Klappernde Holzsandalen
Wie Karlheinz Stockhausen während einer buddhistischen Tempelzeremonie das Göttliche entdeckte.
Ein Jahr bevor Brian Epstein bei Karlheinz Stockhausen um Erlaubnis fragte, ob er dessen Konterfei auf das kommende Beatles-Album setzen dürfte, vollzog sich im Schaffen des Komponisten eine Wende. In der Ostasienbegeisterung der Hippies fand Stockhausen 1966 Futter für seinen aufkeimenden Synkretismus. Der passte nur zu gut zu »Sgt. Pepper´s Lonley Hearts Club Band«. Auf dem eklektizistischen Cover fand er nach seiner Zusage Platz zwischen hinduistischen Gurus und amerikanischen Stand-Up-Comedians. Bei einer Japan-Reise, die er 1966 auf Einladung des Rundfunksenders NHK unternahm, beeindruckte den rheinischen Katholizisten der Besuch einer Tempelzeremonie. Die Strenge der Zeremonie schlug ihn in ihren Bann. Das Fest der Wasserweihe begann mit einer Stille, auf die ein langsam aufbauendes Crescendo klappernder Holzsandalen von im Kreise laufender Mönche folgte. Das Klappern wuchs zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Der ebbte genauso langsam wieder ab, wie er sich aufgebaut hatte – die Mönche warfen beim Laufen nach und nach ihre Sandalen ab und liefen auf Socken weiter. Mit der Zeit verabschiedeten sich sukzessive die Mönche aus dem Kreislauf, bis ein letzter Mönch einsam seine Runden lief und »seine Schritte«, so erzählt es Mary Bauermeister, Stockhausens damalige Lebensgefährtin und aufmerksame Beobachterin, »zu einem feierlichen Schreiten verlangsamte und dann den Raum verließ«.
Der Philosoph Ernst Tugendhat hat das Göttliche als Verbindung dreier Momente beschrieben: »das Geheimnisvolle (mysterium) und das Furchterregende (tremendum), das zugleich als Anziehendes (fascinans) erfahren wird«. Diese Faszination mündet im Erleben, so kann man fortführen, in das Gefühl des Erhabenen. Tugendhat schreibt weiter, dass »der japanische Zen-Buddhist sein Leben – alles was er tut – mystisch auf das als Leere verstandene Universum hin« versammelt. Stockhausen mag die Zeremonie als Werk empfunden haben, »gegenüber dem man sich als klein erfährt«. Fortan sollten seine Kompositionen, stärker als je zuvor, nach dem Sublimen suchen. In den Jahren 1973/74 entstand das Werk »Inori«. Ein zutiefst mystisches Werk, aber nur, wie Stockhausen betont, weil »darin nichts mystifiziert wird«. Es nutzt die Zeichensprache des Gebets, das transzendentale Moment, so Stockhausen, liegt in der »Entwicklung der Musik von den primitiven Ursprüngen zu einem Zustand puren Intellekts«. Die Komposition als Ausdruck der Sublimierung, als Prozess der Veredelung hin zum Erhabenen. Inspiriert von Tänzerinnen, die er bei einem Raga-Konzert in Neu-Dehli erlebt hatte, und von Besuchen bei Nō-Theater-Aufführungen in Tokyo, setzte er bei »Inori« Darsteller ein.
Bei der Aufführung in der Kunst-Station Sankt Peter werden zwei ausgewiesene Stockhausen-Experten die genau festgelegte Choreographie vollführen. Agnieszka Kuś, geboren 1980 in Rzeszów und heute in Köln lebend, ist Tänzerin und Choreografin. Sie hat an den Musikakademien Poznan und Warschau Tanz studiert. 2008 hat sie in Krakau die polnische Premiere von »Inori« performt, ein Jahr später wurde sie hierfür bei den Stockhausen-Kursen in Kürten mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Alain Louafi, geboren 1945 in Arras, studierte Tanz an der von Maurice Béjart gegründeten Ecole Mudra in Brüssel und gestaltet bereits seit Ende der 1970er Jahre Musikproduktionen von Stockhausen. Seit 1974 tanzt er etwa »Inori« und ab 1980 Teile des »Licht«-Zyklus. So performte er 1981 bei der Premiere von »Donnerstag« in der Mailänder Scala die Rolle des Lucifer. 2015 trat er beim Festival Internazionale di Musica in Bologna mit Teilen aus »Montag« und bei den Berliner Festspielen mit »Michaels Reise um die Erde« auf.
Veröffentlicht in: Das Magazin der Philharmonie Köln, Mai/Juni 2016.

