Creep Mission
Blue Chopsticks/Drag City

David Grubbs ist derzeit viel unterwegs. Letzten Herbst tourte der einflussreiche Postrocker (Squirrel Bait, Bastro, Gastr del Sol) mit dem Album Prismrose und seinem Buch Records Ruin the Landscape. John Cage, the Sixties, and Sound Recording, vor kurzem war er mit neuem Album im Handgepäck in Japan, im Oktober folgt Portugal, weitere Gigs in Europa sind in Vorbereitung. Auf Creep Mission begleitet ihn wie schon auf Prismrose Drummer Eli Keszler, mit von der Partie sind zudem Trompeter Nate Wooley und Elektroniker Jan St. Werner, beides alte Weggefährten. Grubbs kennt Werner bereits seit den Neunzigern, als er in Köln mit Kai Althoff und den a-Musik-Leuten abhing; eine Zusammenarbeit mit dem Mouse-On-Mars-Haudegen war insofern überfällig.
Doch die Stücke mit Werner zünden nicht durchgängig. Grubbs‘ elliptischer Stil verträgt sich nicht gut mit Werners kumulativen Texturen. Doch hat das neue Album mehr zu bieten. Creep Mission fächert Grubbs‘ Forschungsfelder der letzten Jahren auf: die Musik der Renaissance, die des Barock, und natürlich den Bluegrass seiner Heimat. All das findet sich bereits in dem Eröffnungsstück »The Bonapartes Of Baltimore«, selbstredend in der für Grubbs typischen skizzenhaften Verkürzung. Emphatische Repetition, rhythmische Verschiebungen, das auf- und absteigende Spiel, das nicht in einer Klimax mündet, stattdessen Brüche und ein offenes Ende.
Auf diesem Niveau geht es weiter. Die Bottelneck-Gitarre in »The C in Certain« definiert, sublim verstärkt durch Wooleys dezente Trompete, Grubbs‘ Idee eines abstrakten Blues, der genauso dem texanischen Wüstenboden wie den appalachischen Bergtälern entstammen könnte. Im Titelstück pulsiert in den ersten Minuten Keszlers kleinteiliges Jazzschlagzeug in Korrespondenz mit Grubbs‘ Gitarre, bevor es gemeinsam mit Werners Crackle Synthesizer (einem Circuit-Bending-Instrument) in Richtung ungebundenem Rock geht – natürlich nur um sich kurz darauf wieder selbst zurückzunehmen. Das Stück »Jack Dracula in a Bar« schließlich ist eine Miniatur mit nahezu andalusischem Anschlag, in dem arabische Klangfarben genauso wie abendländische Kirchenmusik mitschwingen. Grubbs ist hier ganz nah bei sich, sein sparsames Triolenspiel hellt die melancholische Grundstimmung immer wieder auf. Genau wegen dieser Momente liebt man die Musik von David Grubbs. Dann ist sie nämlich wunderschön schmucklose Barockmusik mit den Mitteln des Postrock.
Erstmals erschienen in: Konkret 10/2017.

Konzertankündigung in der Stadtrevue 10/2017:
Stadtrevue präsentiert: 13.10., reiheM: David Grubbs, Loft, Köln.
Mit seinen Bands Bastro und Gastr del Sol hat er Musikgeschichte geschrieben. David Grubbs ist einer der wichtigsten Figuren eines Genres, das Ende der Achtziger einen Ausweg aus der künstlerischen Sackgasse suchte, in die sich Rockmusik manövriert hatte. Ein Zentrum des Postrock, dieser Wiedergeburt der Rockmusik unter anderen Vorzeichen, war Chicago, wohin Grubbs zu dieser Zeit zog. Inspiration zog er aus Improvisierter und Neuer Musik, aus Jazz und dem Postpunk der vorigen Dekade. Zwischen kopflastiger Kammermusik und leichtfüßigen Songs bewegt sich seither Grubbs´ Soloarbeit, es gibt heute wenig Gitarrenmusik die derart berührt. Kein Wunder, bringt doch Grubbs einige der besten Musiken des 20. Jahrhunderts auf einen unspektakulären Nenner: das Einfache im Komplexen und das Komplexe im Einfachen finden. Heute wird er neben einem Akustikkonzert sein neues Buch über John Cage vorstellen.