Anton Bruhin

Wie man die Gedanken verjagt

Der große Autodidakt Anton Bruhin kommt mit seiner Maultrommel in den Stadtgarten.

»…Urin, Uran, Ural, Gral…« – eine Reihung von Wörtern, die sich jeweils nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheiden. Phonetische Ähnlichkeiten, Semantiken ohne Zusammenhang, plötzliche Sinnüberschüsse. Das lyrische Hauptwerk »Rotomotor« von Anton Bruhin ist ein Wortungetüm. Bruhin nahm »Rotomotor« im August 1978 auf. Eine halbe Stunde lang trägt er in Hochdeutsch mit Schwyzer Akzent sein sogenanntes »Idiotikon« vor, wobei eine Verzögerung alle 0,6 Sekunden wiederholt wird und jedes Wort dadurch das Echo des Vorhergehenden überlagert. In atemberaubender Rhythmik schaukelt sich so ein Wortgebäude hoch, ein nicht abreissendes Band sich in einander drehender und verdrehter Wörter, eine halbstündige sonische Skulptur von raumgreifender Wirkung.

Ein Werk, das in seiner Psychedelik den Briten Steven Stapleton derart beeindruckte, dass er 1979 Bruhin auf seine legendäre Einflussliste setzte. Die Liste auf dem Cover des ersten Nurse-with-Wound-Albums gilt als fulminante Einführung in die Outsider-Musik und ist ein beliebter Shopping-Guide für Avantgarde-Musik-Sammler. Dem Schweizer Künstler und Obskuranten Bruhin brachte Stapletons Schützenhilfe eine Menge Aufmerksamkeit und setzte ihn auf die Agenda mehrerer Generationen NWW-Anhänger. Bruhin ist ein Solitär, ein Autodidakt. Aber seine Kunst ist natürlich nicht voraussetzungslos. Er war in den 1960er-Jahren Schüler in Serge Stauffers künstlerischer Experimentier-Klasse »Form und Farbe«, aus der die berühmte F+F Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich hervorgehen sollte. Stauffer war Duchamp-Experte und entwickelte in dieser Klasse ein Konzept, das Kunst als Forschung begriff, und Fluxusstrategien und multimediales Gestalten als Lerninhalte etablierte. Beeinflusst von der dort vermittelten Konkreten Poesie und Künstlern wie Dieter Roth begann Bruhin zur selben Zeit, Happenings zu organisieren und selbstgestaltete Bücher zu veröffentlichen. Und er bastelte eigene Instrumente wie das ch-phon, eine PVC-Röhre mit einem Saxophon-Mundstück, und nahm Platten mit experimenteller Folk-Musik auf, bei denen er die verschiedensten Instrumente selbst einspielte: etwa Harmonika, Flöte, Geige, Percussion und, in bester John-Cage-Tradition, Wasser.

Ende der 60er-Jahre schenkte ihm ein britischer Straßenmusiker eine Maultrommel. Die Klangvielfalt dieses simplen und uralten Instruments, das auf der ganzen Welt verbreitet ist, erinnerte Bruhin an einen Synthesizer. »Mir fiel damals auf, dass die Maultrommel wie ein Synthesizer tönt. Dabei ist doch die Maultrommel neben der Stimme das einzige organische Instrument, bei dem der Ton innerhalb des Körpers produziert wird. Und dennoch ist ihr Klang dem Moog so ähnlich. Die Maultrommel ist ein Synthesizer.« Er war fasziniert von dem unmittelbar erzeugbaren Klang, von der Vibration, die sich beim Spielen auf seinen Schädel übertrug und ihn zusammen mit dem durch Hyperventilation hervorgerufenen Sauerstoffmangel in einen Trance-Zustand katapultierte. »Die sphärischen Sounds lassen sich direkt, ohne Schaltungen, ohne Knöpfe drehen, produzieren.« Seither spielt er das Instrument mit den tausend Namen, seit über 40 Jahren »verjagt« er damit »Gedanken«, wie er sagt (im Italienischen nennt man die Maultrommel Scappiapensieri, was eben genau dies bedeutet). So hat Bruhin ein minimalistisches und primitivistisches Werk geschaffen, das in seiner Einzigartigkeit gleichbedeutend mit den Werken von Brion Gysin, Sten Hanson und Ghédalia Tazartès ist.