Ensemble Modern

Arbeit an der Gegenwart

In diesem Jahr feiert das renommierte Ensemble Modern 30 Jahre künstlerische Unabhängigkeit. Im Rahmen des Acht-Brücken-Festivals präsentiert sich das Ensemble mit 2 Porträtkonzerten.

Neue Musik. Führend. Einzigartig. 30 Jahre selbstverwaltet. Schlagwörter, die man mit dem Ensemble Modern verbindet. Das wohl bekannteste deutsche Ensemble für Neue Musik muss man niemandem mehr vorstellen, der sich für Gegenwartsmusik interessiert. Das Musikerkollektiv forscht seit 1980, dem Jahr seiner Gründung, unermüdlich nach Neuem, gleichviel ob es sich dabei um Gegenwärtiges oder Verschollenes handelt, und präsentiert das Gefundene und Erarbeitete einem interessierten Publikum. Die Liste der großen Komponisten, mit denen das Ensemble zusammen gearbeitet hat, ist lang. Sie reicht von Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen über John Adams und Heiner Goebbels bis zu Frank Zappa. Vor kurzem sorgte das Ensemble mit einem besonderen Coup für Aufmerksamkeit. Sie hoben den bis dahin in Europa weitgehend unbekannten Komponisten Walter Smetak ins Rampenlicht. Der 1984 verstorbene Smetak, bis zu seinem Tod in Brasilien lebender Schweizer Emigrant, gehört zu den großen Maverick Composern und ist eine zentrale Gestalt der Tropicália-Bewegung. Das Ensemble ließ einige der über 150 von Smetak entwickelten Instrumente nachbauen, 4 junge Komponisten schrieben Stücke für die »Plásticas sonoras«, die Ergebnisse werden vom Ensemble aufgeführt.

Doch natürlich kümmert sich das Ensemble auch weiterhin um heimische Komponisten. In dem Jahr, in dem sich die Selbstverwaltung des Ensembles zum 30. Mal jährt, feiert die Philharmonie das Ensemble mit verschiedenen Porträtkonzerten. An insgesamt drei Abenden wird das Ensemble Stücke von teils befreundeten Komponisten präsentieren. Den Auftakt macht ein Lesungskonzert mit dem Schriftsteller und letztjährigen Büchner-Preisträger Marcel Beyer. Beyer wird eigene und Gedichte von Trakl, Benn und anderen vortragen, das Ensemble tritt mit Stücken von Beethoven, Webern und Nancarrow in einen Dialog mit den vorgetragenen Texten. Am zweiten Abend ist ein alter Weggefährte des Ensembles mit von der Partie. Harrison Birtwistle, neben Peter Maxwell Davies bekanntester britischer Komponist seiner Generation, ist für seine modernistischen Klangblöcke und seinen komplexen Stil berühmtberüchtigt, genau also der richtige Sparring-Partner für das Frankfurter Ensemble. Von ihm kommen gleich zwei Kompositionen zur Aufführung, ein älteres Stück von 1984, »Secret Theatre«, das von Solistenblöcken dominiert wird, und ein neueres Stück aus den Jahren 2011-12, »In Broken Images«, das seine deutsche Erstaufführung erlebt. Birtwistles Stücke umrahmen ein Stück des jungen Schweizer Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini, »Kassiopeia« (2015-16), das an diesem Abend ebenfalls erstmals in einem deutschen Konzertsaal präsentiert wird. Am dritten Abend trifft der in Deutschland lebende jordanische Komponist Saed Haddad auf den böhmischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka, eine spannungsreiche Begegnung von Neuer und Alter Musik.

Mit ihrem Programm zeigt das Ensemble, dass das »Neue« recht eigentlich in der Konfrontation, im Kontrast und in der Wahrnehmung des Hörers liegt. Das Neue ist etwas »Wertvolles«, das »der Gegenwart den Vorzug vor der Vergangenheit sowie der Zukunft gibt«, wie der Philosoph Boris Groys formuliert. Musik und Aufführungspraxis, die sich in Präsenz und Ausrichtung auf die Jetztzeit beziehen, ohne dabei Scheuklappen zu tragen, das sind Schlagwörter, die das Phänomen Ensemble Modern vielleicht erhellender beschreiben als eingangs genannte Klischees. »Neu« ist ein transitorischer, ein vorübergehender Zustand. Was wertvoll ist, bleibt.

Erstmals in einer bearbeiteten Version erschienen in: Das Magazin der Philharmonie Köln, Juli/August 2017.

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