Frederic Rzewski

Mit offenen Augen

Frederic Rzewski gilt in der Neuen Musik als einer der wichtigsten Vertreter der 68er Revolution. Ideologie und Dogmatik waren ihm aber immer fremd.

Der Mann hat keine Berührungsängste. Politischer Pathos? Kein Problem. Stockhausen und Beethoven? Geradezu gleichberechtigt. Klassische Avantgarde und Arbeiterlieder? Gehören zusammen. Der amerikanische Komponist und bekennende Sozialist Frederic Rzewski ist bekannt dafür, seine Musik politisch aufzuladen. Im Gegensatz etwa zu Cornelius Cardew verstehe er sich aber nicht als explizit politischen Komponisten, sondern als Menschen, der mit offenen Augen durch die Welt gehe und lediglich dem was ihn bewegt, musikalischen Ausdruck verleihe. Und dieser fungiert bei ihm immer auch als politisches Statement.

Ob in seiner großartigen minimalistischen Komposition »Coming together« (1970), in der er eine Stelle aus einem Brief des linksradikalen Bombenlegers Sam Melville benutzte und so auf die Ermordung der Aufständischen im Attica-Gefängnis reagierte. Oder in der Komposition »The People United Will Never Be Defeated!«, den 36 Variationen auf das Protestlied »El pueblo unido«, die er 1975 anlässlich der 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten schrieb und damit die Rolle der U.S.A. im Pinochet-Putsch wenige Jahre zuvor in Chile kommentierte. Die seriell konzipierte Komposition variiert eines der bekanntesten Freiheitslieder der linken Bewegung und gehört zu den komplexesten und zugleich zugänglichsten Variationenzyklen der Musikgeschichte. Indem Rzewski immer wieder auf das berühmte Thema zurückkommt, verliert er nicht den Kontakt zur Basis, der Hörer kann der knapp einstündigen Komposition fast mühelos folgen. Und durch die Kombination von komplexer aber klarer Struktur, stilistischer Vielfalt, improvisatorischen Anteilen und populärem Thema schafft Rzewski eine der überzeugendsten Kompositionen der Klavierliteratur des 20. Jahrhunderts. Und bläst in die oft hermetisch wirkende Welt der Neuen Musik einen so kräftigen Windstoß, dass die Notenblätter rascheln.

Frederic Anthony Rzweski wurde 1938 in Massachusetts als Kind polnischer Einwanderer geboren und hörte als Zehn- oder Elfjähriger in einem Plattenladen in Springfield zum ersten Mal Arnold Schoenbergs »Ein Überlebender aus Warschau«, ein einschneidendes Erlebnis. Als hochbegabter junger Mann studierte er in Harvard und Princeton, reiste mit einem Fulbright-Stipendium zu Beginn der Sechziger nach Europa und studierte in Italien bei Luigi Dallapiccola. Mitte der Sechziger wurde er mit Stockhausen bekannt und spezialisierte sich zunächst auf dessen Klaviermusik. Mit Alvin Curran und Richard Teitelbaum gründete er aber 1966 in Rom das experimentelle Kollektiv Musica Elettronica Viva, das auch in popmusikalischen Kreisen und in der Improvisationsszene für Aufmerksamkeit sorgte, und emanzipierte sich von seinen Lehrern. Er bewegt sich bis heute zwischen Geräusch, notierter Musik und Musikgeschichte, seine zwischen 2006 und 2010 entstandenen Arbeiten für Klavier etwa, die 56 »Nanosonatas«, vermitteln zwischen Singularität und zeitlichem Überdauern: Themen hängen für eine Sekunde in der Luft und verschwinden dann wie Nebencharaktere in einem Roman von Tolstoj. 2013 brachte er bei der Night Of The Proms ein majestätisches Klavierkonzert selbst zur Uraufführung, seit 2014 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Angekommen im Establishment? Verrat an den Idealen der 68er? Nicht für den Nonkonformisten Rzewski: »Rebellion ist nicht notwendigerweise progressiv. Die Sechziger sind überbewertet.« Kurz nach seinem 77. Geburtstag wird Rzewski in Köln sein bekanntestes Stück, »The People United Will Never Be Defeated!«, selbst aufführen.

Erstmals veröffentlicht in: Das Magazin der Philharmonie Köln

IMG_0319.JPG