Die Zurückeroberung der Zeit
Sie tragen Dead Kennedys- und Scott Walker-T-Shirts, spielen klobige Instrumente und wollen die Zeit zurückerobern. Über ein seltsames Blas-Ensemble namens Deep Schrott.
Was haben Kylie Minogue, Black Sabbath und Hanns Eisler gemeinsam? Wenig bis nichts. Sie gehören aber zum Repertoire eines ungewöhnlichen Ensembles. Der Name der Formation: Deep Schrott. Ungewöhnlich ist, dass ein dem Jazzkontext entstammendes Quartett Klassiker der Popmusik interpretiert und um Jazz selbst einen großen Bogen macht. Einzigartig ist, dass es sich bei dem Kammermusikensemble um ein Bass-Saxophonisten-Quartett handelt. Bass-Saxophon? Noch nie gehört? Das monströse Instrument wird im Jazz in der Tat selten gespielt, Colin Stetson (of Arcade-Fire-Fame), Free-Jazz-Weiland Peter Brötzmann und besagtes Quartett bilden die Ausnahmen. Allein die Ausmaße – in die Länge gezogen würde der Klangkörper einem Alphorn Konkurrenz machen – ließen es in einem Kuriositätenkabinett nicht weiter auffallen. Auf der Bühne wird das Instrument aufgrund des Gewichts aufgeständert gespielt. Gleich vier davon wirken bedrohlich bis skurril. Der Anblick reizt zum Lachen, zum ungläubigen Kopfschütteln. Wie soll sich denn so ein Ding in Quartettstärke anhören?
Stimmen diese Ungetüme dann aber Minogues Über-Hit »Can´t get you out of my mind« an, ist der Effekt groß. Das Skurrile der Konstellation – riesige Blasinstrumente spielen Dancepop – wird bald unwichtig. Das genuin Schwerfällige der Instrumente stemmt sich gegen die Leichtfüßigkeit der Discokugel-Nummer, passt aber erstaunlich gut zum »robotischen« Grundcharakter der Komposition. Und der dunkeltönende Sound des Bass-Saxophon-Arrangements betont die Tragik der selbstzerstörerischen Obsession des Textes. Er schafft eine erhabene Schönheit, die tief in dem Original vergraben liegt.
Das Quartett Deep Schrott, bestehend aus Wollie Kaiser, Andreas Kaling, Jan Klare und Dirk Raulf, gründete sich 2008 mit dem Vorsatz, keinen Jazz zu spielen, »sondern Metal«. Ein Vorsatz, der bei Musikern, die in den letzten 2 bis 3 Jahrzehnten vor allem in der Jazzszene aktiv waren, Fragen aufwirft. Bei der Ausrichtung des Quartetts ging es Dirk Raulf zufolge darum, ein Format zu finden, dass ergebnisoffen ist und Genres ignoriert. Und durch die Reduktion auf ein Instrument in Quartettstärke ergibt sich ohnehin erst einmal die Frage nach den Spielmöglichkeiten. Bei der Übertragung von Stücken in das Ensembleformat müssen die einzelnen Stimmen auf ein einziges Instrument übertragen und dann als Quartett arrangiert werden. Ein nicht immer einfaches Unterfangen. Dadurch aber, dass die Spieler verschiedene Fähigkeiten mitbringen – einer ist etwa in der Lage hohe Tenortöne, ein anderer die besonders tiefen Töne zu spielen – ergeben sich neue Spielweisen. So kann eine Basslinie zwischen den vier Spielern wandern und damit ohne Atempausen gespielt oder es kann eine musikalische Figur zu viert hergestellt werden.
Bislang haben Deep Schrott auf ihren vier Veröffentlichungen neben Eigenkompositionen hauptsächlich populäre Vorlagen benutzt: das Spektrum reicht von Fleetwood Mac, Bob Dylan und Led Zeppelin bis hin zu Slipknot. Die Originale sind erkennbar, die Arrangements wirken aber eigenständig und die Spielweise rückt sie immer wieder in die Nähe von Minimal Music. Hört man etwa ihre Version von Dylans »Knockin On Heaven´s Door« stellen sich Assoziationen zu Michael Nymans Filmmusiken ein. Neben Nyman und Steve Reich sei, so Raulf, auch das Noise-Subgenre Drone wichtiger Einfluss für ihre Ästhetik. Verlassen ihre Stücke die adaptive Herangehensweise, rückt tatsächlich immer mehr das Spiel mit Zeit und Raum in den Vordergrund. In dieser Arbeitsweise sieht Raulf eine zukünftige Entwicklungslinie der Formation. Die neuen Eigenkompositionen beschäftigen sich mit klanglicher Dichte und der Erweiterung des Resonanzraumes. Konkret bedeutet dies, dass sie zurzeit ihre Musik in Auseinandersetzung mit dem Klang sakraler Räume entwickeln. Bei ihrem Konzert in der Kulturkirche werden sie neben Stücken der aktuellen Platte »The Dark Side Of Deep Schrott, Vol. II« (die für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Sparte: Grenzgänger, nominiert ist), auch entsprechend neue Stücke vorstellen, die genau dieses Verhältnis untersuchen. Inspiration zieht Raulf hierfür aus so verschiedenen musikalischen Entwürfen wie Sunn O))) und Boris, John Coltrane und indischer Musik, Elaine Radigue und John Cage in Halberstadt (file under »as slow as possible). Diese Ästhetik aus Drone Metal, Ambient, spirituellem Jazz, Raga und Non-Musik wohnt Deep Schrott jetzt schon inne, der nächste Schritt ist also nur konsequent.
Ein entscheidender Twist in ihrer Entwicklung war 2015 eine durch das Goethe-Institut finanzierte Tournee durch Westafrika, erzählt Raulf. Die Zuhörer in Nigeria, Togo und Ghana hätten zwar die Originale – etwa Black Sabbaths »Iron Man« oder »Thunderstruck« von AC/DC – erkannt. Die Popularität der Hardrock-Klassiker wäre aber nicht weiter von Belang gewesen, das Publikum hätte ihre Eigenkompositionen genauso gefeiert. Durch diesen Umstand hätten die Musiker mehr über Reduktion und ihre Rolle als Interpreten nachgedacht. Der »Körper«, so stellten sie fest, sei »die erste Quelle« ihrer Musik. Und die Grenzen ihres vorgeformten Popbewusstseins wurden in Auseinandersetzung mit dem westafrikanischen Publikum eingeebnet. Raulf sieht so heute entsprechend die Hauptaufgabe des Künstlers und damit auch die des Quartetts darin, sich von der »vorgeformten Umgebung« freizumachen. Im Internetzeitalter müsse man sich als Künstler zu allererst, so Raulf, die »eigene Zeit und den eigenen Puls zurückerobern«.