selten auftretende Künstler, die im weiten Feld zwischen Noise, Neuer Musik und Elektronik operieren. Eines der Herzstücke der Reihe ist aber auch die Industrialszene. Drew McDowall dürften Szeneaffine aus der Coil- und Psychic TV-Posse kennen, sein jüngstes Projekt Compound Eye folgt deren düster-psychedelischen Ästhetik und ist zuletzt bei Mego erschienen. Michael Anacker und sein Projekt Kallabris wiederum entstammen dem obskuren Ritual-Industrial-Umfeld von Cranioclast. Und der Teheraner Ata Ebtekar alias Sote hat bereits auf Warp veröffentlicht, im Pudel Club in Hamburg gespielt und ist vielleicht das heimliche Highlight des Abends.

 

8.2. Lambchop, Kulturkirche Nippes

Niemand kann Schmerz, Tod und Älterwerden so schön besingen wie Kurt Wagner aus Nashville, Tennessee. Vor 15 Jahren feierte Wagners Band mit dem seltsamen Namen und dem ebenfalls irritierend betitelten »Nixon« ihren Durchbruch: ein warm pulsierendes, fragiles Amalgam aus Alternative Country, Südstaatensoul und Streichern, über allem Wagners wunderbar sonore Stimme, die zuweilen an Heiland Curtis Mayfield erinnerte. Seither nimmt man geschmackssicher Anleihen bei Postrock, Lounge-Musik, Blues, Soundtracks und Kammerpop, und veröffentlicht in schöner Regelmäßigkeit gute Alben, allein »Nixon« bleibt ihr unübertroffenes Meisterwerk. Anlässlich des Reissues begibt man sich nun auf eine kleine Jubiläumstour und spielt das Album in der perfekt dafür geeigneten Kulturkirche in seiner Gänze. Hallelujah!

 

19.2. Rope Quartet, Loft

Der Wiesbadener Pianist Uwe Oberg gehört zur ersten Riege der hiesigen Freien Szene. Der Autodidakt kommt aus der Avantgarde-Ecke, sein Spiel orientiert sich am frühen John Cage und Cecil Taylor aber auch an Thelonious Monk. Er hat mit Peter Kowald, Tony Oxley und Sven-Åke Johansson zusammengearbeitet, mit Evan Parker aufgenommen und spielt seit ein paar Jahren mit dem Berliner Saxophonisten Frank Paul Schubert und dem Radebeuler Drumgott Günter Baby Sommer im Trio. Er kann genauso swingen wie dekonstruieren, zuweilen morpht er sein Klavier in einen Bienenschwarm. Gemeinsam mit dem Amsterdamer Wilbert de Joode (Bass) und dem Londoner Mark Sanders (Schlagzeug), zwei der gefragtesten europäischen Improvisatoren, bilden Oberg und Schubert das Rope-Quartet und erforschen das Feld zwischen Neuer Musik und freiem Jazz.

 

24.2. Sylvan Esso, Gebäude 9

Das Duo aus North Carolina hat letztes Jahr mit ihrem Debut und als Support der Tuneyards für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Amelia Meath von der A-Capella-Folk-Gruppe Mountain Man, die Leslie Feist auf ihrer Welttournee als Backing Band unterstützte, und Nick Sanborn von Megafaun, der Ex-Freakfolkband von Bon Iver, produzieren zusammen ein ziemlich eingängiges und zeitgemäßes Stück Pop. Sanborn baut an aktuellem R´n´B und Dubstep geschulte Beats, reduziert, aber kleinteilig und mit tiefen Bässen, Meath elaborierte und dabei aber unprätentiöse Singstimme erinnert in ihren besten Momenten an die großartigen The Roches. Die offenporige, wenig polierte Produktion setzt sich gut ab von vergleichbaren Acts und mit »H.S.K.T.« gibt es sogar einen hübschen Dancefloorhit.

 

24.2. Tim Berne, Stadtgarten

Pierre Boulez hat vor vielen Jahren Kompositionen von Frank Zappa dirigiert, denn er fand in dessen Jazzrock seinen Sinn für kontrollierten Wahnsinn wieder. In dem Feld zwischen Neuer Musik und Jazz bewegt sich auch der New Yorker Alt-Saxophonist Tim Berne. Seit Ende der Siebziger arbeitet er mit Leuten aus der Downtown-Szene zusammen, etwa Bill Frisell oder Bobby Previte, aber auch mit Bandmitgliedern von Wilco, sein Ansatz verbindet sinfonischen Jazz, improvisierte Musik und hochkomplexe Komposition. Ähnlich wie Henry Threadgill oder Roscoe Mitchell findet Berne immer wieder überzeugende Ansätze, die Kluft zwischen komponierter und improvisierter Musik zu überbrücken. Jüngst hat er bei Manfred Eicher sein ECM-Solo-Debüt veröffentlicht, eine durchaus sinnfällige Zusammenkunft.

 

26.2. Acollective, Underground

Die sympathischen Indie-Posterboys aus Tel Aviv klingen auf ihren Studioalben nach austauschbarem Radiopop. Ihr Indierock mit Coldplay-Schmelz wirkt unentschieden bis beliebig, dafür scheint man Stadion und Airplay immer fest im Blick zu haben. Live entwickeln sie aber eine beachtenswert mitreißende Energie. Das wird wohl mit ihrer Bandgeschichte zusammenhängen: man begann vor 7 Jahren abends in den Straßen Tel Avivs zu spielen und erarbeitete sich bei Eckkonzerten eine loyale Fangemeinschaft und überzeugende Live-Qualitäten. In Israel füllt man mittlerweile mittelgroße Hallen, tourte bereits durch Frankreich und England und spielte beim South by Southwest in Austin. Ob Live-Qualitäten und gut frisierte Hipsterbärte allerdings für einen Konzertbesuch ausreichen, muss jeder für sich entscheiden.

 

1.3., A Tribute To Miriam Makeba, Club Bahnhof Ehrenfeld

Black Atlantic meint die über die letzten Jahrhunderte entwickelte Kultur der afrikanischen Diaspora, die Kultur der nach Süd- und Nordamerika, der Karibik und Europa verschleppten Sklaven. Die vor ein paar Jahren verstorbene Miriam Makeba ist »Mama Afrika«, die Mutter eines neuen Selbstbewusstseins. Black Atlantic bezeichnet nämlich auch die popkulturelle Dominanz der Diaspora-Afrikaner in der westlichen Welt: Blues, Jazz, Rock´n´Roll, Reggae, Hiphop, House – kaum ein Genre, dass nicht seinen Ursprung im Schwarzen Atlantik hat. Das Ein-Tages-Festival, das eine Woche mit kostenlosen Masterclasses und Workshops beschließt,  beschäftigt sich ausführlich mit dem post-kolonialen Themenkomplex: neben einer Panel-Diskussion mit Michael Rappe von der Kölner Musikhochschule und Francis Gay vom Funkhaus Europa werden eine Reihe von Künstlern Miriam Makeba musikalisches Tribut zollen. So werden die Berliner Heavy Funkateers The Ruffcats gemeinsam mit afrikanischen Rappern und Soul-Sängern wie Blitz the Ambassador oder Nneka Makebas Werkkatalog neu interpretieren.

 

14.3., Broken Sounds #19: Metabolismus & Samara Lubelski, Stadtgarten

Wer »Do They Owe Us A Living?« der legendären Crass derart charmant covert, der sollte eigentlich zuverlässig dafür gesorgt haben, dass die Alarmglocken der Hipstergazetten schellen. Das Stuttgarter Kollektiv hat aber »nur« einen semi-legendären Status. Seit gut zwei Dekaden baut man einem obskuren und singulären Werk zwischen Garage-Psychedelia, Kosmischer Musik, Free Jazz und Weirdo-Postrock, und bewegt sich bislang irgendwie unter dem Radar der hiesigen Presse. Allein der kürzlich verstorbene Kim Fowley hat bereits vor über zwanzig Jahren ihre Qualität erkannt und mit ihnen eine Kassette aufgenommen. Seither veröffentlicht man unregelmäßig und in immer wieder größeren Abständen im Selbstverlag oder auch beim New Yorker Amish Label, in den letzten Jahren häufen sich indes die Lebenszeichen vor allem in Form von Konzerten, etwa 2013 mit dem italienischen Freeform-Duo Jooklo. Heute abend wird die New Yorker Sängerin und Violinistin Lubelski mit an Bord sein. Sie ist häufige Kollaborateurin von Thurston Moore, den Fiery Furnaces und Jackie-O Motherfucker. Ein Must für Freunde von Freak Outs mit Happening-Charakter.

 

20.3., StadtRevue präsentiert: Véronique Vincent & Aksak Maboul, Stadtgarten

Die bis heute virulente, belgische Avant-Rock-Szene ist hierzulande noch relativ unbekannt. Zu Beginn der Achtziger war auch in unserem Nachbarland einiges los, überall entstanden Labels wie Sandwich Records oder Les Disques du Crépuscule, formten sich New Wave- und Progrock-Bands und Tuxedomoon siedelten in Brüssel im Umfeld des ebenfalls neu gegründeten Labels Crammed-Discs an. Crammed-Chef Marc Hollander gründete 1977 zusammen mit Leuten von Univers Zéro die Experimental-Rock-Band Aksak Maboul und war Mitglied der 1974 gegründeten Honeymoon Killers. Eng verbunden mit Bands wie Henry Cow war man Teil der legendären Rock in Opposition-Bewegung, der international sich verzweigenden und formierenden Avant-Rock-Szene. Hollanders Bands fusionierten den flämisch-unterkühlten Minimal Wave mit kritischen Funk-Beats der belgischen Ex-Kolonie Kongo und schufen den unverwechselbaren »Sound of Brussels«. Vor ein paar Jahren wurde das Projekt durch Hollander und dem Gründungsmitglied Vincent Kenis zusammen mit der Honeymoon-Killers-Sängerin Véronique Vincent reaktiviert. Pflichttermin.

 

28.2., ensemble]h[iatus cologne: rencontre imprevu: Hein Hübsch Lehn, Loft

Der französische Komponist und zeitweilige Kölner Vinko Globokar beschrieb einmal seinen Zugang zu Musik als den eines Chirurgen. Im Innern der Musik zu forschen und zu experimentieren, das beschreibt auch treffend den Anspruch der Protagonisten des heutigen Abends. Thomas Lehn (Analog-Synthesizer) hat mit Leuten wie Keith Rowe, Marcus Schmickler und Zeena Parkins zusammengearbeitet, Carl Ludwig Hübsch (Tuba) mit Lester Bowie, Willem Breuker und Jasper van´t Hof. Beide sind Teil des internationalen Improv-Ensembles Hiatus, haben in Köln studiert und halten bis heute enge Kontakte zur hiesigen Szene. Das Ensemble probt in der Stadt zur Zeit Globokars legendäre Lose-Blatt-Sammlung »Laboratorium«, da bietet es sich an, auch im Loft Musik auf den OP-Tisch zu packen. Dabei wird ihnen der umtriebige Kölner Avant-Gitarrist Nicola Hein zur Seite stehen.

 

28.2., King Automatic, Sonic Ballroom

Der Automatenkönig aus Nancy, Frankreich hat auf der Bühne eine Menge Spaß, aber auch viel zu tun. Er muss nämlich alles allein machen – da wird mit dem Gitarrenhals auf das Becken gescheppert, sämtliche Gliedmaßen sind in Bewegung, die Orgel orgelt im Samplemodus, dazu röhrt der Mann mit dem vermutlich angewachsenen Streifenshirt Unanständigkeiten ins Mikro. Vorher war der Mann Drummer bei den Garage-Bands The Squarrels und Thundercrack, seither trägt er Koteletten aus Überzeugung. Seit über zehn Jahren ist er selbstständig und seine Rockabilly-Alleinunterhalter-Show erfreut sich von der Slowakei bis Münster großer Beliebtheit. Auf seiner Need-Liste stehen neben ein paar Selbstverständlichkeiten lediglich vier leere Bierkästen, kein Wunder, dass der Mann von bei den Veranstaltern gern gebucht wird. Das Biest von Voodoo-Garage-Rocksteady bittet nun im Ballroom zum Tanz, da will man nicht in der Ecke stehen!

 

10.3., Nels Cline Singers, Stadtgarten

Den meisten wird der Mann von Wilco bekannt sein. Nels Cline ist dort seit über 10 Jahren für »lead guitar, loops and lap steel« verantwortlich und sorgt für das musikalische Fine-Tuning. Während sich die Chicagoer Indie-Lieblinge von ihren Festivitäten anlässlich des 20-jährigen Bandjubiläums erholen und man etwas müde an der eigenen Archivierung arbeitet, kommt nun Cline mit seinem Side-Projekt auf Tour und zeigt wie der Hase richtig läuft. Er ist nämlich bereits seit den 80ern unterwegs und hat mit Leuten wie Tim Berne, Jeff Parker, Thurston Moore und Mike Watt zusammengearbeitet, zahlreiche eigene Alben aufgenommen und auf Myriaden von Platten mitgewirkt. Sein (fast) instrumentales Lang-Zeit-Projekt bewegt sich zwischen Postrock, Jazz, Brasiliana und Electronika und wird Freunden von Tortoise & Co. Glücksmomente bescheren.

 

13.3., Scott Bradlee & Postmodern Jukebox, Luxor

Interaktive Instantmusik? Eigentlich ein alter Hut. Musik bezieht sich immer auch auf andere Musik, inkorporiert Melodien, Themen und Rhythmen. Der zu Beginn des 20. Jahrhunderts populäre Ragtime griff auf virulente, volkstümliche Melodien zurück und verwandelte sie in moderne, mit afroamerikanischer Rhythmik infusionierte Tanzmusik. Scott Bradlee geht den umgekehrten Weg. Er ist mittlerweile ein Youtube-Star und sein Erfolgsrezept ist denkbar einfach. 21st Century Piano Bar nennt es die Internetplattform TED, Postmodern Jukebox nennt es Bradlee selbst. Er spielt zusammen mit wechselnden Musikern Rihanna-Stücke im Rag-Stil, Nickelback à la Motown oder Doowop-Versionen von Miley Cyrus, stellt die Videos auf Youtube und reagiert über soziale Netzwerke auf Materialvorschläge für seine Vintage-Projekt. Anstatt sich in der Musikgeschichte zu bedienen, bedient sich die Musikgeschichte an der Gegenwart.

 

16.3., Angelika Niescier, Stadtgarten

Sie sei »Coltrane-geschädigt« hat die Alt-Saxophonistin Angelika Niescier einmal über sich selbst gesagt. Natürlich eine Koketterie, denn in diesem Falle adelt der Schaden den Geschädigten. Niesciers melodische Gestaltungskraft erinnert aber in der Tat zuweilen an den Sax-Übervater und nach gut anderthalb Dekaden und zahlreichen Auszeichnungen ist sie als fester Bestandteil der hiesigen Szene mehr als etabliert. Sie hat nicht nur in Moers residiert, sondern auch in New York kaum eine Bühne ausgelassen, letztes Jahr bekam sie gar einen Echo. Nun ist sie mit einem neuen Trio unterwegs: sie trifft zusammen mit dem Bassisten Stefano Senni auf den Akkordeonisten Simone Zanchini, das verspricht ungewohnte Hörerlebnisse.

 

18.3., Corrosion Of Conformity, Luxor

Ende der Achtziger erfasste Teile der Hardcore-Szene das Metal-Fieber. Bands wie Prong, Cro-Mags und COC bauten Schweineriffs in ihre Stücke und drehten am Volumenregler. Heraus kam chauvinistischer und aufgeblasener Stümmel-Hardrock für Hinterlandchefs, der ehemals durchaus politisch ambitionierte Hardcore gehörte der Vergangenheit an. Im Falle von COC lag das durchaus an der Personalie Pepper Keenan. Der bibeltreue Redneck übernahm zu jener Zeit erst als Gitarrist und dann als Sänger das Ruder in der Band und von da an gings bergab. Was folgte: viele Mitgliederwechseln und erheblicher Erfolg im Mainstream, ständige Streitereien innerhalb der Band. Letztes Jahr nahm man mit einem anderen Sänger ein neues Album auf, nun kommt man aber wieder mit Keenan auf Tour. Wen es interessiert, wie es anno 2015 um den Southern Hardrock aus dem Bible Belt bestellt ist, komme vorbei.

 

18.3., Evan Dando, Blue Shell

Die freundlichen Zitronenköpfe stammen aus der Bostoner Punk-Szene, ihre erste LP hieß »Hate your friends«. Das war 1987 und niemand von der Band hätte nur geahnt, wohin das alles noch führen würde. Ähnlich wie Dinosaur Jr. wurden sie Anfang der Neunziger quasi über Nacht Indie-Superstars, und das mit einem Simon & Garfunkel-Cover. Eine Geschichte der Unwahrscheinlichkeiten und Widerstände, die bis heute anhält. Indie-Beau Evan Dando hat bislang kein Wort darüber verlautet, ob seine Band nun Geschichte ist oder nicht. Der Mann, der Heroin, den Zusammenbruch der Twin Towers, Mandrax und (womöglich) die Lemonheads überlebt hat, ist aber weiterhin solo unterwegs und es ist bekannt, dass er gern auch alleine den ein oder anderen Hit der College-Rock-Legende vorträgt.

 

26.3., Audrey Chen & Maria Chavez / Architeuthis Walks On Land, Stadtgarten

Riesenkalmare haben Riesenaugen. Die Mollusken müssen in der Tiefsee mit äußerst wenig Licht auskommen, kommen sie an Land, muss der Schock immens sein. »Architeuthis Walks On Land«, so nennen sich Amy Cimini und Katherine Young und sie machen Krach mit klassischen Instrumenten. Riesenkalmare an Land? Noise mit Fagott und Bratsche? Hört sich abenteuerlich an? Das ist es. Die beiden Amerikanerinnen sind bereits seit über eine Dekade unterwegs und haben mit Leuten wie Antony Braxton, Peter Evans, Jeff Parker (Tortoise) oder auch Hans Joachim Irmler von Faust zusammengearbeitet, Cimini lehrt zudem über Hörtechniken im sozio-politischen Feld in San Diego und Young hat bei dem letzten Album der legendären Postpunk-Band The Nightingales mitgewirkt. Ebenfalls ein Kracher im Wortsinne verspricht das Zusammentreffen von Audrey Chen (Stimme, Cello, Electronics) und Maria Chavez (Turntables) zu werden.

 

10.4., Sizarr, Gebäude 9

Marcel Übel, Fabian Altstötter und Philip Hülsenbeck könnten internationale Superstars sein. Die Wunderkinder aus Landau machen Digital-Native-Pop der Sonderklasse, und das von Null auf gleich: vorgestern Weinfest in der Pfalz, heute London, Paris, Texas, morgen der Rest. Wege sind nicht nur im Netz verschwunden, auch Möglichkeit und Wirklichkeit liegen heute dichter beieinander als noch vor 10 Jahren. Und so hört sich der Sound der drei sympathischen Anfang-Zwanzig-Jährigen derart clever, erwachsen und defizitär zugleich an, dass man gar nicht weiß wo hin das noch führen soll. Die große Hypemaschine Musikindustrie ist aber kaputt und so werden Sizarr hoffentlich noch Zeit finden, sich ohne allzu großen Druck weiterzuentwickeln. Aufmerksamkeit ist schnell generiert, an ihr ist schon manch einer gescheitert. Bei den Pfälzern wäre das verdammt schade. Sie haben gerade ihr zweites, von Markus »Tocotronic« Ganter produziertes Album (»Nurture«) vorgelegt und man ist jetzt schon gespannt, wie wohl ihr Alterswerk klingen wird.

 

15.4., The Necks, Stadtgarten

Sie gehen auf die Bühne, ohne zu wissen was sie spielen werden. Das Klavier beginnt leise und verhalten, Ewigkeiten später steigen Schlagzeug und Bass ein, was folgt ist eine mikrotonale Meditation über Da- und Sosein. Nach einer Stunde wird man aus dieser halluzinogenen Wolke wieder ausgespuckt, wach wie ein Stück Phosphor. Das australische Improv-Trio ist seit nunmehr fast drei Dekaden in Sachen Zeitperforation unterwegs und ihr New-Age-Jazz ist dazu geeignet den Hörer dauerhaft ins Wassermannzeitalter zu katapultieren. Damit die Herren selbst nicht die Bodenhaftung verlieren, nimmt man aber auch mal eine Split-Single mit den Aussie-Punkrockern Hard-Ons auf oder jammt mit Krachmacher Otomo Yoshihide. Alben wie »Aether«, »Hanging Garden«, »Drive By« oder auch das aktuelle »Open« gehören in jedem Falle in den gut sortierten Plattenschrank. Ihr Auftritt im Stadtgarten wird voraussichtlich ihr einziger Deutschland-Gig sein!

 

29.3., Lucky Malice / Danger!Man, Sonic Ballroom

Riot Grrrl ist tot. Von wegen. Die Revolte nicht zuletzt gegen die misogyne Hardcore-Szene wird gerne von halbemanzipierten Männern historisiert. Und für Kathleen Hanna, Feministin und Sängerin von Bikini Kill und Le Tigre, war Kim Gordon Vorbild und Mentorin: wenn jetzt die banale schwanzgesteuerte Realität den Sonic-Youth-Mythos bröckeln lässt, zeigt sich die alte Machofratze des maskulinen Rock´n´Roll. Die Mädels aus Halden, Südnorwegen machen Punkrock in Riot Grrrl-Tradition und zeigen, was sie von Arschgesichtern halten: ihre Platten tragen so schöne Titel wie »Homme Fatale« oder »Young and Breastless«. Kürzlich feierten sie zehnjähriges Bühnenbestehen, jetzt sind sie auf Deutschland-Tour. Im Gepäck haben sie die Jungs von Danger!Man aus Oslo, die machen rumpeligen Hardcore ältester Ostküsten-Schule.

 

1.4., Soul Radics / The Valkyrians, Sonic Ballroom

Die Walküren aus Helsinki sind nun auch schon über eine Dekade unterwegs. Ihr von skurrilem Humor und Popsensibiliät getragener Ska speist sich aus Reggae alter Schule, 2-tone und Rocksteady und ist kaum gealtert. Der federnde Jamaika-Sound lässt selbst hüftsteife Nordeuropäer jung und lebensbejahend erscheinen. Die Finnen arbeiten zurzeit an ihrem vierten Album, das im Frühjahr erscheinen soll und haben gerade eine erste Single veröffentlicht. Auf ihrer kleinen Klubtour werden sie sicherlich das neue Material vorstellen. Die Soul Radics kommen aus Tennessee und machen Ska in Nashvillian Manier. Auch wenn Sängerin Dani eine echte Skinbyrd mit britischem Working-Class-Zertifikat ist, findet sich in ihrem Sound eine Spur Südstaaten Soul und Dixie-Jazz wieder. Ihre Ende März erschienene Scheibe können sich aber auch gestandene Rudies ins Osterhasennest legen.

 

4.4., Konzert zur Osternacht Karlheinz Stockhausen – Tierkreis, Kunststation St.Peter

Karlheinz Stockhausen hat das kosmische Gehirn angezapft und sich dann aus dem Staub gemacht. Am 4. Dezember 2007 beendete er eine Orchesterversion der Komposition »Zwillinge« seines Tierkreis-Zyklus, am nächsten Tag starb er. Zurück blieb ein sonischer Korpus von außerirdischer Anmutung, eine Sternenmusik, die, so prophezeite es der Meister, erst Jahrhunderte später von den Menschen verstanden würde. Immerhin zeigten sich aber schon die Beatles, Pink Floyd, Can und Aphex Twin von seinen Ideen beeindruckt. Und jeden Tag um 12 Uhr spielen die Kölner Rathausglocken eines seiner Tierkreiszeichen. Seit der universalen Transformation des katholischen Space-Age-Reisenden tropft es immer wieder aus dem Himmelsfirmament, in der Osternacht im Zeichen des Widders wird er wiederbelebt. Kerze nicht vergessen!

 

9.4. reiheM präsentiert: Miki Yui / Lionel Marchetti, Loft

Bei der Musique Concrète ist die Welt der Geräusche das Klangmaterial – die Organisation und Bearbeitung von Vorgefundenem, Abgehorchtem und Zugelassenem ist das genuine Feld, das die konkrete Musik beackert, die Ergebnisse mäandern zwischen Hörspiel und Klangskulptur. Der französische Komponist Lionel Marchetti arbeitet mit Lautsprechern und immer wieder mit Butô-Tänzerinnen, ist seit zweieinhalb Dekaden aktiv und hat einen enormen Werkkorpus produziert, die Düsseldorfer Klangkünstlerin Miki Yui, Witwe von Klaus Dinger (Kraftwerk, Neu!) und Japandorf-Kollaborateurin, arbeitet unter anderem mit lichtempfindlichen Oszillatoren, die sie mit Handbewegungen steuert. Ein Abend zwischen Archaik, Technik und flüsterndem Krach, warme Socken und Kissen sind von Vorteil, Drogen braucht man keine.

 

13.4., OUTSKIRTS #8: Josh Abrams´ Natural Information Society, Stadtgarten

Die Liste der Kollaborationen von Josh Abrams liest sich wie das Who´s who der US-amerikanischen Avantgarde seit Tony Conrad. Er hat etwa mit Rhys Chatham, Henry Grimes, Prefuse 73, David Grubbs und Hamid Drake zusammengearbeitet, wenn er in seiner Heimatstadt weilt, jammt er mit Tortoise. Der Chicagoer Bassist und Komponist ist seit Ende der Achtziger aktiv, war Gründungsmitglied von der Vorgängerkombo der Alternative Hiphop-Legende The Roots, spielte auf dem dritten Album von Godspeed You! Black Emperor und veröffentlicht regelmäßig auf Thrill Jockey (u.a. Town & Country, Sticks & Stones). Sein Weg mäandert zwischen Improv, Post- und Krautrock, bei seinem Natural Information-Projekt spielt er die Gimbri, ein nordwestafrikanisches dreisaitiges Instrument, das bei Besessenheitsritualen zur Anrufung der Geister benutzt wird.

 

14.4., Ava Mendoza´s Unnatural Ways, Stadtgarten

»Complex heavy rock, avant jazz and warped, noisy blues«, der Selbstaussage ist eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Avant-Gitarristin aus Brooklyn hat letztes Jahr bereits beeindruckende Auftritte auf hiesiger Bühne und beim Moers-Festival absolviert, ihr blues-infizierter Noiserock mit Experimentaleinlagen verbindet das Beste aus verschiedenen Welten. Sie hat mit Weasel Walter, Carla Bozulich, Nels Cline, den Tune-Yards und Fred Frith zusammengearbeitet, ihr Powerplay ist von der New Yorker Downtown-Szene um John Zorns Tzadik-Label und Bands wie Mr. Bungle geprägt. Ihr aktuelles Projekt »Unnatural Ways« bestreitet sie mit Bassist Tim Dahl, der sonst bei Child Abuse und bei Transgressive-Ikone Lydia Lunch spielt, und mit Art-Rock-Schlagzeuger Max Jaffe, u.a. Kollaborateur von Deerhoofs Greg Saunier.

 

16.4., Robyn Hitchcock, King Georg

Robyn Hitchcock ist gerade 62 geworden. 1976 gründete er in Cambridge die Soft Boys, eine kurzlebige Postpunk- und Neo-Psychedelia-Legende, Vorbild für unzählige College-Rock-Bands, seither steht der Mann auf der Bühne. Die Themen sind dem ungemein sympathischen Singer/Songwriter nicht ausgegangen, speisen sie sich doch aus den großen Banalitäten des Lebens – Sex, Essen und Tod; das sind Hitchcocks »Korridore zum Leben«, das erste um rein zu kommen, das zweite um dabei zu bleiben, das dritte um raus zu kommen. Dieser feine britische Humor und seine leichtfüßige Melancholie macht das Fundament seiner Karriere aus und trägt ihn bis heute. Seine Musik als Solokünstler mäandert zwischen Bert Jansch-Folk, Paisley Underground und Syd Barrett und folgt dem Credo: »Schreib den Song zuerst, und stell die Fragen später«! Seine Konzerte sind intime Übungen in erwachsener Daseinspflege.

 

17.4., Station 17, Yard Club/Kantine

Im Herbst letzten Jahres kam ihr achtes reguläres Album in die Läden, vor zwei Jahren konnte man 25-jähriges Jubiläum feiern. Beachtlich für ein Projekt, das 1988 zum Zwecke der Produktion genau eines Albums aus einer – heute würde man sagen inklusiven – Wohngruppe der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg gegründet wurde. Getragen von der Leidenschaft der wechselnden Mitglieder und unzähligen Kooperationen mit der Haute Volée der bundesrepublikanischen Indie-Szene, etwa mit FM Einheit, Thomas Fehlmann, DJ Koze, Von Spar, Fettes Brot und Produzent Alex Tsitsigias, ehemals Kommando-n Sonnenmilch, hat sich die WG zu einem festen Bestandteil derselben entwickelt. Ihr wilder Mix aus Postpunk, 80er-Synthie und Krautrock verdichtet sich immer mehr zu lupenreinem Pop, ihr letztjähriges Album »Alle für alle_« müsste in einer besseren Welt dauerhaft in die Hitparade schießen.

 

21.4., Scott Matthew, Kulturkirche Nippes

Wem Antony Hegarty zu hoch singt oder wer zu Depressionen neigt, sollte es mit Scott Matthew probieren. Der Textdichter und Ukulele-Virtuose aus Queensland, Australien, hat eine warme, sonore Stimme – beim Hören läuft es einem wohlig warm den Rücken runter. Außerdem paart Matthew seine melancholisch gefärbte Theatralität mit leicht skurrilem Humor. Und seine Künstlervita liest sich wie von Simpsons-Autoren erdacht: nach dem Umzug nach Brooklyn gründete Matthew mit dem Morrissey-Schlagzeuger Spencer Cobrin ein Duo, vertonte danach die Anime-Serie »Ghost In The Shell«, war auf dem Soundtrack zur philanthropischen Arthouse-Fickparade »Shortbus« vertreten und ließ sich zwischendurch ein gebrochenes Herz auf den Unterarm tätowieren. Nun ist kürzlichst sein neues Album erschienen und er kommt auf Klubtour.

 

24.4., Sounds Wrong, Feels Right #2 mit Aisha Devi, Ipek Gorgun, Studio 672

Der zweite linksrheinische Abend jenseits vom Ebertplatz kuratiert vom Baustelle-Kalk-Team geht wieder in die Vollen. Die Genferin Aisha Devi ist Graphikdesignerin und musikalische Autodidaktin, dem ein oder der anderen ist sie als Kate Wax bereits seit 2005 mit ihrem Spoken-Word-Dark-Ambient-Techno-Debüt »Reflections Of The Dark Heart« bekannt. Unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht sie eine Art Hauntology-Dub mit Obertongesang, das ist Asiatisch für Fortgeschrittene. Ipek Gorgun hat eine Dissertation über Heidegger geschrieben und studiert zur Zeit Musik, war letztes Jahr Red-Bull-Teilnehmerin in Tokyo und hat dort mit Otomo Yoshihide gearbeitet, sonst ist sie rastlos im Istanbuler Noise-Underground unterwegs. Bei ihrem ersten Konzert in Deutschland wird sie ein elektroakustisches Set zum Besten geben.

 

7.5., female:pressure electronic concert, Kunsthaus Rhenania

Es geht um Sichtbarkeit. In Geschichte und Gegenwart. Das Netzwerk female:pressure existiert seit 1998 und supportet Frauen im Musikbiz, initiiert wurde es von der österreichischen DJ und Aktivistin Electric Indigo. Dem reinen Technokontext bald entwachsen touren im Namen des Netzwerks seither Künstlerinnen unterschiedlichster Herkünfte durch die Republik, heute abend tritt Mary Sullivan aus Canterbury/Kent alias Koloto auf, sie fusioniert auf überzeugende Weise den späten 1990er-Jahre-Trademarksound von Warp mit dem von Ninja Tune. Als Genre wurde hierfür einmal der Begriff »Glitch Hop« eingeführt, im Falle Kolotos durchaus passend. Intelligent geschraubte Frickelbeats à la Squarepusher mit verbindlicher melancholischer Färbung und einer großen Freude an folkiger Verspieltheit. 2014 ist ihre Debüt-EP erschienen, für die Zukunft darf man sicherlich einiges von der Künstlerin erwarten. Sidekick ist Sonae aus Köln, sie hat bereits auf dem Londoner Label A Strangely Isolated Place veröffentlicht und ist als DJ eine feste Größe in der Stadt.

 

8.5., Liebezeit Mertin – DJ Elephant Power, Stadtgarten

»Wenn wir diese Maschine einmal gestartet haben, wird sie niemand mehr stoppen können«. Was vor über 4 Dekaden zu Can-Zeiten galt, gilt weiterhin. Jaki Liebezeit startete in den 1960er–Jahren als Jazzschlagzeuger, spielte zunächst in Spanien bei Tete Monotliu und bei Chet Baker, um dann Ende der Dekade den Free Jazz zu entdecken und eine kurze Zeit Teil des legendären Globe Unity Orchestras zu sein. Zusammen mit Holger Czukay, Irmin Schmidt und Micheal Karoli gründete er dann 1968 Can, der Rest ist Geschichte. Das häufig als maschinenhaft empfundene Spiel von Jaki Liebezeit ist absolut einzigartig, es wird gemunkelt dass die frühen Drum-Machines seinen Sound kopierten. Der Metronomist und Zen-Mönch unter den Schlagzeugern spielt bis heute weiter stoisch seine Drums, sein neuer Counterpart, der Multi-Percussionist Holger Mertin, gibt den für südostasiatische Transzendentalangelegenheiten zuständigen Improvisateur. Unterstützt werden sie von Liebezeits Langzeit-Kollaborateur und Avantgitarrist Joseph Suchy. Danach gibts Skratchstep mit DJ Elephant Power.

 

9-10.5., Rodrigo Lopez Klingenfuß, Alte Feuerwache

Das Orchester Groba ist aus der Idee entstanden, Neue Musik auf Streetlevel zu bringen – der künstlerische Leiter des Orchesters, Dirigent und Komponist Rodrigo Lopez Klingenfuss, will sich und das Publikum mit ungewöhnlichen Settings und Kontexten überraschen. Klingenfuss, der u.a. auch bei dem auf zeitgenössische Musik spezialisierten Ensemble Garage aktiv ist, bringt in dem neuen Groba-Projekt zeitgenössische Musik auf Tanzboden und Catwalk: Kooperationspartner sind das Kölner Michael-Douglas-Tanz-Kollektiv und die Berliner Modedesignerin Kim Berit Heppelmann. Für Heppelmann ist Kleidermachen »Architektur der Bewegung«, das Michael-Douglas-Kollektiv hat bereits mit dem Dresdner Architekten Michael Steinbusch zusammengearbeitet, Komposition ist nicht erst seit Iannis Xenakis mit der Architektur verwandt. Es gilt in einer Woche der gemeinsamen Suche neue Gestaltungsprinzipien, die alle drei Sparten gleichermaßen befeuern, zu erarbeiten, das Ergebnis dieser interdisziplinären Forschungsarbeit verspricht »eine kollektive Kollektion« zu werden.

 

5.5., Klaeng Records: Expressway Sketches, Stadtgarten

Twäng! – Wer dachte, dass die Musik der Shadows & Co. nur von angegrauten Rentnern in Hobbykellern weiterentwickelt würde, wird nun eines besseren gelehrt. Tobias »Papa Surf« Hoffmann, Benjamin »Brian« Schaefer, Lukas »Surfin Bird« Kranzelbinder und Max »The Rose« Andrzejewski bringen die gute alte Surfmusik auf eine neue Evolutionsstufe. Die Musiker aus Köln, Berlin und Wien kommen erkennbar aus dem Improv-Jazz, ihr Zugriff auf die Westcoast-Leichtigkeit ist also gebrochen und erweitert. Sie fügen ihr Elemente aus Post- und Mathrock hinzu, erinnern sich der psychedelischen und der Postpunk-Varianten des Genres, und verlieren dabei nicht den richtigen Groove. Nun haben sie ihr neues Album »Love Surf Music« eingespielt und gehen auf Tour, im Stadtgarten ist Zwischenstation mit Heimspielcharakter.

 

3.5. Oren Ambarchi, Stadtgarten

Seit den 1980er Jahren ist der Multiinstrumentalist in der Underground-Szene in Sydney aktiv, erst als Free-Jazz-Drummer, dann als Gitarrist und Percussionist. Und der Mann mit irakischen Eltern hat mit den Jahren den Kreis der Kollaborateure illuster erweitert: er arbeitete etwa mehrmals mit Leuten von SunnO))) zusammen, mit Alvin Lucier, John Zorn, Fennesz, Z´Ev, Merzbow, Otomo Yoshihide und Keith Rowe. To name just a few. Er veröffentlicht seit Ende der 90er-Jahre auf vielen renommierten Indie-Labels wie Kranky, Touch, Mego, Tzadik, Southern Lord, Staubgold und dem legendären Kölner Label Grob. Sein Sound verbindet Drone, Doom und Noise zu einem irisierenden Amalgam. Nun war er jüngst mit Jim O´Rourke und Keiji Haino im Studio – als Trio spielen sie jedes Jahr in Tokyo – und hat zudem ein Soloalbum aufgenommen.

 

12.5. Luftbrücke #5: Mette Rasmussen & Chris Corsano, Aram Shelton, King Georg

Die zierliche Blonde ist eine Brötzistin reinsten Wassers. »Brötzen« nennt man das brachial-energetische Saxophon-Spiel, das auf den stämmigen Free-Jazz-Guru Peter Brötzmann zurückgeht. Wer Brötzmann einmal live erlebt hat, weiß dass nicht nur Doom-Metal-Konzerte beim Zuhörer physische Ausnahmeerfahrungen zeitigen können. Die dänische Alt- und Tenor-Saxophonistin Mette Rasmussen wird zur Zeit als die neue Sax-Sensation gefeiert – zu Recht, sie hat wirklich eine klangliche Wucht, besitzt eine enorme technische und gestalterische Qualität, ihr Spiel entwickelt schwindelerregende Momente. Die im norwegischen Trondheim lebende Musikerin spielt mit ihrem Casual Outfit Trio Riot eine Art Punkjazz, heute Abend kommt sie in klassischer Duobesetzung mit Schlagzeug-Weirdo Chris Corsano, der mit Evan Parker, Jim O´Rourke, Jandek und Thurston Moore kollaboriert hat.

 

12.5. Broken Sound #20: Macchia Forest, Stadtgarten

Limpe Fuchs ist eine Legende. In den 60ern hat sie mit ihrem Mann Paul Instrumente selbst entworfen und auf der Straße Konzerte für Jedermann gegeben. Das erste Album von 1971 hieß »Musik für alle«, der Mix aus Kraut, Krach und archaischem Free Jazz war im unmittelbaren Zugriff auf den Klang tatsächlich für jedermann zugänglich. Mit Friedrich Gulda wuchs man zum Trio, veröffentlichte auf Ohr, Berlins Krautlabel Nr. 1, spielte mit Albert Mangelsdorff. Seither ist Fuchs mit ihren außergewöhnlichen und spektakulären Instrumenten wie Pendelsaite und Lithophon unterwegs, zuletzt veröffentlichte sie mit Christoph Heemann und Timo van Luijk das Album »Macchia Forest«. Heemann (»Hirsche Nicht Aufs Sofa«) hat mit Tony Conrad, Nurse with Wound und Charlemagne Palestine zusammengearbeitet, der finnischstämmige Belgier Van Luijk ist u.a. ein Kollaborationspartner von Andrew Chalk.

 

Ella Eyre + Mapei, Gebäude 9

Ist sie die neue Amy Winehouse? Eine stimmliche Ähnlichkeit ist vorhanden, sie feiert als 19-Jährige die ersten Erfolge, ihr Metier ist moderner R´n`B und Soul. Eyres Drogenkonsumverhalten ist allerdings noch unauffällig und ihre Korkenzieherfrisur ist nicht ganz so stylish wie bei dem prominenten 27 Club-Zugang. Vermutlich ist Eyre »nur« eine bodenständige R´n`B-Sängerin mit Stimme und Attitüde. Sie singt gerne – ganz Fan – Cover, etwa den 2004er Hit »Good Luck« von Basement Jaxx, ein Lieblingslied aus ihrer Kindheit. Ella McMahon alias Ella Eyre wurde 1994 geboren und wuchs als Kind afro-jamaikanischer Eltern in West-London auf und wurde zunächst als Leistungsschwimmerin gefördert. Doch bald studierte sie wie Winehouse und Adele auf der BRIT-School und wurde als große Nachwuchshoffnung entdeckt, 2013 war das Jahr des Durchbruchs auf der Insel, heuer ist sie in unserer Stadt.

 

Nanoschlaf, Stadtgarten

Das Kölner Ensemble gibt es nun auch schon seit fast 10 Jahren. Die Hausband des »Frischzellen«-Festivals, einst geschaffen um KHM und Musikhochschule eine Bühne für Experimente zwischen Jazz, Neuer Musik, Elektronik auf der einen und Medien-Künsten auf der anderen Seite zu bieten, hat sich nach einer radikalisierten Abkürzung des Sekundenschlafs genannt; oder um es mit dem Meister im Wachbleiben, Rainer Werner Fassbinder, zu sagen: »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin«. Der Bielefelder Posaunist Matthias Muche, der Berliner Bassist Achim Tang, der Österreicher Pianist Philip Zoubek, der Karlsruher Sound-Programmierer Sven Hahne und der Düsseldorfer Schlagzeuger Christian Thomé werden mit ihrer multimedialen Performance auf jeden Fall gehörig die körpereigene Regenerationsmaschine anwerfen.

 

22.5. Pallbearer, MTC

Sie vereinen sie, die verschiedenen Schulen des Doom. Classic, Stoner, Funeral, Epic, Black – die 2008 in Little Rock/Arkansas gegründete Band umarmt mit großzügiger Geste die Genre, die andere durch Abgründe voneinander getrennt sehen. 2012 veröffentlichten sie ihr Debut, ein Achtungserfolg in der Szene, auf den Auftritte beim South-by-Southwest und Hellfest folgten, letztes Jahr erschien ihr zweites und aktuelles Album, das die ohnehin hohen Erwartungen übertraf. Die Bandmitglieder fühlen sich weniger von Metalkollegen beeinflusst, sondern suchen ihre Vorbilder im Progressive Rock: sie nennen Camel, King Crimson und Procol Harum, aber auch New Age und Krautrock als Einflüsse. Das Ergebnis nennen sie selbst treffenderweise »Heavy Prog«.

 

27.5. The Goddamn Gallows, Sonic Ballroom

Als Punkrock Mitte der 1980er Jahre die Dörfer im Mittleren Westen erreichte, entstand in den Scheunen der Viehhirten ein Bastard. Die urbane Musik von angeödeten und angeekelten Straßenkids, mit ihren in den Szenen Londons und New Yorks entstandenen artifziellen Codes, wurde geerdet und mit Kuhdung gekreuzt. Heraus kam Rodeopunk, Punk mit den Mitteln des Cowboys. Die 2004 in Michigan gegründete Band dengelt neben dem üblichen Rock´n´Roll-Instrumentarium Mandoline und Banjo, in den Honkytonk schleichen sich leise Hardcore-Shouts, live wird ihr tätowierter Gutterbilly hervorragend in den Ballroom passen, die innerstädtische Peripherie hat ja irgendwie auch ländlichen Charakter. Im Gepäck haben sie Stücke ihrer brandneuen Scheibe »The Maker«, die wird dieser Tage in die Plattenläden kommen.

 

Kapversaz, Kulturkirche Nippes

Wer bei Weltmusik an esoterisch verbrämten Eurozentrismus denkt, liegt richtig. Alle Musik ist Mischform, Exotismus immer Resultat der eigenen Prägung, die Perspektive bestimmt, was fremde Welt- und was die »eigentliche« Musik ist. Das Kölner Quartett Kapversaz, bestehend aus den Brüdern Yasin und Baris Boyraz, Umut Yilmaz und Fetik Ak, verbindet auf hochvirtuose und gleichzeitig unaufgeregte Weise türkische, kurdische und armenische Musiken. Alle sind Mulitinstrumentalisten, im Quartett spielt Yasin Boyraz die Kaval, eine Hirtenflöte, die seitlich angeblasen wird, Baris Boyraz vor allem klassische Konzertgitarre, Umut Yilmaz die Bağlama, eine Langhalslaute, und Fetih Ak Percussion. Heraus kommt ungemein spannungsreiche, hochenergetische bis lyrische, nie mit peinlich-weltmusikalischer Attitüde vorgetragene, modern interpretierte anatolische Musik.

 

27.5. Reconstructing Song Unrock Special: Sir Richard Bishop, Studio 672

Sie gehörten zu den großartigsten und singulärsten Erscheinungen in der US-amerikanischen Freak-Out-Experimentalszene seit Ende der 1970er-Jahre. Vergleichbar vielleicht nur mit den Residents oder Tuxedomoon, allerdings blieben sie während ihrer fast drei Dekaden andauernden Karriere weitaus unbekannter. Richard Bishop, sein Bruder Alan und der 2007 verstorbene Charles Gocher gründeten um 1980 in Phoenix, Arizona im Umfeld der Meat Puppets und der Feederz die Sun City Girls. Sie mixten (Punk-) Rock, Surfmusik, Jazz, Spoken Word, Tape- und Weltmusik und lebten ihren Hang zu Mystizismus und paranormalen Themen aus. Und waren ungemein produktiv: über 50 Alben, 20 Kassetten und ein dutzend Singles haben sie aufgenommen. Solo wandelt Avantgitarrist Richard Bishop auf den Spuren der Gypsies, ob in Indien, Nordafrika oder dem Nahen Osten.

 

3.6., Liturgy, Stadtgarten

»Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts, // Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts // Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, //Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. // Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei – //- Und Zarathustra ging an mir vorbei…« Vielleicht war es auch Hunter Hunt-Hendrix, den der einsame Wanderer namens Nietzsche vor über 100 Jahren in Sils Maria vorbeischleichen sah. Zumindest hält sich Hunt-Hendrix für Zarathustras Wiedergänger, so viel ist schon mal klar. Er ist der Überwinder, der Erneuerer, zumindest wenn es um das hyperbolischste Musik-Genre geht: Black Metal. Es gibt in dieser Extrem-Musik einen Punkt, in dem Lärm in Stille umkippt, Gewalt in Lust, Bewegung in Stillstand. Genau diesen Punkt versuchen Liturgy herauszuarbeiten. Ihre Musik hat eine meditative Qualität, vielleicht sogar eine heilende Kraft: Liturgy ist das Diapositiv des Genres. Das neue Album ist ein hochartifizieller Hybrid aus fiktiver Stammesmusik, Glitch und Burst Beats: Balsam für die Seele der metaphysisch Obdachlosen. Im Anschluss wird uns Lena Willikens den Rest geben.

 

20.6., (Pluriversale II) Thierry Tidrow, Academyspace

Volk, kulturelle Identität, Sprachgemeinschaft – Begriffe, die man im postnationalen Diskurs überwunden glaubte, erhalten in minoritären Kontexten eine andere Bedeutung. Die Innu, ein in Quebec, Labrador und Neufundland verbreitetes Nachbarvolk der Inuit, wurden im 17. Jahrhundert Opfer der Franzosen. Zunächst waren es baskische Walfänger, die mit den Innu Handel trieben, dann kamen die Jesuiten, um sie zu missionieren. Das ursprünglich nomadisch lebende Bergvolk wurde sesshaft und abhängig gemacht, der Handel kontrolliert. Den Rest besorgte der Alkohol. Die 1991 geborene Natasha Kanapé Fontaine, Poetry-Slammerin und Aktivistin aus Montreal, gehört einer jungen Generation von Innus an, die zerrissen zwischen globaler Popgegenwart und indigener Wurzelidentiät ihre Wut artikulieren. Der in Köln lebende frankokanadische Komponist Thierry Tidrow vertont Fontaines Unbehagen als musikalisches Manifest mit einer kleinen Ensemblebesetzung. Im Anschluss führt SR-Redakteur Felix Klopotek ein Gespräch mit Fontaine und Tidrow.

 

22.6., Jenny Hval, Stadtgarten

Es ist ein langer Weg von »Like a virgin« bis »Innocence is kinky«. Vor über 30 Jahren implementierte Madonna Millionen von 13-jährigen Mädchen die Idee, ihre Unschuld für die große Liebe aufzusparen. Die Conte Moral der weiblichsten aller Tugenden, der Unschuld, reicht von Lucretia über King Kongs Weißer Frau und Madonna bis in die Gegenwart. Die norwegische Sängerin, Musikerin, Schriftstellerin und Aktivistin Jenny Hval findet Unschuld kinky, was soviel bedeutet wie pervers. »At night I watch people fucking on my computer« hieß es schon auf ihrem zu recht gefeierten 2013er Album. Hvals Inszenierung von weiblicher Sexualität ist offensiv, scheut aber auch nicht vor femininen Klischees wie Verletzlichkeit zurück: in ihrer Musik solle man das Jungfernhäutchen reißen hören, sagt sie. Ihre Musik mixt Stimmakrobatik, Elektronik, Noise und Avantpop. Nicht minder großartig ist Hvals Support: auch bei Haley Fohr (CDY) geht es um sexuelle Identität, ihre androgyne Stimme lässt sogar Steine weich werden.

 

5.6., ReiheM: Leo Kupper, Kunst-Station St.Peter

Der Belgier Leo Kupper gehört zu den europäischen Pionieren der elektronischen Musik. Nachdem Anfang der 1950er Jahre in Köln, Paris und Mailand Studios für elektronische Musik eingerichtet wurden, suchte man auch anderswo das »Neue« in der Neuen Musik. In Brüssel gründete Henri Pousseur 1958 das Studio »Apelac«, Kupper arbeitete von 1961 bis 1974 dort. Ende der 1960er Jahre gründete er sein eigenes Studio und veröffentlichte leider nur wenige Stücke. Vor allem dem Label Sub Rosa ist es zu verdanken, dass Kupper seit Anfang der 2000er Jahre wieder verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Er ist bekannt für seine Arbeiten mit der menschlichen Stimme, mit Phonemen und Glossolalien. Am Tag nach dem Konzert (6.6.) wird der Meister einen Vortrag über sonore Musik an der KHM halten. Voiceover, das Projekt von Marc Matter (Institut für Feinmotorik), lotet ebenfalls das Feld der Poesie Sonore aus.

 

4.6., (Pluriversale II) Rabih Beaini / Raed Yassin Duo, Academyspace

Psychedelische Eskapaden à la Sun Ra, Noise-Drone-Industrial mit Ausflügen in frühe elektronische Musik, verzerrte Proto-Dance-Musik mittels Soundschleifenschichtung – das ist die Welt des libanesischen Musikers und Label-Eigners Rabih Beaini. Seit Beginn der 2000er Jahre in Italien aktiv, hat er spätestens mit seinem 2011er Album »What we have learned« unter dem Alias Morphosis für einigen Wirbel gesorgt, 2013 schaffte er es sogar aufs Cover der Szene-Postille The Wire. Raed Yassin ist ein Künstler aus Beirut, der sich mit dem Einfluss der westlichen und arabischen Popkultur auf die libanesische Nachkriegsgesellschaft beschäftigt: in einer Video-Installation imaginierte er etwa seinen im Bürgerkrieg verstorbenen Vater als ägyptischen Disco-King. Zusammen werden sie eine ästhetische wie akustische Wall of Sound aufbauen, die es zu überwinden gilt.

 

7.6., Luicidal, Sonic Ballroom

Hey, ist alles klar mit dir? So führt sich doch kein normaler Mensch auf! Du hast doch Drogen genommen! – Derartige elterliche Aperçus wird vielleicht der eine oder die andere noch aus der Pubertät kennen. Suicidal Tendencies bastelten aus solchen Erlebnissen ihre Texte und lieferten damit den Soundtrack zu adoleszenten Ennui: im sonnigen Kalifornien wurden ST als Biggest Assholes gekürt, waren der Elternschreck schlechthin. Sie kokettierten mit ihrer Verbindung zur Gang-Szene, ihr Mix von L.A.-Hardcore und Muscle Beach-Trash traf Ende der 1980er den Nerv der Zeit. Aus Langeweile formten 2012 zwei der nach den ersten drei Alben ausgeschiedenen Suicidal-Mitglieder Luicidal und spielen seither Stücke aus der Frühphase von ST, die bekanntlich ihre beste war. Aber auch hier gilt: No Skateboard until you´ve done your homework!

 

15.6., Cavalera Conspiracy, Luxor

Der Grund, weshalb Max Cavalera 1996 Sepultura verließ, ist tragischer Natur. Kurz nach der Veröffentlichung von »Roots«, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, starb sein Stiefsohn, der Umgang seitens der Band mit dem Schicksalsschlag und der gleichzeitge Rauswurf von Cavaleras Frau als Bandmanagerin sorgte für viel böses Blut. Max ging eigene Wege und veranstaltete mit dem Projekt Soulfly jährlich ein Gedenkfestival für seinen verstorbenen Sohn, Bruder Iggor blieb bei Sepultura. Nach 10 Jahren Funkstille kam dann aber, roots bloody roots, die Familienzusammenführung: Iggor und Max gründeten die Cavalera Conspiracy. Auch wenn ihr aktuelles Album »Pandemonium« der »Schneller, härter, lauter«-Philosophie folgend in Richtung Grindcore zeigt, fehlt es nicht an den gewissen Tribal-, Groove-, Trash- und Death-Metal-Momenten aus Sepultura-Zeiten. This is real family business.

 

17.6., KLAENG // die Serie #2: Daniele Camarda, Philipp Gropper’s Philm, Stadtgarten

Der Sizilianer dürfte mit Ende 30 bereits so viele Kilometer auf dem Buckel haben wie manch ein vielgereister Musiker am Ende seiner Karriere. Camarda ist, seit er 1998 als Stipendiat in die U.S.A. ging, ständig auf Achse, von NYC über den Nahen Osten nach Indien mit Zwischenstationen auf der ganzen Welt. Dabei hat er in Solo-Programmen und Kollaborationen das Spiel mit seinem sechs-saitigen E-Bass immer weiter entwickelt. Als Solist arbeitet er mit Live-Elektronik und erweitert so die räumlichen Dimensionen seiner Bass-Arbeit. Den Berliner Tenoristen Philipp Gropper muss man eigentlich in dieser Stadt niemandem mehr vorstellen: mit seinem großartigen Trio The Hyperactive Child hat er sich bereits in die Hirne der Jazzfreunde gebrannt. Fast durchkomponierter Free-Jazz, schnelle Stimmungswechsel, Anklänge an Neue Musik und Popformate – das ist auch annäherungsweise die Stilistik von Philm, seiner Kombo mit Oliver Steidle, Elias Stemeseder und Andreas Lang.

 

18.6., Maraveyas Ilegal, Club Bahnhof Ehrenfeld

In einem Artikel der New York Times über die griechische Kultur-Szene in Zeiten der Krise beschreibt Kostis Maraveyas seine Geburtsstadt Athen als einen Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Ein Bild, das auf seine Rolle als Popstar in Griechenland übertragbar ist. 2009, zu Beginn der Krise, gab der Musiker in seinem Stück »Welcome to Greece« eine klare Losung aus: »Only solution is sex & revolution!« Solange es Visafreiheit gibt, wird er hierzulande Konzerte geben, 2010 durfte er sogar noch in Berlin den Prix Europa eröffnen. Seither hat sich aber der Umgangston verschärft, der Medienpreis wird in naher Zukunft vermutlich keiner griechischen Band mehr eine Bühne bieten. Nun kommt Maraveyas nach Köln und wird das Publikum mit einem gutgelaunten Mix aus griechischer traditioneller Musik, Balkan Beats, Global Pop und Agitprop in Aufruhr bringen.

 

Sa 11.7., »Olympia«, Oracles, James Pants, Camp Inc uvm., Olympia

Ein kleines Sommerfest im Gleisdreieck? Eine hervorragende und längst überfällige Idee. Bisher kennt man das Olympia, den Tennisklub im urbanen Winkel im Schatten des Pascha-Laufhauses, vor allem von den famosen Sessionsveranstaltungen. Nun haben die Macher vom Weekend-Festival ein tanzaffines Line-Up zusammengestellt und bespielen die olympische Bühne im klassischen Sommerloch. Neben einem sehr guten DJ-Aufgebot (Ziggy Devriendt, Helena Hauff, Lena Willikens; s. Clubland) spielen live u.a. Oracles, James Pants und Camp Inc.: Oracles verbinden in ihrem retro-futuristischen Entwurf überzeugend Canterbury-Raffinesse à la Caravan, Afrobeat-Zauber und Shoegaze-Verspultheit mit dem Gespür für Hooks und Melodien, James Pants ist auf dem Vorzeige-Hiphop-Label Stones Throw beheimatet und sein Sound verschraubt Mothership-Freakfunk, Hauntology Beats und Miami-Vice-Pop, Camp Inc. gaben vor drei Jahren ihr Debüt in der Baustelle Kalk und bauen an einem melodie- und acid-verliebten Atari-Techno-Rohbau. Die Nacht verspricht lang zu werden. Und schweißnass und endorphinsatt.

 

Fr 24.7., Kumbia Queers, Gebäude 9

Sie machen nach Selbstaussage »Tropi Punk«: eine Fusion aus Elektronika, Dancehall, Punkrock und, vor allem: Cumbia. Von der in Lateinamerika omnipräsenten Cumbia wird behauptet, dass ihr charakteristischer Two-Beat-Shuffle vom Tanzen der Sklaven in Fußketten stammen würde und in den Slums analog zu Public Enemys berühmtem Diktum so etwas wie das CNN der Latinos sei. 2007 in Buenos Aires gegründet, haben sich die Mädels von Kumbia Queers in der von Machos besetzten Cumbia-Szene durchgesetzt und sind seit 2010 auch auf internationaler Ebene erfolgreich, Einladungen auf das SXSW-Festival und ausgiebige Touren durch Europa, Asien und Amerika bezeugen dies. Im Sommer 2010 spielten sie bereits im Gebäude, 2013 verwandelten sie auf der Venloerstraße Ehrenfeld in einen brodelnden Vorort von Buenos Aires. Support kommt von Sara Hebe: Hebe ist in Argentinien so was wie ein Underground-Hiphop-Star und letztes Jahr eine engagierte Stimme gegen das Monsanto-Gesetz, das dem Agrarkonzern es ermöglichen soll, südlich von Córdoba die weltweit größte Produktionsstätte von genmanipuliertem Saatgut zu bauen.

 

Sa 27.6., Cologne Summer Jazz, Uni-Mensa

Die Asta organisiert in der Mensa ein kleines Jazzfestival, eine gute Idee. Und Stefan Zimmer, Komponist und Organisator des Festivals, hat ein buntes Programm zusammengestellt: das sympathische Ensemble Frigga Feetless um die estnische Sängerin macht klassischen Jazz Singer-Sound. Der Brasilianer Emiliano Sampaio ist bereits mit einigen Nachwuchspreisen dekoriert und sein Trio (Gitarre, Bass, Schlagzeug) hat sich überzeugend einem Tropicalismo-infizierten Jazz verschrieben. Das Quintett um den jungen Pianisten Lucas Leidinger fusioniert Bigband- mit melancholischem ECM-Sound. Ebenfalls vielversprechend sind die Auftritte von Schlagzeuger Philippe Maniez aus Lyon und dem Saxophonisten und Klarinettisten Jacopo Albini aus Turin. Das Ganze kommt selbstredend mit viel Unterstützung aus der Kölner Szene.

 

So 5.7., SummerKLAENG, Odonien

Das Klaeng-Festival gibt sich in seiner Sommerausgabe ausgesprochen tanzfreundlich. Neben Freunden von modernem Jazz (etwa das Trio um Tenoristen Matthias Erlewein) werden vor allem die Tanzbeine bedient. Der Percussionist Sebastian Nickoll, Virtuose auf der Conga, spielt hochenergetischen Latin Jazz und den auch gerne in New York, wo er zeitweilig lebt. Zur Primetime gibt es klassisches Muckertum mit den »Drei vom Rhein«, das Trio um den Duisburger Jazz-Gitarrist Werner Neumann gibt sich Zappesk inspiriert und verbindet Funk- und Bluesrock mit Grasnarbentexten. Auf anderem Textniveau bewegt sich der rappende Schlagzeuger der Hamburger Pecco Billo, ihr Sound orientiert sich am jazzigen Hiphop der frühen 1990er inklusive Power-Jazz-Elementen mittels Bigband-Besetzung. Und wer in seiner Heimatstadt auf der Pudel-Club-Bühne auftritt, hat schon mal vieles richtig gemacht. Hans Nieswandt wird dann der musikalischen Umgebung entsprechend sein Set schwärzer denn je gestalten und odonischen Staub aufwirbeln.

 

So 5.7., New York Ska Jazz Ensemble, Sonic Ballroom

Seit über 20 Jahren ist der lose Freundeskreis aus Big Apple unterwegs. Ihre ungebrochene Strahlkraft gründet in der reichen Erfahrung des 1994 gegründeten Ensembles und ihren illustren Kollaborationen: Mitglieder wie Saxophonist Fred Reiter waren auch schon vorher in New Yorker Ska-Institutionen wie den Toasters aktiv oder man arbeitete in der Vergangenheit mit Devon James und Val Douglas von dem jamaikanischen Urgestein Skatalites zusammen. Man hat auch schon ein knappes Dutzend Alben herausgebracht (letztes Jahr ihre neue EP »Free as a bird«), aber der Fokus liegt auf der Bühne: ihr leichtfüßiger und zugleich energetischer Mix aus Ska, Rocksteady und Reggae arbeitet sich vornehmlich an Jazz-Klassikern ab, heraus kommen Stomper-Versionen etwa von Charles Mingus´ Klassiker »Haitian Fight Song« oder Dave Brubecks »Take 5«.

 

So 5.7., Echo Ho, Gogo J und Axel Pulgar, Kirchgarten St.Mauritius

Die Multimedia-Künstlerin Yin Sin „Echo“ Ho baut ihre Instrumente selbst: u.a. hat sie die Gu Quin, das vermutlich älteste chinesische Seiteninstrument, weiterentwickelt. Die Griffbrettzither wird von ihr als Interface für ihre selbstprogrammierte Software genutzt. Neben ihren Digital-Folk-Entwürfen zwischen chinesischer Klassik und westlicher Improvisation kreiert sie durchlässige Echoräume, die sich aus Field Recordings und rudimentären Rhythmen speisen. Der Kölner Axel Pulgar arbeitet in einem ähnlichen Feld, seine Kompositionen sind aber deutlich noisiger. Die Medien-Künstlerin Sheng Jie aka Gogo J arbeitet an der Schnittstelle zwischen Object- und Sound-Art: mit Arbeiten wie den 2014 u.a. aus Keramik und schwarzem Sandstein hergestellten Sound-Pyramiden stößt sie an die Grenze zur konzeptuell ausgerichteten Minimal Art.

 

So 5.7., Napalm Death, Underground

Für seine Abschlussarbeit im alt-ehrwürdigen Vicoria-and-Albert-Museum wünschte sich Artist-in-Residence Keith Harrison Napalm Death. Die Grindcore-Band sollte ein von Harrison gebautes, riesiges, mit Kacheln verkleidetes Soundsystem mittels Klangwellen zum Zerbersten bringen. Napalm Death sagte zu und freute sich, dieses Mal nicht nur für Metalheads, sondern auch, so Sänger Barney Greenway, für art wankers zu spielen. Nachdem trotz sichtlicher Bemühungen sich lediglich ein paar Kacheln lösten, hielt es ein junger Mann, offensichtlich ein Kunststudent, nicht mehr aus: er kletterte über die Absperrung und demolierte in wilder Raserei die Klangskulptur. Nun hat die Band zu Beginn des Jahres ihr 16. Album veröffentlicht. Wer also die Band noch mal sehen will, bevor sie von Klaus Biesenbach entdeckt wird, sollte sich spurten.

 

So 5.7., Freddie Gibbs & Vince Staples, Club Bahnhof Ehrenfeld

Es gibt zwei Arten von Gangsta-Rappern: die Bösen und die Geläuterten. Trotz seines zarten Alters gehört Vince Staples zu Zweiteren. Bereits sein Großvater war Gangmitglied und wurde, als Vince gerade mal 12 Jahre alt war, erschossen, sein Vater war häufiger im Knast als zu Hause. So ist der als Side Kick von Earl Sweatshirt bekannt gewordene Rapper keiner der auf dicke Hose macht, sondern lediglich ein Hoffnungsträger derjenigen, die glauben, dass Gangsta Rap 2015 noch was zu sagen hat. Ziemlich uneindeutig ist die Attitüde von Freddy Gibbs, zumindest spart der Mafioso-Rapper in seinen Video nicht mit Knarren, Koks und unförmigen Lederblousons mit Scarface-Aufdruck. Letztes Jahr wurde auf ihn auch prompt nach einem Gig in Brooklyn geschossen. Wenn er nicht gerade Kugeln ausweicht, arbeitet er mit Meister Madlib an einem neuen Album.

 

Mo 6.7., Ron Sexsmith, Stadtgarten

Wer mit Paul McCartney gefrühstückt hat, muss was richtig gemacht haben. Doch der große Erfolg steht weiterhin aus. Vor ein paar Jahren hat Ronald Eldon Sexsmith im Interview mit der Süddeutschen gesagt, dass er zwar nachts nicht wach liege, aber er immer noch auf den großen Hit hoffe. Nun hat der ewige Geheimtipp aus dem kanadischen Ontario »Carousel One« herausgebracht, sein 14. Album seit dem selbstveröffentlichten Debüt von 1991, und der Berufs-Melancholiker hat sich selten so gutgelaunt angehört. Der Singer-Songwriter, der zu seinen Vorbildern neben McCartney Harry Nilsson und Ray Davies zählt und dessen Gespür für Melodien seine Einflüsse auf fulminante Weise bezeugt, galt immer als der etwas traurige Knopf unter den Neo-Folk-Sängern. Nun tritt immer mehr sein Sinn für Humor in den Vordergrund. Das steht ihm durchaus gut.

 

Mo 13.7., The Fleshtones, Sonic Ballroom

Ihre erste Single war geschliffener Garage Rock wie er um 1965 gespielt wurde. Die Aufnahme stammt aber von 1976. Ihr Bühnendebüt gaben sie am 19. Mai desselben Jahres im CBGB, ihren Proberaum in der Bowery teilten sie sich mit den Cramps. Die meisten Bands, die ab Mitte der 1970er in Clubs wie dem CBGB oder Max´s Kansas City auf der Bühne standen und wenig später als Punkrock und New Wave firmierten, hatten einiges dem Rock´n´Roll zu verdanken. Es galt, zurück zum direkten Sound des klassischen Rock´n´Roll und des Garagenrockrevivals zu gelangen. Auch wenn sie tief in der New Yorker Punkrock- und New Wave-Szene wurzeln, blieben die Fleshtones immer eine Retro-Band. Seither spielen sie praktisch ohne Unterbrechung, haben 23 Alben rausgebracht und sind eigentlich immer noch genauso geil wie früher.

 

Mo 13.7., The Pharcyde, Club Bahnhof Ehrenfeld

Sie haben vor über zwei Dekaden einen Klassiker ihres Genres aufgenommen: »Bizarre Ride II The Pharcyde« bewies, dass es auch im kalifornischen Gangsta-Paradise Platz für alternativen Hiphop gab. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums reaktivierten sie 2012 ihr Jugendwerk. Das ist in Zeiten, in denen Künstler nicht mehr von solventen Plattenfirma bis zur Rente gefüttert und ausgequetscht werden, durchaus vernünftig. Als sich The Pharcyde allerdings nach vielen Streitereien anlässlich des Jubiläums in L.A. auf die Bühne stellten, war das das letzte Mal. Über den einen Abend hinaus hielt der Kitt nicht. Wegen Streitigkeiten spaltete sich Pharcyde in zwei Kombos, die beide Anspruch auf das Erbe erheben. In Köln wird nun mit Fatlip und Tre die bessere Hälfte der Posse auftreten, gelten sie doch als „Lennon and McCartney of The Pharcyde“.

 

Mi 15.7., Carrie Nation & The Speakeasy, Sonic Ballroom

Carrie Nation war in der Vor-Prohibitionszeit eine radikale Alkoholgegnerin, von ihr ist folgende Selbstbeschreibung überliefert: „a bulldog running along at the feet of Jesus, barking at what He doesn’t like“. Speakeasys waren in den 1920er und 30er Jahren in New York illegale Kneipen, in denen Schnaps und Bier ausgeschenkt wurde. Wer sich einen solchen Bandnamen zulegt, beweist Schenkelklopfer-Humor und deutet bereits an, in welche Richtung es geht: bodenständige Schankmusik mit exzessivem Einsatz von Banjo, Waschbrett und Trompete. Die Ingredienzien der in Wichita beheimateten Band um die Brüder Jarrod und Zachary Starling sind folgerichtig mit Dixieland, Bluegrass und dem obligatorischen Schuss Punkrock hinreichend beschrieben. Nicht erwähnen muss man, dass es sich Vollblutrampensäue handelt.

 

Sa 18.7., The Hara Kee-Rees, Sonic Ballroom

Ihren Auftritten eilt der Ruf voraus, laut, exzessiv und schweißtreibend zu sein. Ihr Sound orientiert sind an den klassischen Garagebands wie den Kingsmen, den Sonics und den Wailers, Grundbestandteil ist aber auch immer schon ein guter Schuss 77´er Punkrock. Ihr Oeuvre mit gerade mal zwei Alben und zwei Singles zeugt davon, dass ihre Qualitäten vor allem auf der Bühne liegen. In ihrer über eine Dekade andauernden Existenz haben sie sich eine überaus treue Fangemeinde erspielt. Die Rede ist von der coolsten Beat-Kapelle der Republik: die im Februar 2002 in der nordhessischen Punkrock-Metropole Wolfhagen im Landkreis Kassel gegründeten und seither in Köln beheimateten Hara Kee-Rees schauen mal wieder im Ballroom vorbei! Also beste Vorraussetzungen, das neue Twiggy-Kleid standesgemäß einzuweihen.

 

Ensemble MusicFabrik, Marc Bischoff

»Schwer wie eine Sau« und »leicht wie ein Ei«? Eric Saties Spielanweisungen für seine Klavierstücke waren immer schon etwas gewöhnungsbedürftig. Der Großmeister der melancholischen Klavierminiatur und des superlativischen Nonsense ist neben MusikFabrik-Mitbegründer Johannes Kalitzke (»Salto. Trapez. Ikarus« 1990) der Türöffner für den heutigen Abend: gefolgt werden sie von einer Uraufführung der 1986 in Japan geborenen Komponistin Eiko Tsukamoto, die letztes Jahr von Köln nach Berlin umzog, um dort ihr Kompositions-Studium an der Hanns-Eisler-Hochschule zu beenden. Sie versteht Klang und klangerzeugende Bewegung als Einheit, was vermutlich auch mit ihrem in Japan absolvierten Philosophie-Studium zusammenhängt. Die zweite Uraufführung kommt von Nicolas A. Huber (1939): der ist quasi der Quantenphysiker unter den Komponisten, bei ihm geht es um Unschärfen, Fraktale und die Doppelnatur der Töne.

 

Xiu Xiu

Heiligabend in einem miesen Techno-Club verbringen, niemanden finden, mit dem man mit nach Hause gehen kann, sich dumm und allein fühlen und dieses ungemein deprimierende Gefühl wegtanzen wollen. So sah die Ausgangslage für den ersten Song von Xiu Xiu aus. Seit gut 15 Jahren erprobt Jamie Stewart nun Strategien gegen dieses Gefühl (z.B. Komasaufen, Würgespiele, Suizidalphantasien), jazzt mit Tortoise durch das Werk von Charlie Parker und Ornette Coleman, produziert kaputte Cover von Rihanna oder zersingt mit Michael Gira Queens »Under Pressure«. Die queere Reinkarnation von Ian Curtis widersetzt sich erfolgreich einer Fixierung, allein das Label Transgressiv passt. In seiner quälenden Kunsthaftigkeit mit Großmeister Scott Walker vergleichbar, verbaut der Mittdreißigjährige in seinem Pop-Entwurf koreanische Volksmusik, Hi-NRG, Roman Porno und Dennis Cooper – letztes Jahr hat er mit Totem-Künstler Danh Vo zusammengearbeitet, unlängst die Filmmusik von Twin Peaks nachgespielt und die Mitte Juno erschienenen Stücke kommen sehr Badalamenti-esk. Wie immer eine Herausforderung, und zwar eine gute.

 

Pisse/Schwule Nuttenbullen

Falls dies bislang irgendwie untergegangen sein sollte: SNB gehören zu dem Besten was man derzeit in der Domstadt an Punk bekommen kann. Mit ihrem Album »Die Deutschrocknacht« haben sie Ende letzten Jahres ein ziemlich großartiges Stück Punkrock vorgelegt: sentimentale Erinnerungen an Hans-A-Plast, EA 80 und die Boxhamsters stellen sich ein, dazu ein bisschen verwegener Noiserock, fertig ist ein überzeugendes Update bundesdeutschen Punkrocks im Jahr 2015. Und zuweilen klingt bei Sänger Zuckle gar eine Verbeugung vor Operndiva Eugen Balanskat von den Skeptikern durch, das hat doch Format. Und Pisse aus Berlin machen geilen Rumpelpunk mit Synthesizer und New-Wave-Attitüde, ihr aktuelles Album »Mit Schinken durch die Menopause« wurde von Stereo Totals´ Brezel Göring produziert. Ein famoser Doppelpack aus dem Hause Beau Travail.

 

Reverend Beat Man

Der Schweizer Pastor und Voodoo-Autodidakt Beat Zeller gibt in seinen Videos gern den verklemmt-geilen Russ-Meyer-Protagonisten, Boxernase und Hitlertolle inklusive. Wenn er seine berühmt-berüchtigte Einmann-Show absolviert, weiß der selbsternannte King of Primitive Rock´n´Roll aber seine Energien frei fließen zu lassen. Seine Auftritte sind im eigentlichen Sinne Teufelsaustreibungen, nicht umsonst nennt Zeller Howlin´Wolf sein einziges Idol. Zellers Stimme ist seit seiner Zeit als Vorstand der Psychobilly-Band The Monsters in miserablem Zustand, das ist ihm aber genau so egal wie die Versuche staatlicher Vereinnahmung. Der Mann aus dem Dorf Hinterkapellen bei Bern wurde letztes Jahr hochoffiziell von der Willensnation geehrt: er war tatsächlich für den Grand Prix des Schweizer Bundesamtes für Kultur nominiert. Das Preisgeld hätte der Familienvater sicher gut gebrauchen können.

 

D 12

Detroits Ruinen gelten als das Symbol der Krise von 2008. Aber der Verfall der Motor City ist Sinnbild der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus schlechthin. Und Ausbeutung war auch immer schon eine rassistische Angelegenheit. Nach Detroits Rassenunruhen 1943 und 1967 findet die Entwicklung in der gegenwärtigen OB-Farce einen weiteren Höhepunkt: 2008 wurde der schwarze Bürgermeister Kwame Kilpatrick zu Beginn der Krise wegen einem Sexskandal aus dem Amt gemobbt, als die Stadt 2013 Insolvenz anmeldete, wurde er wegen Korruption zu 28 Jahren Haft verurteilt. Sein Nachfolger ist nach über 40 Jahren erstmalig ein Weißer, Kilpatrick hat unlängst ein Gnadengesuch an Obama gerichtet. Mit dem Niedergang von Detroit kam auch der Aufstieg von Eminem, dem »King of Hip Hop« (Rolling Stone). Gerüchten zufolge wird er heute nicht mit auf der Bühne stehen.

 

Jurassic 5

Vorletztes Jahr wiedervereinigt, seit letztem Jahr auf Tour, nun kommt man auch für zwei Gigs in die Republik. Jurassic 5 verwalten aber glücklicherweise nicht nur ihr Jugendwerk, die Kalifornier machen tatsächlich vor, wie man als Hip-Hop-Truppe würdig altert: man verlässt sich nicht nur auf die Verdienste als Pupils of the Old School mit ihrem Landmark-Album »Quality Control« von 2000, sondern man hat auch eine neue Single aufgenommen, die zeigt, dass die Jungs immer noch springen können. Bekannt geworden sind Jurassic 5 mit dem Unison-MC-Style ihrer großen Vorbilder Fantastic 5 und dem Sommerhit schlechthin Ende der ausgehenden Neunziger: »Concrete Schoolyard« zeigte, dass die Old-School-Welle noch lange nicht ausgerollt war. Neben The Pharcyde gehören sie bis heute zu den wichtigsten Vertretern der Westcoast-Native-Tongue-Posse.

 

25 Jahre Donna Regina

Donna Regina ist das »Missing Link« – so der Name eines ihrer Szene-Hits – zwischen Kölns berühmtesten Töchtern, zwischen Nico und Techno. Wenn Regina und Günther Janssen nun 25-jähriges Jubiläum feiern, dann geht es um ein Vierteljahrhundert Popmusikgeschichte in Köln: es ist die Geschichte des Sound Of Cologne jenseits von Kompakt. Um die Labels Entenpfuhl, A-Musik, Sonig und Karaoke Kalk hat sich seit den 1990ern eine bunte Avantpop-Szene entwickelt: Künstler wie F.X. Randomiz, C-Schulz, Harald Sack Ziegler, Kandis, Jörg Follert, Schlammpeitziger und eben Donna Regina haben den alternativen Sound of Cologne geprägt. Karaoke Kalk feiert den Anlass mit einer Donna-Regina-Cover-Compilation, viele der Genannten mischen darauf mit. Neben Donna Regina wird Jo Zimmermann alias Schlammpeitziger live in die Regler greifen, sein Stück »Schneid ein Stück aus der Zeit« gibt dem Abend die richtige Losung.

 

Ratatat

Das Duett, das die Kultivierung des Belanglosen in der letzten Dekade vielleicht am weitesten voran getrieben hat, ist zurück. Man konnte wirklich prima zu ihrer Mucke im Hummer SUV oder Opel Corsa durch die Gegend cruisen oder einfach nur die Wohnung feudeln. Wäre man sarkastisch, könnte man sagen, dass Mike Stroud und Evan Mast aus Brooklyn den Zeitgeist der Naughties auf den Punkt gebracht haben: allerorten wurde ein Vakuum beklagt, sie füllten es à point mit Oberfläche. Jetzt haben sie ein neues Album (»Magnifique«) rausgebracht, das ihrem Sound nichts Neues hinzufügt und auch kein Vakuum mehr zu füllen vermag. Die Mischung aus Giorgio Moroder, John Carpenter und Soft Rock vermag aber sicherlich noch den einen oder die andere mit ihrem glänzenden Lack zu blenden.

 

Darkstar

Nicht alles was das Label anfasst ist großartig, aber es ist schon erstaunlich, wie konstant Warp bereits im dritten Jahrzehnt ihres Bestehens hochwertige Bands entdeckt, signt und damit auch nach der maßgeblichen Dekade von Autechre & Co. relevant bleibt. Ende der 1990er hatte die elektronische Quadrupel-Avant-Musik ihren Höhepunkt überschritten und eine Öffnung des Labelprogramms machte Sinn, ja, war überlebensnotwendig: Bands wie !!! und Grizzly Bears wurden Teil der Warp-Familie. Mit Darkstar wurde 2013 ein Projekt ins Labelroster aufgenommen, das dieser Indie-Spur weiter folgt, dies aber mit den Mitteln des Post-Dubstep tut. Vormals auf Hyperdub beheimatet, basteln James Young und Aiden Whalley an einem Hybrid aus melancholisch grundierten Indieharmonien à la Grizzly Bear und verhalltem und häufig beatlosem Digitalism à la James Blake oder Matthew Dear.

 

Orlando Julius & The Heliocentrics, Ibibio Sound Machine

»Afrobeat will grow into a global thing« hat Orlando Julius Aremu Olusanya Ekemode 1987 in einem Interview gesagt und er hat in gewisser Weise Recht behalten. Nachdem zur Jahrtausendwende Großmeister Fela Kuti wiederentdeckt wurde, ist zumindest nach und nach auch hierzulande durchgesickert, was alles musikalisch Aufregendes in Westafrika ab den 1970ern passierte und wie groß der politische Anspruch der panafrikanischen Afrobeat-Bewegung gewesen ist. Orlando Julius ist sozusagen der Godfather des Afro-HI und damit auch des Afrobeat. Bereits in den 1960ern fusionierte er nigerianischen Highlife mit amerikanischem R&B und Soul und war einer der Haupteinflüsse von Fela Kuti. Nun ist Julius  mit den Londonern Heliocentrics unterwegs, die vorher unter anderem Mulatu Astatke zur Seite standen.

 

Feine Sahne Fischfilet

»Ich bin komplett im Arsch. Ich hab hier wirklich nichts mehr zu verlieren.« Wann hat sich eigentlich dieser nostalgisch-sentimentale Unterton in den Deutschpunk geschlichen? Richtig, Wim-Wenders-Kumpel Campino hat ihn eingeführt und seither üben sich unzählige Provinzbands darin, ihre Verletzung, ihre Sehnsucht und ihre Underdog-Wut rauszubrüllen. FSF kommen aus Meck-Pom und haben sich mit dieser Herkunft und einem Eintrag in den Verfassungsschutzbericht bereits genug Kredibilität erarbeitet, allein so richtig vom Hocker reißt ihr einfach gestrickter aber zugleich glatt gebügelter Punkrock mit Geprügelter-Hund-Attitüde nicht. Mit ihrem Anfang des Jahres veröffentlichen Album »Bleiben oder Gehen« schließen sie nun endgültig zum Beatsteaks-Kosmos auf. What´s left: Links ist leider nicht immer gleich geil.

 

Fjaak, Mitch, Magnus von Welck

Die drei Berliner Jungspunde von Fjaak fummeln schon seit ein paar Jahren an Instrumenten und Reglern rum, dann letztes Jahr, bums, ihr Minor-Durchbruch: mit einer Serie von drei EPs auf dem Monkeytown-Sublabel 50Weapons und dem Support durch die Kollegen von Modeselektor konnten sie in der Berliner Szene punkten. Ihre 2014er 12“ »Don´t leave me« ist ein technoider und zugleich old-schooliger House-Kracher, wie man ihn schon lange nicht um die Ohren gehauen bekommen hat, ihre aktuelle EP »Oben/Unten« bollert geradezu in der Tiefbassregion. Die Cologne-Sessions-Initiatoren Mitch und Magnus von Welck muss man an dieser Stelle nicht weiter einführen: Kollegin Agathe Power bespricht im Clubland die beliebte Techno-Sause monatlich.

 

5.9., Cologne Commons, Gebäude 9

Die Kreativallmende-Sause geht in die vierte Runde. Nachdem die ein halbes Jahrhundert währende Blase der Musikindustrie geplatzt ist, suchen Künstler alternative, nicht dem Profit als alleinigem Ziel verpflichtete Vermarktungswege. Die hier versammelten Bands eint neben diesem Versuch und ein optimistischer Hang zur Partystimmung: die Pariser Louis-Lingg and the Bombs spielen Spaßpunk mit Anarcho-Attitüde, Vienna Ditto aus Oxford poppigen Elektroblues, die Kölner OneDropLeft leichtfüßigen Reggae, Gull Ryk güldenen Ihrefelder Indietronic, Erich Schall aus Duisburg Ambienttechno älterer Schule und For Example John die, Räusper, kölsche Spar-Variante von Deichkind. Letztere spielen heute im Übrigen das erste Mal vor Publikum. Welche der auftretenden Bands in früheren Zeiten womöglich von einem Talentscout gesignt und damit von der Musikindustrie aufgesogen worden wäre, darüber darf heute Abend sinniert werden.

 

25.9. Nive Nielsen & The Deer Children, Club Bahnhof Ehrenfeld

Nive Nielsen war eigentlich auf eine Film- und Fernsehkarriere abonniert, 2005 war sie sogar in einer Nebenrolle an der Seite von Colin Farrell in dem Pocahontas-Streifen »The New World« von Terrence Malick zu sehen. Dann spielte sie aber mit ihrer roten Ukulele ein Konzert vor der dänischen Königin und traf zufällig Howe Gelb, den genialischen Meister skizzenhafter Songminiaturen und Sänger der großartigen Giant Sand. Der steckte ihr die Telefonnummer von PJ-Harvey-Partner und Produzent John Parish zu, mit dem sie dann auch gleich ihr erstes Album aufnahm, das von den Enthusiasten vom Glitterhouse-Label herausgebracht wurde. So unwahrscheinlich liest sich der Lebenslauf der freundlichen Inuk aus Nuuk, Grönland. Das 2012 erschienene Album versammelt hübschen, melancholisch grundierten aber hell gestimmten Inuit-Indie, Nielsens burschikose Ukulele und ihr zarter Gesang fungieren als roter Faden. Nun hat sie unlängst einen neuen Song veröffentlicht, mit dem sich ihr 2. Album ankündigt. Genug Anlass wieder auf Tour zu gehen.

 

1.9., Soundtrip NRW, Loft

Er bildet seit 1970 ein Trio mit Alexander von Schlippenbach und Evan Parker, ist Teil des legendären Globe Unity Orchestra und hat mit nahezu allen wichtigen Gestalten der internationalen Free-Jazz-Gemeinde gespielt: der Aachener Paul Lovens gehört neben Günter Sommer und Han Bennink zu der maßgeblichen ersten Free-Jazz-Schlagzeug-Generation in Europa, seine fortdauernde Relevanz kann Lovens bis heute u.a. durch seine langjährige Kollaboration mit dem Chicagoer Ausnahmesaxophonisten Ken Vandermark unterstreichen. Zusammen mit den (nicht nur) in hiesiger Szene hinlänglich bekannten Carl Ludwig Hübsch (Tuba), Matthias Schubert (Tenorsaxophon) und Philip Zoubek (Klavier) wird er heute Abend seinen hochenergetischen Percussionstil zu einer neuen Blüte bringen.

 

Inga Copeland

Sie spielte im Frauenteam von Arsenal London, arbeitete in Detroit als Stockcar-Fahrerin, joggte täglich zu Missy Elliotts »Supa Dupa Fly« und bildete nebenbei mit Dean Blunt Hype Williams, das Hipsterduett der letzten Jahre schlechthin. Zum Mummenschanz gehörte, dass die Ill-Wave-Kombo, so Copeland und Blunt, eigentlich ein Kunstprojekt der Kuratorin Denna Frances Glass sei, der Guardian hielt sie ohnehin für das Missing Link zwischen Ariel Pink und Aphex Twin. Letztes Jahr veröffentlichte Inga Copeland im Eigenverlag ihr Solodebüt »Because I´m worth it«, auf dem sie fiese Sinustöne, Jungle, Post-Dubstep und diverse Unidentifiables zusammenschraubt und den titelgebenden L´Oreal-Slogan zu einem anti-kapitalistischen Enigma umdeutet. Support kommt von Hall & Rauch und Toulouse Low Trax.

 

5.9., Thee Eviltones / The Seen!, Sonic Ballroom

Die bösen Töne aus Nottinghill haben sich in den letzten Jahren vor allem auf der Insel und der iberischen Halbinsel eine treue Fangemeinschaft erspielt, Unbekannte sind aber auch hierzulande nicht mehr, letztes Jahr standen sie noch auf hiesiger knöchelhoher Bühne. Bereits 2007 gegründet, touren die dünnen Männer in Skinny-Jeans und zu kleinen Jacken praktisch unentwegt und haben aus diesem Grund auch bisher nur zweieinhalb Alben herausgebracht. Ihre Musik nennen sie »dark« und »post-modern«, sie ist aber vor allem Garage, Surf und Garage. The Seen! aus unserem lustigen Nachbardorf sind auch schon gefühlte Äonen unterwegs, wer in den letzten 15 Jahren in Bonn nächtens an den richtigen Orten war, kennt ihre Gesichter. Ihre gut gelaunte Mischung aus Punkrock, Mod, Beat und Westcoast Pop ist selbstredend auch schon in Köln öfter präsentiert worden, zuletzt rockte man das Tsunami.

 

15.9., Unknown Mortal Orchestra, Gebäude 9

Die Band um den Neuseeländer Ruban Nielson startete als Bandcamp-Überraschungserfolg. Nielson hatte 2010 einen Song namens »Ffunny Ffrends« auf die Plattform gestellt, der schnell über maßgebliche Blogs Verbreitung fand. 2011 folgte dann das Debüt auf Fat Possum Records, das etwa von Pitchfork freundlich besprochen wurde. Nun ist das dritte Album »Multi-Love« erschienen, auf dem sie der ihren Mix aus Funk, Psychedelic und Indierock weiterentwickelt haben, Nielsons Vater hat sogar ein paar Saxophonparts eingespielt. Nielson behauptet zudem, dass der Umstand, dass er in seiner Freizeit unverständliche Philosophie »like Derrida or something« zu seiner Inspiration liest, ihn dazu gebracht hätte, auf dem neuen Album mehr mit alten Synthesizern zu arbeiten. »Kunstwerke werden umso weniger genossen, je mehr einer davon versteht« hätte Adorno dazu gesagt.

 

18.9., Reconstructing Song: Maurice Louca, Stadtgarten

Maurice Louca war eine der spannendsten Entdeckungen des letzten Jahres. Sein zweites Album »Salute The Parrot« fand auch im Westen Aufmerksamkeit, The Wire berichtete und die BBC feierte ihn als den neuen Underground-Star der Kairoer Electro-Chaabi-Szene. Electro Chaabi kombiniert die populäre ägyptische Straßenmusik Chaabi mit Hiphop, Baile Funk, Autotune-Gesang, David-Guetta-Techno und Reggaeton. Bei Louca schichtet sich der Soundclash zu einem avantgardistischen Hybrid, dass es einem Flying Lotus blass um die Nase wird. Auf einem Track ist Neu-Kairoer Alan Bishop von den Sun City Girls auf dem Saxophon zu hören, ein weiterer Kollaborateure ist Khaled Yassine, der Perussionist hat bereits mit Bugge Wesseltoft gespielt. Louca wird live von Bashar Farran am Bass und dem Schlagzeuger Thomasso Capellato unterstützt.

 

26.9., reiheM, Carl Michael von Hausswolff // Werni & Jendreiko, Belgisches Haus

Der schwedische Klangkünstler und Musiker ist ein suspekter Zeitgenosse. Seit den 1970ern untersucht er paranormale Hörereignisse, auch Tonbandstimmen genannt: auf Aufnahmen sind Stimmen oder stimmähnliche Geräusche zu hören, die während der Aufnahme nicht wahrgenommen wurden. Die spiritistische Lesart dieses Phänomens legt eine Kommunikation mit dem Jenseits nahe, es sind die Seelen Verstorbener zu hören. Die Seelen Verstorbener bemühte von Hausswollf auch als er 2010 ein mit Asche von ermordeten KZ-Insassen gemaltes Bild ausstellte. Derartige Verirrungen gehören zum Gesamtpaket, CM von Hausswolff mag es zu provozieren. Stefan Werni und Christian Jendreiko sind ebenfalls seit 30 Jahren mit ihrer Spekulativen Elektronik zugange, halten aber deutlich mehr Distanz zu ihrem Forschungsfeld der elektroakustischen Gedankenübertragung.

 

26.9., Zwanzig Jahre Lotta, Gebäude 9

Da hat sich die Lotta zum Zwanzigsten selbst das schönste Geburtstagsgeschenk gemacht. Gefeiert wird im Gebäude und zwar mit den Spermbirds! Ende der Achtziger gab es hierzulande kaum eine Band, die derart überzeugend Hardcore amerikanischer Provenienz spielte. Das lag natürlich auch an den muttersprachlichen Qualitäten von Sänger Lee Hollis, damals in Karlsruhe stationierter GI aus Texas. Die Spermbirds veröffentlichten 1986 ihr Debüt »Something To Prove« mit dem Szene-Klassiker »My God Rides A Skateboard«, mit »Eating Glass« von 1990 verabschiedete sich Hollis. Seit der Jahrtausendwende ist man wieder in alter Besetzung unterwegs, brachte zwei Alben raus, zuletzt kündete man neue Stücke an. Live sind die Jungs nicht gealtert, also vorher Dehnübungen machen!

 

27.9., Ariel Shibolet/Axel Dörner/Korhan Erel/Martin Blume Quartet. Loft

Ariel Shibolet wurde 1972 in Israel geboren und begann mit 20 Jahren Saxophon zu spielen. Seither hat er sich der Improvisierten Musik verschrieben, sein Sopransax spielt er in verschiedenen Ensembles wie dem Kadima Collective. Er veranstaltet seit Jahren einen monatlichen Abend im Hagada Hasmalit in Tel Aviv, der Club wird von Aktivisten betrieben, die der kommunistischen Maki-Partei nahestehen. 2010 spielte er auf dem renommierten Moers Festival, letztes Jahr nahm er in Berlin mit dem Kontrabassisten Alexander Frangenheim zusammen auf. Mit letzterem hat auch kürzlich der Trompeter und SWR-Jazz-Preisträger Axel Dörner (u.a. Arbeiten mit Mats Gustafsson, Ken Vandermark) gearbeitet, der Schlagzeuger Martin Blume (u.a. mit Peter Brötzmann und Peter Kowald) ist Teil des Dörner Quartetts und Korhan Erel, ein Berliner Improv- und Computermusiker, war bereits letztes Jahr im Loft zu Gast.

 

5.9., Arkadiy Kots, King Georg

Junge und nicht mehr ganz so junge Männer und Frauen mit Schnurrbart und Schiebermütze, die ihren rechten Arm in die Luft recken und die Internationale anstimmen? Willkommen in der neuen Aktivistenkultur. Benannt nach dem russischen Revolutionsdichter, der 1902 die russische Fassung der Internationale verfasste, gehören Arkadiy Kots neben Pussy Riot zu einer neuen Generation politischer Bands aus Russland, die klar machen, dass ihnen Musik in erster Linie Vehikel für Aktion ist. Sie interpretieren klassische Arbeiter- und Gewerkschaftslieder mit den Mitteln des Balkanbeat neu, im Repertoire sind auch Songs von Brecht und Gedichte von dem zeitgenössischen Aktionskünstler Alexander Brener. Im Herbst letzten Jahres hat die Band um den Soziologen Oleg Zhuravlev und den Schriftsteller Kirill Medvedev ein Album mit einem unmissverständlichen Titel herausgebracht, der übersetzt etwa »Lasst uns politisch kämpfen« bedeutet. Na dann: Glückauf, Genossen!

 

Nxnwfestival, Ebertplatz 

Der Ebertplatz ist schon lange nicht mehr Experimentierfeld in Sinne einer Wiederaneignung brachliegender Durchgangsorte. Die (sub-) kulturelle Nutzung hat dem Ort wieder einen Platz-Charakter gegeben, man kommt hierhin um zu bleiben. Das Netzwerk ON veranstaltet nun mit den Galerien und Aktionsräumen vor Ort, der Alten Feuerwache und dem King Georg ein 4-tägiges Festival mit Konzerten, Performances und Installationen. Am 1. Abend gibt es u.a. Antonio de Luca (Colorist) am präparierten Flügel auf dem Ebertplatz, Circuit-Bending mit Tasos Stamou und Galeristen-Death-Metal von Malte Struck und Mark Wehrmann. Am 2. Abend wird u.a. Tintin Patrone ihre charmanten Chiptune-Krachkisten auspacken und Pauwel de Buck Drones mit verzerrten Stimmen, Feedbacks und Orgeltönen bauen. Am 3. Abend wird u.a. Janneke van der Putten aus Rotterdam live an den Schnittstellen Tier-Natur-Mensch-Maschine operieren, am 4. tritt u.a. die beeindruckende Bérangère Maximin mit ihrer morphologischen Vogelkäfigmusik auf, um nichts weniger denn »to escape the bleak conditions of existence«.

 

a-Musik

Das Mekka aller Freunde selten gehörter Musik feiert 20. Jubiläum. Das ist in Zeiten zigfachen Plattenladensterbens wahrlich ein besonderer Grund zum Feiern. Geladen sind alte und neue Wegbegleiter des a-Musik-Kosmos, die haben schließlich auch irgendwie heute Geburtstag: mit dabei Mouse on Mars, Marcus Schmickler & Hayden Chisholm, Schlammpeitziger, Felix Kubin und Die Wait Watchers. MoM haben letztes Jahr mit »21 Again« ihr eigenes ungerades Jubiläum gefeiert, Schmickler und Chisholm präsentieren in Köln erstmals ihr Projekt mit schottischer Pibroch-Dudelsackmusik, Schlammpeitziger wird sein aktuelles, extrem tanztaugliches Album »What´s fruit?« im Gepäck haben und Kubin behauptet über sein brandneues Album: »It swings and snarls and elevates« – wir glauben ihm. Last not least debütiert der Künstler Tim Berresheim heute abend mit seinem Postblues-Projekt Die Wait Watchers. Dazu ein dicht bepacktes DJ-Programm mit Elephant Power, T-reiter, Babylon Bajasch DJ Tiem und Lawrence Le Doux.

 

Yo La Tengo, Kulturkirche

Sie sind die Velvets ohne Abgrund, Stereolab ohne Kitsch und Sonic Youth ohne Kunstanspruch. Sie sind das Anti-Spektakel der Indiewelt. Dafür, für ihr freundliches Wesen und ihren leisen Humor werden sie so sehr geschätzt. Die Indie-Darlings um das offenbar bis heute intakte Paar Kaplan/Hubley sind seit 1984 und ihrem 2 Jahre später erschienen, bereits ausgereiften Debüt »Ride the Tiger« unterwegs, das ist in all seiner Unaufgeregtheit doch ziemlich spektakulär. Nun feiern sie 30. Jubiläum und das mit einem Album mit dem sprechenden Namen »Stuff Like That There«. Das besteht wie ihr 1990er-Album »Fakebook« und das 2009er-Album »Fuckbook« (unter dem Alias Condo Fucks) zu einem guten Teil aus Coverversionen und steckt einmal mehr ihren Horizont zwischen Americana, Postpunk, Doo-Wop und Indierock ab. In der Kulturkirche werden Ira Kaplan, Georgia Hubley, Dave Schramm und James McNew mit Akustikgitarre, kleinem Drumkit, E-Gitarre und Kontrabass ihrem Werk behutsam und unspektakulär zu Leibe rücken.

 

15 Jahre Parallel

Wenn das nicht mal ein amtliches Programm ist. Gleich an zwei Tagen feiern die Drei vom Parallel-Schallplatten-Laden ihr 15-jähriges Bestehen im Roxy mit Altbier und haben niemand Geringeren als Oiro (Fr) und das Alien Ensemble (Sa) eingeladen. Oiro, das sind die geilen Mofapunks mit Megafon aus Düsseldorf. Sie sind Kinder im Geiste von 3000 Yen, den Goldenen Zitronen und Jens Rachut, eine Wahlverwandtschaft mag man zu den Sleaford Mods erkennen. Allerdings hat Sänger Jonny Bauer mehr Sinn für Humor als die Lads und ihre Musik ist etwas komplexer. Die Außerirdischen ist das Jazz-Projekt von Micha Acher. Seit 2005 konzentriert der »kleine« der Notwist-Brüder hier seine Jazz-Affinität, Freunde der »Shrink«-Phase und vom Tied & Tickled Trio dürfen sich freuen. Support kommt von der Kölner Monostadt und den Münchner Jubelpersern von Katie Smokers Wedding Party. Und es gibt Überraschungsgäste auf Topact-Niveau aus München und dem Ausland – wer könnte das wohl sein?! Die Spannung steigt…

 

Kofelgschroa, Kulturkirche

Wer unvoreingenommen der derben wie melancholischen Musik aus dem Alpenland mit seinen volltönenden Instrumenten zuhört, wusste schon vorher dass sie mehr als Stadlschrott zu bieten hat. Den Oberammergauer Jungs ist aber seit ein paar Jahren zu verdanken, dass sie diese unzeitgemäße Musik, die man ewiggestrigen Patrioten und anderen Hirntoten vorbehalten wähnte, an die Jetztzeit andocken – sie haben das Schöne, das in der Volksmusik verborgen liegt, zum Vorschein gebracht. Das tun sie, indem sie textlich wie musikalisch auf der Hut bleiben und einen ganz und gar unsentimentalen Umgang mit dieser Musik pflegen. Eine Vereinnahmung etwa durch einen CSU-Politiker ist schwer vorstellbar (dabei ist ein Mitglied gläubiger Katholik). Ihre Texte sind Dada und bester Karl-Valentin-Stil, die Musik vereinnahmt wie selbstverständlich Blaskapelle, Krautrock und Techno.

 

Chefdenker, Sonic Ballroom

»Paul McCartney hat ein Bild von mir in seinem Portmonee / Seine Frau hat er gefragt und die fand das auch okee«. Nur Claus Lüer denkt sich solche Zeilen aus. Der Sozialpädagoge mit den, Pardon, »kotverschmierten Unterhosen« ist selten aus seiner ironischen Grundhaltung zu locken und seine Titel, Texte und Bandnamen mögen ihr Ziel der Verstörung erreichen. Nun hat der Mann mit Vergangenheit (Bash, Knochenfabrik, Casanovas Schwule Seite) und seiner seit 10 Jahren aktuellen Band (die mit den vielen Gitarrensoli) kein neues Album aufgenommen, aber wer braucht bei den Live-Qualitäten und der wirklichkeitsgesättigten Lebensweisheit von Johnny Colognesome und seinen Lütten schon neues Liedgut?

 

Mocky, Gebäude 9

Er gehörte der kanadischen Exklave im Berlin der Nuller Jahre an, bevor er 2012 nach Los Angeles zog. In der Berliner Zeit gründete er die »Residents« des Hip-Hops, die Puppetmastaz, und war Partner-in-Crime von Leslie Feist, Chilly Gonzales und Peaches, bevor eine Reihe von Solo-Alben veröffentlichte. Mit Gonzales und dem Briten Jamie Lidell gehört Mocky zu einer Generation von Entertainer-Sängern, die die Tradition, in der sie stehen, mit viel Ironie zu modernisieren suchen. Auch auf seinem neuen Album »Key Change« feiert Mocky den leichtfüßigen Wohlklang in der Tradition der großen Komponisten Burt Bacharach und Van Dyke Parks. Und wenn er deren kompositorische Komplexität nicht erreicht, kann er sich aber mittels einer zuckerguss-artigen und selbstgenügsamen Übersteigerung retten. Das ist Kitsch, aber ironisch gebrochen und mit authentischer Spielfreude vorgebracht.

 

Carla Bley Trio, Stadtgarten

Die einst als Zigarettenmädchen im Birdland gestartete Carla Bley gehört zu den großen Jazzmusikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr berühmtestes Werk, die Jazz-Oper »Escalator over the Hill« von 1971, galt lange Zeit als unaufführbar und kam erst 1997 in Köln auf die Bühne. In dem über 2-stündigen Werk verband sie Kurt Weill, Free Jazz, Proto-Fusion, klassische indische Musik, Beatnik-Poesie und surrealistischen Witz. In ihrer nahezu 60 Jahre währenden Karriere hat sich Bley aller Formationen und Formen des Jazz bedient, von großen Ensembles und Big-Bands bis zu Kammermusik, von amerikanischer Kirchenmusik und Vaudeville über Free Jazz zu Weltmusik. Und sie hat u.a. mit dem Cream-Bassisten Jack Bruce und den Supra-Fusionisten Don Cherry und Pharoah Sanders zusammengearbeitet. Mit ihrem Partner Steve Swallow und dem Briten Andy Shepheard hat sie 2013 eigene Stücke re-arrangiert und in der Reduktion eine überzeugende Übersetzung ihrer Arbeit ins Klassische gefunden.

 

Colin Stetson & Sarah Neufeld Duo, Stadtgarten

 

Er hat mit Arcade Fire, Feist, TV On The Radio und LCD Soundsystem zusammengearbeitet. Der mittlerweile in Kanada lebende US-amerikanische Saxophonist Colin Stetson kommt eigentlich aus dem Jazz, hat bei Roscoe Mitchell und Henry Threadgill studiert und mit Leuten wie Fred Frith, Antony Braxton und Mats Gustafsson gespielt. Bekannt ist er abgesehen von seiner Offenheit gegenüber Popformaten für seine an Eric Dolphy erinnernde Zirkulartechnik, mit der er scheinbar endlose Arpeggio-Bögen spielen kann. Sein letztes, sphärisch-beeindruckendes Album spielte er zusammen mit der Arcade-Fire-Tour-Violinistin Sarah Neufeldt ein und ist passender Weise auf dem Postrock-Label Constellation (u.a. Godspeed) erschienen.

 

Micachu and the Shapes + Group A, Stadtgarten

Sie hat viele Rollen: die klassisch ausgebildete Komponistin, der grimey Prankster, die Rock´n´Roll-Halbstarke, das Indie-Wunder-Girl – und in allen brilliert sie. Mica Levi alias Micachu begann als Teenager mit Cubase und Logic und zählt heute zu ihren Einflüssen Giacinto Scelsi, J Dilla und Guillaume de Machaut. Ihr Debüt produzierte sie bereits während ihres Studiums, und das mit Unterstützung von Elektronik-Tausendsassa Matthew Herbert. Das war 2009. Vorher hatte sie bereits ein Stück für das London Philharmonic Orchestra geschrieben. 2011 wurde sie von Animal Collective geadelt und zum ATP-Festival eingeladen, dieser Tage kommt das 4. Album auf Rough Trade heraus. Neben Kate Tempest ist sie sicherlich eine der spannendsten britischen Künstlerinnen der letzten Jahre. Die Vorband, ein Industrialduo aus Tokyo, besticht vor allem durch Liebestöter und plastene Reishüte.

 

Mego-Showcase, Stadtgarten

Seit 20 Jahren ist das österreichische Label Mego/Editions Mego in Sachen elektronische Musik, Avant-Pop und Geräuschkunst unterwegs. Es hat sich ab Mitte der 1990er mit Künstlern wie Fennesz, Pita oder Hecker einen hervorragenden Namen im Glitch-Genre erarbeitet, später kamen – nach dem Relaunch 2006 als Editions Mego – Künstler wie Jim O´Rourke, Stephen O´Malley, Shit And Shine und Oneohtrix Point Never hinzu. Besondere Verdienste kommen dem Label, das von Peter Rehberg alias Pita geführt wird, durch das Remastern und Wiederveröffentlichen elektroakustischer Klassiker etwa von Iannis Xenakis, Bernard Parmegiani oder Luc Ferrari zu. Das Jubiläum wird mit einem ausgesuchtem Line-Up begangen: mit dabei sind u.a. Pita, Thomas Brinkmann, Edvard Graham Lewis (Wire) und Thighpaulsandra (Ex-Coil).

 

24.11., SR präsentiert: Belle & Sebastian, Live Music Hall

In den späten 1990er Jahren überraschten die Glasgower die gitarrenmüde Popwelt mit ihrem wunderbaren Jangle-Pop. Sie verbanden schlafwandlerisch die Nonchalance der Television Personalities mit dem genialischen Songwriting von Simon & Garfunkel. Die ersten Alben »Tigermilk«, »If You´re Feeling Sinister« und »The Boy With the Arab Strap« schufen das Fundament für eine erstaunliche Karriere, die Verbindung von Außenseitertum und Affirmation zu einer hymnischen Geste wirkt bis heute. Mastermind Murdoch fand mit der Zeit immer mehr Gefallen an Disco-Ästhetik und Pop-Opulenz, Wasserscheide war 2003 das von Trevor Horn (ABC, Art Of Noise, Frankie Goes to Hollywood) produzierte Album »Dear Catastrophe Waitress«, mit dem man sich vom Folkpop der frühen Jahre verabschiedete. Das aktuelle 9., von Ben H. Allen (Animal Collective, Deerhoof) produzierte Album »Girls in Peacetime Want to Dance« kombiniert die Sophistication von Pulp mit dem Disco-Stomp von Abba. Ein weiterer konsequenter Schritt in Richtung Disco der Verdammten.

 

10.11., SR präsentiert: Colin Vallon Trio, Stadtgarten

Wenige Tage vor seinem 35. Geburtstag schaut der Schweizer Pianist Colin Vallon mit seinem Trio im Stadtgarten vorbei. Der in Lausanne geborene und an der Jazzschule Bern ausgebildete Musiker bildet bereits seit 1999 ein Trio mit dem Kontrabassisten Patrice Moret und dem Schlagzeuger Samuel Rohrer. Er hat u.a. mit Nils Wogram und Kenny Wheeler zusammengearbeitet, bisher bei HatHut Records veröffentlicht, nun kommt sein zweites ECM-Album heraus. Vallon hat beim Münchner Nobeljazzästheten sein Zuhause gefunden, sein filigranes, atmosphärisches Spiel passt gut zum Label. Er bedient sich in seinem zugänglichen Jazzentwurf dabei nicht nur der Tradition, sondern greift vor allem auf europäische und amerikanische Kunstmusik zurück: Bach, Pärt, Spätromantik und Minimalism haben deutliche Spuren in seinem Klangspektrum hinterlassen. Das subtile Spiel des neuen Schlagzeugers Julian Sartorius und der lyrische Bass von Moret fügen sich nahtlos in die Gesamtästhetik. Herbststimmung, ick hör dir trapsen.

 

13.11., SR präsentiert: Father John Misty, Luxor

Früher arbeiteten die Väter von amerikanischen Singer-Songwritern in Autofabriken und prügelten ihre Söhne im Rausch. Die Zeiten haben sich offenbar nur in den Details geändert: Im Elternhaus von Joshua Tillman durfte keine säkulare Musik gehört werden, das Höchste der Gefühle war »Slow Train Coming« von Bob Dylan. Der Vater arbeitete als Ingenieur bei Hewlett Packard und war als streng gläubiger Evangelikale darauf bedacht, seinem Sohn eine solide spirituelle Erziehung angedeihen zu lassen. Im Alter von 21 Jahren floh Tillman über New York nach Seattle und fand als Schlagzeuger zwischen 2008 und 2012 eine erste Heimstatt bei den Fleet Foxes. Seither konzentriert sich Tillman auf seine Solokarriere, seine Musik speist sich wie die der Füchse aus der ur-amerikanischen Westcoast-Tradition etwa der Byrds oder Crosby, Stills & Nash, die opulenten Streicher-Arrangements erinnern häufig an die Beatles oder deren Epigonen. Dass Tillman mit Bart, Charme und Ironie sowohl Mädchen- als auch Mütterherzen höher schlagen lässt, wollen wir hier nicht unterschlagen.

 

Festival: Türkische Delikatessen: Musik-Kultur-Festival, 20.-29.11., diverse Orte

Zwischen den vermeintlich gescheiterten Gezi-Protesten, der konservativen Marschrichtung der Regierung Erdogans und den Anschlägen in Ankara wird schnell vergessen, wie radikal sich der ewige EU-Anwärter an der eurasischen Grenze in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Gleichzeitig zur durch Landflucht entstandenen Bevölkerungsexplosion vor allem in Istanbul internationalisierte sich die türkische Stadtkultur rasend schnell. Eine ganze Woche widmet sich nun ein Festival der türkischen Moderne, die ihre musikalischen Wurzeln im Austausch zwischen westlicher Musik und anatolischer Tradition in den 1960- und 70er Jahren hat. Folgerichtig treten zwei Pioniere auf: Funk-Großmeister Mustafa Özkent und Jazzfusion-Pionier Okay Temiz. Außerdem empfehlenswert: Burhan Öcal. Der Gründer des Istanbul Oriental Ensemble ist ein musikalischer Globetrotter wird mit seinen 12-köpfigen Trakya All Stars und seinem Gypsy-Funk dem Publikum die Füße heiß spielen. Der mit seinen psychedelischen Anadolu-House-Sets im Istanbuler Underground populäre DJ Baris K wird mit seinem Live-Projekt auftreten und die westanatolische Band Ayyuk, die bereits als Support von Sonic Youth und REM gespielt hat, wird ihren Tuareg-infizierten Psycherock präsentieren.

 

1.11., Nosaj Thing, Yuca

»No such thing« wird der Name ausgesprochen, den sich Jason Chung gegeben hat. Und das ist schon mal eine Ansage: »Nichts dergleichen«, so soll sich sein Sound anhören. Er hat Stücke von The xx, Charlotte Gainsbourg und Philip Glass geremixt und von Busdriver, Chance the Rapper und Kendrick Lamar produziert, nun ist sein drittes Album herausgebracht. Zwischen Leftfield-Hiphop, Ambient, Dubstep und Electro-Soul positioniert sich Nosaj Thing. Die Ingredienzien atmen viel Zeitgeist: Hall, gespenstische Vocal-Schnipsel, schleppende Beats, perlende Melodien. Chung arbeitet in ähnlichen Gefilden wie seine Nachbarn in L.A., Flying Lotus in seiner Frühphase und Daedelus, oder auch der Schotte Hudson Mohawke.

 

2.11., The Do, Stollwerck

In Frankreich sind sie Stars. 2007, zu Beginn ihrer Karriere noch dem gepflegten Indie-Folk-Pop amerikanischer Prägung verpflichtet, haben sich die finnischstämmige Olivia Merilahti und Dan Levy aus Paris mittlerweile stilistisch freigeschwommen. Sie bedienen sich genreübergreifend bei Hiphop, Indie und Dancepop, das rhythmische Gerüst von Levy liefert die richtigen Hooks als Grundierung für Merilahtis hohe, leicht gepresste Stimme. Ihr aktuelles Album »Shake Shook Shaken« erinnert immer wieder an Electropop á la The Knife. Fast noch wichtiger als die Musik ist allerdings die Show: bei Auftritten trägt die großgewachsene Merilahti tolle Automechaniker-Anzüge und zu vorgerückter Stunde schon mal eine »Das-Ding-aus-dem-Sumpf«-Maske. Und für die Stylisten unter unseren Lesern: Olivias Make-Up-Geheimnis ist schimmerndes Face & Body-Öl.

 

3.11., Soundtrips NRW, Loft

Seit 6 Jahren werden nun schon Musiker aus In- und Ausland durchs Land geschickt um zwischen Aachen und Bielefeld dortige Lokalmatadoren zur Improvisation zu fordern. Bei der 26. Ausgabe des Soundtrips NRW treffen die Kölner Carl Ludwig Hübsch (Tuba) und Nicola Hein (Gitarre) auf den Niederländer Laurens van de Wee und den Israeli Eliad Wagner (beide Elektronik). Hübsch und Hein bedarf es nur kurz vorzustellen, sie sind beide in Köln und auf internationalem Feld etablierte Improvisatoren. Sie sind im Loft zu Gast bei den Soundtrip-Reisenden Van de Wee und Wagner, die gemeinsam das Improvisationsprojekt Tjong Pow bilden. Das Duo arbeitet an der Schnittstelle Körper – Mechanik, ihre Musik, so die beiden, ist »komplett improvisiert« und »führt den Hörer durch Feedback-induzierte Tagträume«. Das ist nicht zu viel versprochen.

 

6.11., KRAAK Showcase, Stadtgarten

Das belgische Label Kraak aus Gent präsentiert sich zum ersten Mal in der Domstadt. Das Label ist fokussiert auf »left field avantgarde and deconstructed pop-music«. Im Einzelnen haben sie die zweite Single der Sleaford Mods rausgebracht und Alben des großartigen Environmental-Explorers Lieven Martens Moana (Dolphins Into The Future), für den Rest bitte bei a-Musik reinhören. Das von der Reihe »Sounds Wrong Feels Right« präsentierte Showcase bietet einen guten Einblick, auftreten werden: Camargue, das neueste Projekt von Tim Depraetere (der »kleine Typ« von der Avant-Coldwave-Band Maan; s. Twitter) und der Violinistin Linde Carrijn (Sailor Boy): Drum-Machine trifft auf Violine und Tape-Musik, Tony Conrad auf Ian Curtis, Robert Ashley auf Throbbing Gristle. Desweiteren der Minimalist und Freizeit-Serialist John de Blonde mit seinem hypnotischen Projekt Köhn und das debile und bezaubernd verstörende Postpunk-Trio Shetahr aus Brüssel.

 

7.11., reiheM: Anthony Moore & The Missing Present Band, Stadtgarten

Anthony Moore war vor seiner Berufung 1996 zum Professor für Sound an der KHM und seiner Emeritierung Anfang 2015 ein Avantgardist mit wirrer Frisur. Zusammen mit seiner späteren Ehefrau Dagmar Krause und Peter Blegvad gründete er in Hamburg 1972 die »Naiv«-Avant-Band Slapp Happy, die mit der Unterstützung der Krautrocker von Faust einige Alben einspielte bevor sie mit der britischen Artrockband Henry Cow um Fred Frith fusionierte. Darauf folgten verstärkt Soloarbeiten, bei denen er u.a. mit Leuten aus der Canterbury-Szene wie Kevin Ayers (u.a. Soft Machine) und Andy Summers (The Police; 1968 kurze Zeit bei Soft Machine) zusammenarbeitete. Als Produzent hat er das Debüt von This Heat zu verantworten. In seiner aktuellen Arbeit widmet er sich den Hunden, die mit sowjetischen Raumkapseln in den Weltraum geschossen wurden. Bon Voyage!

 

17.11., Kamasi Washington, CBE

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: ein unbekannter Jazz-Saxophonist, der bis dato lediglich durch seine Arbeit für Kendrick Lamar in Erscheinung getreten war, hat ein 3-stündiges Opus Magnum mit Orchester und 20-köpfigen Chor eingespielt. Der Maximalismus des Werkes ist beeindruckend. Vergleichbares findet man in seinem spiritistisch-monumentalen Anspruch nur bei Pharoah Sanders oder Ornette Colemans »Skies of America«. »The Epic«, wie das Werk unbescheiden heißt, zehrt aber noch viel mehr von einer spätromantischen Überwältigungsästhetik, ist Zeugnis eines späten afrozentrischen Third-Stream-Triumphes. Im Kontrast dazu folgt Washingtons Sax fast schüchtern (wie so viele vor ihm) dem großen John Coltrane. Und diese Ergebenheit befördert die ikonische Selbststilisierung Washingtons. Welcome, Black Messias!

 

20.11., Wire, Gebäude 9

Graham Lewis, Bassist und kreativer Kopf der britischen Postpunk-Pioniere Wire, zählte kürzlich in einem Interview ein paar Platten auf, die ihn und die Band beeinflusst hätten. Die Aufzählung zeigt, was alles quasi im Hintergrund des monochromatischen und kantigen Punk-Minimalismus von Wire ablief. Eher überraschend sind Al Green und Neil Young. Nur folgerichtig: Neu!, Roxy Music, Kevin Ayers und King Tubby – man mixe krautige Repetition, Art-School-Sophistication, kompositorische Progrock-Komplexität und sonische Tiefe und heraus kommt in etwa »Chairs missing«, ihr wegweisendes zweites Album. Mit dem dritten Album »154« fanden sie ihren Sound, der bis heute Gültigkeit besitzt. Dass sie seither mal gut, mal mäßige Revitalisierungen ihres Trademarksounds veröffentlicht haben, kratzt nicht an ihrer Aura oder ihrem Platz in der Postpunk-Hall-of-Fame.

 

22.11., Giant Sand, Kantine

Der sogenannte Gottvater des Alternative Country pflegt sein Kauztum. Howe Gelb ist seit 35 Jahren unterwegs, meist unaufgeräumt im Kopf, dafür aber immer ein Haufen Songideen in der Tasche und dabei so unverschämt gutaussehend. Ende der 1970er gründete er in Tuscon, Arizona zusammen mit dem in Ost-Berlin geborenen Gitarrenwunder Rainer Ptacek die Band Giant Sandworms, aus der irgendwann vor 1985 nach gewichtigen Kürzungen die Band Giant Sand hervorging. Mit ihr rief er eingangs genanntes Genre quasi im Alleingang ins Leben und beeinflusste in Folge Myriaden von Indie-Rock-Bands. Dass diese Bands und sogar seine eigene Rhythmus-Gruppe als Calexico kommerziell erfolgreicher als ihr Ziehvater sind und waren, hat ihn nie in Zweifel gestürzt. Für solchen Firlefanz hat der unermüdliche Meister genialer Songskizzen auch keine Zeit. Kürzlich ist das 23. GS-Album erschienen.

 

17.11., Theo Bleckmann, Loft

Bleckmanns Geschichte ist eine dieser Geschichten von einem, der auszog. Der Jugend-Meister im Eiskunstlauf Theo Bleckmann aus dem münsterländischen Kleinstädtchen Selm ging 1989 nach New York, um sich als Sänger ausbilden zu lassen und blieb. In den über 25 Jahren seither hat er einen erstaunlichen Weg hinter sich gelegt. Er tauchte in die sich in den frühen 1990ern neu justierende Downtown-Szene ein und arbeitete mit John Zorn, Laurie Anderson, Anthony Braxton, Philip Glass zusammen. Und er wurde in das Vocal-Ensemble der großen Meredith Monk aufgenommen. Für jeden Sänger, der sich der Avantgarde seines Fachs verpflichtet fühlt, gleichbedeutend mit einem Ritterschlag. Seither hat er sich etwa dem amerikanischen Neu-Töner Charles Ives und den Songs Kate Bushs gewidmet.

 

18.11., Marc Ribot, Stadtgarten

Ribot, der Eklektizist unter den Avant-Gitarristen, schlägt ein neues Kapitel auf. In seiner Karriere hat er sich seit den Anfangstagen in der New Yorker Downtown-Szene der ausgehenden 1970er immer wieder Material aus unterschiedlichster Herkunft angeeignet, es umgedeutet und in seinen Kosmos aufgenommen: so hat er neben etlichenå Jazzstandards etwa Kompositionen von Jimi Hendrix oder den Doors re-interpretiert. Nun hat er sich mit dem Bassisten Jamaaladeen Tacuma, dem Schlagzeuger G. Calvin Weston, der Gitarristin Mary Halvorson und einem Streicherquartett den optimistischen Philly-Soul der 1970er vorgenommen. Heraus kommt ein Amalgam aus dem Punk-Funk der ersten Prime-Time-Band von Ornette Coleman und eben jenem uplifting Sound von MFSB & Co.

 

22.11., Blackalicious, CBE

Sie sind im Windschatten von DJ Shadow groß geworden. Tim Parker alias Gift of Gab und Xavier Mosley alias Chief Xcel aus der Bay Area sind zwar schon seit 1991 das Duo Blackalicious, aber erst der Kontakt zu Josh »Shadow« Davis über das gemeinsame Projekt Solesides (später Quannum) gab ihrer Karriere den entscheidenden Kick. Das 1999 auf Mo´Wax erschienene Debüt-Album darf als später Old-School-Klassiker gelten, das 74-minütige Werk überzeugt mit Jazz- und Rare-Groove-Sampledelia und Chorus-Raps. Parker gilt als begnadeter MC, der Musikjournalist Peter Shapiro (»Rough Guide to Hip-hop«) etwa nannte ihn »a walking encyclopedia of MCing styles«. Unlängst haben sie sich mit dem Afro-Funk-Rock-Monument »Imani Vol.1« als ersten Teil einer Trilogie nach 10 Jahren beeindruckend zurückgemeldet.

 

26.-28.11., Klaeng Festival

Seit 6 Jahren veranstalten die Klaeng-Aktivisten Begegnungen der unvermittelten Art, immer aufgespannt zwischen experimenteller Klangforschung, brüchiger Konvention und musikpolitischer Basisarbeit. Das Herbstfestival verknotet einige erfreulich disparate und deswegen spannende Performances zu einer dreitägigen Herausforderung: Den ersten Abend bestreiten das legendäre Free-Jazz-Trio von Alexander von Schlippenbach (p) mit Evan Parker (sax) und Paul Lovens (dr), das heuer Station auf ihrer obligatorischen Winterreise macht, das Schumann-Quartett, einem Kölner Streicher-Ensemble, dass sich u.a. einen Namen mit einer Stegreif-Einspielung der »6 Bagatellen« von Anton Webern gemacht hat und das Bundesjugendorchester unter Leitung des New Yorker Schlagzeugers und Komponisten John Hollenbeck. An Abend 2 & 3 treffen klassischer Jazz auf zerbrechlichen Indie-Pop auf Gitarrenvirtuosentum auf Funkeklektizismus. Keine runde Sache, sondern kantiges Kuratorenkino!

 

26.11., Turnstile, Gebäude 9

Bei ihnen ist alles Druck, Dringlichkeit und kompromisslose Härte. Die fünf Jungs sind der neue Stern am Hardcore-Himmel. Seit 2010 haben sie lediglich 2 EPs und Anfang des Jahres ihr Debütalbum vorgelegt, werden aber schon gefeiert als wären sie altgediente Veteranen der Szene. Sie verbinden unverbraucht klassischen Ostküstenhardcore mit 90er-Jahre-Crossover, spielen nebenbei in Bands die nach Metallica- und Faith-No-More-Songs benannt sind und haben Anfang des Jahres ihr Debüt veröffentlicht. Melodie wird bei ihnen mit Großbuchstaben geschrieben, zu ihren Vorbildern zählen Living Color, Hot Water Music und Bad Brains, ihre energetischen Shows haben ihnen Vergleiche mit Rage Against The Machine eingebracht. Ab jetzt gilt: This is Baltimore not Washington, D.C..

 

28.11., Dear Janet, Acephale

1984, als Janet Jackson 18 Jahre alt war, wollte sie karrierebegleitend Buchhaltung studieren. Das war schlau, hat sie doch in Folge 160 Millionen Schallplatten verkauft und mindestens ebenso viele US-Dollar verdient. Jetzt hat sie ihr lang angekündigtes neues Album rausgebracht, auf dem sie sogar von der ebenfalls kürzlich wieder aufgetauchten Missy Elliott Schützenhilfe bekommt. Und nächstes Jahr wird Jackson stolze 50. Zeit also durchaus für ein Tributalbum. Eine Handvoll Indie-Künstler haben ihre Lieblings-Janet-Songs eingespielt und aus dem polierten R´n´B charmanten Low-Fi-Pop geformt. Zum Release treten der kanadische Weak-Soul-Sänger Chris Cummings alias Marker Starling, der jüngst sein 5. Album rausgebracht hat, und die Briten von Batsch auf. Ersterer ist bekannt für seinen zwischen barocker Beach-Boys-Melancholie und Steely-Dan-Sophistication oszillierenden Smooth Pop, letztere beschreiben ihren Dark-Disco-Entwurf als Mischung aus Talking Heads, Chic und Fela Kuti.

 

30.11., Impakt Kollektiv & Evan Parker, Loft

»Als berittener Wegelagerer vom Straßenraub leben«: so steht es im Wörterbuch der Gebrüder Grimm zum Begriff Stegreif. Stegreif, heute spricht man von Improvisation, ist die Kunst auf neue Situationen zu reagieren, sich und andere zu überraschen, sich Motive und Spielweisen imitierend anzueignen und in etwas Eigenes zu verwandeln. Der große britische Saxophonist Evan Parker ist einer dieser Wegelagerer, er gehört zur Speerspitze der ersten Generation europäischer Free Jazz- und Improv-Musiker. Er entwickelte u.a. den sogenannten Insect Improv: Dieses kleinteilige, führerlose Spiel besitzt einen politischen Impetus, setzt es doch basisdemokratische, teils anarchistische Regeln in einer Kleingruppe um. Kurz nachdem er mit dem legendären Schlippenbach-Trio im Stadtgarten aufschlägt, wird er von den Impakt´lern herausgefordert. Es wird konzentriert zugehen, Voraussetzung in dieser Begegnung der Generationen ist schlicht Zuhören.

 

3.12., Den Sorte Skole, Club Bahnhof Ehrenfeld

Sie sprechen von sich gern in Superlativen. Das letzte Album von Simon Dokkedal und Martin Højland, »Lektion III« von 2013, soll auf über 10.000 Samples aller Genres und aller Epochen basieren. Dazu benutzten sie 250 Schallplatten aus 51 Ländern von 6 Kontinenten. Heraus kommt Musik wie aus einem Guss, obwohl die Quellen disparater kaum sein können: türkischer und italienischer Rock, schottische Trommeln, eine marokkanische Streichersektion und Gesang von den Bahamas. Die »Pan Global Pop Art« genannte Kunst überzeugt offenbar viele Menschen, auch solche die ansonsten mit Sampledelia wenig zu tun haben, ihre Konzerte füllen Hallen. Die Mash-ups der Dänen werden häufig in die Nachfolge von DJ Shadows »Endtroducing« gestellt, ihre Arbeit verhält sich aber zu Hiphop wie seinerzeit Peter Kraus zu Rock´n´Roll. Sie inszeniert sich mittels dünner Konzepte – etwa: nur Samples von Platten nutzen, die vor ihrer Geburt aufgenommen wurden – und Matches wie z.B. den von Neil Young und DJ Premier eher als Spektakel.

 

6.12., Locas In Love / Weihnachtskonzert, Gebäude 9

Zwischen dem beschworenen »Ende aller Gegensätze« und dem unversöhnlichen »Es gibt kein richtiges Leben im Bürgerlichen« – Locas in Love balancieren wagemutig auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Kritik, zwischen Kapitulation und neuen Positionen, zwischen dieser für sie so typischen Sentimentalmetaphysik und einer immer stärker werdenden Brüchigkeit, einer Widerständigkeit, ja, einer Haltung. Kein Jahr ist vergangen seit ihrem »Use Your Illusion 3&4«-Doppelalbum, schon steht ein neues Album an: »Kalender« setzt musikalisch nahtlos beim Breitwand-Indie-Pop der Vorgänger an, die Texte von Stefanie Schrank und Björn Sonnenberg formulieren präziser denn je die lähmende Widersprüchlichkeit unserer Mittelschichtexistenz: wenn Schrank im Robert Smith´scher Manier »Nichts ändert sich in mir« singt, dann schläft einem bereits kribbelnd das rechte Bein ein. Nun laden sie zur besinnlichen Wintergala ein, dann bleibt jedem zu entscheiden, ob ihr Pop-Entwurf Grab aller Träume oder Aufruf zur Veränderung ist.

 

7.12., Oliwood, Loft

Er kommt eigentlich vom Hardcore und Punkrock und das hört man seinem energetischen Stil auch an. Oli Steidle gilt als rhythmisch und dynamisch extrem flexibler Schlagwerker und wurde mehrfach mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet, 2008 auch als Solist. Er ist eng mit den großen Namen verknüpft und spielt etwa in einem Quartett mit Alexander von Schlippenbach oder hat letztes Jahr die Free-Jazz-Legende Peter Brötzmann mit seinem Grindcore-Outfit Der dicke Finger begleitet. Seinen Mitstreiter, den Saxophonisten Frank Gratkowski, muss man in Köln niemandem Interessierten mehr ausführlich vorstellen. Er ist Absolvent der hiesigen Hochschule, viele Jahre einer der wichtigsten Protagonisten der hiesigen Szene, seit und trotz seinem Umzug nach Berlin Dauergast im Loft. Der dritte im Bunde, der finnische,  ebenfalls in Berlin lebende Gitarrist mit dem klingenden Namen Kalle Kalima hat auch mit Künstlern wie Jimi Tenor zusammengearbeitet. Gemeinsam werden sie »alle Register, dessen was Spaß macht« ziehen.

 

10.12., Impakt:Kontakt, Stadtgarten

Die neue Reihe »Kontakt« der Impakt´ler nimmt seit Ende September einen äußerst spannenden Verlauf. Zum nächsten Aufeinandertreffen auswärtiger Künstler mit solchen des Kollektivs schlägt der Percussionist und Komponist Gustavo Costa auf. Der Portugiese ist seit den frühen 1990er Jahren im weiten Feld zwischen Grindcore, Free Jazz und Neuer Musik unterwegs und hat mit John Zorn, Alfred Harth, Damo Suzuki und Christian Marclay zusammengearbeitet. Seine Performances sind durch Arbeiten von Jonathan Harvey, Wolfgang Mitterer oder Giacinto Scelsi, Noise und dem politischen Impetus von Punk-Bands wie Crass oder auch den Dead Kennedys beeinflusst. Er baut selbst Instrumente, von Röhrenglocken bis zu hochkomplizierten elektroakustischen Musikmaschinen, nach Köln wird er ein minimalistisches Noise-Set mitbringen. Auf Costa trifft der Krautnoise genannte Sound der Impakt-Kombo Blutiger Jupiter.

 

15.12., Born Loose, Sonic Ballroom

Heart Attack, Baby. Sie sind die Nachfolgerband der Candy Snatchers aus Norfolk, Virginia, einem der schweinebäuchigen und breitbeinigen Aushängeschilder des High-Energy-Rock´n´Roll. Neben den New Bomb Turks und den Hellacopters dürfen sie als Fahnenträger des Garagenrevivals der 1990er Jahre gelten, ihre Shows waren für ihre blutigen Exzesse berühmt-berüchtigt. Iggy Pops Schnitzer nehmen sich dagegen aus wie Kindergeburtstagsscherze. Nachdem ihr Gitarrist 2008 aus ungeklärten Gründen verstarb, hob Sänger und Wrestling-Fan Larry May sein neues Outfit Born Loose aus der Taufe, jüngst veröffentlichten sie ihr neues Album. Freunde von den Dead Boys, frühen Misfits, Radio Birdman und den Saints dürfen sich auf ein erschreckend reales Reenactment freuen. Verbandszeug nicht vergessen!

 

18.12., Shakeover Entertainment Opening Night, Tsunami

Die Jungs und Mädels vom Shakeover Entertainment laden zum lustigen Rock´n´Roll-Reigen mit 4 Nachwuchsbands aus der Stadt samt Vororten. Mit Cowboyhut kommt Wahlkölner T.S. Steel aus Pittsburgh, der das weite Feld zwischen Gypsy Blues, Folkrock, Jack White und Bob Dylan bestellt. Die vielversprechenden und sympathischen Jungspunde von Secret Vaccine haben sich 2010 in Lindlar zusammengetan und machen einen erfrischenden Sound à la Arctic Monkeys und den Strokes, seit ein paar Jahren wohnen sie in Köln. Die kürzlichst neuformierte Band Long Side Dimension aus Düsseldorf machen Britpop alter Schule und Psychedelic Rock und zählen zu ihren Vorbildern neben Oasis auch The Who und Tame Impala. Die Teenager Außer Rand & Band machen nach Selbstaussage dreckigen Primitive Garage ´n´ Blues. Einem unterhaltsamem Abend mit Neuigkeitswert steht also nichts entgegen.

 

1.12., Full Blast, Stadtgarten

Das seit 2004 existierende Trio passt ihm wie ein maßgeschneiderter Anzug. Mit den Schweizern Pliakas und Wertmüller hat Peter Brötzmann zwei kongeniale Partner, die sein furioses Spiel perfekt ergänzen. E-Bassist Pliakas spielt sonst bei Steamboat Switzerland, Schlagzeuger Wertmüller kennt man von der legendären Jazzcore-Kombo Alboth!. Und Brötzmann selbst? Dieser mirakulöse, nimmermüde Free-Jazz-Monolith wird sich ein weiteres Mal »die Lunge aus dem Leib spielen« (Selbsteinschätzung). Und das ist kein Promo-Talk sondern reine Phänomenologie. Wer einmal Brötzmann erlebt hat, weiß dass Ganzkörperausnahmezustände nicht nur bei Death-Metal-Konzerten eintreten können. Sein Full Blast wird aber auch immer wieder von ungemein zarten und melancholischen Momenten konterkariert, wohlgesetzte Augenblicke der Ruhe mitten im Sturm.

 

2016

8.1. Winterjazz 2016, Stadtgarten etc.

Das Showcase der Kölner Jazz-Szene lädt bereits zum 5. Mal zur Winterausgabe und, Hand aufs Herz, es ist wirklich erstaunlich, wie groß der Zuspruch ist. Die letzten Male platzten die beteiligten Konzertorte aus allen Nähten, die Stimmung war angenehm aufgekratzt und ließ erahnen, dass das Interesse am Jazz eher zugenommen hat. Ein Erfolg, nicht zuletzt für die Initiatorin und Kuratorin, die Saxofonistin Angelika Niescier, die sich vor 5 Jahren das Winter Jazzfest in New York zum Vorbild nahm. Auf 5 Bühnen (Konzertsaal, Studio 672 und Café des Stadtgarten, Zimmermann´s und Umleitung) werden insgesamt 19 Konzerte stattfinden und einen guten Querschnitt der hiesigen Szene zu Gehör bringen. Es treten u.a. auf: Samba Jazz um die charismatische Pía Miranda mit Gosto Delicado, das Trio des Pianisten Hendrik Soll mit Tenor-Veteran Matthias Nadolny, die Mingus-Truppe um Dieter Manderscheid und das Shorties-Trio von Sebastian Gramms.

 

Lovespoon, Sonic Ballroom

Die 2010 im ostitalienischen Städtchen Ravenna gegründete Band zählt zu ihre Einflüssen Neil Young, Radio Birdman, Big Star, Gram Parsons und Marc Bolan. Die geschmacklich einwandfreie Liste musikalischer Einflussgrößen legt die Latte hoch, wird aber von den barttragenden und sympathisch rumfeixenden Adria-Boys mit lässiger Hand und souverän genommen. Im Vordergrund steht melodieverliebte Gitarrenarbeit, die an Genannte und auch an die frühen Modern Lovers und Television erinnert, dazu rock´n´rolliger Indie-Folk, Doowop-Punk, bemerkenswert gutes Songwriting und ein unaufgeregter Gesang samt mehrstimmigen Backing Vocals. Kürzlich haben sie ihre neue EP vorgelegt und auf ihrer Tour durch Italien und Frankreich machen sie nun einen Abstecher nach Köln. Im an Konzerthighlights armen Jänner durchaus ein Tipp.

 

Razz, Yuca

Die 2011 in einem kleinen Dorf im Emsland namens Schöninghsdorf gegründete Band starten gerade ziemlich durch. Ihr heroisch-hymnischer Indie-Sound sollte bald locker mittel-, ach was große Stadien füllen, Auftritte beim Hurricane und letztes Jahr auf dem Berliner Lollapalooza stellten das beeindruckend unter Beweis. Kein Wunder, dass die Four-Music-Booking-Agentur sie unter Vertrag genommen hat, immerhin hat das Fanta-4-Label mit Sizarr eine ganz ähnliche Band im Roster. Vergleiche mit den Editors, Interpol und auch Coldplay sind nachvollziehbar, allerdings ist die Musik der blutjungen Emsländer noch ein Spur simpler gestrickt und arg glatt poliert, in Sachen Songwriting ist noch Luft nach oben. Aber das kann ja noch kommen, immerhin haben sie letztes Jahr erst debütiert und in allem anderen sind sie schon verdammt weit vorn.

 

Nils Wogram’s Root 70, Stadtgarten

Immun gegenüber modischen Trends sei er, hieß es in der Begründung zur Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises. Der gebürtige Braunschweiger Nils Wogram hat seit ein paar Jahren einen Run und tatsächlich viel dafür getan, dass die Posaune wieder an Aufmerksamkeit im deutschen Jazz gewonnen hat. Das auch wenig liebevoll genannte Blechbratsche genannte Instrument erfährt in letzter Zeit nicht zuletzt durch Wogram eine kleine Renaissance. Der in Köln ausgebildete und aber im schweizerischen Luzern wohnhafte Musiker bildet seit 15 Jahren u.a. mit dem Neuseeländer Altsaxophonisten Hayden Chisholm das Ensemble Root 70. Sie mixen ihren Jazzentwurf mit Blues, Folklore und Filmmusik, er lässt sich von Duke Ellington genauso wie von Serge Gainsbourg inspirieren. Die Musik ist aber auch subtil und zurückhaltend, Wogram zählt zu seinen kompositorischen Vorbildern Gil Evans und Alban Berg.

 

Schultze/ Ehwald/ Rainey, Loft

Der Ostberliner Saxophonist Peter Ewald (* 1978) ist mit seinem Double-Trouble-Quartett seit Jahren erfolgreich, die Konversation zwischen den Harmonien und Phrasierungen seines Sax und dem komplexen Melodie-Rhythmus-Gerüst durch zwei Bässe und ein Schlagzeug überzeugt auf ganzer Linie. Mit dem Pianisten Stefan Schultze (*1979) hat er im Duett 2014 das spannungsreiche, allseits gefeierte Album »Grasp« aufgenommen, 2015 war er an einer großformatigen Bigband-Aufnahme Schultzes beteiligt. Sie folgen gemeinsam einem wohldefinierten Klangentwurf, der sich zwischen Subtilität, Neoromantik und Klangballung bewegt. Mit dem amerikanischen Schlagzeuger Tom Rainey (*1957), der vor allem für sein dynamisch differenziertes Spiel bekannt ist, machen sie sich auf die Suche nach dem Einfachen im Komplexen und dem Komplexen im Einfachen.

 

Suchy / Liebezeit, Kunsthochschule für Medien

The man, the myth, the machine. Jaki Liebezeit ist eine Legende. Er war Teil der Ursuppe des europäischen Free Jazz, des Globe Unity Orchestras, und er war vor allem der präzise getaktete Motor der legendären Kölner Krautrockband Can. Mit seinem metronom-artigen Schlagzeugspiel unterstützte er in den 1980ern aber auch Künstler wie Gianna Nannini und Trio, in den 1990ern Depeche Mode und Brian Eno. Dass er auch mit den Schmock-Prog-New-Agern von Schiller gearbeitet hat, überrascht allerdings leider weniger als Michael Rothers Koop vor einigen Jahren mit den Red Hot Chili Peppers. Mit Burnt Friedman aber arbeitet Liebezeit seit gefühlten Äonen genauso geschmackssicher wie mit dem heutigen Partner, dem Avant-Gitarristen Joseph Suchy, im Grenzbereich zwischen Popmusik und Klangforschung.

 

Cologne Commons 5.1, Gebäude 9

Machen statt Labern. Das ist das Motto der CC auch im neuen Jahr. Die CC war vor über 5 Jahren als Konferenz-Konzert-Veranstaltung zu Allmenden, auch Gemeingüter oder eben Commons genannt, gestartet, um zu diskutieren wie der freie Zugang zu Wissen, Forschung/Bildung, Kultur und gemeinschaftlich genutzten Ressourcen gefördert werden kann. Den Spirit eines positiv-konstruktiven Aktivismus wird man auch ins noch frische Jahr mitnehmen und kündigt sogleich an, dass die Sause ab jetzt zweimal jährlich stattfinden soll. Das Motto passte selten so gut wie zu diesem Line-up: Ex-Nerven aus Saarbrücken machen druckvollen Noisepunk im AmRep-Stil, Die Leere im Kern deiner Hoffnung Industrialstonerrock mit Stilettos und schwefelatmenden Slogans, hart und spröde soll das 2-Bässe-Schlagzeug-Trio Octo daherkommen und brachial-kultiviert das Duo Aackr.

 

We Are The City, Studio 672

Heutzutage optimiert sich die Musik selbst. Die Musiker sind nur das Medium, den Rest erledigt die Internetmaschine. Neben neuen Absatzmöglichkeiten wird auch das musikalische Bewusstsein der Digital-Natives in atemberaubendem Tempo geformt, (fast) jeder kann heute state of the art. Das 2008 gegründete kanadische Trio ist eine solche Band mit frühreifem Stil. Vergleiche mit Coldplay und den Born Ruffians mögen helfen, sind aber ungenau. Ihre Musik, ein Mix von Aha, Animal Collective und Progrock, wäre noch vor zehn Jahren alles andere denn selbstverständlich gewesen. Unlängst haben sie ihr drittes Album rausgebracht, die Stücke wurden an einem geheimen Ort geschrieben und aufgenommen und der ganze Prozess 24/7 live gestreamt. Nun sind sie auf großer Tournee, zwischen Paris, Rom und London machen sie Stop in Erfurt und Köln. Die Welt ist kleiner geworden und Stil ersetzt noch lange keine verschwendete Jugend.

 

Afternoon sun/ Your Face: Kammeropern von Gerhard Stäbler und Kunsu Shim, Kunststation St.Peter

Zwischen Ruhrgebiet und Korea spannt sich der musikalische Kosmos des Komponistenpaars Gerhard Stäbler und Kunsu Shim auf und das auf mehreren Ebenen. Helmut Lachenmann brachte sie 1988 in Stuttgart künstlerisch und privat zusammen, in Duisburg wohnten und arbeiten sie durch die Vermittlung der Folkwang-Hochschule und ihres gemeinsamen Lehrers Nicholas A. Huber viele Jahre im Innenhafen (mittlerweile leben sie in Düsseldorf) und Kunsu hat südkoreanisch-japanische Wurzeln. Die kulturell-musikalische Vermittlung ist für die beiden seither Antrieb, kein Wunder dass der amerikanische Transzendentalkomponist John Cage und dessen Schüler Christian Wolff in ihrem Schaffen eine wichtige Rolle spielen. In ihren spartanischen Kammeropern beschäftigen sie sich mit der Homoerotik im Werk des modernen griechischen Dichters Konstantinos Kafavis.

 

Schmickler etc., Opekta-Ateliers

Mehr Gedanke, weniger Material ist das Motto von Hans W. Koch. Er ist seit Jahrzehnten in Sachen hörbarer Konzeptkunst unterwegs, ist Dozent für Hybrid Sound Composition in Düsseldorf und war zuletzt in Köln im November in leerstehenden Ladenlokalen in Mülheim zu hören. Bei seinen Konzerten kommen Haartrockner, Gummihandschuhe und Hexbugs zum Einsatz, der Mann ist immer für eine Überraschung gut. Seine Partner für den heutigen Abend hat er sich gut ausgesucht: Komponist und Elektroniker Marcus Schmickler ist so etwas wie ein Lokalmatador, er ist seit Mitte der 1990er in allen möglichen Genres unterwegs, name it A-Musik, Digital-Postrock, Synthesizer-Improv und Theatermusik, seine Brote verdient er mit Werbemusik für große Autokonzerne. Der israelische Violinist Ilan Volkov ist in seinem bürgerlichen Leben schwer beschäftigter Dirigent (u.a. Chef des Isländischen Sinfonieorchesters), in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Grenzüberschreitungen. Zusammen werden sie in den Nippeser Künstlerateliers ein kleines und intimes Konzert geben.

 

Bled White, MTC

Man könnte das, was die vier jungen Mannheimer mit ernsten Mienen produzieren, informierten Pop nennen. Dark-Wave-Gitarren, Tribaldrums, dräuende Synths und intonierter Zweifel formen einen dunkel glänzenden Breitwand-Indie mit Weltschmerzfaktor, der an allerlei Signaturen des Zeitgeistes andockt. Heute muss man sich aber nicht mehr über Jahre mühselig Wissen aneignen, sondern braucht offensichtlich lediglich das Internet und ein Haufen Popkultur-Verweise. Das erklärt zumindest die Reibungsarmut der Musik, von der sie behaupten, sie sei wie die Filme von »Fellini oder Godard ästhetisch aber wahrhaftig«. Vielleicht sollten sich die Jungs nicht so ernst nehmen, dann wirkt das ganze Spektakel nicht so bemüht und ihre Musik gewinnt an ästhetischer Tiefe oder, noch wahrhaftiger: an Trivialität.

 

LSD on CIA; Blue Shell

Der Sänger kippt immer wieder in eine Kopfstimme, der Drummer zerhackt kunstvoll sein Set und der Gitarrist malt Rock in facettierten Großbuchstaben. Versuche, die Dänen als Kreuzung aus Placebo, Muse, System of a Down und den frühen Red Hot Chili Peppers zu beschreiben, wirken spekulativ und unattraktiv, sind aber passend. Die Energie der Musik und vor allem der offensichtliche Spaß, der sich bei den verschwitzten Auftritten der Jungspunde Bahn bricht, sind jedoch erfrischend und hieven den eigentlich unerträglichen Sound auf ein Niveau, der alle Referenzen verblassen lässt. Tatsächlich werden die Kopenhagener auch allerorten als neue Hoffnung des unwürdig gealterten Alternative Rock gefeiert. Zur unerschrockenen Qualität ihrer Musik passt, dass die Jungs spätestens nach dem dritten Song Bizeps und Waschbrettbauch präsentieren. Es lebe die Jugend!

 

17.2., Spidergawd, Gebäude 9

Vor gut 20 Jahren bastelten Motorpsycho wieder den Schwanz an den entmannten Indie-Rock. Und holten so nebenbei den Progressive Rock aus der Mottenkiste. In Gestalt der norwegischen Posterboys war das für viele, meist männliche und Indie-sozialisierte Slacker eine Offenbarung. Indie und die große Rockgeste? Bei den Norwegern kein Widerspruch. In ihren Space-Epen amalgamierten sie sinfonische Klassik, experimentellen Jazz, Power-of-Tower-Bläsersätze, Indie-Melancholie, The-Band-Country und Hardrock zu einem eigenen Genre, das 2012 in ihrem Opus Magnum »The Death Defying Unicorn« einen vorläufigen Höhepunkt fand. Das 2013 von Bassist Bent Saether und Schlagzeuger Kenneth Kapstadt lancierte Neben-Projekt mit dem Mädchenschreck im Namen hat jüngst ihr drittes, schlicht »III« betiteltes, Album herausgebracht. Das Projekt mit Sänger-Beau Per Borten und dem Bariton-Saxophonisten Rolf Snustat dient den Beteiligten augenscheinlich als Erholung von dem Größenwahn der Mutterband: sie spielen schnörkellosen Schweinerock.

 

30.1., Mewithoutyou, Underground

Der Tour-Bus wird mit Pflanzenöl angetrieben, die Texte thematisieren anthropomorphes Essen. Dem 2000 in Philadelphia gegründeten Posthardcore-Quintett unterstellt man zurecht ein gewisses Sendungsbewusstsein; es wird sogar gemutmaßt, dass es sich bei ihnen um eine Christian-Rock-Band handelt. Sie verneinen dies – nicht religiös, spirituell sei ihr Losungswort. Aaron und Michael Weiss, Brüder und Kern der Band, haben einen jüdisch-episkopalen Sufi-Background, da geht es dann halt auch um ihre Beziehung zu Gott. Und ist der heute nicht mehr denn je Chiffre für das Ringen um Hoffnung? Für die Weiss-Brüder trägt der Name Gott allerdings eher apokalyptische Züge und aufkeimender Hoffnung setzen sie ein Statement purer Verzweiflung entgegen: »The sun will turn black as a dead raven’s back/ But there’s nowhere to hide from the judge’s face«.

 

1.2., Gebhard Ullmann Basement Research, Studio 672

1983 siedelte der Godesberger Flötist, Klarinettist und Saxophonist Ullmann nach West-Berlin und erspielte sich die dortige Weltmusik- und Jazz-Szene. Neben amerikanischem Free Jazz waren für ihn vor allem Stockhausen, Lutoslawski und Tangerine Dream prägend. Ab Mitte der 1990er-Jahre hatte er zudem für gut 10 Jahre einen zweiten Wohnsitz in New York und etablierte sich in der Downtown-Szene. 1993 startete Ullmann in New York sein Basement-Research-Projekt u.a. mit Ellery Eskerin (sax) und entwickelte eine fließende Ton-Architektur, die seiner Vorliebe für Hochdramatik und Klangschichtungen folgt. Nun stellt er die im Februar 2013 mit Steve Swell (tb), Julian Argüelles (sax, bcl), Pascal Niggenkemper (b) und Gerald Cleaver (dr) aufgenommene und pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum veröffentlichte 5. Basement-Platte vor.

 

3.2., The Gate, Loft

»The Gate« heißt das neue Album des britischen Bassisten Phil Donkin und der Titel meint seinen musikalischen Ansatz: to find a gateway to oneself, einen Zugang zu sich selbst finden. Für den 1980 geborenen Donkin, der Ende der 1990er-Jahre zum Jazz fand und 2012 debütierte, gehört das »Tor« zu einer Orientierungsphase. Das Spiel mit seinen Mitstreitern ist aber derart elaboriert, dass Orientierung hier bereits Verfeinerung und Forschung innerhalb eines Stils bedeutet. Und letzterer orientiert sich an den klassischen Modern-Jazz-Quartetten, Donkin nennt als Vorbilder für seine Bass-Arbeit aber auch Charlie Mingus und Dave Holland. Mit Ben Wendels am Sax, Glenn Zaleski am Piano und Jochen Rückert an den Drums hat er einen Sound entwickelt, der in seinem Sinne »true« ist, wie man unter Authentizitisten (Rainald Goetz) sagt.

 

11.2., Yann Leguay / Thomas Lehn, Stadtgarten

Sie folgen der Disziplin der Fehlerästhetik, der Missbrauch von Medien, Instrumenten und Technologien ist ihre Arbeitsweise. Der Brüsseler Klangkünstler Yann Leguay ist ein »Mediensaboteur«, der schon mal eine 7“-Single ohne Mittelloch veröffentlicht, Mikrophone mit Winkelschleifern oder Schallplatten mit dem Skalpell bearbeitet. Live arbeitet Leguay mit selbst gebauten Hybrid-Instrumenten, die u.a. aus Computerhardware, Tonabnehmern von Plattenspieler und anderen Wandlern bestehen. Der Kölner Jazz-Improv-Neue-Musik-Veteran Thomas Lehn arbeitet bereits seit den 1980er-Jahren mit Analog-Synthesizern auf Improvisationsbasis und kollaborierte dabei mit der Crème der internationalen Szene, etwa mit John Tilbury, Han Bennink und Keith Rowe. Zur Zeit von ihm bevorzugtes Instrument ist der legendäre EMS Synthi-A, u.a. bekannt von Pink Floyds Pompeji-Konzert.

 

14.2., The Temperance Movement, Luxor

Sänger, die sich mit dramatischer Geste die Haare zerzausen, sind eigentlich im Hair Metal zu Hause. Phil Campbell ist aber ein Sänger, dessen ganzes Auftreten pure Rock´n`Roll-Authentizität behauptet. Mit engem Samtjackett, Pilotensonnenbrille und dem mit geschlossenen Augen vorgetragenen, inbrünstigen Gesang wirkt er wie ein Wiedergänger von Chris Robinson von den Black Crowes oder gar von dem Urvater aller Hardrock-Sänger, Robert Plant. In seinen unfreiwillig komischen allerdings auch von Steven Tyler. Damit sind auch schon die nötigen Referenzen genannt: die Briten machen klassischen Bluesrock der 1970er-Jahre. Obwohl erst 2011 gegründet, durften sie schon in Berlin für die Rolling Stones eröffnen, da ist eine Stadionkarriere beinahe vorprogrammiert.

 

22.2., Lanterns on the Lake, YUCA

Sie warten auf »die mächtige Welle», die sie »nach Hause« trägt. In dem Titel ihres Debüts von 2013 klingt in Verbindung mit dem Bandnamen ein süßliches, aber durchaus beunruhigendes Heimweh an. Entsprechend bestimmen auf- und abschwellende Gitarrenwellenberge, elfenartiger Gesang, herzschmerzige Melancholie und zerbrechlicher Folk ihren Sound. Und ihre bisherigen Tourpartner – Explosions In The Sky, Yann Thiersen und Low – stecken ihren musikalischen Horizont mit der Präzision eines Kartographen ab. Wer darin geistige Verwandte der isländischen Argonauten von Sigur Rós erkennt, liegt nicht ganz falsch. Die 2007 in Newcastle gegründete Band um Sängerin Hazel Wilde hat im letzten November ihr drittes Album mit dem essentialistischen Titel »Beings« veröffentlicht und seither irrlichtern sie auf großer Home-coming-Tour.

 

24.2., Noah Guthrie, Luxor

»Oh, Baby, Baby, why can´t you leave me« rauchsäuselt es und man fühlt sich zugleich an Rock´n´Roll-Schmachtfetzen der 1950er-Jahre und hochgezüchtete Beltingtechniken heutiger Gesang-Castingshows erinnert. Noah Guthrie, ein pausbäckiger Junge mit Buddy-Holly-Brille und Teddy-Haartolle, ist mit Coverversionen von Gotye und Adele bekannt geworden und mittlerweile ein youtube-Star. Sein mit Akustikgitarre und bluesiger Stimme vorgetragenes Cover vom LMFAOs 2011-Hit »Sexy And I Know It« verbucht über 23 Millionen Klicks und seine Fans lieben den deepen Retrotouch, mit dem er zeitgenössischen Chartspop veredelt. Um aber auch seine Neuinterpretationen von Leonard Cohen und Bill Withers gut finden zu können, ist die Unkenntnis der Originale notwendige Voraussetzung.

 

26./27.2., Citylife

Der frisch ernannte Generalmusikdirektor hatte angekündigt, dass er neue Wege gehen will. Und die Kooperation mit Schlüsselfiguren der Kölner Szene ist ein Schritt in die richtige Richtung. François-Xavier Roth hat also geladen und Kompakt-Chef und Techno-Warholist Wolfgang Voigt, Crossover-Pianist und Ex-Traumschiff-Entertainer Gregor Schwellenbach und Komponisten-Tausendsassa und a-Musik-Alumnus Marcus Schmickler sind dem Ruf gefolgt. Sie werden am Laptop, Synthesizer und diversen Tasteninstrumenten Werke von György Ligeti und Edgar Varèse spielen; die Wahl macht Sinn – die Kammermusik von Ligeti eröffnet einen neuen Blick auf Voigts Gas-Ästhetik und der hypermoderne Varèse gilt ohnehin als Grandaddy der elektronischen Musik. Mit von der Partie auch Pierre Charvet. Der 1968 in Montpellier geborene Komponist gehört zum Dunstkreis von Roths Chamäleon-Ensemble Les Siècles und hat keine Angst vor dramatischem Populismus. Das Gürzenich Orchester spielt unter Roth flankierend Werke von John Adams und Steve Reich.

 

10.3., Lydia Lunch Retrovirus, Sonic Ballroom

Sie suhlten sich in Blut, spritzten Heroin und züchtigten sich. Man muss vielleicht noch einmal die Kurzfilme von Richard Kern und Nick Zedd schauen, um zu verstehen woher diese Frau kommt. Die Klassiker des Cinema of Transgression zelebrierten zu Beginn der 1980er-Jahre den ästhetisch-moralischen Choc in der Tradition der Wiener Aktionisten. Als die 17-jährige Lydia Anne Koch Ende der 1970er-Jahre nach New York kam, warf sie sich in eine entstehende Szene, die das Anti des Post-Punk besonders ernst nahm. Mit ihrer ersten Band, den Teenage Jesus & The Jerks, schrieb sie Geschichte. In Folge etablierte sie sich als Musikerin, Spoken-Word-Künstlerin und Vorkämpferin für die Rechte der »brokenhearted, impoverished, abused, traumatized, the widows, the weirdos, the gays, the queers.« Die No-Wave-Ikone, die ihre Promiskuität wie ein Trophäe vor sich her trägt, hat mehr für die sexuelle Befreiung getan als Madonna und Lady Gaga zusammen. Nun kommt Lunch mit ihrem aktuellen Outfit und neuem Album in den Ballroom.

 

27.2., Tobias Hoffmann Trio, Loft

Letztes Jahr gewann er den Echo, im Januar den Jazzpreis des WDR. Tobias Hoffmann wurde auch dafür geehrt, dass er ein Genre revitalisiert hat, das sich in Hobbykellern und auf Straßenfesten eingenistet hat und vornehmlich von rüstigen Rentnern gepflegt wird. Die Rede ist vom Shadows-Epigonentum und dem sorgfältig nachgespielten Surfsound der 1960er-Jahre. Hoffmann hat diesen Sound mit den Mitteln der Improvisation entstaubt und mit seiner Kombo Expressway Sketches wieder salonfähig gemacht. Nun hat er mit seinem Trio Stücke u.a. von Charles Mingus, Miles Davis, Thelonious Monk, Jimi Hendrix, den Beatles und Rio Reiser neuinterpretiert. Mit Frank Schönhofer am Bass und Etienne Nielsen an der Snaredrum wird Hoffmann heute Abend das Wort »Jazz« mit dem gewissen Hawaii-Twäng neu buchstabieren.

 

3.3., Fufanu, Blue Shell

Die isländische Band startete 2008 als Techno-Projekt von Kaktus und Gulli in der Clubszene Reykjaviks. Der Gründungsmythos liest sich so: 2013 wurde ihr Equipment geklaut und Kaktus ging für einige Monate nach London, schrieb Texte und Songs mit der Gitarre. Zurück kam er mit der Idee, eine Band zu gründen. Seither machen die Anfang-Zwanzig-Jährigen Indie-Rock und das ziemlich erfolgreich. Vorbilder sind Joy Division und Bauhaus, die Frisur passt und auch stimmlich erinnert Sänger Kaktus an Ian Curtis. Dazu Wave-Gitarren, weite Spannungsbögen, energetische Drums, immer wieder noisige Ausbrüche. In den Lyrics geht es um die große Themen: Zeit, Vergänglichkeit und die langen Winter auf Island. Wer ungeduldig auf die neue Interpol wartet, sollte vorbeischauen.

 

4.3., reiheM: Pop HD, Seine Augen trinken a, Gewölbe

Uwe Schmidt ist eine Schlüsselfigur der bundesrepublikanischen Techno-Szene. Die De:Bug nannte ihn den »Martin Luther des Techno« und bekannte, dass sein Werk das »Urstromtal unserer Ideen von übermorgen« sei. Von Lassigue Bendthaus´ »Inure« aus dem Jahr 1988 über »One Atomsecond« von 1994 und seine als Señor Coconut 1999 produzierten Latin-Fassungen von Kraftwerk-Stücken bis zu seinem Zugriff auf die Musikgeschichte – der Mann hat mit EBM, Ambient, IDM und dem heutigen Eklektizismus (fast) alle Entwicklungsphasen des Techno mitgemacht und sie dabei maßgeblich beeinflusst. Am heutigen Abend wird er dem Vernehmen nach Stücke von Kraftwerk, Prince und The Who in seinen Soundkosmos integrieren, immer auf der Suche nach dem nächsten »Quantensprung«. Flankiert wird er von Sven Hahne und Detlef Weinrich (Kreidler).

 

4.3., Chk Chk Chk, Gebäude 9

Wenige Bands trafen den Ton der Nuller Jahre besser als sie. Die 1996 im kalifornischen Sacramento gegründete Band um den Sänger Nic Offer bastelte in den Naughties unermüdlich am Dancepunk-Revival und schuf dabei ein unverwechselbares Werk. Auf der ersten Single zeigten sie noch deutliche Einflüsse von rohem Postpunk, offenbarten aber bereits auf der B-Seite ihren tatsächlichen Anspruch: »Funky Branca« huldigte dem No-Wave-Komponisten Glenn Branca und feierte ihn als Verbinder von Avantgarde und Pop. Es folgte 2000 das vielbeachtete Debüt, das bereits einem sehr viel elaborierteren Soundbild folgte: Verweise auf Minimal Music, Nile-Rodgers-Gitarren, Talking-Heads-Moves, afrikanische Polyrhythmik, Popfinesse. Letzten Oktober brachten sie ihr 6. Album »As If« raus und man hat beinahe das Gefühl, dass sie immer besser würden.

 

5.3., All Them Witches, Luxor

Das Genre, das vor gut einem Vierteljahrhundert von einer einzigen Band aus der Taufe gehoben wurde, scheint nicht zu altern. Zumindest ist Stoner Rock auch 20 Jahre nach Kyuss virulent. Daran ist hierzulande Stefan Koglek nicht unschuldig, der deutsche Stoner-Pabst wirft mit seinem Münchner Label Elektrohasch unverdrossen entsprechende Platten auf den Markt (Colour Haze, Hypnos 69, The Machine). So auch 2012 das Debüt der Psychedelic Stoner Rock Band aus Nashville, Tennessee, deren Name von Polanskis »Rosemarys Baby« inspiriert ist. Die Band nennt Led Zeppelin, ZZ Top und die Melvins als Einflüsse. Ihre Message: »We’re very simple people doing something we really love. We have such a short amount of time on this earth. Everybody should be doing what they love. If there’s a message here, it’s that.«

 

6.3., Claudia Quintet, Stadtgarten

Der Schlagzeuger John Hollenbeck hat sich in den letzten 15 Jahren in Jazz-Kreisen vor allem mit seinem Quintett einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Der an der Eastman School in New York ausgebildete und sei 2005 am Jazz-Institut in Berlin lehrende Schlagzeuger gründete sein Ensemble 1997. 2001 folgte das Debüt, das Jazz, Serielle Musik, Steve-Reich-Minimalismus, ECM-Ästhetizismus und den hochdifferenzierten Groove von Hollenbecks Schlagzeug zu einem einzigartigen Sound verband. Zur Einzigartigkeit trägt auch das Instrumentarium bei: neben Schlagzeug und Bass kommen Klarinette, Vibraphon und Akkordeon zum Einsatz und sorgen für Klezmer- und Piazzolla-Farben. Den letzten Sommer verbrachte Hollenbeck zurückgezogen in den Adirondack-Mountains und schrieb neue Stücke, heute ist er zu Gast in Köln.

 

10.3., Noiserv, Blue Shell

David Santos ist Autodidakt. Was heutzutage nicht viel heißt, ist doch die digitale Musikproduktion darauf ausgelegt, den Musiker in actu auszubilden. Santos wuchs in Lissabon auf, sein Vater brachte ihm ein paar Akkorde auf der Gitarre bei, den Rest lernte er selbst. Santos hat bisher zwei Alben im Eigenverlag rausgebracht. Sein Debüt »One hundred miles from thoughtlessness« von 2008 war mehr als ein Achtungserfolg, das Album verkaufte sich über 10.000 Einheiten. 2013 folgte das bislang letzte Werk, »Almost Visible Orchestra«. Seine Musik wird von der MIDI-Arbeitsweise bestimmt: filigrane Klangschichtungen, geloopte Akustikgitarren, Keyboardseinsprengsel, dazu sein melancholischer Gesang. Vergleiche mit Owen Pallett sind verfrüht, wer Anklänge von Yann Tiersen, Radiohead und Explosions In The Sky entdeckt, liegt aber richtig.

 

13.3., John Howard & The Night Mail, King Georg

1974 tauchte in London ein dünner Mann aus einem Industriestädtchen im Nordwesten auf, um David Bowie und Elton John Konkurrenz zu machen. Seine erste Single »Goodbye Suzie« wurde aber von BBC Radio als zu depressiv zurückgewiesen, »Family Man«, sein ironisches Statement zum Gender-Play der Zeit, als misogyn missverstanden. Es folgten u.a. eine von Trevor Horn produzierte Disco-Nummer, 1984 eine letzte Single mit dem programmatischen Titel »Nothing More To Say (Good Bye)«. Allesamt erfolglose aber hochkarätige Blaupausen für Robbie Williams, Rufus Wainwright und Momus. Sein Produzent gab später zu, dass der Misserfolg auch Ergebnis der homophoben Einstellung des CBS-Managements gewesen sei. Seit gut 10 Jahren ist Howard gottlob wieder unterwegs und bastelt mit steigendem Erfolg an der perfekten Popballade. Pflichttermin.

 

14.3., Maybeshewill, Gebäude 9

Wem Mogwai & Co. eine zu verkopfte Angelegenheit war, fand in den letzten 10 Jahren womöglich Gefallen an den Briten aus Leicester. Auch sie nutzen Spannungsbögen und Gitarrenwände als transzendentale Strategien, um die Welt zum Stillstand zu zwingen. In ihren Monumentalsound integrieren sie aber auch Classicrock und Piano-Wohlklang und stoßen so in eher kitschige Gefilde vor. Politische Relevanz behaupten sie mit eingestreuten Sprach-Samples, etwa Peter Finchs »Mad as Hell«-Rede oder Ausschnitte aus George Clooneys McCarthy-Abrechnung »Good Night, and Good Luck«. Nach 10 Jahren und vier Alben haben sie nun ihre Auflösung angekündigt und sind auf Abschiedstour. Aber im Zeitalter der Wiedervereinigungen weiß man ja nie. Das offizielle Statement der Band lautet: »You can never say never.«

 

18.3., Der Dumme August / Incoming Leergut, Sonic Ballroom

Der dumme August steht am untersten Ende der Clownhierarchie. Spott von oben, Sympathie von unten, eine klassische Underdog-Figur also. Prima passt die Selbstabwertung zudem zu einer deutschen (Fun-)Punkband, man denke nur an die Die Toten Hosen, Die Dritte Wahl oder Pestpocken. Die Mitglieder der nach der Knollennase benannten Kombo sind in Köln bekannt, Schlagzeuger Achim Lauber etwa spielt sonst bei Knochenfabrik, Mitglieder von Angelika Express und Kommando Petermann sollen auch dabei sein. Incoming Leergut kommen vom Niederrhein und machen dem Namen entsprechend ambitionierten Politdosenpunk wie er 1993 geklungen hat. Beim Video zu ihrer brandaktuellen Single »Der Ideale Führer« kam allerdings eine Kameradrohne zum Einsatz, das wiederum ist ganz nah an der Gegenwart.

 

21.3., Wreckless Eric, Blue Shell

Als Eric Goulden »The Whole Wide World« schrieb, war er gerade 20. 1977, knapp 3 Jahre später nahm er das Stück mit Nick Lowe auf, manche Dokumentaristen behaupten mit Ian Dury am Schlagzeug. Das zur lakonischen Hymne aller zum Scheitern-Verurteilten avancierte Lied war kommerziell ein Misserfolg. Auf die bei Stiff Records erschienene Debütsingle folgte eine Serie weiterer Misserfolge und Goulden etablierte sich als volltrunkener Troubadour im Schatten seiner weitaus erfolgreicheren Kollegen Dury und Elvis Costello. Aber auch in Folge nahm er einige schöne Alben auf, irgendwo zwischen den Merseybeats, Velvet Underground und Pubrock. Seit Ende der 2000er-Jahre ist Goulden nach Selbsteinschätzung »Britains biggest underground household name«, dem kann man nicht widersprechen. Pflichttermin.

 

29.3., Kygo, Palladium

So wird heute Karriere gemacht. Ende 2013 stellte der Norweger Kyrre Gørvell-Dahll aka Kygo einen Remix auf Soundcloud, 2 Jahre später mussten ihn die Osloer Philharmoniker beim Nobel Peace Prize Concert begleiten. Dazwischen liegen Aufträge von Apple und Coldplay und ein kometenhafter Aufstieg in den EDM-Himmel. Kygos Musik wird als Tropical House bezeichnet, da er in seinen Produktionen häufiger auf Steel-Drum-Sounds zurückgreift. Tatsächlich handelt es sich aber um unspektakuläre Party-Musik, die bei leichtherzigen Gemütern möglicherweise für gute Laune sorgt. Viel wichtiger als die Musik ist aber Kygo selbst. Dem charmanten und gutaussehenden jungen Mann, der auch am Klavier brillieren kann, würde man so ziemlich alles verzeihen, Hauptsache, sein Lächeln vergeht ihm nicht.

 

20.3., Refused, Stollwerck

Zu einem Zeitpunkt, an dem »Punks Not Dead« weniger denn je stimmte, kam die Platte gerade recht. 1998 überraschte »The Shape Of Punk To Come« mit seinem eklektizistischen Ansatz und seinem größenwahnsinnigen Verweis auf Ornette Coleman. 17 Jahre danach hat die schwedische Hardcoreband Refused Leichtsinn bewiesen und einen Nachfolger aufgenommen. Dieser setzt aber zumindest nahtlos dort an, wo sie aufgehört haben. Das Album »Freedom« amalgalmiert Kindersprechchöre, kalifornischen 1980er-Jahre-Hardcore, Synthesizer-Funk, New Wave-Grooves, Hair Metal und Bigband-Bläser. Und das postmoderne Biest kommt natürlich nicht ohne Revoluzzer-Botschaften aus, diesmal wird etwa bei »War on the Palaces« auf Georg Büchner verwiesen. Schwarzmarktpreise sind da heute bei Spätzündern leider vorprogrammiert.

 

2.4., SR präsentiert: Reconstructing Song Lisboa Underground Special, Stadtgarten

In Portugal »versinkt«, so will es der Presse-Ankündigungstext, »das ermattete wie verängstigte Europa im Meer«. Ein hübsches Bild, um die Musik des heutigen Abends einzuleiten. Drei Protagonisten der portugiesischen Szene zwischen Porto und Lissabon stellen sich vor und ein entspanntes, verspieltes, auf eigenartige Weise unerschrockenes Element verbindet die unterschiedlichen musikalischen Ansätze. Oba Loba, das Projekt der Brüder Norberto & Joao Lobo, hört sich zuweilen wie ein Reenactement des Naiv-Rocks vom Schlage Slapp Happy an, ihr vielschichtiger Sound verbindet jazzigen Postrock, Hare Krishna-Mantren, Italo-Schlager-Melodien und Fado-Melancholie. Filipe Felizardo macht klassisches Gitarrenkopfkino, er kombiniert den raunend-elegischen Sound von Ry Cooder und Neil Young mit Obertongesang. Das Duo Calhau! arbeitet mit dronigen Tape-Collagen, spärlicher Elektronik und gregorianischem Gesang.

 

9.4., Broken Sound: Ashtray Navigations / Jon Collin, Stadtgarten

Bislang liefen sie irgendwie unter dem Radar der Szene-Öffentlichkeit. The Quietus nannte sie »one of British psychedelia’s most potent secret weapons«, der Wire setzte sie erst im August 2015, kurz vorm Jubiläum, aufs Cover. Die im nordenglischen Stoke-on-Trent gegründete Formation um Gitarrist Phil Todd gehört zur zweiten Generation britischer Drone-Bands, mit über 100 Veröffentlichungen in den letzten 25 Jahren sind sie aber schon eine halbe Ewigkeit unterwegs. Das Genre Drone, pophistorisch sozusagen eine Fußnote zu La Monte Young und Throbbing Gristle, kümmert sich um die transzendentalen Qualitäten des stehenden Tons. Phil Todds Klangarchitekturen arbeiten dabei mit Improv-Anteilen, massiven Feedbackkaskaden, lyrischen Hallräumen und schwindelerregenden Raga-Ostinati. Heraus kommt ein exstatischer Psychedelicnoise, zuletzt mit Desert Blues-Anteilen und Klaus-Schulze-Trance. Auftritte sind extrem rar, in Deutschland spielen sie das erste Mal.

 

22.4., SR präsentiert: Sedaa Mongolian meets Oriental, Lutherkirche Südstadt

Weltmusik ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Seitdem die Musik aus dem euro-amerikanischen Vakuum herausgetreten ist, spielt die Welt sozusagen befreit auf. Zumindest hört sich die mongolisch-iranische Formation Sedaa (persisch: Stimme) derart eklektizistisch an, als hätte es nie diesen eurozentrischen, archivarischen Weltmusikpurismus gegeben. Mongolische Folklore wird mit einer mitunter rockistischen Attitüde gekreuzt, heraus kommt dabei extrem unterhaltsame und unklassifizierbare Musik. Der Kern der Musik des Quartetts basiert auf mongolischen Instrumenten wie der besagten Pferdekopfgeige, dem Yochin, einem 120-saitigen Hackbrett und dem Zupfinstrument Dombra, hinzu kommen Untertongesang und orientalische Percussioninstrumente. Bei Konzerten des Quartetts ist die Stimmung ausgelassen bis euphorisch, Spass steht offensichtlich ganz oben auf der Motivationsliste der Musiker.

 

31.3., Decapitated, Luxor

Bei einer Kollision mit einem russischen Holztransporter starb der Schlagzeuger, ein Flug mit einer polnischen Maschine mit fehlerhaftem Fahrwerk wäre dem Rest beinahe zum Verhängnis geworden. Der Alltag einer tourenden Band kann gefährlich sein, die Biographien einiger Metalbands wie die der polnischen Death-Metal-Band lesen sich wie ein Drehbuchentwurf für die Final-Destination-Reihe. Bereits das Debüt der Enthaupteten war ein Achtungserfolg, es wurde 2000 auf einem Earache-Sublabel veröffentlicht, seit zwei Alben ist ihr Heimathafen in Donzdorf bei Nuclear Blast. Entsprechend bewegt sich ihr Sound zwischen Death, Grindcore und Groove Metal, ihre Themen sind Nihilismus, Evil und Misanthropie. Und sie sind »rather philophobic than philosopher«, wie es so schön in ihrem Stück »Homo Sum« heißt.

 

11.4., Fourth Landscape, Loft

Mit seinem Quartett Consort In Motion hat er Barock- und Renaissancekompositionen für den Jazz erschlossen. So interpretierte er Gilles de Machaut oder Claudio Monterverdi mit den Mitteln des Jazz, heraus kam ein überzeugender Zugriff auf die Geschichte der europäischen Kunstmusik. Die Arbeit des mit Mitte 30 noch recht jungen Posaunisten ähnelt der des Pianisten Uri Caine und anderen Musikern, die den Brückenschlag zwischen Jazz und Klassik suchen, und steht dabei natürlich in der Tradition eines Jimmy Guiffre. Seit seinem Debüt 2007 hat Blaser sich vom überzeugten Hard Bopper zum elegant-versierten Improvisateur entwickelt, der im Feld von Ambient und Free Jazz unterwegs ist. Mit dem französischen Pianisten Benoît Delbec und dem amerikanischen Schlagzeuger Gerry Hemingway wird er ein weiteres Kapitel seiner Third-Stream-Unternehmung bestreiten.

 

14.4., Brothers of Sonic Cloth, MTC

Thomas »Tad« Doyle ist alt geworden. Er ist aber immer noch eine imposante Erscheinung. Den von Statur ohnehin mächtigen Mann schmückt mittlerweile ein weißgewordener Rauschebart und eine Glatze. 1988 gründete der ausgebildete Schlachter TAD, unbescheiden nach dem eigenen Spitznamen benannt. TAD waren eine der ersten Bands auf Subpop, profitierten aber nicht vom Seattle-Hype, sondern blieben hinter Soundgarden und Alice in Chains in der zweiten Reihe. Vielleicht lag das daran, dass Doyle wenig übrig für den Weltschmerz der Kollegen hatte. Kurz vor der Jahrtausendwende war Schluss, Doyle blieb aber dem Fach treu. Seit einigen Jahren spielt er mit seiner Frau, der Bassistin Peggy Doyle, und dem Schlagzeuger David French doomigen Schwermetall, letztes Jahr brachten sie ihr Debüt passenderweise auf dem Label der Kollegen von Neurosis raus.

 

18.4., reiheM: Kassel Jaeger, Emeka Ogboh, Repetition/Distract (Stadtgarten)

Mit dem Mikrofon lauscht er verlassenen Geisterstädten, knarzenden Schaukelstühlen in Davos oder archaischen Instrumenten ihre akustische Ontologie ab und tritt mit den Orten und Objekten in einen Dialog. Für den franko-schweizerische Komponisten Kassel Jaeger ist die Herkunft seines Klangmaterials ausschlaggebend. Der in Paris lebende Komponist und elektroakustische Musiker mit dem bürgerlichen Namen François Bonnet ist nicht ohne Grund Mitglied des GRM, des von Pierre Schaeffer gegründeten Instituts für elektroakustische Musik. Jaegers Arbeiten sind sonische Geräuschetüden, die die Intersektionen von Field Recordings, instrumenteller Improvisation und digitale Verarbeitung untersuchen. Er veröffentlicht u.a. bei Editions Mego. Ebenfalls spannend verspricht das Konzert von dem nigerianischen Künstler Emeka Ogboh zu werden. Er hat die Megacity Lagos in Musique concrète verwandelt.

 

18.4. Blind Idiot God, Sonic Ballroom

Nach ihrem ersten Konzert im CBGB bekamen sie Auftrittsverbot. Besitzer Hilly Kristal hatte schlicht Angst, dass die Band beim nächsten Mal seine PA ruinieren würde. Der mächtige Instrumental-Hardcore der 1982 in St. Louis/Missouri gegründeten Band fusionierte Dub, New-Orleans-Funk und Noise und beeinflusste ganze Genres von Grunge bis Mathrock. Mit dem kurzlebigen Underground-Erfolg Ende der 1980er Jahre kamen die ersten Risse, die Band löste sich auf. Nach einer knapp 10-jährigen Pause spielte man wieder Konzerte und nahm zwischen 2008-10 mit Bill Laswell, der auch schon ihr drittes Album produziert hatte, neues Material auf. 2015 folgte die lang erwartet Veröffentlichung. Mit dem Album »Before Ever After« sichern sie sich einen Platz zwischen den späten Black Flag und den Swans, ihr dub-infizierter Noiserock ist zeitlos gut.

 

18.-22.5., Electronic Beats Festival

Da haben die Verantwortlichen des beliebten Elektronik-Festivals ein Kunststück hinbekommen: eine Ikone wie Grace Jones lässt sogar die magenta-farbenen Bonner Ex-Postbeamten sexy wirken. Die Frau mit den drei Meter langen Beinen tritt mit Hula-Hoop-Reifen und nach wie vor untrüglichem Rhythmusgefühl auf, ihre Auftritte würden selbst den ZDF-Fernsehgarten glamourös erscheinen lassen. Die postmodernen Kostüme von Gaultier, die ikonischen Cover von Jean-Paul Goude, die Parties im Studio 54, die Bekenntnisse zum Coke-up-butt-Hedonismus und ihr Hafenarbeiterlachen sind Legende. Weiterer Glanzpunkt des Lineups ist Richard Kylea Cowie aka Wiley. Der Mann gehörte zu Beginn seiner Karriere vor gut 15 Jahren zur Roll-Deep-Posse und ist neben Dizzee Rascal und Tinchy Stryder einer der wichtigsten Grime-Pioniere. Freuen darf man sich auch über die Auftritte von den Deep-House-Protagonisten Kerri Chandler und Heidi. Dass man die nigerianische Afrobeat-Legende Tony Allen verpflichtet hat, lässt einen fast über einen Wechsel des Handyvertrags nachdenken. Aber nur fast.

 

29.4.-1.5., Plushmusic Festival, Loft

Das aus dem Dorf Plush im Südwesten Englands importierte Festival geht in Köln in die sechste Runde. Konzept des dreitägigen Festivals ist der Brückenschlag zwischen improvisierter und notierter, klassischer und experimenteller Musik. Gastgeber ist Hayden Chisholm. Der neuseeländische Saxophonist hat mit so unterschiedlichen Leuten wie dem Komponisten Marcus Schmickler, der Künstlerin Rebecca Horn oder dem Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit zusammengearbeitet, Haydn verjazzt und unlängst seine zweite 13(!)-CD-Box veröffentlicht. Mit seinem Trio mit Pianisten Achim Kaufmann und Bassisten Phil Donkin stellt er seine jüngsten Kompositionen vor. Chisholm wird zudem mit der Pianistin Meri Tschabaschwili georgisch inspiriertes Liedgut präsentieren. Ein weiteres Highlight des diesjährigen Festivals ist das Konzert von Steamboat Switzerland. Die Schweizer Jazzcore-Institution ist bekannt für ihre einstündigen Nonstopimprovisationen mit Tour-de-force-Charakter. Das erste Mal zu Gast im Loft ist der Bandoneon-Meister Marcelo Nisinman. Der Argentinier hat mit Stars wie Gidon Kremer gearbeitet, im Loft wir er mit dem südafrikanischen Bratschisten und Folkwang-Professor Gareth Lubbe Werke von Buxtehude bis Piazolla spielen.

 

7.5., Invisible Hands – Reconstructing Song Unrock Special

Die Reihe Reconstructing Song beglückt wieder mit einem besonderen Frühjahrsschmankerl – dieses Mal in Kooperation mit dem Label Unrock, das das Erbe einer der wichtigsten Freakout-Kapellen des US-Undergrounds pflegt. Die um 1980 in der Punkrockszene im Umfeld von den Meat Puppets, JFA und den Feederz gegründete Band Sun City-Girls verbanden ihre Vorliebe für paranormale Phänomene mit (Punk-) Rock, Surfmusik, Jazz, Spoken Word, Tape- und Weltmusik und beeinflussten maßgeblich Bands wie Animal Collective oder Deerhoof. Seit dem Tod von Sun City-Girls-Schlagzeuger Charles Gocher 2007 verfolgen Alan Bishop und sein Bruder Richard Soloprojekte. Kettenraucher Alan gründete zudem das großartige Weltmusiklabel Sublime Frequencies, auf dem u.a. Commi Funk aus Pyongyang, Omar Souleyman und Choubi Pop aus dem Irak veröffentlicht wird. Während dem Arabischen Frühling siedelte er nach Kairo über, sein aktuelles Bandprojekt verbindet Psychedelic Rock, Alice Cooper, Serge Gainsbourg und Cpt. Beefheart zu einem mit ägyptischen Harmonien gesättigten, einzigartigen Sound. Der Support, so wird gemunkelt, besorgt möglicherweise der Meister selbst mit seinem Solo-Outfit Alvarius B.

 

10.5., Antwon, Roxy

Wie der laue Pazifikwind, der sich in die San Francisco Bay drückt, schiebt sich in die Stücke von Antwon der Sound des Golden Age of Hip-Hop und ruft Erinnerungen an längst vergangene Sommer wach. Antonio Williams aka Antwon aus San José liefert mit seiner an Notorious B.I.G. erinnernden Stimme und der zeitgeistigen Vaporwave-Produktion einen der derzeit spannendsten Entwürfe im Underground Hip-Hop. Sein Mix aus Boom Bap, Smooth Jazz, Industrial, Hauntology und Field Recordings erinnert zudem an Produktionen von Dean Blunt oder Death Grips, seine neue EP »Double Ecstasy« ist Anfang April passenderweise auf Anticon erschienen. Zum genreübergreifenden Gestus seiner Musik passt, dass Williams, bevor er sich dem Hip-Hop zuwandte, in Poppunk- und Hardcore-Bands spielte. Und dass der Mann vornehmlich über Freud und Gefahr von Oralsex rappt und sich dabei aber in seinen Videos wie ein Aktgemälde von Édouard Manet inszeniert, gehört zur neuen gendergeschulten Selbstverständlichkeit.

 

10.5., Reconstructing Song: Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group, Schneider Kacirek, Stadtgarten

Vor zwei Jahren stand sie bereits auf hiesiger Bühne und begeisterte das Publikum mit einer Musik, die man in Mitteleuropa bislang selten hört. Dodo ist eine traditionelle Musikform der kenianischen Luo-Kultur und wird vornehmlich bei Hochzeiten, Trinkgelagen und Olengo-(Wrestling-) Festivals gespielt, Songs für das glücklichste Paar, den härtesten Trinker und den besten Wrestler. Die urwüchsige Musik wird von polyphonem Gesang und minimalistischer Percussion bestimmt. Die 1943 geborene Anastasia Oluoch wurde bereits mit 13 Jahren zur professionellen Dodo-Sängerin und bekam den Namen Ogoya Nengo, »die Begabte«. Nach einer Jahrzehnte währenden und in Kenia überaus erfolgreichen Karriere nahm Nengo 2013 ihr Debütalbum auf. Produziert wurde das Werk von Stefan Schneider (ehemals Kreidler und To Rococo Rot) und Sven Kacirek, die heute flankierend ihren repetitiv-hypnotischen Krautronic, der sich aus Field Recordings traditioneller kenianischer Volksmusik speist, präsentieren werden.

 

29.4., Pelican, MTC

Das ursprünglich als Seitenprojekt der Avantgrindcore-Band Tusk gestartete Projekt mit dem lustigen Vogelnamen ist längst flügge geworden. Die Instrumentalband verbindet teils disparate Entwürfe zu einem eigenständigen und organischen Ganzen. So finden in dem Sound der bereits 1999 in Chicago gegründeten Band Postrock und Stoner Rock zusammen, Doom Metal trifft auf spürbare Lebensfreude. Ihre erste Heimat fand die Band um die Gebrüder Herweg und Trevor de Brauw bei Hydra Head, dem Label von Aron Turner von Isis. Seit 2009 sind sie auf Southern Lord zu Hause, das passt nicht minder. Ihr zuweilen auch Postmetal genannter Sound ist auf angenehme Weise unverkopft, unprätentiös und reduziert, Vergleiche mit This Will Destroy You und Red Sparowes machen durchaus Sinn.

 

3.5., The Fleshtones, Sonic Ballroom

Ziemlich genau vor 40 Jahren, am 19. Mai 1976, gaben sie ihr Bühnendebüt im CBGB. Und jetzt sieht es fast so aus, als wenn die Garagenrocker aus Queens jedes Jahr im Ballroom vorbeischauen, die Band war zumindest letztes Jahr bereits zu Gast. Rente ist wohl nicht, die Bühnenpräsenz ist aber ohnehin fast so frisch wie am ersten Tag. Und auch die Studioarbeit der ehemaligen Proberaumnachbarn der Cramps wird ungebrochen lustvoll verfolgt. Rockabilly, R´n´B, Protopunk und Surf sind traditionell die Koordinaten, innerhalb derer sich die Mannen um Sänger Peter Zaremba bewegen. Auf ihrem aktuellen, 2014 auf dem Indie-Label Yep Rock erschienenen Album »Wheel Of Talent« überzeugen sie zusätzlich mit dem verstärkten Einsatz von Hammondorgel, fulminanten Streicherarrangements und mehrstimmigem Gesang.

 

6.5., Berlin Blackouts, Sonic Ballroom

Mit Bev, dem Sänger der Blackouts, kann man in der Abendsonne im Biergarten des Ballrooms bestimmt gut ein paar Bierchen trinken, ein netter Kerl. Seine neue, letztes Jahr gegründete Band macht Streetpunk, unbedarft, nett, harmlos. Irgendwo zwischen 77er Punkrock, den U.S. Bombs und Rancid, jüngst ist ihr erster Longplayer auf Wanda erschienen. Vielleicht kann man ihn ja überreden, gemeinsam die anderen Bands anzuschauen und den Rest einfach sein zu lassen, Bier trinken, nichts tun. Ist doch auch prima. Die ebenfalls aus Berlin stammende Band Thinners macht klassischen Hardcore und das durchaus überzeugend. Auf ihrem Debüt dauert kaum ein Stück länger als anderthalb Minuten. Support kommt von der Kölner Melodic-Hardcore-Band Halfway Down. Insgesamt also ein vergnüglicher Feierabendspaß für die Fraktion Grillzange.

 

11.5., Homeshake, King Georg

Homeshake aus Montreal machen Slacker Rock. Das ist nicht weiter verwunderlich, ist doch der Mastermind der Band, Peter Sagar, bis vor einigen Jahren als Gitarrist von dem mondäugigen Oberslacker Mac DeMarco unterwegs gewesen. Während letzterer Hallen wie das Gebäude 9 füllt, ist Sagars 2013 gegründete Band aber noch ein Geheimtipp. Doch unter uns: mit Homeshake wird klar, woher das genialische Grundgerüst für DeMarcos Weirdeness stammt. Sagar fügt ein gerüttelt Maß Popfinesse inklusive großartiger Melodien, zerbrechlich-flexiblen Gesang, eine (nach wie vor) wunderbare Gitarren-Bass-Arbeit, ein präzises Jazzschlagzeug und etwas Retrorauschen zu einem Gesamtkunstwerk, das den Ex-Arbeitgeber blass um die Nase werden lässt. Das letztes Jahr erschienene dritte Album »Midnight Snack« lässt Sagars Faible für Steely Dan immer noch klar erkennen, dazu kommt verstärkt eine minimalistische Low-Fi-Disco-Ästhetik. Klarer Frühjahrstipp.

 

11.5., Outskirts: Amok Armor

Konzentriert, spontan, dringlich – die 2014 gegründete Formation um Ausnahmeschlagzeuger Christian Lillinger spielt Speed Jazz. Jenseits von Neo-Bop und Jazzcore geht es dem Quartett um die schnellen, spontanen Entscheidungen, akute Umstände und Launen aufgreifend, durchlässig und doch massiv. Jazz als Prinzip der Überforderung, als improvisatorischer Dezisionismus, Beschleunigung als Motor für Kreativität. Lillinger, der bei Drum-Gott Günter Baby Sommer gelernt hat, und seinen Berliner Kollegen Wanja Slavin (Saxophon) und Petter Eldh (Bass) werden bei dieser Tour de Force von dem New Yorker Trompetenvirtuosen Peter Evans unterstützt. Evans ist dafür bekannt, Genregrenzen geflissentlich zu ignorieren, bei ihm prallen zuweilen Barockästhetik auf Free-Jazz-Disziplin.

 

17.5., Monolord, MTC

Evil, Horror, Supernatural – die lyrischen Themen der Doommetalband sind einschlägig. Genretypisch ist auch der tonnenschwere Sound der 2013 im schwedischen Göteborg gegründeten Band. Sludge- und Stoneranteile grundieren mit bluesigen und psychedelischen Farben den unheilvollen Sound der tätowierten Kombo um Sänger Thomas V. Jäger. Ähnlichkeiten zu den Hexenkultaktivisten von Electric Wizard und den Teetrinkern von Monster Magnet sind gegeben, die Band selbst fühlt sich den schwedischen Kollegen von Entombed verpflichtet, 2015 erschien ihr bislang letztes Werk »Vaenir«. Support kommt We Hunt Buffalo, die Band aus Vancouver spielt Stonerrock mit Hang zu schwerer Psychedelik und dröhnenden Fuzzgitarren.

 

23.5., Human Abfall, Sonic Ballroom

Das altehrwürdige Ox-Fanzine hat vor zwei Jahren eine Eloge auf die Band geschrieben. Die 2011 gegründete Berlin-Stuttgarter Band ist tatsächlich auch richtig gut. Man kann natürlich einwenden, dass man nun wirklich nicht noch eine Jens-Rachut-Gedächtnisband braucht. Aber wenn das Gesamtpaket einfach so prima ist, wie bei den Manikern um Sänger Flavio Bacon, dann drückt man sich schon mal beide Augen zu und freut sich. Zudem ist ihr Sound selbstredend zu eigenständig, um gänzlich in der Rachut-Schublade zu verschwinden. Düstere Noisegitarren, bleischwere, nicht ganz so superschlaue Lyrics und Postpunkattitüde machen das Ding rund. Nun ist ihr neues Album »Form und Zweck« erschienen und es ist wieder »Frühling in der Republik und Herbst in den Fabriken« (aus: Frühling, EP: SNG 2013).

 

1.6., Tortoise, Kulturkirche

Irgendein findiger Kurator wird sicherlich in den nächsten Jahren eine Tortoise-Retrospektive auf die Beine stellen. Die Chicagoer sind zwar nicht Indie-Stars wie Sonic Youth oder Elektropop-Ikonen wie Kraftwerk, aber ihr Oeuvre ist ähnlich schillernd, zugleich komplex und elegant. Ausgehend von den fantastischen Post-Hardcore-Bands Bastro und Slint haben Tortoise in den letzten 25 Jahren das Genre Postrock wie keine zweite Band geprägt, ein globales Netzwerk von Avantrock-, Jazz-, Improv- und Elektronik-Musikern gestrickt und in ihrem Spätwerk eine moderne, gänzlich unpeinliche Form des Progressive Rock entwickelt.  Auch wenn ihre Alben aus den Neunzigern, »Millions Now Living Will Never Die« (1996) und »TNT« (1998), unerreichte Meilensteine der Musikgeschichte bleiben, drehen sie bis heute stetig an der Innovationsschraube und haben dabei auch ihren anarchischen Humor immer weiter entwickelt. Ihr letztes, Anfang 2016 veröffentlichtes Album »The Catastrophist« zementiert ihren Anspruch auf den Thron im Olymp des Avantpop.

 

29.6., Anohni, E-Werk

Ihr Konzert im Juli im Londoner Barbican ist bereits seit Monaten ausverkauft, in Deutschland wird sie nur in Berlin und Köln auftreten. Anohni, die vormals Antony Hegarty hieß, ist der frühsommerliche Hype des bislang eher unauffällig dahinfließenden Popjahrs. In den deutschen Feuilletons blies die Transgender-Ikone die Verlegenheitsmeldungen um Axl Rose´s AC/DC-Cameo in den Orkus der Musikhistorie und wurde als eine der wichtigsten Protestsängerinnen der letzten Jahrzehnte gefeiert. Male Violence-Klimawandel-Todesstrafe-Obama-Afghanistan-Drone-Bombing sind einige Themen, derer sich Anohni auf ihrem neuen, Anfang Mai veröffentlichten Albums »Hopelessness« annimmt. Auf einem Track wird sie von den Coco-Rosie-Schwestern unterstützt, coproduziert wurde das Album von Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never. Entsprechend pendelt sich die Produktion zwischen hyperbolischem »HudMo«-Drama und düsterem Supernatural-Vaporwave ein.  In der zweiten Single-Auskopplung wird Anohni von Naomi Campbell gemimt, als lyrisches Ich tritt ein syrisches Mädchen auf, das eine Drone um den Gnadentod anfleht. Als ob Pop & Politics nie getrennt gewesen wären.

 

26.5., Sound wrong feels right: Antonio d. Luca, Stadtgarten

Antonio d. Luca kennt man von den Kölner Neo-New-Age- und Krautronic-Protagonisten The Colorist. Nun hat er Anfang Mai ein Solo-Album mit dem schönen Titel »Musik Wozu« auf dem kleinen Düsseldorfer Label Hauch herausgebracht. Dem Vernehmen nach bewegt sich der Pianist auf den Spuren von Tim Hecker, Arthur Russell und Mark Hollis, die Referenzen sind also schon mal vielversprechend. Für die konzertante Aufführung seines Debüts hat er zudem ein illustres Ensemble zusammengestellt: den Altsaxophonisten Leonhard Huhn und den Cellisten Nathan Bontranger kennt man etwa aus der virulenten Improvszene der Stadt, Huhn spielte zuletzt fulminant mit seinem Krautjazz-Projekt C.A.R. auf, Bontranger war mit seinem Folk-Trio Ol´Timey Messengers in Paris unterwegs. Ebenfalls mit von der Partie sind der Zürcher Tenorsaxophonist Tobias Meyer und Koxette an der Drummachine. Flankiert wird das Konzert von der japanischen Soundkünstlerin Tomoko Sauvage.

 

29.5., Outskirts: Alan Licht & Tetuzi Akiyama, Stadtgarten

Er ist der Evan Dando des Noise. So hat sich zumindest der Gitarrist Alan Licht vermutlich aufgrund großer Frisurenähnlichkeit mit leiser Ironie und Fragezeichen einmal selbst bezeichnet. Licht, 1968 in New Jersey geboren, mixt seit 1991 Acid Rock, indianische Musik, Folkpop, Drones, Free-Jazz und Minimalism zu einem Noise-Improv-Gesamtkunstwerk. Er hat auf Indie-Labels wie Drag City, Teenbeat und Matador veröffentlicht. Kollaborationen mit dem Kassettenvirtuosen Aki Onda und Gitarristen wie Loren MazzaCane Connors, Lee Ranaldo, Noel Akchoté oder Outsider-Veteran Jandek zeugen von seinem Horizont, den er aber nicht nur praktisch absteckt. Er ist auch Autor von einem Standardwerk über Sound Art und einem Buch über Christian Marclay. Mit dem Gitarristen Tetuzi Akiyama hat er 2014 mit dem Album »Tomorrow Outside Tomorrow« (Editions Mego) ein melancholisch-brachiales Stück Noise aufgenommen.

 

2.6., Chris Speed – Bojan Z – Matt Penman – Dejan Terzic, Loft

Seit Beginn der Neunziger gehört der Klarinettist und Saxophonist Chris Speed aus Seattle zur Downtownclique. Sein musikalisches Koordinatensystem bindet Free Jazz ebenso ein wie Einflüsse aus osteuropäischer Folklore, Rock und Minimalismus. Er hat u.a. mit John Zorn, Tim Berne und John Hollenbeck zusammengearbeitet und tritt heute mit ebenfalls illustren, im Loft zum größten Teil wohlbekannten Musikanten auf. Der Pianist Bojan Z, Träger des französischen Ritterordens, ist in der Pariser Szene um Noel Akchoté und Henri Texier zuhause, er gibt heute als einziger sein Loftdebüt. Der neuseeländische Kontrabassist und Wahl-New-Yorker Matt Penman tritt regelmäßig mit John Scofield auf und gehört wie der 2014 mit dem Echo ausgezeichnete Schlagzeuger Dejan Terzic zu den Ensembles von Nils Wogram und Hayden Chisholm.

 

5.6., Imam Baildi, Club Bahnhof Ehrenfeld

Imam Baildi aus Athen machen einen wilden Mix aus Balkanbeat, Rembetiko, Hiphop, Mariachi und Morricone. Ursprünglich von den Brüdern Lysandros und Orestis Falireas im Jahr 2005 als Samplingprojekt griechischer Folklore der 1940er- bis 60er-Jahre gestartet, ist das Projekt in den letzten 10 Jahren zu einer siebenköpfigen Formation angewachsen. Die in Griechenland äußerst populäre, von MC Yinka und Sängerin Rena Morfi angeführte Kombo füllt aber mittlerweile auch europaweit Klubs, hat große Festivals wie Roskilde, Lowlands oder Sziget absolviert und war im Vorprogramm von Gogol Bordello zu sehen. Vorletztes Jahr ist ihr letztes Studio-Album, »III«,  erschienen, dieses Jahr ein Live-Album. Die mitreißende Globalbeat-Truppe wird nicht nur tanzwütige Funkhäusler in Entzückung versetzen.

 

7.6., Teho Teardo & Blixa Bargeld, Kulturkirche Köln

Will einen das Biest erwürgen oder umarmen? Der Refrain aus der ersten Auskopplung »The Beast« stellt die richtige Frage. Bei Bargeld bleibt meist unentschieden, ob er dem Hörer die Luft wegdrücken oder ihn sanft anfassen will. Das neue Album des Einstürzende-Neubauten-Sängers mit dem italienischen Komponisten Teho Teardo ist ein berückendes Stück Avantchanson, das in seiner kruden aber weitgehend unprätentiösen Artifizialität Seltenheitswert besitzt. 2013 nahmen Bargeld und Teardo in Berlin und Rom ihr erstes Album »Still Smiling« auf und arbeiteten dabei u.a. mit dem Balanescu Quartet zusammen. Die zurückhaltenden Cinemascope-Arrangements Teardos grundieren Bargelds Existenzialismen ingeniös. Im April kam das neue Album »Nerissimo« heraus, auf dem Bargeld italienisch singt, Caetano Veloso covert und Hans Holbein den Jüngeren zitiert. Musik wie geschaffen für den heutigen Konzertort.

 

7.6., Black Lung / Monocluster, Sonic Ballroom

Zwei sackschwere, runtergestimmte Gitarren, die durch Gitarren- und Bass-Amps gejagt werden, ein wuchtiges Schlagzeug. Mehr braucht es nicht. Die drei Burschen mit Backenbärten köcheln ein gut reduziertes Süppchen aus Stonerrock, Heavy Blues und einer Prise Doom. Die im Retrorock allgegenwärtigen Referenzen Black Sabbath, Cream und Led Zeppelin bilden die Hauptzutaten der 2014 gegründeten Band aus Baltimore. Was aber die Band neben Instrumentierung und daraus resultierender Songstruktur aus der, in den letzten stark angewachsenen Retro-Masse heraushebt und modern und zeitgemäß klingen lässt, ist der Gesang von Gitarrist Dave Cavalier. Der Mann orientiert sich an der Grundnote allen Rock´n´Rolls, an dessen schwarzen Herz. Und so durchwirkt den Rock-Essenzialismus ein klares Bekenntnis zum Soul. Support kommt von der Deutsch singenden (!) Heavy-Psych-Neogrunge-Truppe Monocluster aus Köln.

 

9.6., reihe M: James Tenney, Ulrich Krieger, Kunststation St.Peter

Man stelle sich vor, der Heilige Geist des Free Jazz, Albert Ayler, hätte zusammen mit dem Dreamhouse-Spiritisten LaMonte Young ein Stück eingespielt. Die Komposition »Saxony« von James Tenney ist spiritueller Drone von pulsierender Intensität und verbindet Aylersches Spiel mit stehenden Tönen. Tenney (1934-2006) gehört zu den sogenannten »Maverick Composers«, studierte bei John Cage und Edgar Varèse Komposition und war Pionier auf dem Gebiet der elektronischen und der Computer-Musik. Das Stück »Saxony« ist wie geschaffen für den Avant-Saxophonisten Ulrich Krieger. Dieser hat tatsächlich mit LaMonte Young gearbeitet, aber auch mit Merzbow oder Lee Ranaldo von Sonic Youth. Krieger (Jahrgang 1962) hat sich früh mit den Hausheiligen der Moderne Schönberg, Xenakis, Nono und Stockhausen auseinandergesetzt, fand aber in New York über Phill Niblock zum Drone-Minimalismus.

 

16.6., All Pigs Must Die, MTC

»Wir sind wirklich keine Trendsetter, wir klauen nur Riffs von Slayer und Integrity«, behauptete APMD-Gitarrist Adam Wentworth letztes Jahr in einem Interview. Die Band aus Massachusetts hat aber seit ihrer Gründung 2010 für einigen Wirbel unter den Crusties gesorgt. Die Mitglieder sind nämlich alle wohlbekannt: Schlagzeuger Ben Koller etwa spielt seit 1999 bei den Metalcore-Innovatoren Converge, Sänger Kevin Baker ist auch bei der Hope Conspiracy aktiv. Als Einflüsse für ihren Crustcore nennen sie: Samhain, frühe Bathory-Alben, und Bands wie Void, Discharge und Exploited. Da die Mitglieder aber alle schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben, ist ihr roher Sound eigenständig. Bislang sind zwei Alben auf Southern Lord erschienen. Bei ihrem Kölner Gig werden sich die Jungs übrigens in Stimmung spielen, am nächsten Tag gehts zum Hellfest nach Frankreich.

 

22.6., The Goddamn Gallows, Sonic Ballroom

Dem Gründungsmythos zufolge stammt die Band aus dem Rust Belt. Die verrottende Bergbau- und Schwerindustrie-Region gibt den Hintergrund für den Sound der Band um Sänger Mikey Classic. 2004, im Zenit des zweiten American Decline in Detroit gegründet, hat man mit den Jahren ein eigenes Rockabilly-Subgenre kreiert: Gutterbilly. Das Portmanteau meint in Anlehnung an Hillbilly (Hinterwäldler) so viel wie Gossenjunge. Die Musik ist eine Mixtur aus uramerikanischem Hillbilly, der Musik der Nachkommen der Armutsmigranten, die in den Wäldern der Appalachen siedelten, und wüstem Pubrock, den die Arbeiter in den Industriestädten im Norden bevorzugten. Und so hat die Musik mit Akkordion, Banjo und Waschbrett etwas zutiefst konservatives, White-Trash-Punkrock mit Gesichtstattoos und Bärten. Live selbstredend mit hohem Unterhaltungswert.

 

Cat Power, 11.7. Gloria

»Sie ist eine Exhibitionistin und eine pathologisch schüchterne Person«, sagt Elizabeth Goodman. In ihrer Cat-Power-Biographie A Good Woman kommt Goodman zu dem Schluss: je mehr man über Cat Power erfahre, desto weniger wüsste man über sie. Chan Marshall, die sich nach einem Slogan eines bekannten Baumaschinen-Herstellers benannt hat, fand zu Beginn der 1990er-Jahre Marshall durch Steve Shelley (Sonic Youth) Anschluss an die New Yorker Indieszene, mit ihm produzierte sie ihre ersten drei Alben. 1996 feierte sie mit »Nude as the news« ihren ersten Underground-Hit, der autobiographische Text zeugte von Marshalls Unerschrockenheit: das Stück verarbeitet eine Abtreibung, die sie mit Anfang 20 hatte. Der Erfolg, der sich mit dem Album »Moon Pix« (1998) einstellte, wirkte dann wie ein Verstärker in mehrfacher, auch problematischer Hinsicht: chronisches Lampenfieber und Alkohol- und Drogenmissbrauch führten u.a. zu Zusammenbrüchen auf der Bühne. Künstlerische Zuflucht fand sie in den Nuller Jahren in ihren Vorbildern Joni Mitchell, Patti Smith und Janis Joplin, ihr 2006er-Durchbruch-Album »The Greatest« orientierte sich in Richtung Süden und grundierte ihre Hyperauthentizität mit Soul und Rhythm´n´Blues. Marshall hat viel selbst dafür getan, den Mythos einer fragilen, selbstzerstörerischen Frau entstehen zu lassen. Vor ein paar Jahren kam die desaströse Diagnose eines Angioödems hinzu, eine Immunkrankheit, die zum Erstickungstod führen kann. Und sie stand kurz vor der Pleite. Um ihr letztes Album »Sun« (2012) zu produzieren, musste sie dem Vernehmen nach ihre Altersvorsorge plündern. Doch Marshall lebt, sie hat sich nicht tot gesoffen. Letztes Jahr ist sie sogar Mutter geworden. Auf »Sun« benutzte sie erstmals elektronische Elemente, French-Touch-Protagonist Philippe Zdar von Cassius produzierte das Album. Der aufgehellte, ja hoffnungsfrohe Indietronica-Sound steht ihr gut. Mythen gründen meist auf Selbstaufgabe. Und das höhere Gut, für das man sich hingibt, ist im Pop das Leben selbst: das intensive, kompromisslos gelebte Leben, »live fast, love hard, die young«. Chan Marshall hat sich von diesem Mythos verabschiedet. Wie singt sie in dem Stück »Nothin But Time« im Duett mit Iggy Pop so schön: »You want to live – I want live«.

 

Olympia, A Summer Fest (Stabil Elite, Jennifer Cardini, Ada, Sonic Boom, Fenster, Twit One), 16.7. Olympia

Der letztjährige Auftakt des kleinen Sommerfestivals war ein voller Erfolg. Der Ort mit sportiver Anbindung im Gleisdreieck und eine gute Mischung im Lineup sorgten für gute Stimmung. Auch die Neuauflage bietet Ausgeschlafenes: die gebürtige Monegassin und Wahlkölnerin Jennifer Cardini ist seit Ende der 1990er in der Pariser Raveszene aktiv, arbeitete am Soundtrack für Virginie Despentes »Baise-Moi« mit und bildete mit der 2002 verstorbenen Delphine Palatsi das Duo Pussy Killer, eine kurzlebige aber legendäre Formation, die Techno mit New Wave und Glamrockattitüde verband. Seit 2008 veröffentlicht sie auf Kompakt. Ein weiterer Grund, die Tennisschuhe anzuziehen, ist sicherlich der Auftritt von Peter Kember aka Sonic Boom. Kember gründete 1982 die Neo-Psychedelia-Band Spacemen 3 und beeinflusste maßgeblich die Shoegaze-Szene und Bands wie My Bloody Valentine und Mogwai. Als Sonic Boom verfolgt er vornehmlich seinem Interesse für Drones. Abgerundet wird das Lineup u.a. von den Berliner Hipstersofties Fenster und dem Kölner Schweinereimer Twit One.

 

Dopethrone, 5.7. SB

Der Bandname stammt von einem als Meilenstein der aversiven Schwarzmalerei gehandelten Album der britischen Hexenkultaktivisten Electric Wizard. Die Kanadier brauen mit entsprechenden Zutaten ihr Süppchen: die Kröten Stoner, Doom und Sludge ergeben einen gut reduzierten Fond, dazu ein psychoaktives Kräutersäckchen und ein paar heilige Pilze – fertig ist der Beipackzettel für den nächsten Bad Trip. Dass die Jungs auch Old School Rap, Country und Blue Grass mögen, verraten sie nur toleranten Szene-Blogs, einschlägiger sind ihre Vorlieben für Bikertreffen, Herschell Gordon Lewis und schmutzige Witze. Seit sie ihre Freizeitkombo 2008 in Montreal gegründet haben, sind 4 Alben und eine Split-EP entstanden. Ihr letztes Album ist nach dem Banlieue benannt, aus dem sie stammen: Hochelaga-Maisonneuve. Sicherlich eine Strategie, mehr Lähmung, Apathie und Hass zu mobilisieren.

 

Municipal Waste, 5.7. MTC

Als hätte man vor 25 Jahren das Giftfass Trash Metal nicht fest genug verschlossen, kriecht der grünstichige Sound in die Gehörgänge und ruft Erinnerungen an D.R.I., S.O.D. und Slayer wach. Die im Jahr 2000 im schönen Richmond, Virginia gegründete Truppe folgt unbeirrt der Ästhetik der Genre-Klassiker der 1980er-Jahre und das macht sie durchaus überzeugend. Die Lichtschwert-Gitarrensoli werden immer wieder von Hardcore-Attacken eingefangen, zuletzt ging die Reise wieder mehr Richtung klassischer Metal. Gute Leumunde sind auch ihre bisherigen Heimstätten: nach ihrem Debüt veröffentlichten sie drei Alben auf Earache, das letzte Album (2012) kam auf Nuclear Blast raus. Und Bier, Skateboards, Horrorfilme, Comics, Party und Spaß sind nach Eigenbekunden ihre Primär-Interessen: die eine oder andere Überschneidung mit der avisierten Zielgruppe sollte es da geben.

 

Between The Buried And Me, 14.7. Underground

Welche Vorbilder hat heute eine Progressive-Metal-Band? Metallica, Pink Floyd und Pantera? Die 2000 gegründete Band aus North Carolina hat vor zehn Jahren ein Tribute-Album aufgenommen, neben genannten Kapellen finden sich Genre-Vorreiter wie Queen, Faith No More und King Crimson auf der Liste. Aber auch Depeche Mode und Counting Crows (nach dessen Song »Ghost Train« sich die Band im Übrigen benannt hat). Und all diese Einflüsse finden sich auf ihren 7 regulären Studioalben, das letzte erschien Anfang 2015 auf Metal Blade und erinnerte den Experten von Kerrang! gar an Yes. Das Gesamtbild ist also breit gesteckt und vereint vieles, von dem sich Menschen mit Geschmack distanzieren. Wen solche Distinktionsbemühungen nicht anfechten, wird aber prächtig unterhalten und hat ohnehin das Gesamt-Oeuvre von Dream Theater im Plattenschrank.

 

Big Mandrake, 14.7. SB

Unlängst wurde in Venezuela wieder der Ausnahmezustand ausgerufen. Das Land steht wegen der Ölkrise vorm Staatsbankrott, Scharfmacher im In- und Ausland sprechen ob der anhaltenden Unruhen von einem drohenden Bürgerkrieg. Die Rechten nutzen die Krise, um Stimmung gegen die Chavisten zu machen. Wie positioniert sich einer der bekanntesten Skagruppen Venezuelas dazu? Auf ihrer Facebookseite posten sie gutgelaunte Bilder von ihrer Tour und geben sich politisch bedeckt. Ihr 2013er-Album trug aber den andeutungsreichen Titel »La Criminal Fábrica de Rumores«. Vielleicht meint »die verbrecherische Gerüchteküche« ja das Treibhaus in einer sozialistischen Demokratie unter Einfluss des Weltkapitalismus? Ihr 3rd-Wave-Ska mit Salsa, Patchanka, Mestizo, Rocksteady und Punkrock macht aber auch ganz ohne Agitprop Spaß.

 

Cayman Kings, 16.7. SB

Die Garage-Truppe hat bereits im letzten Oktober die hiesige Kreppsohlenfraktion in den Wahnsinn georgelt. Beim 9. Ballroom Bash im Jugendpark sorgte die Band aus Lille mächtig für Stimmung und überzeugte auch Gastgeber Marco »Traxman« Traxel. Auf dessen Label Soundflat kam dann Anfang dieses Jahres ihr erstes Album »Suffering Chelsea Boots« heraus. Zentrum des Psyched-Out-Garage-Beat ist besagter Farfisa-Orgelsound, hinzu kommen Fuzz- und Surf-Gitarren, ein genretypisch treibendes Schlagzeug und eine zuweilen manische Gesangsperformance. Sie haben sich bereits mit Arthur »The God Of Hellfire« Brown die Bühne geteilt, das Label nennt als Referenzen The Strollers, X-Ray Harpoons und The Straggers. Weniger Eingeweihten mögen Verweise auf die Kinks und die Sonics den Weg in den Ehrenfelder Ballroom weisen.

 

SMZB, 20.7. SB

Punk aus China? Der westliche Blick ist eindimensional, wenn es um Dinge geht, die nicht zum Stereotyp passen. Die Band aus Wuhan, einer der größten der gut 50 chinesischen Millionenmetropolen, existiert seit 1996 und spielt klassischen, rohen Punkrock. Neben ein paar einheimischen Einsprengseln wie der Querflöte Koudi finden in den Sex-Pistols-infizierten Sound neuerdings auch Irish-Folk-Elemente Eingang. Die Punkpioniere gründeten sich drei Jahre nachdem Jiang Zemin als Staatspräsident das Ruder übernahm und abertausende von Staatsunternehmen privatisieren ließ, die Pressefreiheit weiter einschränkte und das Land immer mehr dem Westen öffnete. SMZBs erste, 2001 auf dem deutschen Label Nasty Vinyl veröffentlichte Single »Chinese Music« bezog deutlich Position und rief zum Analverkehr mit dem Präsidenten auf. Kein Wunder, dass das Mobiltelefon des Sängers Wu Wei seit Jahren abgehört wird und Auftritte eingeschränkt werden. Punk aus China? Macht Sinn.

 

Negative Approach, 22.7. Underground

Sie sollen sich nach einer Show von Black Flag gegründet haben. Rob McCullough hatte das Konzert zwar verpasst, war aber von den Erzählungen über den Auftritt der kalifornischen Hardcoreband derart beeindruckt, dass er eine ähnliche Band gründen wollte. Negative Approach gehörte zu Beginn der 1980er Jahre neben den Necros, The Fix, Meatmen und Youth Patrol zur Detroiter HC-Szene um das Label Touch And Go. Gleichermaßen von frühen britischen HC-Bands wie Discharge und Oi-Bands wie den Cockney Rejects beeinflusst, nahm man ein Album und eine Single auf und löste sich 1983 auf. Was nicht zuletzt mit der zu diesem Zeitpunkt explodierenden Gewalt in der HC-Szene zu tun hatte. Die Teens von damals sind heuer Mitte Fünfzig aber immer noch »ready to fight«. Als sich NA auflösten, gründete sich die andere Band des Abends. Antiseen verkörpern wie wenig andere Bands die humorige Seite der HC-Szene, davon zeugt zumindest ihre Arbeit mit GG Allin.

 

Cosmic Psychos, 25.7. Underground

Sie waren noch zuletzt vor zwei Jahren in der Stadt und bleiben damit ihrem 2-Jahres-Rhythmus treu. Kontinuität ist ohnehin das richtige Stichwort für die Band, die über die letzten 35 Jahre immer, wenn auch in unregelmäßigen Abständen, Platten veröffentlicht hat und bis heute ihre Fans mit Auftritten beglückt. Zu letzteren gehören auch Mudhoney, die Melvins, Kurt Cobain oder Eddie Vedder, die Grungefraktion war wesentlich daran beteiligt, dass die Aussies in den Neunzigern nicht von der Bildfläche verschwanden. Und sie haben tatsächlich letztes Jahr wieder ein neues Album vorgelegt. »Cum The Raw Prawn« ist sehr ordentlich geworden, hat die Platte doch alles was die 1982 gegründete Band so beliebt macht: 77er-Punkrock, eine Wahlverwandtschaft zu Radio Birdman und den Stooges, Working-Class-Attitude und nach wie vor eine ungesunde Bierneigung.

 

Eat The Turnbuckle, 26.7. SB

Dass sich die Mitglieder dieser Hardcore-Band gegenseitig mit Neonröhren und Natostacheldraht während des Konzerts verletzen – geschenkt. Die »Ultra-Violent-Death-Match-Rock´n´Roll«-Show der Band aus Philadelphia dreht die Gewaltspirale der Metal- und Hardcore-Szene nur in logischer Konsequenz eine paar reale Drehungen weiter. Elemente des Extreme Wrestlings, etwa die Aufforderung an das Publikum, Waffen mit zum Konzert zu bringen, damit diese in der Show von den Wrestlern benutzt werden, sind Bestandteil der Show der ganzkörpertätowierten Fleischklöpse, ein paar Ampullen Blut bleiben dabei immer zurück. Schwierig, wenn auch nicht überraschend, ist aber der Umstand, dass Schlagzeuger Michael Beer Verbindungen zu der Neo-Nazi-Gruppe Atlantic City Skinheads haben soll.

 

Skampida, 28.7. SB

Das Sextett hat sich 1998 in Bogotá gegründet und ist seit Beginn der Nuller Jahre auf internationalen Bühnen unterwegs. Seither haben sie etwa mit den Skatalites, Manu Chao oder Gogol Bordello zusammengespielt und sich vor allem in Südamerika eine große Gefolgschaft aufgebaut. Im Ballroom sind sie in den letzten Jahren regelmäßig zu Gast, heuer wird ihr drittes Konzert auf der steißbeinhohen Bühne stattfinden. Ihr Rock-Mestizo-Mix aus Balkanbeat, kolumbianischem Reggae, Cumbia, Punk, Champeta und Hiphop ist hochenergetisch und verwandelt jeden Auftritt in ein wildes Tanzgelage. Gitarrist Juan Tobon, Schlagzeuger Juan Escovar, Saxophonist Pedro Vega, Bassist und Sänger David Mujica und die Brasssektion aus Camilo Morales (Trompete) und Joaco Galeano (Posaune) werden Köln in ein subtropisches Klima tauchen und eine Terapía Colombiana abhalten.

 

Artless, 29.7. SB

1979 lernte man sich im Ratinger Hof in Düsseldorf kennen. Und gründete eine Band mit dem schönen Namen Artless. Das passte gut als Kommentar zu den Gästen des Ratinger Hofs aus der nahen Kunstakademie und auch gut zur Musik. Das Trio spielte rumpeligen Proletenpunk und brachte eine Single mit dem Titel »Mein Bruder is en Popper« und zwei Kassetten raus, eine namens »Tanzparty Deutschland«. 1981 löste man sich dann wieder auf. Knapp zehn Jahre später wurde die »Tanzparty« als Vinyl neu aufgelegt und die Single als »Deutsche Punk Klassiker« auf einer Kompilation verewigt und machte die Band quasi posthum bundesweit bekannt. Die Musik von Artless besticht durch eine wunderbare Ruhrgebietsprollattitüde und ein untrügliches Gefühl für Melodien und Tanzbarkeit, dazu kommt eine Portion pubertäre Wut und Melancholie. Das ist heute nicht anders: seit 2007 existiert die Band mit zwei Gründungsmitglieder wieder, u.a. mit einem Sohn, und seit 2012 gibt es sogar ein erstes offizielles Album.

 

Michaela Mélian: Barkarole, Brückenmusik 22, Vernissage 11.7., 19:00

Ursprünglich ein Schifferlied venezianischer Gondoliere,  stammt die hier gemeinte »Barcarole« aus der Feder des in Köln geborenen Komponisten Jacques Offenbach (1819-80). Sie bildet das Ausgangsmaterial für die diesjährige, von Michaela Mélian besorgte »Brückenmusik«. Mélian ist bekannt von der famosen Band F.S.K., als prämierte (Sound-)Künstlerin arbeitet sie mit historischen, ortsspezifischen Motiven. Leben und Werk des deutsch-französischen Komponisten und Wagner-Widersachers Offenbach sind von Übergängen und Überschreitungen bestimmt, beste Voraussetzung also für einen Brückenschlag.

 

Mo 1.8., Adolescents & TSOL & Millions of Dead Cops & Channel 3, Underground

Die Melodic-Hardcore-Klasse von 1981 kommt auf Europabesuch! Nur die Circle Jerks bleiben mit Grippe zu Haus. Ein Vierteljahrhundert schnurrt da auf einen kurzen verregneten Sommer zusammen. Die Adolescents haben tatsächlich unlängst ein neues Album herausgebracht, genauso wie ihre Buddys TSOL aus Long Beach. Und deren Sänger Jack Grisham hat einen selbstgezeichneten Kindercomic in der Merchandise-Kiste, mitgealterte Fans also aufgepasst. Als unbekannte Dritte im Bund der südkalifornischen Phalanx darf CH3 gelten, auch dann wenn John Peel Fan der Band gewesen ist. Die Ex-Texaner von MDC sind die politisch vielleicht versierteste Band in dieser famosen Retro-Riege, zumindest wurden sie 31 Jahre nach Gründung mit einer Indizierung durch die Bundesprüfstelle geehrt.

 

Di 22.8., 25 Jahre MusikFabrik, Funkhaus

Dass Köln eines der international wichtigsten Ensembles für Neue Musik beheimatet, ist vielleicht nicht jedem bekannt. Das wird sich im Laufe der zweiten Jahreshälfte hoffentlich ändern, da feiert die MusikFabrik ihr 25-jähriges Jubiläum gleich mit 4 Konzerten. Zu diesen konzertanten Selbstporträts taugen am besten Stücke von Komponisten, mit denen das selbstverwaltete Ensemble in besonderer Weise verbunden ist, deren Musik das eigene Profil geprägt hat und weiterhin formt. Das erste Porträt bestreitet man abgesehen von dem modernen Klassiker György Ligeti ausschließlich mit Zeitgenossen: Martin Schüttler (1974) gilt als Profanist ohne Angst vor Trash, Tom Johnson (1939) als streng mathematischer Minimalist und Gordon Kampe (1976) als hintergründiger Konservativer.

 

Do 25.8., Raw Power, Sonic Ballroom

Die Italo-HC-Szene ist vor allem in den norditalienischen Industriestädten immer schon extrem politisch gewesen. Kein Wunder bei den Zuständen nach dem Heißen Herbst 1969, in den 1970er- und 80er-Jahren, in denen Terroranschläge von rechts und anti-kommunistische, von der Regierung gestützte Attentate zur Tagesordnung gehörten. Raw Power gründeten sich 1981 in der von Agrarindustrie geprägten Stadt Reggio Emilia und orientierten sich zunächst an der englischen Anarchopunkszene um Bands wie Crass, den Subhumans und Discharge. Später knüpfte man Bande mit der US-amerikanischen Szene, ein Kleinstlabel aus San Diego wurde auf die Italiener aufmerksam, es folgte ein Konzert in L.A. mit den Dead Kennedys. Seither sind sie aktiv: lotta continua!

 

c/o Pop 2016

24.8. The Internet, Yuca

Sie sind die Neo-Soul-Band der Stunde, da sie ganz nebenbei mit den heteronormativen Stereotypen im R&B-Milieu aufräumen. Die 24-jährige Sängerin der Band, Sydney »Syd Tha Kyd« Bennett, war Teil des verblichenen Everbodys-Darling-Kollektivs Odd Future, hat eine schlaue Fuck-the-Offensive-Attitüde und taugt als Queer-Role-Model. Ihre Coolness paart sie mit Offenheit, eine seltene und schöne Kombination. Bereits im Jahr 2011 gründete sie mit ihrem OF-Kollegen Matt Martians The Internet, als Einflüsse gibt sie Jamiroquai und Erykah Badu an, man kann D`Angelo hinzufügen. Der Gitarrist mag zudem offensichtlich fluffigen Indie wie Of Montreal und Mac DeMarco. Als hätten die Neptunes die neue Stereolab produziert. Zu schön, um wahr zu sein.

 

25.8. Isolation Berlin, Rats on Rafts, Club Bahnhof Ehrenfeld

»Alles Grau« von Isolation Berlin antwortet, so meint man, mit gut 40-jähriger Verspätung auf Rio Reiser. Sänger Tobi Bamborschke hat die Offenheit, die Intonation und den Sloganismus des großen Ton-Steine-Scherben-Sängers, das schreiben die Gazetten landaus landein. Doch wird dabei übersehen, dass Bamborschkes Interesse nach innen gewandt und sein Privates unpolitisch ist. Der Traum von Revolte und Veränderung ist bei ihm tatsächlich aus. Bamborschkes Attitüde hat dann vielleicht doch etwas mehr von einem Sven Regener ohne dessen Nebelkerzensätze; so oder so wünscht man sich manchmal etwas weniger Bauchnabel-Poesie. Die Musik ist unspektakulär gut, ein wenig 90er-Jahre-US-Indie, ein paar Reminiszenzen an The Smiths, Ja, Panik ohne Experimente. Richtig Spaß machen Rats on Rafts. RoR kommen aus der Hipstermetropole Rotterdam und machen derart lässig Postpunk, das einem das Wort »Retro« im Hals stecken bleibt. Die Band buchstabiert Stile wie New Wave, Shoegaze und Rock´n´Roll mit ungemein zeitgemäßer Attitüde, neigt zu exstatisch-kühlen Auftritten und ist die eigentliche Band des Abends.

 

Le Petit Heimatlieder feat. Gudrun Gut, Funkhaus Wallrafplatz

Gudrun Gut gründete zu Beginn der 1980er-Jahre ungefähr jede zweite wichtige Berliner Band, etwa DIN A Testbild, die Einstürzenden Neubauten, Mania D und Malaria!. In den Neunzigern gründete sie mit Monika Enterprise ein kleines aber schmuckes Label (Mashra Qrella, Barbara Morgenstern, Michaela Melián) und tauchte in die Technoszene ein, zuletzt schloss sie den Kreis und arbeitete mit Hans-Joachim Irmler von Faust zusammen. Nun kommt sie mit dem erfolgreichen Kunstprojekt »Heimatlieder aus Deutschland« in einer neuen, abgespeckten Miniaturversion vorbei: sie remixte Stücke von 8 in Deutschland beheimateten maghrebinischen, portugiesischen und koreanischen Künstlern und ist nun mit ihnen auf Tour. Fuck deutsche Leitkultur, es lebe Multikulti!

 

26.8 Drangsal, Lea Porcelain, Club Bahnhof Ehrenfeld

»Joy Divison fürs Kirmeszelt« stand in der Zeit und das war ausnahmsweise mal eine richtige popkulturelle Einschätzung. Sophisticated ist Drangsal wirklich nicht. Wenn ein Pfälzer Dorfjunge die Distinktionsregeln unterläuft, entbehrt das aber nicht eines gewissen Underdog-Charmes. Max Gruber will es den Dickhosen aus seinem Dorf zeigen und gleich ganz nach oben. Dabei soll offensichtlich Jenny Elvers helfen: In seinem ersten Video peitscht sich Drangsal mit der Neunschwänzigen und küsst die Betty-Ford-Alumna. Die Musik paart NDW, Marc Almond und besagte New Wave-Truppe, produziert wurde das Album von Markus Ganter (Tocotronic, Caspar, Sizarr). Ähnlich verirrt im Dickicht der Verweise haben sich die Frankfurter von Lea Porcelain, zumindest dumpft das Video zum Debüt mit fragwürdigen Beziehungen zwischen Trümmerfrauen, Straßengewalt, Nazi-Emblemen und magischen Momenten. Als ob das noch irgendjemanden hinterm Ofen hervorlockt. Ihre Musik orientiert sich aber weitaus überzeugender am Postpunk als die vom Pfälzer Kollegen, im Paket kann das ein durchaus unterhaltsamer Abend werden.

 

Mo 15.8., The Flying Eyes, Sonic Ballroom

In den letzten 10 Jahren hat die Band aus Baltimore, Maryland ihren etwas eindimensionalen Retrosound zu einem eigenständigen Gemisch entwickelt. Ursprünglich orientierte man sich an dem frühen 60ies-Psychedelic-Rock von Jefferson Airplane und den Animals, vor allem aber an schwereren Geschützen aus den 1970ern wie Iron Butterfly und Black Sabbath und heutigen Stonerbands. Ihren elaboriert gespielten, etwas zu glatt produzierten Heavy-Fuzz-Blues präsentieren sie am liebsten in good ole´ europe, hier hat man sie nach Eigenbekunden lieber als in ihrer Heimat. Da macht es Sinn, dass sie ihre Platten auf dem Berliner Nois-O-Lution und dem Hamburger Label H42 rausbringen. Auf letzterem erschien dieses Jahr eine Single mit einem Stooges-Mash-Up, bei dem sich Iggy die Pulsadern öffnen würde.

 

Mi 17.8., Mad Caddies, Underground

Die Band stammt aus dem Städtchen Solvang, einer disneyhaften skandinavischen Enklave in Südkalifornien, die von dänischen Pädagogen Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Wie eine Disneyversion des Ka-chink-Beats wirken auch die Caddies. Seit ihrem zweiten Album sind sie entsprechend auf dem Label von Fat Mike von NOFX zu Hause und haben insgesamt 6 Langspieler eingespielt, ihr letztes, »Dirty Rice«, erschien 2014. Sie mixen den Fat-Wreck-Trademarksound Melodicore mit Ska, dazu kommen Versatzstücke aus Swing, Reggae, Polka und Shanty. Das ist alles nicht sonderlich spannend, macht aber Spaß. Auch wenn Sänger Chuck Robertson gesanglich immer wieder arg ins Radiopop-Fach abdriftet und gerüchtehalber Hannover-96-Fan ist.

 

27.8. SR präsentiert: Mouse on Mars / MusikFabrik, Funkhaus Wallrafplatz

Klassik-Pop-Crossover sind ja perse fragwürdig. Treffen aber nachweislich ambitionierte, wirklich offene Systeme aufeinander, kann durchaus Spannendes entstehen. Und ein derartiges Crossover bahnt sich langsam aber folgerichtig an. Dirk Rothbrust vom Ensemble MusikFabrik hat Mouse On Mars schon seit den 1990ern auf dem Schirm, aber erst 2011 klappte ein erstes Zusammentreffen. MoM erhielt einen Kompositionsauftrag, die Vermittlung besorgte der Dirigent André de Ridder. De Ridder kannte MoM bereits von einem Moondog-Projekt und hat auch mit Leuten wie Owen Pallett gearbeitet. Die Koop hat den Parteien offensichtlich Spaß gemacht, sie dauert an. Neben neuen Kompositionen von MoM kommen mit Stockhausen und Luc Ferrari auch die modernen Klassiker zu ihrem Recht.

 

Drums Off Chaos Instant Music Club Kunsthaus Rhenania

Gerade mal einige hundert Meter vom heutigen Veranstaltungsort entfernt, nahm vor 35 Jahren die Geschichte des heutigen Abends ihren Anfang. Nach der Auflösung der legendären Krautrockband Can Ende der 70er-Jahre fand Schlagzeuger Jaki Liebezeit neue Mitstreiter in der Stollwerk-Szene. Mit Reiner Linke, Maff Retter und Manos Tsangaris formte er 1982 im damaligen Stollwerck das Schlagzeugquartett Drums Off Chaos. Ein paar Pendelschläge auf seinem inneren Metronom später trifft Liebezeit im Trio mit Linke und Retter mit Dominik Von Senger auf einen alten Weggefährten. Gitarrist Von Senger war Teil der Damo Suzuki Band und spielte mit Liebezeit in der Phantom Band, mit Linke bei Dunkelziffer. Der vertrackte und dennoch stoisch groovende Percussionsound von Drums Off Chaos trifft auf die von Jazzfusion und Funk infizierte Improv-E-Gitarre von Von Senger. Wer bei einem ihrer Konzerte war, weiß, dass man einen famosen Craft-Krautechno-Trip erwarten darf.

 

24.9. STADT REVUE Fest mit Von Spar und Sparkling

1976 – das war Stammheim, ABBAs »Money Money Money« und die Einführung der Anschnallpflicht. Es gab aber auch Glanzpunkte. 1976 gründete etwa in Köln ein linkes Kollektiv eine »Stattzeitung«, im Oktober erschien das »Herzblatt der rastlosen Intelligenz« zum ersten Mal. Und dass Sie, liebe/r Leser/in, dieses Blatt 40 Jahre später immer noch in Ihren Händen halten können, muss gefeiert werden. Mit zwei Bands, die das Kölner Publikum regelmäßig in ekstatische Verzückungen werfen. Von Spar sind vor 13 Jahren als »Statthalter guter Ideen« angetreten und haben sich via dem nervös zuckenden Postpunk der Anfangstage bis hin zu ihrem luxuriös dimensionierten New-Age-Pop der Gegenwart zu den großen Vorgesetzten der bundesrepublikanischen Indie-Intelligenzija entwickelt. Eine große Zukunft hat die zweite Band des Abends noch vor sich: erst 2012 gegründet, haben Sparkling aber bereits London im Sturm genommen und gerade ihre neue, unverschämt gute EP mit dem klarsichtigen Titel »This Is Not The Paradise They Told Us We Would Live In« rausgebracht. Ihr ungestüm-kontrollierter Postpunk hinterlässt offene Münder und verschwitzte Leibchen.

 

1.9 Günther Schlienz, Baustelle

Schlienz stammt aus Stuttgart, seine Musik ist aber kosmischer Herkunft. Sie steht in der Tradition der Krautelektronik-Pioniere von Cluster und dem Tribal-Trance-Großvater Eberhard Schoener. In ihr verschmelzen zwitschernde Field-Recordings mit sonischen Synthieflächen, über all flirrt und sirrt die kosmische Strahlung. Schlienz hält aber die Spur, sein Interesse fokussiert das Material, die Musik und ihre Erzeugung. Er bastelt seit Anfang der 2000er Jahre Module und schraubt sich kleine Soundboxen zusammen, die er in selbstgebaute Synthesizer integriert. Aufnahmen, die er mit einem Diktaphon macht, sind das Ausgangsmaterial für seine improvisierten Analog-Synthie-Stücke und verschränken natürliche mit künstlichen Sounds: heraus kommt ein Dreamscape Ambient, der die Synapsen freispült.

 

9.9. Reihe M: Elektronische Musik aus Mailand, Museum für Ostasiatische Kunst

Mailand ist nicht nur Geburtsort des Futurismus sondern auch Italiens Hauptstadt der elektronischen Musik. 1954/55 entstand Kölner Vorbild das Studio di fonologia musicale di Radio Milano. Mit der Jahrtausendwende setzte dann die Musealisierung der Pioniere ein, eine technosozialisierte Generation forschte nach ihren Wurzeln. 2003 gründete Fabio Carboni ein Label, um frühe elektronische Musik italienischer Komponisten zugänglich zu machen. Er wird einen einführenden Vortrag halten. Live treten Jennifer Veillerobe und Bellows auf: die deutsch-französische Klangkünstlerin Veillerobe soll maßgeblich von Eliane Radigue beeinflusst sein, Guiseppe Ielasi und Nicola Ratti aka Bellows gelten als das Bindeglied zwischen Wolfgang Voigts Gas und Philip »Loophole« Jeck.

 

Wovenhand, Gebäude 9

Mit 16 Horsepower hat er sich eine ergebene Fangemeinde aufgebaut. David Eugene Edwards galt mit seiner Kombo als würdiger Nachfolger von Nick Cave und den Bad Seeds oder auch dem legendären Gun Club. Um die Jahrtausendwende ersann Edwards aber nach internen Dissonanzen die perfekte Vortragssituation und baute sich eine Kanzel namens Wovenhand. Seinen apokalyptisch galoppierenden Alt-Country entschleunigte er, um seinen alttestamentarischen Botschaften mehr Nachdruck zu verleihen, die Instrumentierung wurde auf das Wesentliche eingedampft. Mittlerweile hat man diese Selbstbeschränkungen aufgegeben und geht deutlich opulenter zu Werke. Auf seinem neunten Album »Star Treatment« verbindet der Charismatiker Gothic Rock à la Southern Death Cult mit dem Noise Rock der Swans. Vielleicht ist Edwards ja doch eher die Reinkarnation von Carl McCoy.

 

Chris Cohen, King Georg

War Chris Cohen bislang musikalisch an der Westküste zu Hause, hört sich das Titelstück des neuen Albums so an, als wäre der Mann plötzlich an der Ostküste Englands aufgetaucht. Das sonnige Südkalifornien und die verregnete Grafschaft Kent im Südosten Englands – passt das zusammen? Das tut es. Zumindest könnte »As If Apart« ein Alternate Take aus den Aufnahmesessions zu Caravans Canterbury-Klassiker »In the Land Of Grey And Pink« sein. Die interkontinentale East-West-Conjunction funktioniert, hatte man doch schon bei seinem Debüt 2012 den Eindruck, dass Cohen seinen Buffalo Springfield- und Byrds-infizierten Softrock weiter entwickeln wollte. »As If Apart« ist pures englisches Nerdtum, in dem catchy pop hooks auf Jazz-Komplexität treffen. Cohen hat ja nicht ohne Grund bei Deerhoof gespielt (und bei Cass McCombs und Ariel Pinks Haunted Graffiti), bevor er solo debütierte. Pflichttermin!

 

Broken Sound: Razen, Werner Durand, Stadtgarten

Werner Durand ist ein Veteran des Ambient-Drone. Inspiriert von Spielweisen indischer und iranischer Musik entwickelte Durand Instrumente aus Kunststoff und spielte sie mit Mundstücken von Klarinetten, Posaunen und iranischen Flöten. 1984 baute er sein erstes Blasinstrument aus PVC, die seither entstehende, ozeanische Musik bewegt sich zwischen Minimal, Tribal, Drone und (Post-)Industrial, doch sie ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. »Ich kann das alles heraushören«, schrieb bereits Martin Büsser über genannte Einflüsse von Durand, »aber ich komme dabei nicht zum Herzen« der Musik. Durand hat mit Komponisten und Musikern wie David Behrman, David Toop, Ellen Fullman und Muslimgauze zusammengearbeitet. Razen kommen aus dem Umfeld des famosen Brüsseler Avant-Labels Kraak und machen hypnotischen Ambientfolk mit Dudelsackpsychedelik.

 

Camera, Tsunami

Sie haben vor 5 Jahren mit Michael Rother und Dieter Moebius zusammen gespielt. Es muss ein komisches Gefühl für die beiden Krautrock-Pioniere gewesen sein – 40 Jahre nach Gründung der legendären Gruppen Neu! und Cluster mit einer jungen Berliner Band auf der Bühne zu stehen und ein irgendwie geschichtsvergessenes Reenactment ihrer Musik zu zelebrieren. Es muss sich angefühlt haben, als ob seither nicht 40 sondern lediglich 4 Jahre vergangen seien. Camera sind aber keine Retro-Fake, die Band meint es ernst. Das Trio hat bereits 2 Alben auf dem Label Bureau B herausgebracht, das auch den Nachlass der Krauts verwaltet, und die Berliner U-Bahnhöfe in Guerillamanier beschallt. Ihre Musik spielen sie mit Druck und einer erfrischenden Naivität, sie wollen einfach »Techno mit richtigen Instrumenten« machen.

 

Hütte – Schleiermacher, Hoffmann, Lang, Andrejewski, Loft

Free Jazz, Surfpunk, Weirdo-Pop & Postrock – die Grenzen sind weitgesteckt bei Max Andrzejewskis Projekt Hütte. Der 1986 geborene Schlagzeuger hat bei John Hollenbeck in Berlin studiert, 2013 wurde er als Solist und mit seinem Projekt mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet. Und der famose Doppelerfolg gibt ihm Recht. Wie Andrzejewski und seine Kollegen Tobias Hoffmann (Gitarre), Andreas Lang (Bass) und Johannes Schleiermacher (Saxophon) mit den Genre und Erwartungen spielen, sucht ihresgleichen. Selbst eine so verstaubt wirkende Idee, ein Improv-Jazz-Album mit strahlend-zartem Unisono-Chor aufzunehmen, gewinnt in seinen Händen an Up-to-date-Plausibilität (aus Altem Neues zu entwickeln, ist im Übrigen auch das Prinzip in Andrzejewskis und Hoffmanns famoser Surfjazz-Kombo Expressway Sketches). Heute werden Andrzejewski und seine Mitstreiter das neue Hütte-Album vorstellen.

 

Night Of Surprise 3

Dicht, voller Bruchkanten und überraschender Synergien. Das Programm sei ihm unter den Händen »geordnet explodiert«, sagt Kurator Thomas Gläßer. Mit der denkbar besten Konsequenz. Die 3. Ausgabe der Night Of Surprise trifft den Spirit des neuen Stadtgartens als »Europäischem Zentrum für Aktuelle Musik« auf den Punkt. Der Bogen des Abends reicht von aktueller Geräuschmusik und Neuer Musik über das was man heute (unzureichend) Jazz nennen könnte bis hin zum Hottest Shit abseitiger Tanzmusik. Die teils aus Mitgliedern der Musikfabrik bestehende Formation um Rie Watanabe wird als Marching Band das Festival eröffnen, dann geht es weiter in loser Reihenfolge: der Bretone Erwan Keravec kreiert mit seiner Sackpfeife eine Ur-Musik irgendwo zwischen LaMonte Young und Liturgy. Mit einem Analogsynthesizer wiederum fabriziert der Niederländer Thomas Ankersmit fast schon kanonisierten Drone samt Weltallfiepen. Kosmisch, aber low-fi gerät die Musik der Britin Laura Cannell; mit Overbow Fiddle und diversen Flöten vertont sie die Geheimsprache Hildegard von Bingens. Von irdischer Wehmut kündet, interpunktiert von vulkanösen Eruptionen, die Musik der äthiopisch-schwedischen Creative-Jazz-Sängerin Sofia Jernberg und dem Pianisten Hailu Mergia; letzterer Ethio-Jazz-Pionier und zum ersten Mal in Köln. Bei Los Siquicos Litoralenos handelt es sich um Underground-Stars aus Argentinien, die mit ihrem durchgeknallt pantropischen Psycherock die Zuhörer orientierungslos zurücklassen. Der House von Jamal R. Moss aka Hieroglyphic Being legt ohne Umwege Zeugnis ab von einer besseren Welt, man könnte Moss vollmundig »Sun Ra des Techno« nennen. Der kubistische Postrocksouljazz wiederum des Quintetts um den Akustikbassisten Jason Ajemian speist sich aus der dekonstruktiven Jazzszene seiner Heimatstadt Chicago. Der Lyra-Spieler Giorgos Xylouris und der Schlagzeuger Jim White schließlich verbinden kretische Folklore mit Freeform-Rock und lassen den Hörer mit zuckenden Gliedern zurück. Heilung verspricht DJ Nigga Fox: der Lissabonner ist Produzent von bizarrem Afrohouse, der schnellen Kuduro mit verschwitztem Tarraxinha verbindet. Diese Auflistung ist unvollständig, der Eintritt frei. Kurzum: Wer einen Schimmer vom zeitgenössischen Stand der avancierten Musikproduktion bekommen möchte, sollte vorbei kommen.

 

21.10, SR präsentiert: Dead Kennedys, LMH

Anfang der 90er-Jahre hatte ich die Möglichkeit, einer der schlausten und geilsten Punkbands live zu erleben, bereits um 5 Jahre verpasst. Ich tröstete mich mit den Projekten von Jello Biafra, doch blieb ihre Musik verloren, diese einzigartige Mischung aus hüftsteifer Artschoolintellektualität, speckigem Surfsound und überreiztem Hardcore. Zwischen 1978 und 1986 spielten die Dead Kennedys einige wegweisende Alben ein, das Debüt »Fresh Fruit For Rotting Vegetables« und die EP »In God We Trust, Inc.« sind fabulöse Zeugnisse der Menschheitsgeschichte. Wie sie Pistolspunk, Hardcore, Captain Beefheart, Surf und Garage verbanden, war schlicht einzigartig und diese Einzigartigkeit drückt sich auch darin aus, dass ihnen keine Epigonen folgten. Die Dead Kennedys konnte man nicht kopieren. Und ihre politische Hellsichtigkeit und ihren beißenden Sarkasmus suchte man anderorts ebenfalls vergebens. Wenn sie nun ohne Jello spielen, fehlen zwar Unterleib und Überbau, aber man kann vielleicht mehr die Musik genießen. Und Verpasstes wenigstens ein klein wenig gerade rücken.

 

1.10., Collaborations & Conversations, Loft

Eine neue Reihe mit dem schönen Namen »Reverse Exoticism« kümmert sich kritisch um das virulente Phänomen »Musik aus Krisengebieten« als Innovationsquelle der satten Überflussgesellschaften. Ghettomusiken sind zwar kein neues Phänomen, aber der exotische Blick des Westens scannt heute den Rest der Welt mit erhöhter Tiefengenauigkeit und degradiert ihn zu seiner »Realitäts-Reserve«. Den ersten Teil bestreiten Giulia Loli aka Mutamassik, Joss Turnbull, Matthias Mainz und ein Überraschungsgast aus Kairo. Mutamassik hat bereits auf der letzten c/o pop für Aufmerksamkeit gesorgt und mit Arto Lindsay und Ikue Mori gearbeitet. Percussionist Turnbull spielt klassische zeitgenössische arabische Musik, Mainz (Trompete, Elektronik) kommt vom Jazz. Gemeinsam werden sie den exotischen Blick umkehren.

 

5.10., Self Defense Family + Creative Adult, Blue Shell

Ursprünglich benannt nach einem Stück des kurzlebigen Projekts Embrace der HC-Ikone Ian MacKaye, fühlt sich die Band dem (Post-)Hardcore aus Washington, D.C. verpflichtet. Namenswechsel gehören zum Programm, den meisten sollten sie unter ihrem Moniker End Of The Year bekannt sein. Zu den vielgestaltigen Einflüssen gehören neben Fugazi die Swans, Americana, Earth Crisis und Swiz. Bei Konzerten ist entsprechend Emoekstase angesagt; der dünne Sänger Patrick Kindlon agiert in etwa so manisch wie Guy Picciotto (Rites Of Spring/Fugazi) und sagen wir mal Patrick Wagner, ehemals Surrogat, jetzt Gewalt. Letztes Jahr haben sie die Greatest-Hits-Cassette namens »German Industrial Ballads«, kürzlichst eine EP veröffentlicht. Support kommt von der ebenfalls respektablen Bay-Area-Band Creative Adult. Tipp!

 

5.10., Attila The Stockbroker & Barnstormer, Sonic Ballroom

Er ist seit 16 Jahren der Poet-in-Residence seines Heimatfußballclubs Brighton & Hove Albion und war 14 Jahre deren Stadionansager. Eine Fußnote im Leben von John Baine. Der Musiker, Sänger, Poet und Aktivist, der gerade anlässlich seines 35-jährigen Bühnenjubiläums mit seiner Autobiographie »Arguments Yard«  auf Tour ist, hat viel erlebt. Nach wirren Anfangsjahren Ende der Siebziger, während denen er infiziert vom D.I.Y.-Ethos in einigen Punkbands in London und Brüssel spielte, wurde er unter dem Alias Attila The Stockbroker von John Peel entdeckt und von Cherry Red unter Vertrag genommen. Zahlreiche Legenden umranken seither seine Scharmützel mit Faschisten und anderen Arschlöchern. Mitte der 1990er gründete Attila dann die Barnstormer, mit denen er Agitprop, Mittelaltermusik und Punkrock verbindet. Im Ballroom war Attila zuletzt vor 4 Jahren.

 

8.10., The Sorrows feat. Don Fardon / Beatrevolver, Sonic Ballroom

»They took the whole Cherokee nation/ Put us on this reservation/ Took away our ways of life/ The tomahawk and the bow and knife«. Die deutsche End-70er-Discoversion des Lamento-Million-Sellers Indian Reservation von Don Fardon ist mir noch aus Kindheitstagen im Ohr. Die Geschichte von Don Fardon beginnt aber früher. Er ging 1963 mit seiner Freakbeatkapelle The Sorrows erstmals in Deutschland auf Tour, bestritt ab Ende der 1960er eine Solokarriere als R&B-Sänger und hatte einige Charterfolge, Mitte der Siebziger verblasste sein Stern. Unglaubliche 53 Jahre nach seinem Deutschlanddebüt steht er im Ballroom auf der kniehohen Bühne. Und zwar wieder mit den Sorrows, die zur ersten Welle britischer Freakbeat-Bands gehörten und aggressiven R&B mit Beat verbinden. Support kommt von den Kölner Band Beatrevolver.

 

11.10., Jaap Blonk, Loft

Vor 100 Jahren starteten ein paar Künstler in Zürich eine der wichtigsten künstlerischen Ismen des vergangenen Jahrhunderts: Dada. Der Niederländer Jaap Blonk ist einer prominentesten Lautpoetiker und ausgewiesener Dada-Experte. Der Mann ist Autodidakt, das gehört zur Redlichkeit des Berufsstandes. Und hat er sich während seiner über 30-jährigen Karriere eingehend mit der einschlägigen dadaistischen Paradeliteratur von Kurt Schwitters bis Hugo Ball beschäftigt, seine Version der Ursonate soll eine der besten sein. Blonk hat mit so unterschiedlichen Künstlern wie Mats Gustafsson, Werner Durand, der Kölner Saxophon-Mafia und The Ex zusammengearbeitet. Zur Jubiläumsfeier wird er neben Dadaklassikern auch Werke des Futurismus, Surrealismus und des Fluxus intonieren.

 

13.10., reiheM: David Grubbs, Loft

Mit seinen Bands Bastro und Gastr del Sol hat er Musikgeschichte geschrieben. David Grubbs ist einer der wichtigsten Figuren eines Genres, das Ende der Achtziger einen Ausweg aus der künstlerischen Sackgasse suchte, in die sich Rockmusik manövriert hatte. Ein Zentrum des Postrock, dieser Wiedergeburt der Rockmusik unter anderen Vorzeichen, war Chicago, wohin Grubbs zu dieser Zeit zog. Inspiration zog er aus Improvisierter und Neuer Musik, aus Jazz und dem Postpunk der vorigen Dekade. Zwischen kopflastiger Kammermusik und leichtfüßigen Songs bewegt sich seither Grubbs´ Soloarbeit, es gibt heute wenig Gitarrenmusik die derart berührt. Kein Wunder, bringt doch Grubbs einige der besten Musiken des 20. Jahrhunderts auf einen unspektakulären Nenner: das Einfache im Komplexen und das Komplexe im Einfachen finden. Heute wird er neben einem Akustikkonzert sein neues Buch über John Cage vorstellen.

 

14.10., Raumklänge – Klavier erweitert, Loft

Die u.a. von Georg Dietzler (Korona, Grenzgänger) kuratierte Reihe steht 2016 unter dem Motto »Klavier erweitert« und startete im Juni mit der Pianistin Akiko Okabe. Es geht um das präparierte Klavier und artverwandte Tasteninstrumente wie Clavichord oder Harmonika, das Verhältnis dieser Klangkörper zum Raum, den Interpreten und den Zuhören. Bei der heutigen Ausgabe tritt die menschliche Stimme mit in diesen Austausch. Neben Rupert Huber, der einen mikrofonierten Flügel elektronisch live bearbeiten wird, tritt Anna Clementi. Clementi war Teil von Dieter Schnebels berühmter Stimmakrobatiktruppe »Die Maulwerker« und ist passenderweise Expertin für John Cage. Gemeinsam werden sie Arrangements entwickeln, die auf Kompositionen des italienischen Swing der 1940er-Jahre und Punk- und New-Wave-Stücken basieren.

 

20.10., Adrian Sherwood, Gewölbe

Er arbeitete mit den Slits, The Fall und der Pop Group, remixte Depeche Mode, Simply Red und die Einstürzenden Neubauten, später Coldcut, Primal Scream und Nine Inch Nails. Eine Zeit lang, so schien es, legte Sherwood seine Skills unterschiedslos an jeden Künstler an, der sich von ihm dubwise veredeln lassen wollte. Auf dem zweiten Teil seiner »At The Controls«-Dokumentation etwa finden sich auch halbgare Acts wie Pankow und KMFDM. Diese zuweilen irritierende Offenheit kratzt aber nicht an seinem Nimbus als britischen Dubgroßmeister, der mit seinem Label On-U Sound den Punks die coole Laid-Back & Stripped-Down-Haltung des jamaikanischen Reggaes beibrachte. Geschmackssicher gab sich Sherwood ohnehin bei seinen letzten Produzententätigkeiten, etwa mit den japanischen Postrock-Technoiden von Nisennenmondai.

 

28.10., Mike Watt, King Georg

Nicht wenige sehen in dem Mann einen der…, Pardon, den wichtigsten Bassisten in der Geschichte der Popmusik. Zumindest haben ihn nach seinem Band-Retirement einige Indiegrößen gebeten, bei ihrer Band Bass zu spielen. Darunter sind etwa Sonic Youth, Dinosaur Jr. und The Stooges. Mit seinen eigenen grandiosen Bands The Minutemen und Firehose hatte Watt zuvor das »Post« in den Punk der US-amerikanischen Westküste exportiert und wie wenige die legendäre SST-Ära geprägt. Zu den denkwürdigsten Arbeiten Watts der letzten Jahre gehören neben Reunion und Koops mit Saccharine Trust die 2009 begonnene Zusammenarbeit mit Stefano Pilia und Andrea Belfi. Mit den gut 20 Jahre jüngeren, ausgebildeten Musikern und Komponisten ist Watt nun auf Klub-Tour, im letzten Frühjahr haben sie zudem eine neue EP aufgenommen.

 

2.11., Messer, Gebäude 9

Die derzeitigen Indiedarlinge der deutschen Feuilletons sind schwer beschäftigt. Sänger Hendrik Otremba malt in Acryl, hat sein Romandebüt gegeben und macht Theater mit Robert Stadlober. Messer selbst sind nicht weniger aktiv. Nach einer Kreativpause haben sie unlängst das Album »Jalousie« aufgenommen (Achtung, Alain Robbe-Grillet-Zitat), zwischendurch vertonten sie Tagebücher von Romy Schneider und machten einen Liederabend zu Ehren des surrealistischen Schriftstellers und Jazztrompeters Boris Vian. Die Zeiten, in denen sie sich an Max Müllers »Schon wieder einen Raum leer gespielt«-Band Campingsex orientierten, scheinen vorbei, Wut und Depression sind dem Spiel mit dem Zitat und lyrischen Verkopftheiten gewichen. Willkommen im Diskurspop im Jahr 2016. Musikalisch bewegen sie sich weiter im Bereich Postpunk, New Wave und Goth Rock, Bassist Pogo McCartney spielt aber neuerdings zusätzlich Orgel und gibt damit und seinem verhallt psychedelischen Bass-Spiel dem Sound der Band eine breitere Spur.

 

24.11. Pixies, Palladium, SR präsentiert

Damals, 1991, fühlten sich die Pixies mit ihrer Laut-Leise-Dynamik an wie eine Verheißung. Ihr Stern verglühte aber bald, noch ehe Grunge die Aufmerksamkeit gänzlich absorbierte. In der Folge wurden sie aber als Haupteinfluss für Nirvana und den Grungehype in die Musikgeschichte aufgenommen. Nun kommen sie wieder auf Tour. Aber nicht mit einem Reenactment von »Bossanova« oder gar »Surfer Rosa«. Nein, die Pixies haben ihr erstes reguläres Album seit ihrem EP-Triple 2013 aufgenommen. Und ihr 6. Studioalbum namens »Head Carrier« hat einige Pixies-Momente der wirklich guten Sorte zu bieten. Black Francis hat in Paz Lenchantin einen guten Counterpart und passablen Kim-Deal-Ersatz gefunden, der Rest der Besetzung ist wie gehabt. Ihre Mischung aus Jangle Pop, Punkrock, Surfmusik, Bibelzitaten, Buddy Holly und David-Lynch-Surrealismus ist auch heute noch bezaubernd. Und Francis glaubt immer noch an Außerirdische. Also: same as it ever was? Dass sie derart kreativ und formschön ihre Rente aufbessern, ist auf jeden Fall eine Freude.

 

8.11., Scott Fagan, Gebäude 9, SR präsentiert

Scott Fagan gehört zu den großen vergessenen Singer-Songwritern der späten Sechziger. Und er ist der Vater von Stephen Merritt. Bis 2012 wussten Vater und Sohn nichts von einander. So weit, so unspektakulär. Doch die Personalien dieser unwahrscheinlichen Geschichte sorgen durchaus für Buschgetrommel. Denn Merritt ist bekannt als The Magnetic Fields. dessen Triple-Album »69 Love Songs« nicht wenige als eines der wichtigsten Singer-Songwriter-Alben der 1990er-Jahre halten. Fagan sagte man wiederum in den späten 1960er-Jahren eine große Karriere voraus. Jasper Johns verewigte sogar Fagans erste Platte popikonisch und malte von ihr inspiriert eine Bildserie, die ihren Platz im MoMA fand. Doch die Zeitläufte waren Fagan nicht hold. Nach zwei Alben endete seine Karriere. Dieses Jahr wurde sein erstes Album wiederveröffentlicht. Fagans berührender, zuweilen wackeliger Gesang und sein Psyche-Folk-Barock-Pop im Stile des frühen Bowie oder Scott Walkers haben durch sein fortgeschrittenes Alter noch gewonnen. Ein Abend mit antiken Dimensionen und großen Gefühlen.

 

12.11., Wand, Tsunami, SR präsentiert

Als sie Ende Juno zuletzt in der Stadt waren, standen sie als Teil von Ty Segalls Backingband, den Emotional Muggers, im Gebäude auf der Bühne. Das ist schon mal keine schlechte Referenz. Corey Hanson, Lee Landey und Evan Burrows veröffentlichten ihr Debüt 2014 auf Drag City, es folgten zwei Alben. Allesamt recht unterschiedliche Biester, aber eines ist ihnen gemeinsam: das Trio aus L.A. spielt crispen Psychedelic Rock mit Inbrunst (aber ohne dicke Eier). Sie zitieren das Golden Age des Westcoastsounds der späten Sechziger, färben Pophooks metallisch, geben sich folkig, um dann plötzlich im Stonersumpf zu landen – Hauptsache Bewegung, kein Stillstand. Als Referenzen neben Segall dürfen semihistorische Größen wie die mittleren Electric Wizard und Sleep oder auch die Melvins gelten. Dass sie Fans von Kluster, Tangerine Dream und den frühen King Crimson sind, bereichert ihren Sound um ein paar satte Drehungen auf dem Psyche-Kaleidoskop.

 

21.11., Nicolas Jaar, E-Werk, SR präsentiert

Sein verspulter Shoegazetechno mit dem berühmten Satie-Touch ist der Sound der Stunde. Einschlägige Netzgazetten notieren Jaar seit geraumer Zeit in den obersten Plätzen der Jahrescharts. Das 2011-Debüt, der retroaktive Soundtrack zu dem armenischen Surrealismus-Klassiker »The Color of Pomegranates« und das letztjährige Follow-Up haben Jaar in die Landschaft fortgeschrittener Gegenwartselectronica eingeschrieben. Bei Besprechungen seiner Musik werden Einflüsse wie Steve Reich, Philip Glass und John Cage bemüht, um aufzuzeigen, wie elaboriert seine Musik ist. Aber Jaar führt lediglich vor, dass die Unterscheidung – hier Pop für die Massen, dort Musik für Bescheidwisser – schon lange obsolet ist. Die Signaturen der historischen Avantgarde sind längst in den Gemischtwarenladen Pop eingegangen. Die meisten Shows seiner aktuellen Tour sind in Übersee und auch in Europa bereits ausverkauft, also schnell Tickets für die hiesige Show des smarten Chilenen und Wahl-Williamsburgers sichern! Denn wer heute nicht vorstellig wird, hat den Zeitgeist verpennt.

 

3.11. Slaves, Gebäude

Sie waren im letzten Winter der Hype auf der Insel, jetzt kommen sie endlich über den Kanal. Isaac Holman und Laurie Vincent sind laut, aggressiv und wollen Spaß. Sie covern Grime-Star Skepta und Wham´s »Last Christmas« und wirken wie die pubertierende Version der Sleaford Mods. Sänger und Schlagzeuger Holman spielt im Stehen, er schreit und drischt auf sein karges Drumkit, nach spätestens der zweiten Nummer ist das T-Shirt aus und die erste Reihe steht in einem Spühregen aus Speichel und Schweiß. Dazu springt Vincent als volltätowierter White-Trash-Wiesel über die Bühne und haut auf seiner Gitarre herum. Im August ist das dritte Album des Duos aus Kent herausgekommen, »Take Control« wurde von Ex-Beastie Boy Mike D produziert. In England waren die Tourtickets innerhalb einer Stunde ausverkauft. Wie lange die beiden Lads ihre Tour-de-Force durchhalten, ist fraglich. Also nix wie hin!

 

3.11. Dinosaur Jr. , LMH

Hat jemand an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon 2016? Hatte uns Stanley Kubrick nicht mit seiner Odyssee etwas anderes versprochen: sollte nicht 2001 die Zukunft beginnen?! Egal, Dinosaur Jr. sind zurück und katapultieren diejenigen, die sie noch aus dem letzten Jahrhundert kennen, zurück in ihre Jugendtage. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern hat die Band aus Massachusetts zahllosen orientierungslosen Teenagern eine Heimat gegeben, ihr Mix aus (Post-)Hardcore, Classic Rock, Big Star, Beach Boys und Grateful Dead ist bis heute einmalig. Und das neue Album »Give A Glimpse Of What Yer Not« bewährt sich ästhetisch ohne Probleme in der Jetztzeit. Von Alterswehwehchen also keine Spur. J Mascis´s back in town!

 

5.11. Boss Hog, Gebäude

Für das nächste Frühjahr ist ein neues Album angekündigt, Anfang Juli kam eine Teaser-EP namens »Brood Star« raus. Über 15 Jahre ist es her, dass Jon Spencer und Cristina Martinez sich als Boss Hog musikalisch geäußert haben, eine ganze Menge Zeit. Das schillernde Pärchen mit Rock´n´Roll-Vergangenheit hat die Zeit seit der Jahrtausendwende damit verbracht, den gemeinsamen Sohn groß zu ziehen. Respekt. Diesen Herbst – Charlie geht nun aufs College – juckt es die beiden offensichtlich, sie gehen wieder auf Tour. Und die Videos ihrer ersten Auftritte in Brooklyn im Sommer legen nahe, dass sie ihren Drive nicht verloren haben. Ihr Punk´n´Roll mit hochprozentiger Bluesinfusion knallt genauso druckvoll wie noch im letzten Jahrhundert und beweist, dass man als Rock´n´Roller auch mal ne Babypause machen kann.

 

10.11. Swans, Gebäude + Tagestipp

Das Alterswerk der Schwäne ist im Sommer um das vermeintliche Schlusskapitel erweitert worden. »The Glowing Man« hält all das, was sich die Fans von ihren Noise-Heroen wünschen. Mächtige Wall-Of-Sounds wälzen sich in epischer Länge durch den Raum und absorbieren physisch wie psychisch alle Widerstände. Das Album wurde in Texas aufgenommen, u.a. in Berlin abgemischt und feiert wieder einen nihilistischen aber kathartischen Gottesdienst. Dass er vor 8 Jahren eine (volltrunkene) Musikerin vergewaltigt hat, wie Anfang des Jahres bekannt wurde (Gira bestätigte den »intimate encounter«), ändert nichts an der Qualität seiner Musik. Dass er aber von dem Vorfall als einem »einverständigen romantischen Moment, der glücklicherweise nicht vollendet wurde« spricht, lässt an seiner Arschlöchrigkeit nicht mehr zweifeln.

 

12.11. Captain Planet, Gebäude

»Etwas Unerschrockenes, kindlich Unreifes und Größenwahnsinniges«. So erklärte Sänger Arne von Twistern das Faszinierende an der Comic-Figur Captain Planet. Und lieferte damit in einem Interview mit dem Ox-Fanzine eine gute Charakterisierung eines Genres, das immer schon sehr kontrovers diskutiert wurde. Emo feiert das Leiden des Subjekts . Dem kann man Vieles vorwerfen, der gewichtigste ist, das Apolitische darin zu erkennen. Doch genau dem trotzigen Bekenntnis zum »Ich-sagen« haftet ein unreifer, auch unerschrockener Größenwahn an, dem ein Glauben an eine neue Form von Subjektivität zu eigen ist (»Viva allein!« heißt es in einem bekanntes Stück von CP). Die 2003 gegründete Band hat im Sommer ihr 4. Album rausgebracht und sagt darauf immer noch laut »Ich«. Vielleicht muss man immer wieder ganz laut »Ich» sagen, um es letztlich zu überwinden.

 

17.11. Expressway Sketches, Loft

Im Frühjahr waren sie im Auftrag des Goethe-Instituts in Boomtown Baku, Aserbaidschan, vor kurzem tingelten sie durch die Jazzclubs im Wendland. Gitarrist Tobias Hoffmann und seine Mannen von Expressway Sketches sind auf großer Mission: die altbackene Surfmusik à la The Shadows an die Jetztzeit andocken. Kein leichtes Unterfangen, haben doch unzählige bierbäuchige Männer diese Musik auf Straßenfesten bis zum Nimmerleinstag durchbuchstabiert. Doch mit der Improvisationszange kriegt man auch dieses Problem geknackt, wie die Köln-Berlin-Wien-Connection eindrucksvoll unter Beweis stellt. Hoffmann, Benjamin Schaefer (Keys), Lukas Kranzelbinder (Bass) und Max Andrzejewski (Drums) dabei zuzuhören, wie sie dieser Musik den Hobbykellerschmock austreiben, macht Spaß.

 

21.11. Lee Ranaldo & El Rayo, Gebäude

Auf Twitter ist er als Botaniker und Amateurhöhlenforscher unterwegs und macht Selfies mit Michael Stipe. Die freundliche Kartoffelnase mit dem in Altweiß gemalten Haar ist aber bekannter für seine Beiträge zur Musikgeschichte. Der Ex-Gitarrist der als »wichtigste Alternative-Rock-Band« kanonisierten Sonic Youth schaut seit dem Split derselben regelmäßig in Köln vorbei, im Gebäude stand er zuletzt mit seinem The-Dust-Outfit auf der Bühne. Heuer tritt er mit seinen spanischen Kompagnons Refree und Cayo Machancoses auf und präsentiert Stücke seines neuen Albums »Electric Trim«. Bei den Aufnahmen in New York halfen The Dust (Steve Shelley, Alan Licht und Tim Luntzel), Nels Cline, die Sängerin Sharon Van Etten und der in Brooklyn gerade schwer angesagte Schlagzeuger Kid Millions (Oneida, Boredoms). Das Album ist für diesen Herbst angekündigt.

 

2.12., Frédéric Le Junter / Christof Kurzmann & John Butcher, Alter Feuerwache

Der französische Musikerkünstler Frédéric Le Junter baut kinetische Klangobjekte, die er nur bis zu einem gewissen Grad beherrscht. Und das mit voller Absicht. Das Eigenleben seiner homemade instruments erzeugt eine ganz eigene, kreatürliche Maschinenästhetik zwischen Primitivismus, Bruitismus und Bricolage. Le Junters arbeitet mit den Instabilitäten seiner Instrumente und den daraus entstehenden Überraschungen und erschafft so die klingende Assemblage eines savant fou. Christof Kurzmann und John Butcher arbeiten in den Grenzbereichen der elektroakustischen Musik. Butcher ist ein britischer Saxophonist und Improv-Musiker, der mit Evan Parker, Axel Dörner und Derek Bailey gespielt hat. Kurzmann stammt aus Wien und hat mit Ken Vandermark, Peter Brötzmann und Christian Fennesz zusammengearbeitet.

 

2017

 

9.2., Festland, King Georg

Ex-Die-Regierung-Schlagzeuger Thomas Geier produziert mit Joachim Schaefer und Dietmar Feldmann eine fabulöse, absolut eigensinnige Musik. Die Essener verbinden dabei die progressive Universalpoesie ihres (mittlerweile verstorbenen) Malerfreundes Fabian Weinecke mit einem Kammerpop, der die »Inszenierung der Einheit des Differenten« sucht. So der Untertitel der Dissertation, mit der Geier vor ein paar Jahren promoviert wurde. Die Arbeit an der Differenz, das Herausarbeiten von Disparatem, auf einer zweiten Ebene aber auch der vermittelnde Gestus, der die Einheit sucht. Heraus kommt dabei Popmusik von großer Intelligenz. In den Sinn kommen: Kai Althoff, Neil Tennant, Andreas Dorau, Modemfiepen, George-Martin-Momente, Steve-Reich-Klarinetten, Ladomat-House und Post(dance)rock. Ihre Live-Qualitäten sollen ihre Originalität nachgerade in den Schatten stellen.

 

10.2., Chrome, Sonic Ballroom

Mit »Half Machine Lip Moves« schufen sie 1979 Acid Punk und schafften es knapp zwei Jahrzehnte später auf die legendäre Wire-Liste »100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)«. Zur Zeit ihrer heißen Anfangsphase, in der sie The Stooges, Hawkwind und Sci-Fi-Soundtracks fusionierten, kannten sie nur ein paar Freaks aus der Bay Area. Doch in den Folgejahrzehnten entstand ein Kult-Following, unzählige Bands wie Nine Inch Nails, Skinny Puppy oder auch Marilyn Manson dürften Chrome zu ihren wichtigsten Einflüssen zählen. 1995 starb Gründer Damon Edge, Gitarrist Helios Creed führt bis heute die Geschäfte fort und kollaborierte mit den Butthole Surfers und Skin Yard. In den Nuller Jahren wurde es ruhig um den Kajal-Mann, 2014 brachte er das bislang letzte Chrome-Album raus. 2013 und 2016 kamen zudem Boxsets auf den Markt, nun kommen die Industrialrock-Pioniere auf Tour.

 

14.2., Fred Frith, Stadtgarten

Der Autodidakt und Multi-Instrumentalist Fred Frith ist der Alles-und-alle-Verbinder und freundlich-verschmitzte Pate der internationalen Improv-Szene. Er hat in den Siebzigern mit Robert Wyatt, Mike Oldfield und Brian Eno gearbeitet, solo und mit Henry Cow und Art Bears fantastische Alben eingespielt, bevor er sich mit einem Umzug nach New York 1979 neu erfand. Und dabei ein internationales Netz spannte, das bis heute wächst. Im Big Apple traf er auf die Downtown-Szene um Bill Laswell, etwas später John Zorn. Genres dreht und wendet er wie seltsame Steine unbekannter Provenienz, um sie hernach in sein Mosaik zu setzen. Mittel dazu sind ihm stoische Naivität, eine phänomenologische Praxis der musikalischen Begriffe und lustvolles Dekonstruieren. Gäbe es einen Nobelpreis für Musik (einen der nicht korrumpiert ist), müsste er längst prämiert sein.

 

21.2., Lambchop, Gloria

Das Jahr war nicht arm an Überraschungen. Eine der angenehmen Sorte war die Veröffentlichung von »Flotus«. Mit ihrem 12. Studioalbum erfindet sich die Band aus Nashville, Tennessee aus dem Stand neu. Seit ihrem Debüt 1994 »I Hope You´re Sitting Down« und ihrem Durchbruch 2000 »Nixon« haben sie ihre Fans verlässlich mit ihrem Trademarksound versorgt, der sich aus Genres wie Alt-Country, Lounge-Muzak, Soul und Postrock speist. Nun hat der ehemalige Parkettleger und Lambchop-Mastermind Kurt Wagner offensichtlich den Dancefloor für sich entdeckt und dem Signature-Sound der Band ein elektroides Fundament samt Auto-Tune gegeben. Und das funktioniert absolut überzeugend, wie man bereits beim letztjährigen Week-End feststellen konnte. Die richtige Musik zur richtigen Zeit: »For Love Turns Us Often Still«.

 

25.2., Spermbirds, Karoshi, Sonic Ballroom

In einer Zeit, da man drüber klagte, dass so wenig produziert würde, was auf »internationalem Niveau mithalten« könne, war die Band um Lee Hollis ein Lichtblick. Mit ihren ersten Alben wie »Something To Prove« und »Nothing Is Easy« schufen sie Ende der Achtziger eine Musik, die die engen Wände des Jugendzimmers ein wenig weiter machte. Ihre Musik machte amerikanischen Hardcore à la Minor Threat, Black Flag und Agent Orange zu einem bundesrepublikanischen Ereignis, Entnazifizierung und  Umerziehung schienen endlich umgesetzt. Zum Glück wird 30 Jahre später nicht nur ein Reenactment geboten, das einen hernach wieder schal nach Hause entlässt. Die Jungs haben ihren Hardcore nämlich seit ihrem 2010er-Album »A Columbus Feeling« um ein paar texanische Country–Anleihen ergänzt. Heute fährt schließlich keiner mehr von ihnen mit dem Skateboard vor.

 

17.3., Schwabinggrad Ballett/ Arrivati, King Georg

»Vielleicht zahlt ihr erstmal eure Nazischulden?« Die Empfehlung, die das Schwabinggrader Ballett angesichts der Austeritätspolitik formulierte, wollte der deutsche Botschafter in Athen nicht persönlich entgegennehmen. Dafür warfen die Aktivisten ein Ei gegen das hoheitliche Botschaftsschild. 2015 forderten sie den Hamburger Bürgermeister auf, den Flüchtlingen in der Stadt das Bleiberecht auszusprechen. Das Kollektiv, bestehend aus Aktivisten und Musiker aus dem Buback-Umfeld, zeigt wie Willkommenskultur 2017 aussehen kann. Letztes Jahr tat man sich mit der aus Flüchtlingen bestehenden Performancegruppe Arrivati zusammen und nahm ein Album auf. Ted Gaier, Gründungsmitglied des Balletts und Teil der Goldenen Zitronen, betont, dass es ihm bei der Kooperation um eine Arbeit auf Augenhöhe geht, abseits der »Refugee-Industrie, wo eigentlich nur prekarisierte, mitteleuropäische Kunstschaffende verdienen«. Wer noch nicht genug agitiert ist, kann das heute bei ihrer Agitprop-Afro-Punk-Show nachholen.

 

4.3., Fenster, Gebäude 9

Berlin ist nicht nur das Paris des 21. Jahrhunderts, Home of American Expats, möglicherweise ist Berlin heute die heimliche Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht nur die Führerin der Freien Welt residiert hier, sondern auch Bands wie Fenster sind amerikanischer als das Original. Die Berliner Band öffnet die Stadt nach Übersee, ihre Musik ist ein Assoziationsgewitter, das von Westen aufzieht: als wären die Kinder der Manson Family in Berlin gestrandet, als läge der Laurel Canyon in Mitte. Homeshake, Mac Demarco, Ariel Pink kommen einem in den Sinn. Musik mit morbider Verheißung und slackerhafter Ironie, Westküstenfolk mit Anleihen von Psychedelic, Shoegaze und Weirdo Pop. Es regnet glimmende Erinnerungssplitter an vergangene Sommer, die nie zurückkehren werden.

 

19.4., Gonjasufi, Gebäude 9, SR präsentiert

Als der Vollbart-Yogi auf den Plan trat, war die Musikpresse begeistert. Tief in den psychedelischen Sechzigern verwurzelter Hip-Hop, das hatte man bis 2010, dem Jahr in dem Gonjasufis Debüt »A Sufi and a Killer« auf Warp erschien, noch nicht gehört. Dazu diese unglaubliche Stimme, die sich anhört, als würde jemand mit Cornflakes gurgeln. Letztes Jahr erschien sein drittes Album, auf »Callus« arbeitete er mit Ex-The-Cure-Gitarrist Pearl Thompson zusammen – wieder ein durchaus überraschender Zug. Mit »Vinaigrette« ist auf dem Album auch wieder so etwas wie ein potenzieller Underground-Hit dabei, am ersten März folgte ein Remix des Stücks »Your Maker « von Massive-Attack´s Daddy G. Das Zeug, das der Spiritualist in der Wüste um Las Vegas, wo die neuen Stücke entstanden sind, genommen hat, muss wieder gut gewesen sein.

 

19.-20.4., Reconstructing Song, Doppelkonzert: Ndagga Rhythm Force / Master Musicians of Jajouka, Stadtgarten, SR präsentiert

Egal ob Techno oder Dub – musikalisch führen alle Wege nach Westafrika. Mark Ernestus  weiß das. Der Mann of Basic-Channel- und Chain-Reaction-Fame hat in den Neunzigern den jamaikanischen Dub in den Techno geholt, da war der Schritt auf den Mutterkontinent nur konsequent. 2010 remixte Ernestus die großartigen Konono No.1, es folgten Produktionen für die Ndagga-Sabar-Gruppe Jeri-Jeri. Aus dieser Kooperation entstand Ndagga Rhythm Force. Ihre hypnotisch roh funkelnde Musik schließt den Kreis. Ernestus betont, dass sein »Interesse nicht musikhistorisch motiviert« ist. Seine Produktionen entfalten genau den richtigen Raum für die westafrikanischen Musiker – der Dub-Produzent does a wise job. Am zweiten Abend kommen die Master Musicians of Jajouka led by Bachir Attar. Das legendäre Ensemble aus Marokko hat Fans wie Ornette Coleman und John Zorn, The Wire feiert sie regelmäßig ab. Das Ur-Ensemble wurde in den 50ern vom Exilbeatnik Willliam S. Burroughs entdeckt, heute kommen sie mit ihrem rohen Sufi Trance zum zweiten Mal nach Köln. Absoluter Pflichttermin.

 

25.4., The Jesus and Mary Chain, Live Music Hall, SR präsentiert

Ein höchstens ein drittel gefüllter Ballsaal, eine Art Beach-Boys-Cover-Band, die komische Nummern spielt und ein bisschen wie eine schüchterne Version von Velvet Underground klingt. Musik mit einer verträumten Aura, gesponnen aus Vorstadt-Teenager-Träumen. Küsse, verstohlene Blicke, hinter jeder Ecke lauert Gefahr. »Sometimes Always« von 1994 war ihr letzter großer Hit, danach verschwanden sie mehr oder weniger von der Bildfläche. Das Vakuum füllten unzählige Bands, die den zu Shoegaze geronnenen Sound von JAMC kopierten, um dann in Britpop zu münden. Nun sind die Shoegaze-Pioniere zurück. Im Dezember 2016 veröffentlichten sie das Stück »Amputation«, mit dem sie nahtlos an ihre vom Madchester-Sound beeinflusste »Automatic«-Phase anknüpfen. Kein großer Wurf, aber ein würdevolles Lebenszeichen. Ende März ist ihr erstes Album nach 18 Jahren, »Damage And Joy«, erschienen, produziert von Killing-Joke´s Youth. Nun kommen sie auf Minitour, in D-Land spielen sie ganze 4 Shows.

 

4.4., NAH/Tense, Sonic Ballroom

Michael Kuhn aus Lancaster, Philadelphia mit Zweitwohnsitz in Brüssel kennt man vielleicht von dem Math-Punk-Rock-Duo 1994!. Kuhn haut seit 2012 solo ein Album nach dem anderen raus. Ihn arbeitswütig zu nennen, ist angesichts seines Outputs nicht übertrieben: allein 2016 erschienen von ihm eine Compilation, eine LP, eine Cassette und zwei digitale EPs. Er spielt passenderweise immer wieder mit Wolf Eyes Konzerte und kommt nun auf Frühlingstour nach Europa. Seine Musik auf den Punkt gebracht: energetisch-anarchistisches Live-Schlagzeug, dazu monströse Digital Hardcore-, Breakcore- und Noise-Kaskaden vom Rechner. Zwischendurch »Fuck you!«-Shouts ins Mikro, Das ist die aktuell beste Feierabendsause, die ich mir vorstellen kann. Irgendwo zwischen Otto von Schirach, Alboth! und Death Grips. Heißer Scheiß.

 

21.4., The Immersive Project, Stadtgarten

Es gibt dieses Video von David Van Tieghem, wo der Percussionweirdo mit einem Stick durch Manhattan läuft und alles bespielt, was ihm in den Weg kommt. Stromkästen, Laternenpfähle, Fassaden, Gullideckel – alles klingt, unterschiedlich und auf ihre jeweilige Weise richtig und schön. Der Kölner Schlagzeuger Holger Mertin folgt einem ähnlichen Ansatz. Der sympathische Lockenkopf spielt Böden und Gesichter mit der gleichen Hingabe und Präzision, wie andere ihre hochgezüchteten und präzise ausgewuchteten Schlagwerke. In den letzten Jahren hat Mertin immer wieder mit dem kürzlich verstorbenen Jaki Liebezeit gespielt, Mertins überbordendes Spiel kontrastierte und harmonierte deswegen perfekt mit dem stoischen Beat des Ex-Can-Schlagzeugers. Mit den Elektronikern Koko Eberli und Marco Riedli hat er nun ein Album eingespielt, dass sie heute mit Gästen vorstellen werden.

 

23.4., Wolves In The Throne Room, Gebäude 9

Eine linke Ökokommune macht Metal, kann das gut gehen? Klar geht das, die Satanisten machen aber natürlich einen Bogen um die Selbstversorger aus Olympia, Washington. Sie könnten sich ja an der konstruktiven Haltung der Musiker, die gemeinsam auf einer Farm leben, anstecken. Die Musik von WITTR lässt sich am ehesten mit Shoegaze-Metal (offiziell: Blackgaze) beschreiben, eine Nähe zu Constellation-Acts ist gegeben. Wie bei den Kanadiern geht es um Naturgewalten, die sich in die Musik einschreiben, Folge sind zerdehnte, mal meditative, mal eruptive Stücke, die die körpereigenen Membrane ausgiebig massieren. Der Schlagzeuger Aaron Weaver hat die Band als Festung gegen die dumme und widerliche Welt da draußen charakterisiert. Wer also mit ins innere Exil verschwinden will, sollte sich bald ein Ticket besorgen.

 

12.5., Sounds Wrong Feels Right: Ohtakekohhan, Stadtgarten

Der japanische Jazz-Fusion-Prog-Rock ist eine Welt für sich. In den späten 1970er-Jahre erreichte der Jazz auf der Insel eine Blüte, auf Discogs werden heute rare LPs für Unsummen gehandelt. Der japanische Weirdo Ohtakekohhan zieht seine Inspiration vermutlich aus dieser Ära. Die Musik des Tokyo-Underground-Vaporwave-Phantoms, über den im Netz kaum brauchbare Informationen zu finden sind, ist aber schlicht unclassifiable. Er selbst nennt das, was er macht »strange dance music with an effect guitar« und behauptet seine Live-Performances seien Tanzversprechen. Die nennt er dann bescheiden »Ultimate Code«, ebenso bescheiden kommt die Musiker daher. Ob man nun der massiven akustischen Überforderung, die Ohtakekohhan mitunter produziert, halb ohnmächtig auf einem Stuhl sitzend oder wild zappelnd auf dem Tanzflur begegnet, ist eine Gemütsfrage. Ich schnüre mir schon mal meine Tanzschuhe mit Chromledersohle.

 

21.5., Froth, Bumann & Sohn

Froth heißt Schaum. Das passt. Der Sound der 2013 in L.A. gegründeten Band schäumt. Shoegaze- und Krautrock-Anteile vermengen sich zu einem zeitgemäßen Gebräu, das Instrumentarium – Cello, Synthesizer, Gitarren, Drum-Machine, Rhodes – verdeutlicht ihre Ambition. Dabei fing alles eher zufällig an. Vor vier Jahren veröffentlichte die Band um Schlagzeuger und Sänger Cameron Allen eine Kassette, die kam in der Nachbarschaft aber dermaßen gut an, dass 2014 ein Re-Release als LP folgte. Noisey und NPR berichteten begeistert, 2015 folgte das zweite Album. Die Band überzeugt mit klassisch kalifornischem Songwriting, melodienverliebtem Psych-Pop und rauschiger und lakonischer Nostalgie. Kein Wunder, dass man sich von dem Westentaschensurrealisten Haruki Murakami inspiriert zeigt. Von letzterem stammt das zum heutigen Abend hervorragend passende Zitat: »Die richtige Jahreszeit, um zur rechten Stunde an einem soliden, aus einem Stamm gehauenen Tresen zu hocken, abends nach dem Regen, Whiskey mit frisch vom Block gehacktem Eis, Stunden, in denen die Zeit gemächlich fließt wie ein stiller Strom.«

 

29.4., reiheM: G*Park, Eric Cordier, Stadtgarten

Im Dunkeln steht der Mann mit Höhlenstirnlampe hinter seinem Gerätepark, durch den Raum zucken Krachkaskaden. Marc Zeier alias G*Park mag den dramatischen Auftritt. Er ist seit den frühen Achtzigern unterwegs und entstammt der Kassetten-Industrial-Szene. Seine Spielfelder sind Musique Concrète, Noise und Ambient, er arbeitet klassisch mit dem Taperecorder, die Soundaufnahmen werden im Studio nachbearbeitet. Zeier war auch Teil der Obskurantisten der Schimpfluch-Gruppe, zu dessen Dunstkreis Merzbow und Masonna gehören. Der Bretone Eric Cordier macht Musiques brutes. Ausgangsmaterial für seine kosmisch-spiritualistischen Stücke sind Aufnahmen von Reisfeldern in Honshu oder aus einem Straflager in Französisch-Guayana. Er arbeitet mit selbstgebauten Apparaturen und Effektgeräten, seine Sound-Installationen versteht er als sonische Protestformen.

 

30.4., Ein Abend für Jaki Liebezeit: mit Joseph Suchy & Holger Mertin, King Georg

Jaki Liebezeit ist tot. Der Schlagzeuger, der bei Can und beim Globe Unity Orchestra trommelte, ist am 22. Januar dieses Jahres überraschend gestorben. Sein Werk, so viel ist sicher, wird ihn überdauern. Sein monotoner, auf das Wesentliche reduzierte Stil war absolut einzigartig und Rückgrat der Kölner Kraut-Über-Band Can. In unzähligen Kooperationen hat Liebezeit diesen Stil in kaum merklichen Nuancen verfeinert, weiterentwickelt, vertieft. 2015 hat Liebezeit mit dem Gitarristen Joseph Suchy und dem Schlagwerker Holger Mertin ein pulsierendes Album eingespielt. Das auf Staubgold herausgebrachte Album »Aksak« erinnert an zurückgenommene Battles oder Tortoise und zeigt Liebezeit auf der Höhe der Zeit. Am heutigen Abend, der ursprünglich mit Liebezeit geplant war, werden nun seine Mitstreiter gemeinsam erarbeitete Musik vorstellen und so dem Ausnahmeschlagzeuger gedenken.

 

4.5., Fehlfarben, Gloria

Der Ernstfall ist seit langer Zeit Normalzustand. Was soll man also heute zu dieser Band noch schreiben? So lange das Dispo nicht ausgeglichen ist, natürlich nur Elogen. Die 1979 in Düsseldorf aus Mitgliedern von Mittagspause, DAF und Materialschlacht gegründete Band ist so was wie das Feigenblatt der bundesrepublikanischen Musiklandschaft. Und der Ätherleib von Peter Hein überstrahlt bis heute alles: das Öde, Mediokre sowieso, aber auch das Überagende wird blass. Ihr Spätwerk ist gut, heute wird ihr Frühwerk präsentiert, die Rente will aufgebessert werden. Das Tolle an Hein ist ja eben genau das: der Widerspruch, das unglaublich Gute und Xerox, Alkoholen. Weiterhin gilt, so oder so, ganz egal was im Wetterbericht steht: »Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.«

 

8.5., reihe M: Telebossa und Simon Nabatov, Loft

Unlängst wurde der brasilianische Exil-Schweizer Komponist Walter Smetak durch das Frankfurter Ensemble Modern wiederentdeckt. Smetak wirkte in den 1950er- und 60er-Jahren im Tropicália-Epizentrum Salvador de Bahia und beeinflusste dort Caetano Veloso und Gilberto Gil. In Köln nimmt nun die reihe M die brasilianische Pop-Avantgarde in den Fokus. Der russisch-amerikanische Pianist und Wahl-Kölner Simon Nabatov bezeichnet Brasilien als »seine imaginative Heimat« und arbeitet sich seit Jahren an den großen Samba- und Tropicalismo-Künstlern ab, dekonstruiert die brasilianische Musik ohne sie ihrer federnden Leichtigkeit zu berauben. Telebossa sind Nicolas Bussmann (Piano-Roboter, Elektronik) und Chico Melle (Klarinette, Gesang). Das Berliner Duo verarbeitet brasilianische Lieder des frühen 20. Jahrhunderts zu minimalistischen, elektroakustischen Kompositionen.

 

17.5., Ches Smith Trio with Craig Taborn and Mat Maneri, Stadtgarten

Der Percussionist und Vibraphonist Ches Smith gibt seinen Stücken Namen wie »Wacken Open Air«. Mit Heavy Metal hat der Mann aber nichts zu tun. Eher mit Voodoo und Jazz. Smith hat bei Pauline Oliveros und Alvin Curran studiert, da ist Grenzgängertum vorprogrammiert. Er spielt klassisches Schlagwerk genauso wie die haitianische Boula Drum, und ist an der Schnittstelle zwischen Jazz und Rock zuhause. Die Liste seiner Kollaborateure ist lang und liest sich spannend: Sylvie Courvoisier, Elliott Sharp, John Zorn, Xiu Xiu, Fred Frith, Ingrid Laubrock, Tim Berne und Marc Ribot sind nur einige Namen, die seinen musikalischen Horizont umreißen. Letztes Jahr erschien »The Bell« auf ECM, das Album spielte er mit Craig Taborn (Piano) und Mat Manerivon (Violine) ein. Heute Abend werden sie ihr Werk vorstellen.

 

grünen: lillinger & landfermann plus gäste, 5.-8.6. loft

Eines der hierzulande überzeugendsten Ensembles für improvisierte Musik spielt einen viertägigen Konzert-Marathon. Mehr muss man über die Ereignishaftigkeit dieser Konzertreihe, die dazu live aufgenommen wird, eigentlich nicht sagen. Die Gäste werden sich vermutlich bis auf den schmalen Raucherbalkon in der dritten Etage des Loft drängen, zumindest wäre das angemessen. Das im Kern aus Christian Lillinger und Robert Landfermann bestehende Ensemble Grünen, das bei jedem Konzert mit Gästen ergänzt wird, wurde 2009 gegründet und hat sich rückhaltlos der Jetztmusik verschrieben. Jedes Konzert ist eine Premiere, absolut einzigartig, atemberaubend und alles den Musikern und Hörern abfordernd. Gäste werden Thomas Lehn, Carl Ludwig Hübsch, Elisabeth Coudoux Achim Kaufmann und Frank Gratkowski sein.

 

the bats, 7.6. kg

Der Dunedin-Sound gehört zu den besten neuseeländischen Import/Export-Geschäften der 1980er- und 90er-Jahre. Die neuseeländische Variante des Jangle-Pop um das Label Flying Nun Records war mit großartigen Bands wie The Clean, The Chills, The Verlaines und den Tall Dwarfs auf einer Höhe mit den Kollegen aus dem britischen C86- und Postcard-Umfeld. The Bats gehört ebenfalls in diese Riege. In den Achtzigern brachten sie eine handvoll sehr guter Alben heraus, in den frühen Neunzigern, auf dem Peak ihrer Karriere, tourte man als Vorband mit Radiohead durch die U.S.A.. Mit ihrem spröden Kassengestellcharme und ihrem unprätentiösen Indiepop wissen sie auch heute noch absolut zu überzeugen. Das neue Album »The Deep Set«, das Anfang des Jahres erschienen ist, schließt tatsächlich nahtlos an ihre besten Arbeiten an.

 

reihe m: spoken sounds, 7.6. sg

Chris Mann nennt sich selbst einen »kompositionellen Linguisten«. Der Sohn jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland ist tatsächlich studierter Sprachwissenschaftler, war sogar zeitweilig Koordinator für ein UNESCO-Projekt über akustische Grammatik. Der in New York lebende Australier hat seit Beginn der Neunziger lautpoetische und experimentelle Kompositionen veröffentlicht und Werke von u.a. John Cage und der großartigen neuseeländischen Komponistin Annea Lockwood aufgeführt. Er hat zudem mit illustren Leuten wie Anthony Coleman, Mark Stewart (nicht der von der Pop Group, sondern von Bang On A Can), Christian Marclay und Christian Wolff zusammengearbeitet. Seine Performance kommt nicht ohne eine gehörige Portion Humor aus, wer mag kann sich vorab davon auf seiner verwirrend-schönen Homepage theuse.info überzeugen.

 

nichts, 9.6. sb

Sie verkörperten die proletarische Seite der Neuen Deutschen Welle. Rockistischer, breitbeiniger, eindeutiger als die anderen eher ambivalent ausgerichteten und akademischen Welle-Artisten aus Düsseldorf. Nichts lagen irgendwo zwischen Extrabreit, Lokalmatadore und Ideal, die Zeitschrift Sounds sprach vom »Happy Untergang aus Düsseldorf«. Kopf Meikel Clauss war passenderweise zuvor bei Tommi Stumpffs KFC, eine Haudrauf-Ästhetik wurde ihm also früh mit auf den Weg gegeben. Nach drei Alben und zwei Hits (»Radio« und »Tango 2000«) löste man sich auf, Clauss reaktivierte aber die Band 2009 mit neuem Line-Up, 2011 nahm man das Album »Zeichen auf Sturm« auf. Die neue Truppe um den Naturheilpraktiker hört sich prima an und knüpft live da an, wo man vor 35 Jahren aufgehört hat.

 

kikagaku moyo, 12.6. kg

Die Band aus Tokyo macht Psychedelic Rock. Zentraler Bestandteil ihrer Musik ist die Sitar und verortet so die Band in eine lange Ahnenreihe von Progrockbands, die sich in den 1970er-Jahren indische Raga-Musik aneignete. Ihr Sound ist aber nicht unbedingt retro-traditionalistisch ausgerichtet sondern enorm vielgestaltig und bindet Stil-Anleihen aus Country, Folk, Krautrock, Shoegaze und 70s-Rock zu einem eigenständigen Update psychedelischer Musik. 2012 von Schlagzeuger Go Kurosawa und Gitarristen Tomo Katsurada gegründet, hat man 3 Alben eingespielt, zuletzt im Frühjahr eine EP mit dem Namen »Stone Garden«. Im Gegensatz zu dem songorientierten 2016er-Album »House in the Tall Grass« zeigt sich die Band auf der EP eher von ihrer episch-improvisatorischen Seite, die Stücke entwickeln sich langsam und mit ruhiger Kraft.

 

primal scream, 17.6. lmh

Die schottischen Vertreter des Madchester-Sounds haben letztes Jahr ein neues Album herausgebracht. Das nach Felix Guattaris Begriff betitelte »Chaosmosis« ist zwar kein Ausnahmealbum, bietet aber eine Handvoll discokompatibler Stücke, die sich gut ins Spätwerk einfügen (das ja bekanntlich an »Screamadelica« anknüpft). Die experimentellere  Mittelphase (etwa »Vanishing Point« bis »Evil Heat«) bleibt Vergangenheit, und das ist wahrscheinlich auch ehrlicher so. Letztes Jahr schraubte man dann gemeinsam mit dem anlässlich der grassierenden Synth-Pop-Manie wieder ausgegrabenen Jean-Michel Jarre an einen Track, man weiß eben wie man sich heute mithilfe hipper Cheeseness zu inszenieren hat. Die Band um Charismatiker Bobby Gillespie ist und bleibt ein lakonisches Versprechen auf Ekstase ohne Kater aber mit nachhaltig verändertem Bewusstsein.

 

thurston moore, 21.6. sg

Der 58-jährige Moore hat sich mittlerweile in seiner eigenen Klassik eingerichtet. Sein Konservatismus hat natürlich Schräglage und inkorporiert Avantgardismen, bedient sich aber immer stärker der Tradition. Dem Vernehmen nach ist er sich seines persönlichen Dharmas gewahr geworden: »Ich habe erkannt, dass mein Bewusstsein in der Rock & Roll-Musik liegt. Es ist diese Verbindung, die ich spüre, wenn ich in Second-Hand-Plattenläden und -Buchhandlungen bin. Ich habe dort immer einen Moment der viszeralen Kontemplation. Es ist wirklich schwingend«. Mit dem gleichen Lineup wie bei »The Best day« hat er ein Album eingespielt, das an die »Sister«-Sonic-Youth-Phase erinnert. Moores lakonische Croonerqualitäten zu Sedwards Jimmy-Page-Soli, dazu moderater Krach, »it´s only Rock’n’Roll, but…«.

 

mutter, 24.6. artheater

Max Müller hätte 1982 beinahe bei den Ärzten angefangen, erschien aber nicht zur ersten Bandprobe. Er ist zudem ein Meister der erotischen Kaltnadelradierungen, auf Facebook konnte man eine Zeitlang seine Werke für wenig Geld erstehen. Und?! Man will einen Text zur Berliner Band Mutter nicht immer mit den gleichen Sermon beginnen. Denn dass Max Müller zwei der von allen Feuilletons und Redaktionspraktikanten zu den wichtigsten deutschsprachigen gezählten Bands vorstand und im zweiten Fall bis heute –steht – Camping Sex und Mutter – sollte sich herumgesprochen haben. Und der Konsens besteht ja zu Recht. Seit ihrem Debüt unterhalten Mutter mit verstörend guter und gut verstörender Musik. Und auch das neue Album »Der Traum vom Anderssein« ist gut, laut, verhallt und redundant. So soll es sein.

 

mark lanegan, 25.6. lmh

Mark William Lanegan hat wirklich eine erstaunliche Karriere hinter sich. 1986 debütierte er mit den Screaming Trees, die Band war bis in die Neunziger ein wichtiger Protagonist der Grunge-Szene. Nach einigen Alben für SST entdeckte Lanegan seine Croonerqualitäten, die das Spätwerk der Trees dominierte. In der Folgejahren huldigte Lanegan dann auf Soloalben seiner tiefsamtkratzigen Stimme, arbeitete mit Isobel Campbell, der Ex-Belle & Sebastian-Chanteuse, und den Schweinerockern Queens Of The Stone Age. Mit seiner Hausband und der tatkräftigen Unterstützung von Josh Homme und Greg Dulli hat er nun Ende April  ein neues Album vorgelegt, das seine Vorliebe für düstere Elektronik weiter auslebt. Auf »Gargolye« gurgelt sich Lanegan durch New-Order-Stomper, der Guardian überschlug sich zu Recht vor Lob.

 

future islands, 27.6. lmh

Man stelle sich eine Mischung aus Meat Loaf, Morrissey und Marlon Brando vor. Sam Herring ist aber nicht nur ein Ausnahmesänger – sein Spektrum reicht von raspelndem Raunen bis zum inbrünstigen Jaulen –, er ist auch ein Ausnahmetänzer. Letzteres hat nicht unwesentlich zum phänomenalen Erfolg beigetragen, den die Band in den letzten Jahren gehabt hat. Herring tanzt so, als wenn niemand zu schauen würde. Dieser Tanzstil, bei dem er in die Knie geht, die Unterschenkel ausstellt, die Knie zusammendrückt, um dann sanft federnd nach vorn und hinten zu schnellen – dieser gleichzeitig verquast wie athletisch wirkende Stil erinnert mitunter an Bruce Springsteen, James Brown und an schlechtes Overacting. Wunderbar! Entsprechend sind die Shows – hochenergetische Dramen, vorgetragen von einem Typ, der aussieht als müsse er eine Großfamilie ernähren und eigentlich als Truckfahrer sein Geld verdienen. Achso, die Musik hört sich in etwa so an, als wenn Interpol neuerdings ins Schlagergeschäft eingestiegen wär.

 

7.7. Moor Mother, Garage der Deutzer Brücke / SR präsentiert

Hier ist nichts ok, das ist vom ersten Ton klar. Die »Mohr-Mutter-Göttin« Camea Ayewa aus Philadelphia sieht das Apartheidsystem in den U.S.A. noch nicht abgeschafft und gießt ihre grimmigen Botschaften in eine unversöhnliche Musik, die mit Erwartungen bricht. Hiphop, einst bevorzugte afroamerikanische Emanzipationserzählung, ist das hier nur entfernt. Eher Noise und Industrial. Das konventionelle Approbiationsverhältnis – Weiße eignen sich schwarze Subkultur an – wird umgekehrt. Die Dichterin und Musikerin ist seit 2012 aktiv im Kampf gegen Rassismus und Sexismus, es geht der am Intersektionellen Feminismus geschulten Künstlerin insbesonders um die Diskriminierung von schwarzen Frauen. Ihr letztjähriges Debüt »Fetish Bones« wurde nicht nur vom Wire sondern auch vom Rolling Stone gefeiert. Bleibt die Frage, ob dieser übergreifende Erfolg dem Projekt den Stachel zieht. Wenn die Kritisierten Beifall klatschen und sich dabei auf der richtigen Seite wähnen, dann ist man zumindest mitten drin im Widerspruch.

 

2.7. Jimmy Eat World, E-Werk

Wenn sich Jungen die Fingernägel lackieren, ist das eine Banalität. Doch gibt es nicht wenige, denen auf das Spiel der Geschlechter der Zusammenbruch der Zivilisation folgt. Als die Emos vor gut 15 Jahren wegen ihrem Gendercrossing angefeindet wurden, war die Szene-Vorzeigeband Jimmy Eat World ebenfalls häufig Zielscheibe von tumben Spinnern. Insofern muss man die Emopopper vor den Idioten der Welt verteidigen, die ihnen ihre Weichlichkeit vorwerfen. Man lese hierzu Martin Büssers immer noch lesenswertes Buch »Emo«. So richtig spannend ist der Mainstreampop von JEW allerdings schon lange nicht mehr und die Gendercodes sind immerhin fließender geworden. Letztes Jahr kam ihr 9. Album »Integrity Blues« raus, Pitchfork behauptet, es sei ihr Bestes seid »Bleed American«.

 

2.7. The Delta Saints, Yard Club

Die »4 Heiligen« könnten von ein paar zugekoksten Nashville-A&Rs zusammengecastet worden sein. Die Posterboys, allen voran Sänger und Gitarrist Ben Ringel, sehen nicht nur gut aus, sondern beherrschen auch ihre Instrumente. Ringel kann zudem seinem Gesangsorgan genügend Schmelz beigeben, um ihrem Bayourock neue Käuferschichten zuzuführen. Folgt man aber der Bandbiographie, ergab sich der Erfolg ganz organisch und eher zufällig. Mach ein paar EPs wurde ein kleines französisches Blues-Label auf sie aufmerksam und vermarktete sie in Europa, eine Rockpalast-Aufzeichnung zeugt von ihrem hiesigen Erfolg. Ende April ist ihr neues Album »Mount Vista« erschienen. Wem der Hang zu Airplaygarantie nicht stört, der darf sich auf einen durchaus unterhaltsamen Abend freuen, der Taz gelten sie immerhin als »Partykanonen«.

 

3.7. Spoon, Gloria

Give me Indie or give me death. Sie begannen vor fast 25 Jahren als klassisches Matador-Signing: gepflegtes Slackertum, ein bisschen Feedback, popaffines Songwriting. Seither hat die Band aus Austin, Texas ihren an Pavement, Elvis Costello und Tom Petty geschulten Indierock immer weiter verfeinert, Perfektionsgrad und Kontinuität sind beeindruckend. Mitunter kommt zwar eine leichte Langeweile auf, doch der Indiefreund wird bedient. Und wenn den letzten Alben häufiger eine gewisse Spannungsarmut anhaftete, hält das neue Album »Hot thoughts« durchaus ein paar Überraschungen bereit. Auf ihrem neunten Album experimentieren sie mit Synthpop, Drum-Machine und kompakten John-Barry-Streichern. Und unaufgeregter Qualitätsindie und ordentliche Instrumentenbeherrschung mögen ja dem einen oder der anderen zum Feierabendbier reichen.

 

4.-6.7. Jazz Against The Machine

Beim diesjährigen 3-tägigen Nachwuchsfestival kommen ein paar wirklich gute Formationen. Etwa die Jazz-Gruppen von Schlagzeuger Felix Ambach oder Gitarrist Mischa Vernov (Cupper / Nhy!). Oder die von der formidablen Sängerin Gina Été, deren eigenständiger Schwizer Pop sicherlich noch in anderen Zusammenhängen zu hören sein wird (alle drei am 4.7.). Die Bonner Gruppe Bungalow verschraubt Weather-Report-Fusion mit Cocktail-Synthpop und kreiiert damit ein erstaunlich zeitgemäßes Stück Jazz im Retrochic. Kaffeehausjazz bieten Babs aus Maastricht, Hochglanzpop mit Zertifikat die Kölner vom Planetarium (am 5.7.). Gänsehaut gratis gibts bei den Jungspunden von Schwarzlicht, Boogaloo-Rumba mit Unterhaltungswert bei Poco-Loco und experimentellen Lowfipop mit israelisch-arabischem Einfluss bei Mike Rauss (am 6.7.).

 

5.7. Elnaz Seyedi – A very close look from far away, Kunststation St. Peter

Es braucht häufig Distanz, um eine Sache klar zu erfassen. In der Komposition »A very close look from far away« von Elnaz Seyedi geht es genau darum, um Nähe und Distanz, um die Möglichkeit, als Beobachter etwas zu verstehen. Seyedi ist eine junge, aus Iran stammende Komponistin, die zunächst in Teheran Informatik studierte, bevor sie umsattelte. Ihr Studium der Komposition setzte sie in Bremen und Essen fort. Den philosophischen Überbau für ihre Arbeit liefern mitunter Nietzsche, Fernando Pessoa und die Existentialisten, dann geht es um die Abwesenheit Gottes, die Absurdität des Seins und ein konstruktives Dennoch. Mit der Szenographin Andrea Baglione und dem Ensemble Axismodula aus Straßburg hat sie eine Komposition realisiert, die eingangs genanntes Spannungsfeld hörbar macht.

 

8.7. Gordon Raphael & Band, Tsunami

Gordon Raphael kennt man vor allem als Produzent von den Strokes. Er dürfte sich also die Krone als Mutter der Retromania aufsetzen. Allerdings war er bei der Produktion der ersten EP »The Modern Age« davon überzeugt, dass den altmodischen Kram niemand interessieren würde, wie er heute freimütig zugibt. Mit »Is This It« nahm er dann einen Klassiker der frühen Nuller Jahre auf, der lange Zeit wie ein Wunder gefeiert wurde. Er zeichnet zudem für das Ausnahmealbum »Soviet Kitsch« von Regina Spektor verantwortlich, ansonsten arbeitet sich der angenehm unprätentiöse Produzent an jungen Nachwuchsbands ab. Der zeitweilige Wahl-Berliner und Freund von Moses Schneider ist aber auch seit den Achtzigern selbst als Musiker unterwegs, sein musikalischer Horizont ist mit Psychedelic, Glam, New Wave und Progrock nur unzulänglich abgesteckt. Mit von der Partie beim heutigen Konzert ist kurioserweise Kevin Kuhn von den Nerven.

 

9.7. Bad Religion, E-Werk

Mit ihren ersten Alben haben Greg Graffin und seine Freunde den Grundstein für einen popaffinen Punkrock gelegt, der weniger provozieren als unterhalten will. Ihr Debüt »How could hell be any worse?« ist ihr bestes Album, »Suffer« und »No Control« aber begründeten Ende der Achtziger ihren Ruhm. Melodycore war das Etikett, das man der Band und ihrem stilbildenden Label Epitaph anheftete. Ihnen folgten viele Epigonen, in Schweden entstand gar ein ganzes Genre. Dass bei der Band aus L.A. die Gesellschaftskritik nicht zu kurz kam, hielt sie zwar überlebensfähig, doch schon vor 25 Jahren galt BR als öder Mainstreampunk. Wer allerdings die Band live erlebt hat, weiß dass sie ihre Songs anderthalb Mal so schnell spielen und dass man beim Mitbrüllen der Texte ohnehin kaum Zeit hat, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen.

 

12.7. The Freeborn Brothers, Sonic Ballroom

»Where gypsy heart meets american folk«. Zigeunermusik, die auf amerikanische Folklore trifft – dieses bandeigene Motto hat tatsächlich eine lange Geschichte. Polnische Arbeitsmigranten brachten im 19. Jahrhundert ihre Musik und ihre Tänze mit in die amerikanischen Industriestädte im Norden und die Bergbausiedlungen in den Appalachen und steuerten so ihren Teil zum American folk bei. Polka, Mazurka und Zigeunerweisen gehören entsprechend genauso wie Cajun und Bluegrass zum Repertoire der polnischen Gebrüder Freeborn. Und man ist nicht nur auf dem Heimatkontinent erfolgreich – obwohl erst 2013 gegründet wird die Truppe nach Eigenbekunden folgerichtig auch in den U.S.A. gefeiert. Es wird munter auf Waschbrett und Banjo rumgehauen, ihre Konzerte sollen schweißtreibend sein.

 

12.7. Sepultura

Anfang des Jahres kam ihr 14. Album auf den Markt. Auf »Machine Messiah« geht es um die fortschreitende Automatisierung, allmächtige Roboter und andere Götzen der Technologie. Passendes Material also für ein weiteres Kapitel dystopischer Aufklärungsarbeit der Schwermetaller aus Belo Horizonte. Während sich inhaltlich also alles um Smartphonezombies dreht, bewegt man sich musikalisch weiter im weiten, mitunter sumpfigen Feld des Progmetals. Bei aller Kritik, die die Band seit dem Abschied der Cavalera-Brüder nicht zu Unrecht einstecken musste, kann man ihnen eine ungebrochene Lust an musikalischer Fortentwicklung nicht absprechen. Auf »Machine Messiah« finden sich Orientpop-Streicher und schmockige Metalballaden inkl. fiesen Synthieflächen. Aufatmen darf man immer dann, wenn sie alle Ambitionen fahren lassen.

 

13.7. Cash Savage & The Last Drinks, Sonic Ballroom

Country for the broken hearted, Blues for the debauched. So beschreibt die Sängerin Cash Savage aus Melbourne ihre Musik. Eine passende Selbstzuschreibung. Folk, Blues, Rock’n’Roll und Country sind tatsächlich die Hauptkoordinaten. Zuweilen hört man aber auch ozeanischen Ry-Cooder-Ambient und pazifische Polyrhythmik. Und ihre Stücke können schon mal in Distortiongewitter ausufern, kein Wunder, ihr Onkel Conway Savage ist der Keyboarder von Nick Cave und den Bad Seeds. Der Produktion ihres aktuellen Albums »One Of Us« ging zudem eine turbulente Zeit voraus, etwa die Blitzhochzeit mit ihrer Partnerin in Las Vegas und der Freitod ihrer Cousine, beides Ereignisse, die Spuren in den Texten hinterließen. Nicht nur für Freunde von Father John Misty und Sharon van Etten eine Empfehlung.

 

18.7. Twin Peaks, Blue Shell

Ganz großer Spaß aus Chicago. Rohe Eier im Haar, Haschrauchen mit dem Bunsenbrenner, Tatort-Posen auf dem Friedhof. Die Jungs lassen in ihren Videos keinen noch so prä-post-pubertären Ulk aus und malen mit Großbuchstaben »Fuck Your Sorrows« in den nächtlichen Himmel. Ihre Mischung aus den Replacements, Ty Segal und Ariel Pink ist ungemein erfrischend, sie selbst nennen als ihre Haupteinflüsse The Black Lips, Girls, Deerhunter und die Pixies. Das letzte Studio-Album »Down in Heaven«, ihr drittes, stammt von 2016, dieses Jahr haben sie ganz unverfroren ein Live-Doppel-(!)-Album namens »Urbs in Horto« rausgebracht. Warum auch nicht, das Leben ist kurz. Und man sollte, so die Band, keine Möglichkeit auslassen. Gleiches gilt selbstredend für den heutigen Konzertbesuch!

 

20.7. Pi-hsien Chen, Mitteilungen vom unteilbaren Werk: »Domenico Scarlatti – Sonaten«, Kolumba

Domenico Scarlatti war ein Rule breaker – soll heißen: in seiner Zeit ein ungemein moderner und unkonventioneller Komponist, dem keine Regel unumstößlich war. In seine Barockkompositionen montierte der Maverick plebejische Volksweisen und hob letztere damit in den Rang hoher Kunst – im Zeitalter des Feudalismus durchaus mutig. Auch harmonische Regeln waren ihm nicht unverrückbar. An Cluster erinnernde Klavieranschläge, bei denen bis zu 7 Tasten mit einer Hand gleichzeitig gedrückt werden, zeugen von seiner Unerschrockenheit. Sein wichtigstes Werk sind die 555 Cembalo-Sonaten, ein Opus Magnum der Klavierliteratur, gleichrangig mit Bachs Goldberg-Variationen, die maßgeblich von Scarlatti beeinflusst sind. Die Pianistin und emeritierte Professorin für Klavier, Pi-hsien Chen, beschließt mit dem heutigen Konzert ihre monographische Reihe, in der sie seit Januar Klavierwerke von Großkomponisten interpretiert hat.

 

22./23.7. Amphi-Festival, Tanzbrunnen

Jedes Jahr im Sommer verwandeln sich der Tanzbrunnen 2 Tage lang in ein Trockennebelbecken und der Deutzer Bahnhof in eine Endstation der Todgeweihten. Goth, diese Jugend-Subkultur, in der man sich gern mit der Rolle des Unverstandenen camoufliert, hat weiterhin Konjunktur. Die Abwehr der als flach und leer empfundenen Pop- und Alltagswelt bleibt der Motor, die Suche nach Pathos und Ernst, nach Tod und Tiefe, das Ziel. Das macht die Szene traditionell zur Zielscheibe von Spott und Hohn, im karnevalesken Köln fallen die Grufties allerdings nicht über Gebühr auf. Schaut man sich das diesjährige Lineup an, fällt auf, dass diejenigen Acts, die vor über 20 Jahren zur B- und C-Riege gehörten, heute zu den Szenevorderen aufgeschlossen haben, der musikalische Nachwuchs fehlt dann offensichtlich doch. Mit dabei (immerhin): Die Krupps, Fields Of The Nephilim und Esben And The Witch.

 

c/o Pop 2017

16.8. Tanzbrunnen: Moderat (20h), Omar Souleyman (19h)

Was für ein Auftakt. Mit Omar Souleyman das Festival zu beginnen, ist mutig. Ist der syrische Hochzeitssänger doch recht eigentlich überall wo er auftritt ein Höhepunkt des jeweiligen Lineups. Der Mann mit Schnauzer und Pilotenbrille hat in den letzten Jahren einen langsam zündenden aber dennoch kometenhaften Aufstieg in den internationalen Festivalzirkus erlebt und ist dabei cool geblieben. Seine Auftritte sind von legendärem Zuschnitt: stoisch und staatstragend zieht der Mann seine Show durch. Die Musik, die er mit seinem Keyboarder macht, ist ein Update der arabischen Tanzmusik Dabke: rasend schnelle Rhythmen mit schwindelig kreiselnden Synthieläufen, die das Publikum mitunter in atemlose Ekstase stürzen. Nach diesem höchst enervierenden Partyprimitivismus aus der Jazeera übernehmen die Berliner Hipster von Moderat das Ruder. Das ist kein Zufall, hat doch ihr Label Monkeytown 2015 ein Album von Souleyman herausgebracht. Moderat stehen für hochglänzenden Breitband-EDM-Neosoul, der live kathartische Momente zeitigen soll.

 

16.8. Stadtgarten Saal: Naaz (23h oder 18.8. H-B-P) Noga Erez (24h)

Am Eröffnungsabend sollte man unbedingt zu später Stunde im Stadtgarten aufschlagen. Hier wartet nämlich mit Noga Erez ein weiterer früher Höhepunkt der diesjährigen c/o pop. Der Spiegel hat sie bereits als die neue M.I.A. bezeichnet, Forbes zählte sie 2017 zu den 30 innovativsten Gamechangern unter 30, Festivals wie das Primavera, Melt und Visions buchten sie dieses Jahr. Auf die israelische Musikerin und Sängerin können sich offensichtlich gerade alle einigen. Und das zu recht, ist die Frau, in dem was sie mit ihrem Partner Ori Rousso tut, beängstigend gut. Vergleiche mit St. Vincent, Micachu, FKA Twigs oder Yelle sind nicht von der Hand zu weisen, ihr erstes Album »Off The Radar« ist auf City Slang erschienen. Vorab tritt die holländisch-kurdische Popsängerin Naaz auf.

 

16.8. Gewölbe: Jacques (1:30)

Jacques Auberger ist der Konkretist unter den gegenwärtigen EDM-Produzenten. Der Mann mit der Mönchsfrisur baut live seine eigene Presetwelt mittels Livelooping. Das haben zwar schon einige vor ihm getan (etwa Matthew Herbert), aber kaum einer bringt damit die Massen derart zum tanzen. Sein Konzertpult gleicht dabei einem Trödelstand: Fahrräder, Softballschläger, Globus und allerlei Kram liegen da rum und warten auf ihren Einsatz, der Meister bewegt sich mit schlafwandlerischer und nonchalanter Sicherheit durch seinen analogen Soundproduzenten. Was sich liest wie ein Noveltygag, ist mindestens zur Hälfte keiner: der Elsässer, der diesen Sommer von Festival zu Festival hetzt und unlängst beim Innovationsforum TED seine Kunst erläutern musste, füllt einfach die Abletonwelt mit konkretem Material und bringt mit seinem »transversalen Techno« die Wirklichkeit zurück in die virtuelle Welt.

 

 

17.8. Gewölbe: Agar Agar (20.45), Romare (2h)

Sie sind Designstudenten und genau so hört sich ihre Musik an. Armand und Clara sind die neuen, dunkel glitzernden Sterne am Coldwave-Retrohimmel. Im Fahrwasser von Christine & The Queens steuert das französische Duo Richtung Charts, ihr Sound ist weniger intellektuell, dafür aber tanzbarer; das mit dem Erfolg könnte also klappen. Auf ihrer Debüt-EP »Cardan«, die Ende 2016 auf dem kleinen Label Cracki Records erschienen ist, sticht das auch als Single ausgekoppelte »Prettiest Virgin« heraus: eine veritable Tanzflurnummer, die auch prima in der Berghainer Panoramabar funktionieren würde. File under Norma Loy und Molly Nilsson. Richtig unterhaltsam wird voraussichtlich der Auftritt des Londoner Future-Jazz-Produzenten Romare, der auf Ninja Tune veröffentlicht.

 

17.8. Gloria: Tash Sultana (21h), Thomas Azier (22h)

Natasha »Tash« Sultana ist eine 100%ige – die Kolportage einer drogeninduzierten Psychose, die sie nach dem Verzehr einer Magic-Mushrooms-Pizza sieben Monate außer Gefecht setzte, trägt sie mit jugendlichem Stolz vor sich her. Bei dem sympathischen Skateboard-Mädchen standen früh die Zeichen Richtung Musikkarriere. Sie stammt aus der Malteser Community im australischen Melbourne, wo sie bereits in jüngsten Jahren auf der Straße zur Gitarre sang. Bei ihrer Teenieband Mindpilot gab ihr Vater gar seinen Job auf, um als Roadie für seine Tochter zu arbeiten. Die 1995 in Thailand geborene Sultana landete dann auch mit ihrem auf Bandcamp veröffentlichten Stück »Jungle« einen Viralhit, im September 2016 schoss ihr Debüt »Notion« in die australischen Top 20. Der Niederländer Thomas Azier macht Hochglanzelectropop, die Franzosen von La Femme burlesken Krautpop mit dem Charme einer Fernsehgartenkombo.

 

17.8. Volksbühne: Leyya (20h), Voodoo Jürgens (21h)                                                                                                                                                                                                                               Wanda haben den Austropop zurück auf den Plan gehoben, nun kommt Voodoo Jürgens. Die im Namen gut versteckte Reminiszenz an den 2014 verstorbenen Kärntner Sänger deutet Richtung Weltkarriere, der Wiener Dialekt ist dabei selbstredend kein Hindernis, sondern Entrée Billet. Zumindest in den deutschen Markt; denn sogar »in Wien«, so der charmante Zottel, »verstehen nicht alle den Schmäh«. Der »österreichische Eros Ramazotti« (Selbstaussage) im Strizzi-Outfit ist  tatsächlich ein überzeugender Nachfolger von André Heller und Helmut Qualtinger. Mit seiner schwarzhumorigen Moritate »Heite grob ma Tote aus« landete er in der Alpenrepublik im vorletzten Frühjahr auf Platz 1 der Radiocharts. Das Neue Wiener Lied hat einen neuen Botschafter. Es sollte mit dem Teufel zugehen, sollte er nicht die Herzen der Kölner im Sturm erobern. Seine Wiener »Is-eh-wurscht«-Haltung hat ja auch etwas zutiefst kölsches.

 

17.8. Stadtgarten Saal: Matias Aguayo (21:45), Cologne Tape (23h)

»It’s about dreams and nightmares and mysteries and doppelgängers and aliens« verrät Matias Aguayo über sein Bandprojekt. Der in Chile geborene und in und bei Köln aufgewachsene DJ und Technoproduzent (Cómeme und Kompakt) wollte immer schon Geschichten erzählen und sein Hang zum weirden Gesang bei DJ-Sets ist bekannt. Seine Desdemonas, das sind Schlagzeuger Matteo Scrimali aus Italien, Keyboardist Henning Specht und Gitarrist und Bassist Gregorio Gomez aus Kolumbien. Gemeinsam mit Aguayo am Mikrophon stellen sie u.a. ihren neuesten Output, das auf Crammed Discs erschienene »Nervous«, vor. Die Supergroup Cologne Tape hat im Frühjahr ihr zweites Album herausgebracht. Das Kollektiv besteht aus Axel Willner alias The Field und Jens-Uwe Beyer alias Popnoname, Ada, Barnt, Jörg Burger (The Modernist), John Harten (Crato), Philipp Janzen (Von Spar), Mario Katz und Battles-Schlagzeuger John Stanier, als Gäste treten u.a. der großartige, mexikanische Ebertplatz-Michael-Jackson Rebolledo und der Gitarrist Burkhard Mönnich auf. Auf »Welt« kombinieren sie einmal mehr krautige Sounds à la Neu!, Cluster und Can mit Ambient, Post-Rock und Kompakttechno.

 

17.8. Studio: Friends Of Gas (19h), Chuckamuck (22h)                                                                   Staatsakt, Staatsakt, Staatsakt. Das Label ist seit geraumer Zeit Garant für Angesagtes, Antikathartisches, leicht Psychotisches. Heuer werden gleich zwei zurzeit schwer angesagte Pferdchen aus dem Berliner Stall auf der kleinen Studiobühne auftreten. Friends Of Gas sind eine Münchner Post-Punk-Band und ihr suizidal-nihilistisch-nazistische Assoziationen auslösender Name gibt die Richtung vor. Wut und Verdruss, die Ästhetik des Unfertigen, aufgenommen von Max Rieger von Die Nerven. »Fatal Schwach« ist ein monolithisches Gefühlsmanifest zwischen Hermetik und offener Wunde, ihre Waffe ist die Selbstentwertung: »Mein Körper ist mein Template!« krächzt Sängerin Nina Walser heiser ins Mikro. Chuckamuck haben im Frühjahr mit »Sayonara« ein neues Lebenszeichen herausgebracht, hoffentlich kündigt sich damit auch ein neues Album der Berliner Lo-Fi-Punks an. Zur nachmitternächtlichen Primetime tritt Danilo Plessow aka Motor City Drum Ensemble auf, der Mann garantiert mit seinem furztrockenen Deep House verschwitzte Leibchen.

 

17.8. Christuskirche: Krakow Loves Adana (20.30), Josin (21:40)

Das Duo Krakow Loves Adana aus Hamburg besteht aus Sängerin und Bassistin Deniz Cicek und Musiker Robert Heitmann. Die ersten beiden Alben kamen auf Cloud Hills Recordings raus, das neueste Album »Call Yourself New« auf dem kleinen Label Better Call Rob. Der Gesang von Cicek ähnelt Molly Nilsson oder Carla dal Forno, ihre Musik pendelt sich zwischen Indiepop und Shoegazewave ein. Die Eltern von Arabella Rauch aka Josin sind beide Opernsänger, da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Die Ex-Kölnerin debütierte live 2015 auf dem Reeperbahn-Festival, zuvor hatte sie die mit Phillipp Steinke (u.a. Boy) produzierte Debüt-EP »Evaporation« herausgebracht. Auf dem kleinen schwedischen Label Dumont Dumont ist Ende letzten Jahres die Single »Oceans Wait« erschienen, Vergleiche mit Thom Yorke und James Blake liegen nah.

 

17.8. Club Z: Snoffeltoffs (22h), Thumpers

Der knuffige Name könnte von einem Ikea-Möbel entliehen sein, er garantiert Aufmerksamkeit. Die Frohnauer Jungs Julian (Gitarre/Gesang) und Florian (Schlagzeug/Bass) entstammen der kleinen Berliner Garagerock-Szene (Julian hat mal bei Chuckamuck mitgespielt), sie vereint ihre Vorliebe für die Sonic und die Seeds. Ihren Garagenrock spielen sie mit Trashfaktor, viel Gespür für psychedelisch-schrammeligen Beat und einer fluffigen Post-Pubertäts-Attitüde. Ihr Debüt »Hokus Pokus« ist auf dem Berliner Label Snow White (u.a. auch Oum Shatt, s. 18.8.) erschienen. Die Briten Thumpers veröffentlichten ihr Debüt auf dem legendären Seattle-Label Sub Pop. »Galore« ist Indiepop à la Fleet Foxes oder Dirty Projectors mit mehrstimmigem Gesang, verspiegelt-verhallter Dreampopästhetik und prägnanter Rhythmussektion.

 

18.8. Gloria: Jadu Heart (21h), Faber (22h)

Das mit Masken auftretende Duo Jadu Heart aus London macht ambientesken Electropop mit R´n´B-Rhythmik, J-Dilla-Beats und melancholisch-euphorischen Gesang. Ende Juno kam ihr Debüt, die Doppel-EP »Wanderflower / Ezra´s Garden« heraus, und mit ihrem sachte retrofizierten Sound docken sie problemlos an zeitgenössische Hörgewohnheiten an. Ihr dunkel und warm funkelnder Neosoul kontrastiert hart mit dem Whiskeysamt des Ex-Restaurant-Sängers Faber. Julian Pollina alias Faber, Schweizer mit sizilianischen Wurzeln und Sohn von Folk-Sänger Pippo Pollina, macht hymnischen und feisten Polka-Chanson. Mit seinem Zürcher Dialekt trägt er Balladen im rau-brüchigen Gitane-Raucher-Stil vor, Anfang Juli ist sein Debüt »Sei ein Faber im Wind« herausgekommen.

 

18.8. Stadtgarten Saal: Junius Meyvant (19:45), Acid Arab (0.30), I-F (2.30) + Oum Shatt (21.45), Niklas Wandt (23h, je im Restaurant)

Acid Arab veröffentlichten bislang auf dem bekannten French-House-Label Versatile, ihr Long-Play-Debüt »Musique de France« hingegen brachten sie auf dem legendären Label Crammed Discs heraus. Das 2013 gegründete Produzentenkollektiv stellt sich mit dem Labelwechsel in eine experimentellere Traditionslinie. Das Kollektiv verbindet Deep und Acid House mit diversen afrikanischen Musiktraditionen, etwa solche aus Algerien oder dem Senegal. Mit »Fucking Consumer« lieferte der Niederländer Ferenc E. Van der Sluijs aka I-F Ende der 1990er einen Klassiker des New School Electro und mit »Space Invaders Smoking Grass« eine späte Post-Rave-Hymne ab. Vorher profilierte er sich als einer der wichtigsten Acid-Techno-Protagonisten (Acid Planet! Beverly Hills 808303!) der zweiten Welle. Vorher sollte man unbedingt im Restaurant vorbeischauen, dort spielen u.a. die Berliner Surfwave-Kombo Oum Shatt und der Kölner Ausnahmegitarrist Niklas Wandt.

 

18.8. Funkhaus: Martin Kohlstedt (20.30), Daniel Brandt (21:45)

Das Jauchzen von Keith Jarrett ist gegen seine Emotionalität geradezu harmlos. Martin Kohlstedt improvisiert nicht, er geht im Spiel auf. Mit Klavier, Elektronik und Fender Rhodes formuliert er seine eigene Version von Neoklassik zwischen Max Richter, Yann Thiersen und Hauschka. Kohlstedt erfindet das Komponierte beim Spiel neu, ein Kraftakt, der immer nahe am Kitschabgrund agiert. Geht der Balanceakt gut, ist man Zeuge von einer selten gewordenen Art Konzertabend: live und direkt. Nicht minder intensiv die Performance von Daniel Brandt. Bekannt geworden ist Brandt mit seinem Neoklassik-Ensemble Brandt Brauer Frick, nun hat er sein Solodebüt vorgelegt. Das Attribut »beeindruckend« ist obligatorisch, bespricht man seine hochpräzise durchkomponierte Musik. Mit »Eternal Something« positioniert sich Brandt ein weiteres Mal zwischen Minimal Music und Nils Frahm.

 

18.8. Hans-Böckler-Platz: Andreas Dorau (21h)

Am 7. Juli hat Andreas Dorau sein 10. Album herausgebracht, heute steht er auf dem Hans-Böckler-Platz direkt vor der Zentrale des Deutschen Gewerkschaftbundes auf der Bühne. Dorau ist natürlich der heimliche Headliner der diesjährigen c/o pop, der überlebensgroße Sänger und Entertainer aus Hamburg überstrahlt einfach alles, was sonst noch so während der pickepackevollen Tage so passiert. Auf seinem brandneuen Album »Die Liebe und der Ärger der Anderen« geht es natürlich, anders als der Titel behauptet, um Dorau und wie ER Liebe und Ärger empfindet, ein einzigartiges Artefakt der Empfindsamkeit in 20 Kapiteln. Titel wie »Hitler ist tot«, »Sybilla Maria Merian« oder »Die Liebe ergibt keinen Sinn« (Psst, Pet-Shop-Boys-Zitat!) gehen aber weit über den eng gesteckten Erlebenshorizont eines Individuums hinaus, das sind Formate, in die wir alle hineinpassen. Wie gesagt, überlebensgroß der Mann.

 

18.8. Studio: Heim (19.30), Brett (20.30), Tristan Brusch (21.30), Apeiron Crew (2h)

Ab ins Heim?! Heim ins Reich?? Hm. Was wohl der Name will? Die Band aus der bayrischen Provinz ist auf jeden Fall laut, melancholisch und wütend, die Gitarre ist lupenreiner J-Mascis-Sound, der Gesang pendelt zwischen Slackerphrasen und Emogebrüll. Sehr gut. Ende 2016 kam ihr zweites Album auf Tapete raus, Freunde von Die Nerven unbedingt vorbeikommen. Brett?! Aber auch sie sind besser als der Name verspricht, aber nur ein klein wenig. Der Gelsenkirchener Tristan Brusch ist so eine Art Ruhrpott-Sven-Regener. Er schafft nicht ganz so treffsichere Bilder wie der Element-Of-Crime-Sänger, aber dafür große und eher etwas wackelige, und kaum einer kann derzeit so schön gebunden über das Zeilenende hinweg singen wie er. Ein bisschen mittelspäter Rio Reiser, ein bisschen Schunkelschlager, eine Prise hanseatischer Indiechanson. Später am Abend darf man sich noch u.a. auf das angesagte Kopenhagener DJ-Quartett Apeiron Crew freuen. Die vier Frauen legen Techno nach dem Prinzip »No fillers, only killers« (Selbstaussage) auf. Na dann.

 

19.8. Gloria: Jordan Rakei (21.30), Her (22.40), L´Aupaire (24h)

Der schlaksige weiße Typ mit Dreitagebart ist so was wie der D´Angelo in einer weißgeschrumpften Hipsterversion. Vielleicht handelt es sich bei Jordan Rakei und seiner Musik aber auch nur um eine überzeugende Neuauflage britischen NuSouls der 1990er Jahre. Der australische Wahl-Londoner mixt Acid Jazz und R´n´B, heraus kommt roh funkelnder, puristischer Souljazz wie ihn BadBadNotGood spielen, dazu ein minimalistisch zeitgemäßes Hiphopgerüst und diese wunderbare Wigger-Soul-Stime. Zuletzt kam eine digitale Single im Juni auf dem Qualitätslabel Ninja Tune heraus. Danach sollte man unbedingt ausharren. Robert Laupert alias L´Aupaire wird nach einem Zwischenspiel des deutsch-französischen Indiepop-Duos Her das Publikum mit seinem handgemachten Americana-Folk-Pop heiß spielen, das darf als ausgemacht gelten. Der Gießener gilt als Rampensau.

 

19.8. Funkhaus (Bismarck-Saal): Dorit Chrysler (21h), Perfume Genius (22h)

Mike Hadreas macht sich Sorgen. Zu recht. Die Selbstverständlichkeit, mit der Homosexuelle in bestimmten (groß-)städtischen Milieus in den U.S.A. leben konnten, droht gerade wie das Eis am Nordpol dahin zu schmelzen. Unwiderruflich errungen geglaubte Errungenschaften zerbröseln im harten Griff einer neuen alten rechten Ideologie. Der 1981 geborene Sänger aus Seattle, Washington, sucht den Widerstand in der Liebe. Auf seinem ersten Album ging es noch um Themen wie sexuellen Missbrauch und Freitod, mittlerweile feiert Hadreas die zwischenmenschliche Liebe im Allgemeinen und im Besonderen die zu seinem Partner Alex, dem Keyboarder der Formation. Das Private ist wieder öffentlich, das hat Hadreas verstanden. Und so sind seine Songs weit mehr als höchstpersönliche Sehnsuchtslieder – sie sind politische Statements, hinter denen sich die freie Welt versammeln kann. Denn die Liebe ist in dieser zynisch-sarkastischen Welt voller Hass und Ressentiment die größte subversive Kraft. Eröffnet wird dieser queere Kammeropabend von Dorit »Chrysler« Kreisler. Die Österreicherin ist Vorsitzende der New York Theremin Society und tritt mit ihrem Space-Age-Pop à la Donna Regina und Molly Nilsson im CBGB genauso auf wie im Wiener Konzerthaus.

 

19.8. Stadtgarten Saal: 47 Soul (22h), Tchari Squad (23h)

Seit dem Arabischen Frühling wird im Westen Musik aus dem Nahen Osten und dem Maghreb immer selbstverständlicher, das ist eine erfreuliche Entwicklung. Die Gruppe 47Soul hat sich 2013 im jordanischen Amman gegründet, derzeit leben die vier jungen Männer gemeinsam in einer WG in London. Sie haben unterschiedliche Pässe, aber ihre Wurzeln liegen in »Palästina«, wie sie betonen. Sie verstehen ihre Musik und ihre Texte explizit als politisch und sich selbst als Kinder palästinensischer Flüchtlinge. So liegt die Vermutung nahe, dass ihr Name »47Soul« als Sehnsuchtstopos funktioniert, der an das Jahr vor der Gründung Israels erinnern soll. Immerhin artikuliert sich ihr problematisches politisches Engagement auf künstlerische Weise. Ihren Sound nennen sie Shamstep, eine Mischung aus Electro Dabke und Dubstep. Danach darf man sich auf das Tchari Squad freuen.

 

19.8. Club Z im Zimmermanns: Juri

Zum Schluss noch ein Abend im intimen Rahmen. Vier Bands aus der Republik, die allesamt am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht so etwas wie die deutschen Phoenix könnten Juri werden. Die sympathischen Kölner kokettieren allerdings derart mit ihrem Zivildienstleistenden-Charme, dass jede Idee von Hochglanzpop im Keim erstickt wird. 2018 soll ihr Debüt herauskommen, mit ihrer Debüt-EP »Neonpop« sind sie bereits jetzt auf Tour. Einige Schritte weiter in der Karriereplanung ist der Österreicher Matthew Wood. Der Paradiesvogel und Albrecht-Dürer-Lookalike hat mit den (Ex-)Kölnern Gregor Schwellenbach und Philipp Janzen (Von Spar) im Frühjahr sein Glampop-Debüt »Spectrum Of A Sinner« eingespielt und mit »Dancing Heels« bereits vor zwei Jahren ein Achtungserfolg gehabt. Desweiteren treten auf: Meta und Waking Up in Stereo.

 

15.10., Karies / Gewalt, Gebäude 9 SR präsentiert

Kevin Kuhn kann einfach nicht still sitzen. Mit den Wolf Mountains war der Schlagzeuger gerade noch im King Georg (6.10.), Die Nerven treten nächsten Monat in Düsseldorf auf dem New-Fall-Festival auf. Ende 2016 veröffentlichten die Stuttgarter ihr aktuelles Album mit dem fürchterlich schönen Titel »Es geht sich aus« (die Band behauptet, dass der Titel positiv gemeint sei), fürs kommende (Früh-?)Jahr ist das dritte Album angekündigt. Ihr Goth Punk (Referenzpunkte: frühe Christian Death, Bauhaus) mit der Energie der Wipers und dem wabernden Schlagzeug-Drive von Hüsker Dü funktioniert immer noch sehr gut, der Bass bleibt runtergestimmt. Und sie sprechen weiter von nicht genau benennbaren Gefühlslagen mittels textlicher Doppelbödigkeiten, auch das geht sich aus. Und jetzt kommen sie ins Gebäude. Zusammen mit Gewalt. Die Paarung gab es in Köln schon ein Mal. Gemeinsam spielte man im Frühjahr im Klub Privat, dem Vernehmen nach war es ein denkwürdiger Abend. Es sollte mit dem Teufel zu gehen, sollte das heute Abend anders werden.

 

17.10., Mogwai, E-Werk SR präsentiert

Am Anfang war die Verweigerung. Als Bands wie Slint das Genre Postrock definierten, galt es, der großen, maskulinen Geste abzuschwören. Der Härte wurden zögerliche Töne entgegengesetzt, der Epik Schlichtheit. Und das Wichtigste: es gab keine Erlösung, keine Katharsis. Als Mogwai Mitte der Neunziger mit »Young Team« debütierten, überführten die Glasgower Lads das ganze Genre in ihre Schlussphase. Sie adaptierten die Dramaturgie eines Technosets (build tension, release tension, repeat) und durchpulsten die Körper ihres Publikums mit dem wohligen Schauder der Läuterung. Während Bands wie GYBE diese Spielart der Rockmesse perfektionierten (und mit dem Genre untergingen), suchten Mogwai nach neuen Wegen. Die Celtic-Glasgow-Fans nahmen u.a. den Score für eine Doku über Zinedine Zidane auf, ihre Alben wurden elektronischer und auch poppiger. Das gefiel nicht jedem, aber sie festigten mit kontinuierlicher Arbeit ihre treue Fangemeinde. Ihre neue Scheibe »Every Country´s Sun« wurde von Pitchfork vollmundig gelobt – Zeit also für ein Wiedersehen.

 

27.10., Week-End I, Stadthalle Mülheim SR präsentiert

Der erste Tag des famosen Festivals lockt mit großartigen Außenseiterfiguren, die in den letzten Jahren medienübergreifend gefeiert wurden: Laurel Halos Debüt wurde 2012 nicht nur vom Wire gefeiert, und der Digital-R’n’B der Wahlberlinerin pendelt auch auf ihrem aktuellen Album »Dust« irgendwo zwischen Sinogrime, 4-AD-Esoterik und Hypermoderne. Shintaro Sakamoto war Kopf der semi-legendären Psycherockband Yura Yura Teikoku, seit einigen Jahren ist er mit einer transpazifischen Mischung und viel schwarzem Humor als Solokünstler unterwegs. Devendra Banhart und Mac DeMarco sind bereits Fans. Holly Herndon aus San Francisco steht in der Tradition der Neofolk-Schamanen von Coil und vor allem von IDM-Pionier Aphex Twin, ihr Debüt bekam allerorten Höchstwertungen. Juana Molina schließlich ist schon seit 25 Jahren unterwegs. Der weirde Latin-Folktronica-Sound der argentinischen Ex-Sitcom-Schauspielerin wurde im Laufe der Jahre immer komplexer, auf dem aktuellen Album »Halo« positioniert sich die 55-jährige ganz unspektakulär zwischen den Spätwerken von Scott Walker und David Bowie.

 

28.10., Week-End II, Stadthalle Mülheim SR präsentiert

Über dem Laurel Canyon geht die Sonne auf, wenn Devendra Banhart anfängt zu singen. Der venezolanisch-amerikanischer Hippie-Star ist der Headliner des zweiten Weekend-Tags, zwischen Raga, psychedelischer Tropicalia, esoterischem Freeform-Folk und zuletzt sogar Saigon Disco hat er wenig ausgelassen, was die südkalifornische Sonne zum scheinen bringen könnte. Pascale Comelade stammt aus dem ebenfalls sonnigen Montpellier. Der eigensinnige Katalane debütierte 1975 mit hypnotischem Minimal-Krautrock, spielte dann famosen Post-Punk mit Fall Of Saigon und nahm in seiner 40-jährigen Karriere Alben mit Robert Wyatt, PJ Harvey und Faust auf. Sein schillerndes Werk bewegt sich zwischen RIO-Krautrock, Minimal Music à la Yann Thiersen und naiver Musik in der Nachfolge von Erik Satie. O Terno ist eine ziemlich grandiose Neo-Tropicalismo-Truppe aus Rio, die sich zurecht in die Tradition der Os Mutantes, der Beatles und der Kinks stellt. Und Julie Byrne aus Buffalo, NY, ist neben Angel Olsen der neue Stern am dunkel glitzerden Folk-Himmel.

 

3.10. Louise Landes Levi (USA)

»Her poems sing in the mind and dance through the heart and throat, and arms & legs, w. great clarity and bliss. Louise is Saraswati, goddess of poetry.« Das Zitat stammt von John Giorno, seines Zeichens Schlüsselfigur der New Yorker Beatnik-Szene. Die indische Göttin verkörpert die perfekte Rede, Giornos Lob ist also nicht gerade tiefstapelnd, auch dann nicht, wenn man annimmt, dass der göttliche Funke in jedem Lebewesen steckt. Louise Landes Levi studierte zudem Sitar bei Annapurna Devi, der Frau von Ravi Shankar, und das Streichinstrument Sarangi bei niemandem geringerem als Ali Akbar Khan. Der berühmte Sarodspieler hat in seinem kalifornischen Exil u.a. auch Arthur Russell unterrichtet. Levi war zudem Gründungsmitglied der Hippie-Street-Theatre-Gruppe The Floating Lotus Magic Opera Company und Teil von La Monte Youngs Theatre of Eternal Music. Heute Abend Love & Peace im KG!

 

14.10., Grave Pleasures, Jungle Club

»Be my Hiroshima, be my great destroyer« knödelt Khvost, Sänger der finnischen Gothkapelle Grave Pleasures. Der in Helsinki lebende Brite mit dem bürgerlichen Namen Mathew McNerney stand in seiner Karriere schon Bands mit Namen wie Vomitorium und The Tragedians vor, bevor er zu Beastmilk, der Vorgängerband der »Gruftvergnügungen«, stieß. Bei den Grave Pleasures paaren sich die unbegleitete Lektüre von Aleister-Crowley-Gedichten mit pubertärem »Jungs«-Humor, Männerabendstimmung mit Humoralsaftphilosophie, Hardrockattitüde mit dem Erbe der späten 1980er-Jahre-Goth-Szene wie es epigonale Bands wie Love Like Blood verwalteten. 2015 erschien ihr zweites Album »Dreamcrasher« auf Sony bzw. Metal Blade, letztes Jahr folgte die Single »Funeral Party«. Be my Hiroshima, be my great destroyer!

 

17.10., reiheM: Meinecke & Move D, Gewölbe

Thomas Meinecke ist so etwas wie der Ethnograph des Black Atlantic. Seit Jahren zeichnet der Musiker (F.S.K.) und Schriftsteller (zuletzt der Roman »Selbst«) in seinem mäandernden Werk die Wege der Musik der afrikanischen Diaspora nach, in letzter Zeit besonders als Protegé des Chicago-House-Genres Footwork. Meinecke ist an den Mikrogeschichten interessiert, in denen sich die großen historischen Erzählungen kristallisieren. Mit seinem Langzeitkollaborateur, dem House-Produzenten und DJ David Moufang aka Move D, produzierte er 2015 für den Bayerischen Rundfunk das Hörspiel »On the map«. Das Hörspiel mit dem sonoren Meinecke-Sound ist ein musikalisches Porträt der Städte St. Louis, Chicago, L.A. und Houston, es geht also um Orte und Geschichten der amerikanischen Clubmusik. Heute führen die beiden das Hörspiel im Club auf, ein seltener Fall von Popkulturgeschichtsschreibung am Ort des Geschehens.

 

19.10., Werner Neumann & Napoleon Murphy Brock, Loft

Napoleon Murphy Brock sang 1973 in einer Coverband im Nachtclub des Coral Reef Hotels auf Hawaii und Frank Zappa, der gerade auf der Insel weilte, engagierte ihn vom Fleck weg für seine Band. Der charismatische Lockenkopf war zwischen 74 und 84 Sänger der Mothers Of Invention, ist u.a. auf »Sheik Yerbouti« zu hören, spielte mit diversen Zappa-Gedächtnis-Kapellen, zuletzt mit den Grandsheiks. Bei den war auch schon Werner Neumann Gast. Der Duisburger Gitarrist studierte u.a. bei Pat Metheny und Atilla Zoller, nahm mit Keith Copeland und Simon Nabatov auf und war über anderthalb Jahrzehnte Gitarrist bei Wolf Maahn. Neumann ist bis heute mit der Kölner Szene assoziiert, seit 2006 ist er Professor in Leipzig. Mit Brock und weiteren Mitstreitern wird er heute Abend Lieblingsstücke spielen, die ein oder andere Zappa-Nummer wird sicherlich dabei sein.

 

22.10., Dead Kennedys, Kantine

Die Dead Kennedys spielen schon wieder in der Stadt. Erst vor ziemlich genau einem Jahr war die legendäre Punkband aus San Francisco in Köln zu Gast. Dass ist häufig für eine Band, die seit 1986 aufgelöst ist. Egal, es ist viel über den Casus Dead Kennedys gesagt worden – die Auftritte ohne Jello Biafra sollen trotz allem amtlich sein. Dessen Vertretung Skip Greer schlage sich, so Ex-Titanic-Redakteur Oliver Maria Schmitt in der FAZ (sic!) vor zwei Jahren, wacker. Dass die Gründungsmitglieder Klaus Flouride und East Bay Ray ihre Sache gut machen würden, war zu erwarten. Dummerweise fiel Schlagzeuger DH Peligro in Berlin ebenfalls aus und musste ersetzt werden. Wie das zuletzt in Köln war? Keine Ahnung – trotz meiner Ankündigung an gleicher Stelle, war ich letztes Jahr nicht im Publikum. Ob ich mich dieses Mal durchringen werde? Wer weiß…

 

24.10., Sounds Wrong, Feels Right: Pharmakon, Studio 672

Die Auftritte von Margaret Chardiet sind Therapien. Kuriert werden wahlweise Körpertraumata, schwere Abartigkeiten oder diverse andere Belastungsstörungen. Oder einfach nur Wut, Frustration und Langeweile. Die endzwanzigjährige Künstlerin aus dem Brooklyner Hipsterviertel Bushwick hat sich nach dem griechischen Fachterminus für »Gift, Droge, Arznei« benannt, das ist kein Zufall. Je nach Gemütszustand wirken ihre Auftritte toxisch oder eben heilend, dazwischen gibt es wenig Spielraum. Chardiet gehört schon zu den Veteranen der derzeitigen New Yorker Noise-Szene, auf Sacred Bones sind bisher drei Pharmakon-Alben erschienen, vorher war sie bereits auf Veröffentlichungen von Prurient zu hören. Das aktuelle Album »Contact« arbeitet wie gewohnt mit Ekel, Power Electronics und Tonnenweise Noise.

 

24.10., Downtown Boys, Tsunami

Ob ihr drittes Album »Cost Of Living« auf die Single »Do They Owe Us A Living?« antwortet? Möglich ist das, Ähnlichkeiten mit der legendären UK-Anarchopunk-Band Crass, die das Stück 1978 veröffentlichten, sind gegeben. Und Victoria Cruz, Ausnahmesängerin der Downtown Boys, wirkt ein wenig wie die Latinoschwester von Eve Libertine. Die Truppe mit Brasssektion aus Providence, Rhode Island, ist auf jeden Fall verdammt gut und gibt in Trumpamerika ein gutes Update der einst in Thatchers England wichtigsten Politkommune ab. Der Rolling Stone nannte sie gar in einer lichten Sekunde »America’s most exciting punk band« und lag damit nicht ganz falsch. Ihr Debüt, das sie 2015 ins Rampenlicht katapultierte, hieß »Full Communism«, nach Eigenbekunden ist damit eine hoffnungsvolle Vision gemeint. Angesichts der derzeitigen Staatsdemontage in den U.S.A. macht das absolut Sinn.

 

27, 28.10., Week-End Fest, Stadthalle Mülheim SR präsentiert

Das vielleicht beste Avantpop-Festival der Republik überrascht wieder mit einem grandiosen Aufgebot: neben dem denkwürdigen Auftritt von Hippie-Star Devendra Banhart mit dem Neo-Magazin-Royal-Orchester und Jherek Bischoff sind vor allem die Auftritte von Juana Molina, Pascale Comelade, Holly Herndon und O Terno definitive Höhepunkte. Molina arbeitet seit 25 Jahren an einer okkulten und elektrifizierten (und dabei höchst eigenwilligen) Form südamerikanischen Folks, Comelade ist der ewige Geheimtipp unter den Erik-Satie-Nachfolgern und betörender Grand-Seigneur des Naiv-Pop, Herndon Wiedergängerin der goldenen IDM-Ära und Schamanin des digitalen Alltags, O Terno fantastische Fortsetzung feuchter Tropicalia-Träume. Aber seien wir ehrlich: die Hypermodernistin Laurel Halo und den Transpazifiker Shintaro Sakamoto sollte man auch nicht verpassen! Es gibt also keine Ausrede fürs Blaumachen, wenn an diesem Herbstwochenende der gegenwärtige Stand der anspruchsvollen Popmusik vermessen wird.

 

2.11. Digging the Global South I

Das Kölner Festival zur »Realitätsreserve« des reichen Nordens bietet quasi die Grundlage für die aktuelle Pluriversale »Stealing From The West«. Wenn diskutiert wird, ob sich der Globale Süden derzeit die westliche Kultur aneignet und damit aktiv auf  seine Kolonisierung in der Vergangenheit reagiert, erzählt »Digging the Global South« dazu die Vor- bzw. Komplementärgeschichte. Den musikalischen Auftakt für das Konzert-Panel-Festival macht der baskische Anti-Copyright-Aktivist Mattin mit Moor Mother, der medienübergreifend gefeierten US-amerikanischen Noise-Musikerin aus Philadelphia. Mattin ist für seine transgressiven Formate zwischen Konzert und sozialer Installation bekannt und ist mit dieser Programmatik prädestiniert für die Rolle des Taktgebers des Festivals. Weiterer Höhepunkt des ersten Tages: der Auftritt von Rough Americana, einem Projekt von Gitarrist Morgan Craft und der fantastischen Mutamassik. Guilia Loli aka Mutamassik ist seit über 15 Jahren mit ihrem »Afrocentric breakbeat«, der sich gleichberechtigt aus Sun-Ra, Punkrock und Hiphop speist, eine der versiertesten Diggerinnen der Musik des Globalen Südens.

 

3.- 4.11. Digging the Global South II-III

Am zweiten und dritten Tag des Festivals werden Künstler aus Wien, Johannesburg, Berlin, Lissabon, Durban und Kairo der Frage musikalisch auf den Grund gehen, wie das Verhältnis des Globalen Südens zum reichen Norden aufgestellt ist: als Realitätsreserve oder als Kultur-Reconquista unter umgekehrten Vorzeichen? U.a. treten auf: Lukas Ligeti ist der Sohn des berühmten ungarischen Nachkriegskomponisten György, sein Hauptinstrument ist ein Midicontroller namens Marimba Lumina, Referenzpunkte sind John Zorns Tzadik-Label, Battles und Burkina Faso. FAKA aus Johannesburg ist vermutlich das derzeit spannendste Black-Queer-Performance-Duo Südafrikas. Der angolanischstämmige DJ Marfox ist einer der bekanntesten Protagonisten des derzeit angesagten Lissaboner »Ghetto Sounds«, eine Mischung aus Kuduro und House. DJ Lag aus Durban, Südafrika, schließlich bringt den neuesten Hype vom Kap nach Köln: Gqom! Gekrönt wird die letzte Nacht mit einem Auftritt von Klein, einer nigerianischstämmigen Londonerin, die wagemutig Gospel, Beyoncé und Hi-Def-Glitch kombiniert.

 

15.11., Quicksand, Luxor SR präsentiert

Neben Helmet und Fugazi gehören Quicksand zum wirkmächtigen Schwanengesang der Hardcore-Szene. Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahren war das Golden Age Of Hardcore bereits Geschichte, als einige zentrale Szeneprotagonisten sich mit neuem Sound präsentierten. Neben Helmets »Meantime« und Fugazis »Repeater« war das Quicksands »Slip«. Emo, Grunge und Crossover passierten zeitgleich und der neue wuchtige und zugleich komplexere Sound brachte dem Genre massive Erfolge beim Mainstreampublikum. Quicksand tourte mit Rage Against The Machine und Offspring, spielte ein zweites gutes Album ein und verschwand. Was folgte, waren Bands wie Limp Bizkit aber auch At The Drive-In. 2017 ist offenbar genug Sand das Stundenglas runtergerieselt: Walter Schreifels und seine Kumpanen haben wieder ein Album eingespielt. Auf »Interiors«, das vor ein paar Tagen erschienen ist, hören sich die Jungs um kein Fünkchen anders an als vor 20 Jahren.

 

16-18.11., KLAENG Festival, Stadtgarten

Das Kölner Jazz-Improv-Kollektiv wurde im August 2009 gegründet und versteht sich als offenes Netzwerk. Gründungsmitglieder sind Kölner Improv-Konstanten wie Jonas Burgwinkel, Tobias Christl, Pablo Held, Tobias Hoffmann, Niels Klein, Frederik Köster und Robert Landfermann. Mehrmals im Jahr veranstaltet man Festivals mit hiesigen wie internationalen Künstlern. Nun bittet das Netzwerk zum herbstlichen Stelldichein und hat wieder einige illustre Gäste eingeladen. Ob der Brasilkölner Aleatoriker Paulo Álvares mit einem Soloklavierkonzert, der US-amerikanische Universalsaxofonist Scott Robinson mit seinem Pulp-Sci-Fi-Projekt, der frischgebackene Kölner Sax-Prof Niels Klein mit seinem Indie-Jazz-Quartett, der ECM-Gitarrist Ralph Towner solo, die niederländische Saxofonistin Tineke Postma mit ihrem neuen Ensemble, der Gospelfreejazz von Hütte oder der Analog-Synthesizer-Veteran Thomas Lehn im Duo mit der Violinistin Tiziana Bertoncini – 3 Tage pickepackevoll mit Höhepunkten des Gegenwartsjazz!

 

1.11., Marker Starling / Nicholas Krgovich, King Georg

Den Kanadier Chris Cummings verbindet eine lange Geschichte mit der Domstadt. Sein zweites Album unter dem Alias Mantler erschien 2002 auf dem damals in der Bismarckstraße ansässigen Label Tomlab, seither ist die Verbindung nicht abgerissen. Auch die Folgealben kamen bei dem Qualitätslabel unter, 2014 sang er bei der Köln-Berliner New-Age-Krautpopinstitution Von Spar. Seither nennt sich Cummings Marker Starling, sein »lounge-crooning soul« (XLR8R) besticht aber immer noch mit einer unnachahmlichen Mischung aus unaufgeregter Nonchalance, viel Gefühl und unprätentiöser Sophistication. Auf seinem aktuellen Album wird er u.a. von Ex-Stereolab-Sängerin Laetitia Sadier unterstützt, deren aktuelle Scheibe Cummings wiederum arrangiert hat. Ein Buddy von Sadier ist auch Nick Krgovich, der heute für Cummings eröffnet.

 

6.11., Cro Mags, MTC

Am Horizont drohte immer schon ihr Untergang. Ihr Erstling »Age Of Quarrel« aus dem Jahr 1986 zeigte auf dem Cover eine Atomexplosion und überraschte mit einer wüsten Mischung aus britischem Oi-Punk, Martial-Arts-Darbietungen, Hare-Krishna-Veganismus und Trash Metal. So bildete man mit Bands wie Sick Of It All für ein paar Jahre eine seltsame Phalanx ultrabrutaler Musik, deren Gesellschaftskritik immer schon fehlging. Homophobie und rechtsextreme Ideen zeugten vom kaputten Kompass des Machismo-Hardcores. Die Band zerstritt sich, Höhepunkt war eine Messerstecherei vor 5 Jahren. Wem das alles egal ist, kann heute eine Rumpfversion der Band erleben, Sänger John Joseph und Drummer Mackie Jayson halten als einzige Gründungsmitglieder die Fahne der Höhlenmenschen hoch.

 

8.11., Sounds Wrong Feels Right: Wilted Woman, Amirta Kidambi, DJ Shlucht, Studio 672

Die letzte Ausgabe von SWFR dieses Jahr wird noch mal lustig. Wilted Woman macht rudimentären Techno – schranzige EBM-Beats rollen in Endlosschleife, darüber tanzen kantige Acidmelodien bevor das Ganze im Echoraum zerstiebt. Sie hat seit 2014 bereits 7 Cassetten veröffentlicht, als DJ Puddle mixt die Berlinerin F.S.K., Michel Legrand und Ministry, it´s »like grilling in the graveyard«. Amirta Kidambi ist eine New Yorker Experimentalvokalistin. Ihre Stimmkunst, die sie mit einem Harmonium begleitet, bewegt sich zwischen Stockhausen, Sufi und Alice Coltrane, sie selbst gibt sich inspiriert von Varèse und Free Jazz. DJ Shlucht wiederum hat eine Cassette auf dem kleinen aber feinen Antwerpener Label Stenze Quo Musik rausgebracht und  arbeitet vornehmlich mit Tapeloops und Skypeanwahltönen.

 

8.11., Clandestine Trio (Sun City Girls), Blue Shell

Die Sun City Girls haben ihren festen Platz auf dem Olymp des US-Avantgarde-Rock. Allerdings auf der Schattenseite. Das Trio, bestehend aus den Gebrüdern Bishop und Charles Gocher, existierte von 1983 bis 2007, veröffentlichte mehrere Dutzend Cassetten und Vinylalben, verließ aber nie den Underground und ist bis heute mit ihrem weit verzweigten Ouevre nur wenigen Eingeweihten in Gänze bekannt. Seit der Auflösung sind die Bishops in unterschiedlichsten Konstellationen unterwegs, Alan lebt in Kairo und hat sich in die dortige Szene eingelebt, Richard in den letzten Jahren etwas zurückgezogen. Den 2007 verstorbenen Schlagzeuger Gocher ersetzt am heutigen Abend der renommierte US-Avantgarde-Drummer Chris Corsano. Das Konzert ist das einzige in Europa und das erste Mal seit 10 Jahren, bei dem die Bishops zusammen auf der Bühne stehen. Pflichttermin!

 

9.11., IMPAKT : KONTRAST 5 – James Ilgenfritz Quartet, Stadtgarten

Bassist und Komponist James Ilgenfritz ist eigentlich im Avantgardejazz zu Hause. Ilgenfritz spielte aber erst in Detroit in einer Noise/Progrockband, bevor er schlussendlich in Brooklyn, der ewigen Hipsterbrutstätte, landete. Dass er sich im Spannungsfeld zwischen den Swans und John-Zorn-Formaten bewegt hat, hört man seinem Kontrabassspiel nur in vereinzelten rohen, zuweilen noisigen Momenten an. Ilgenfritz beherrscht vor allem die kleinteilige, detailversessene Arbeit des Improvisationsjazz, und darin korrespondiert er am besten mit Größen wie Chris Speed, Steve Swell oder Tim Berne. Oder mit seinem Quartett, bestehend aus dem Schlagzeuger Gerry Hemingway (Ex-Mitglied des Anthony-Braxton-Qrts, VÖ u.a. Tzadik und Intakt), der Saxofonistin Angelika Niescier und dem Cellisten Nathan Bontranger.

 

19.11., Locas In Love, Britney

Vor 10 Jahren erschien »Saurus«, die zweite Platte von Locas In Love. Das ist nun der Anlass für eines dieser Jubiläumskonzerte, die Scheibe wurde selbstverständlich gerade in einer »aufwendig gestalteten Neuauflage« wiederveröffentlicht. Die Kölner Band um Stefanie Schrank kam damals mit dem Album sogar bei den Intro-Leser-Charts »nur« auf Platz 20, und an diesem Geheimtippstatus hat sich bis heute eigentlich nichts geändert. Die novemberliche Sause im Britney wird also wieder so etwas wie ein freundliches Familientreffen, Texte werden mitgesungen, Insiderwitze ausgetauscht, Schultern geklopft. Und zu Sätzen wie »Ich war es nicht, es war Mabuse, er benutzte mein Gehirn« liegt man sich dann in den Armen und schunkelt sich durch die Nacht.

 

24.11., reiheM präsentiert: Club Moral / Vomit Heat

»Mit neuen Waffen« hieß das erste Album von Club Moral. 1982 in Belgien sicherlich keine zimperliche Geste. Passend die Musik: Tiroler Volksmusik meets Power Electronics. Dazu wird das »R« gerollt und allerlei Kannibalisches kundgetan. Die 1981 von Anne-Mie van Kerckhoven und Danny Devos in Antwerpen gegründete Industrialband steht auf Konfrontation und Provokation. Ihr gleichnamiges Label, auf dem Genrevorreiter wie Nurse with Wound und Whitehouse veröffentlicht wurden, stieß ins selbe Horn. Die dumpf »Für Ilse Koch« betitelte Labelkompilation versammelte Heinrich Himmler, Charles Manson und Aleister Crowley. Mittlerweile sind Devos und Kerckhoven Teil der Kunstszene, 2016 hatte letztere eine Ausstellung im Museum Abteiberg in Aachen. Vomit Heat ist der Wahlkölner Nils Herzogenrath. Der Multiinstrumentalist macht seit 2009 experimentelle und »dysfunktionelle Popmusik«.

 

24.11., Julius Eastman, Kunst-Station St.Peter

Julius Eastman ist einer der große Unbekannten in der Geschichte der Minimal Music. Als Sänger und Musiker ist sein Weg ausreichend dokumentiert: Er gehörte zur Downtown-Szene um Arthur Russell und sang bei der Proto-House-Gruppe Dinosaur L, der klassisch ausgebildete Sänger ist auch auf Meredith Monks »Dolmen Music« zu hören und er spielte als Pianist Morton-Feldman-Stücke ein. Aber erst in den letzten Jahren wird das Werk des bereits 1990 verstorbenen Komponisten wieder entdeckt, und das Echo im Avantpop ist beachtlich: 2013 interpretierte etwa Jace Clayton aka DJ Rupture, 2017 die Post-Post-Punk-Avantrock-Gruppe Horse Lords Stücke von Eastman. Die Musik des schwulen und schwarzen Komponisten ist auch ganz anders gepolt als die seiner weißen, viel berühmteren Kollegen. Er hat keine Kontemplation, sondern das revolutionäre Potenzial in der Musik gesucht: seine Minimal Music ist energetisch, wütend und aufwühlend. Das Ensemble Tra I Tempi wird einige seiner zentralen Stücke aufführen, u.a. das für 4 Pianos geschriebene »Crazy Nigger«.

 

27.11., SR präsentiert: Grandbrothers, Bahnhof Ehrenfeld

Dass das Klavier auch ein Percussioninstrument ist, das haben bereits die Avantgardekomponisten vor über einem halben Jahrhundert gewusst. Und die Saiten des Klaviervorläufers Zither wurden auch schon vor Jahrhunderten mit Schlegeln gespielt. Das was die Grandbrothers tun, hat also eine lange Vorgeschichte. Allerdings ist ihr Sound derart zeitgemäß, dass man derlei historische Reflexion schnell unter den Flokati kehren kann. Die Grandbrothers sind Erol Sarp und Lukas Vogel aus Düsseldorf. Sarp ist ausgebildeter Jazz-Pianist, Vogel baut Synthesizer bei Access Music. Auf ihrem Debüt-Album »Dilation« (2015) benutzten sie lediglich ein Grand Piano und selbstgebaute elektromechanische Hammer, mit denen die Klaviersaiten zusätzlich gespielt wurden. Der konzertante Aufbau ist eine Operation am offenen Flügel, heraus kommt präpariertes Klavier als Dancepop, oder auch ECM-Jazz für EDM-Raver!

 

5.12., Faust, King Georg

Gegründet 1970 in einer Hamburger Kommune mit dem Namen »Toulouse-Lautrec-Institut«, wirkte die legendäre Krautrockband in den nächsten 5 Jahren besonders im UK. Dort wusste man die nach dem berühmten Teufelsherausforderer (und der revolutionär geballten Faust) benannte Band einfach mehr zu schätzen (ähnlich wie bei die Kollegen von Can). Mit ihren ersten drei Alben und der Indie-Bestseller-Kompilation »Tapes« (über 100.000 verkaufte Einheiten; in England zum Kampfpreis zu 48 Pence!) haben sie einen gewichtigen Beitrag zur Geschichte experimenteller Rockmusik eingespielt. Nun kommt FaUSt (eine der beiden Bands, die mittlerweile unter dem Namen aktiv sind) mit den Gründungsmitgliedern Zappi Diermayer und Jean-Hervé Péron nach Köln in einen kleinen intimen Klub; man präsentiert das u.a. mit Jürgen Engler (Die Krupps) eingespielte neue Album »Fresh Air«, das wieder absolut überzeugenden Faustrock bietet.

 

9.12., Unholy Passion Fest No 2: ULTHA, ESBEN & THE WITCH, UNRU, MORAST, Gebäude 9

Beim zweiten Unholy Fest handelt es sich wieder um eine familiäre Zusammenkunft. Die Kölner Blackmetalband Ultha haben Freunde eingeladen, selbstverständlich steht dabei der Auftritt von Esben & The Witch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Brightoner machen majestätischen Goth-Postrock: nach den ersten Platten, bei denen mit Tom Morris von 4AD zusammengearbeitet hat und ihr Sound im Sumpf von Neo-Gothhausen und Shoegazeville versank, hatte Altmeister Steve Albini ihrem verwaschenen Sound mit knarrigem Blues und explosivem Post-Rock klare Konturen gegeben. Die Albini-Kur hat ihnen gut getan, seither präsentieren sie sich geerdet und zugleich ambitionierter, ihr aktuelles Album bietet ausschließlich Stücke, die die 10-Minuten-Grenze hinter sich lassen. Band des Abends könnte indes Unru aus Bielfeld werden, ihr mit Crust-Screamo-Black Metal ist wenig aufgepumpt, kommt aber mit viel Höllenhall.

 

2.12., Friends of Gas, King Georg

Der Münchner Band mit dem halbgaren Namen ist die vielleicht interessanteste Staatsakt-VÖ im letzten Jahr gelungen. Auf »Fatal schwach« leuchtet nichts, verschatteter Nihilismus heißt das Programm. Klirrende Gothic-Gitarren, redundante Rhythmusarbeit und der heisere Gesang von Nina Walser, dazu hyperbolische Metaphern, immer nah am Kitschabgrund. Referenzen sind Joy Division, Kolossale Jugend und zuweilen sogar Queens Of The Stone Age, Max Rieger von Die Nerven hat ihr Debüt produziert. Das hat Wucht, und es kommt aus München. Unwahrscheinlich geht die Welt zu Grunde!

 

5.12., Lydia Lunch Retrovirus, Sonic Ballroom

Lydia Anne Koch, die große Musikerin mit dem Künstlernamen Lunch, gründete vor genau 40 Jahren die schnell zur Legende gewachsene No-Wave-Band Teenage Jesus & The Jerks. Und drehte mit Leuten wie Richard Kern schmutzige Filme, die Gewalt, Selbstmord, Heroin und Sex verherrlichten und als Cinema Of Transgression in die Filmgeschichte eingingen. Seither hat sich die Frau, die ihre Promiskuität wie eine Trophäe vor sich herträgt, für all die Transen und Transsexuals, die Geschlagenen und Geschundenen eingesetzt oder sich zumindest zu deren Schutzheiligen befohlen. Und Musik gemacht: in den letzten 4 Dekaden kam fast jedes zweites Jahr ein Album der »Queen Of Siam« raus. Nun kommt sie mit ihrer Retrovirus-Kombo, zu der auch »Flying Lutterbacher« Weasel Walter gehört, nach Köln.

 

9.12., Broken Sound: Moleglove & Tom White, Stadtgarten

»Es ist nicht der Wille, der uns zum Handeln bewegt, sondern immer ist es die bildhafte Vorstellung einer Idee. Umso klarer unsere Vorstellungskraft ist, umso mehr besteht die Aussicht auf Verwirklichung.« Der obskurantistische Berliner Kunstkombo Column One, die von 1993 bis 2016 existierte, ging es um die Totalität der Kommunikation und Suggestion. Alles kommuniziert unentwegt und muss dekodiert werden. Alles changiert zwischen Transparenz und Verdunklung, Konzept und Konkretismus, Verdichtung und Zerfließen. Aus Column One ist nun Moleglove geworden, und mit Rashad Becker hat man den großen Berliner Produzentendesigner von Dubplate & Mastering, der bereits bei den letzten CO-VÖ gemastered und mitgespielt hatte, fest ins Team geholt.

 

9.12., Aquaserge, King Georg

Dass die französische Band seit letztem Jahr auf dem exquisiten und legendären Brüsseler Label Crammed Discs veröffentlicht, ist kein Wunder. Die Band, die aus den Trümmern der Toulouser Band Hyperclean hervorging, passt mit ihrem Mix aus YéYé-Psyche, Gainsbourgischer Filmmusik, heliocentrischen Horns und Canterburieskem Acid Jazz hervorragend ins Labelroster. Der Kern der Band hat zudem einschlägige Erfahrungen: Keyboarder Julien Gasc spielte eine Zeit lang bei Stereolab, das Tame-Impala-Mitglied Julien Barbagallo wiederum spielt bei Aquaserge Drums. Als Inspirationsquellen der Band, die zuweilen zu einem ganzen Kollektiv anwächst, darf man folgende illustre Paradisevögel annehmen: Jean-Claude Vannier, Lard Free, Heldon und Michel Colombier.

 

12.12., Zeitinsel, Residency 2017 feat.Anna Webber, Stadtgarten

Anna Webber spielt ihr Saxophon mit beeindruckender Präzision. Was bei Kollegen willkürlich entsteht, spielt sie aus, die kleinste Kurve wird von ihr konturiert. Diese Präzision und die dadurch entstehende Beherrschung des Klangbildes, die Kleinteiligkeit ihres Spiels – all das überträgt sie auf die Kommunikation mit ihren Partnern. Heraus kommt eine ungemein spannungsreiche Musik der schillernden Bezüge, die improvisatorisch entstehen und aber kompositorisch im Spiel weitergedacht werden. Die New Yorkerin tritt in der Zeitinselresidenz die Nachfolge von Peter Evans an und stellt gemeinsam mit Nathaniel Morgan (Drums) und Liz Kosak (Piano) ihr Schaffen vor. Als Counterpart hat Webber das Progjazz-Duo Pranke eingeladen.

 

20.12., KLAENG – die Serie #12 mit Dieter Manderscheid, Stadtgarten

Er hat mit Günter Baby Sommer, Frank Gratkowski, Ekkehard Jost und Peter Brötzmann aufgenommen, Thomas Heberer, Dirk Raulf und Wollie Kaiser sind langjährige Weggefährten. Er ist seit über 35 Jahren fester Bestandteil nicht nur der hiesigen Szene, seit 15 Jahren Professor an der Musikhochschule Köln. Der gebürtige Trierer, der letztes Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, spielte aber auch mit dem Ensemble Modern zusammen, die Grenzen zwischen Improvisierter und Komponierter Musik sind bei ihm fließend. Das letzte Mal, dass der begnadete Kontrabassist solo aufgetreten ist, liegt auch schon viele Jahre zurück, der Abend hat also Ereignischarakter. Spektakulär liest sich auch die Tracklist von Jason Seizers aktueller Platte »Cinema Paradiso«. Der Münchner Saxophonist, der bereits seit Beginn der Neunziger zeitgenössischen Postbop für Minibars und Aufzüge macht, versammelt dort mit seinem Quartett Interpretationen von diversen Filmmusiken von «Spartacus« über »Alien« bis »The Machinist«.