Gleißendes Licht in schwärzester Nacht
Im Mittelpunkt des diesjährigen Kölner Acht-Brücken-Festivals steht der Komponist György Ligeti. Sein Werk versöhnt nüchterne Avantgarde und tiefe Sinnlichkeit
Dem Kinofreund wird diese Szene bekannt vorkommen: es ist das Finale des metaphysischen Bildepos´ »2001 — Odyssee im Weltraum« von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1968. Spektakuläre Bilder, die in Bann zu schlagen verstehen. Auf der Tonspur ist in diesem Moment nichts zu hören als Atmen. Aber zuvor haben die Zuschauer einen knapp zehnminütigen Bilderrausch von psychedelischer Computer-Op-Art mit einem buchstäblich ohrenbetäubenden Soundtrack erlebt: dem Stück »Atmosphères« von 1961 des ungarisch-österreichischen Komponisten György Ligeti. Man hat es hier mit einem der ersten Musikvideos zu tun, die Sequenz funktioniert auch herausgelöst aus dem Film. Die wie ein exorbitanter Drogentrip inszenierte Reise des Astronauten durch Raum und Zeit illustriert die Musik Ligetis fast passgenau, auch wenn das Kubrick naturgemäß anders herum gesehen hätte.
Ob der Film nicht auch als Vehikel für eine großartige Musik verstanden werden darf? Diese Frage kann man durchaus stellen. Ligetis Musik ist jedenfalls auch ohne diese populäre Schützenhilfe einem in der Avantgarde ungeübten Zuhörer zugänglich und unmittelbar sinnlich erfahrbar. Wie wenigen anderen Komponisten der Neuen Musik gelingt es Ligeti zwischen abstrakten, hochkomplexen Kompositionstechniken und einem geradezu körperlich spürbaren Ausdruck zu vermitteln.
Anders als seine Kollegen, die sich in jener Zeit in Scharmützeln untereinander, sowie mit Kritikern und Publikum erschöpfen und sich dabei häufig in ihrer Arbeit hermetisch und abweisend zeigen, schafft es Ligeti schon früh, sich einem großen Publikum verständlich zu machen. Und das ohne künstlerische Kompromisse zu machen. Nach nicht minder großartigen, ebenso publikumswirksamen wie -fordernden Klangfarbenkompositionen wie dem »Requiem« (1963-65), »Lux aeterna« (1966) und »Lontano« (1967) arbeitet sich Ligeti zu einer Musik vor, die sich immer weiter öffnet und gleichzeitig gängigen Kategorien widersetzt. Ligeti findet mit dem Ende der 60er Jahre zu sich selbst, sein (Um-)Weg liegt in der Fusionierung seiner Wurzeln mit der westlichen Avantgarde. Er arbeitet immer mehr mit kleinen Instrumentarien und Besetzungen, Kammermusikalisches erhält Vorrang vor Orchestralem.
Im Jahr 1976 schreibt er nach der Beendigung von Arbeiten für seine Oper »Le Grand Macabre« das Klavierstück »Monument – Selbstportrait – Bewegung«, das in Köln uraufgeführt wird. Ein Stück, in dem er sich in andere Zusammenhänge stellt: Anfang der 70er hatte er in Kalifornien Steve Reich und Terry Riley kennengelernt und seine Nähe zum amerikanischen Minimalismus entdeckt. Die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Komponisten, das lebendige Netzwerk, das zwischen grundverschiedenen Systemen geknüpft wird, ist typisch für seinen kosmopolitischen Stil. Ligeti, der unmittelbar die menschenverachtende Ideologie der Nazis, die Kulturpolitik der Stalinisten und die Hegemonialdiskurse der Serialisten erfahren hat, kann nur jede Dogmatik ablehnen. Zu dieser Offenheit passt Ligetis Interesse an dem Outsiderkomponisten Conlon Nancarrow (musikalisch ebenfalls auf dem Acht-Brücken-Festival vertreten). Er spricht von »Liebe auf den ersten Blick« und wird ein großer Förderer des bis dahin in selbstgewählter Isolation lebenden Kauzes aus der mexikanischen Wüste.
Seine Auseinandersetzung mit südostasiatischer und afrikanischer Musik führt Ligeti schließlich zur Polyrhythmik. Das 1978 geschriebene Stück »Hungarian Rock« für Cembalo etwa gebärdet sich wie ein Improv-Jazzrock-Monster. Das Cembalo erinnert an die Gitarre Derek Baileys oder den Postrock von David Grubbs. Dank des Acht-Brücken-Festivals kann man sich darauf freuen, wie sich diese Kompositionen des 2006 in Wien verstorbenen Komponisten zu den Pop-Entwürfen von Kreidler, Monolake oder den Deathjazzern Bohren & Der Club of Gore verhalten wird.
Veröffentlicht in Stadtrevue 5.2014.
