a-Musik

Blaupausen für neue Töne

Der Kölner Plattenladen a-Musik feiert 20-jähriges Jubiläum.

Ende der 1990er-Jahren feierte das mit der Einführung der Compact Disc ein Jahrzehnt zuvor totgesagte Vinyl eine erstaunliche Wiedergeburt. Vor allem durch Techno und der dazugehörigen DJ-Kultur wuchs das Interesse an den analogen Tonträgern wieder, Labels und Plattenläden, die sich auf Vinyl und elektronische Musik spezialisierten, entstanden. In Köln eröffneten Anfang des Jahrzehnts vier Acid-House-Produzenten (Formicula 4), die Plattenläden Formic und Delirium – letzterer das spätere Kompakt, das weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmt werden sollte. Im Zuge des Erfolgs und der damit einhergehenden Historisierung der Techno-Musik interessierte sich die erwachsen gewordene Community verstärkt für die Pioniere der elektronischen Musik in E-Musik, Industrial und Krautrock.

Die fanden sich unter anderem aufgelistet auf dem ersten Album der Industrialpioniere Nurse with Wound. Diese Liste von legendärem Ruf, zudem die Radio-Sendungen von John Peel und die WDR-Features von Joachim Ody seien für ihn, so erzählt Georg Odijk, Mitbegründer des Plattenladens und -Labels a-Musik, wichtige Orientierungen gewesen. Keimzelle für a-Musik, erzählt er weiter, war die Gruppe Kontakta. Im Herbst 1990 spielte Odijk mit seinen damaligen Schulfreunden Frank Dommert, Marcus Schmickler und Carsten Schulz (C-Schulz) in einer ehemaligen Fabrikhalle im Kölner Stadtteil Mülheim elektro-akustische Musik mit Effektgeräten und Fahrradsätteln. Zu dieser Zeit veranstaltete Frank Dommert auch die DJ-Reihe »Selten Gehörte Musik«. Dommert hatte 1987 das Label Entenpfuhl gegründet, auf dem später Jim O‘Rourke sein Debüt herausbrachte. Die erste Veröffentlichung, ein Tape mit dem schönen Namen »Itschengumpe«, versammelte bereits einige der Künstler aus dem späteren a-Musik-Kosmos und war neben den Entenpfuhl-Radio-Tapes die Blaupausen für die ersten »Selten Gehörte Musik«-Abende. Die herausfordernden wie beglückenden Veranstaltungen fanden an wechselnden Orten statt, ab 1990 in der heruntergekommenen Ehrenfelder Kneipe »L«, später im vom Technoproduzenten Dr. Walker betriebenen Wohnzimmerclub Liquid Sky, zuletzt in der Spex´ler Bar mit Dosenbier, dem Six Pack. Neben Stockhausen, Cage und Xenakis standen Post-Industrial und zeitgenössische elektronische Musik auf dem Programmzettel, Spezialabende mit geladenen Experten kümmerten sich um das schier endlose Oeuvre von John Zorn oder um Klassische Koreanische Musik.

Odijk gründete dann 1995 a-Musik als Plattenladen, Vertrieb und Label im Souterrain eines Flachbaus am Brüsseler Platz, der Eingang lag an der Neuen Maastrichter, aber die Adresse lautete: Brüsseler Platz 10a. Im Belgischen Viertel, bis dahin »ein böhmisches Dorf« (Odijk), entstand so mit genannten Läden und dem im gleichen Jahr eröffneten Groove Attack in fußläufiger Entfernung »ein kleines Schallplatten-Paradies« für Freunde elektronischer Musik. Der bescheiden dimensionierte Plattenladen war zugleich auch WG — Odijk bewohnte die angrenzenden Zimmer zusammen mit Schmickler und Jan St. Werner von Mouse on Mars.

Dommert stieß bald zum Laden hinzu und die Wohn-Gewerbe-Mischeinheit entwickelte sich trotz kellerartiger Atmosphäre zum Place-to-be mit internationaler Strahlkraft. Das Sortiment galt schnell als eines der einzigartigsten weltweit. Das britische Szene-Magazin The Wire berichtete, in Deutschland zogen Der Spiegel und Die Zeit mit großen Artikeln nach. Auch die prestigeträchtige E-Musik-Szene warf sich ausgehungert auf die Kölner Avant-Posse. Die WG wurde als »Brüsseler-Platz-10-a«-Kollektiv zu den Wittener Kammermusiktagen und zu den Darmstädter Ferienkursen eingeladen und so als »Enfant terrible«, erzählt Odijk, »herumgereicht«. 1997 gründeten Frank Dommert und Mouse On Mars das Label Sonig. Sie hatten einen Lauf. Sogar der Umzug 2000 vom nunmehr schwer angesagten Belgischen ins kleinbürgerliche Griechenmarkt-Viertel (Kleiner Griechenmarkt 28–30) konnte der Aura von a-Musik nichts anhaben.

Die Aufmerksamkeit der Mainstream-Presse ist seither abgeflaut. In den 2000er Jahren saugte Berlin viel Energie aus der Stadt, aber  Beständigkeit ist ein gutes Gegengift gegen jeden Hype. Geblieben ist der Verbund aus Laden, Label und Vertrieb — allen Unkenrufen und dem großen Plattenladensterben zum Trotz. Man vertreibt weiterhin gut hundert Labels, veröffentlicht alle Nase lang eine Platte und hatte zwischenzeitlich Bedarf an neuen Mitstreitern. Neben Odijk und Dommert kamen drei Enthusiasten dazu: der Kunsthistoriker Wolfgang Brauneis stellte sich der Legende nach selbst ein und pflegt seither das Neu-Sortiment. Ergänzt wird das Team seit ein paar Jahren durch Michael Bollhöfer von Bambam Babylon Bajasch. Er bringt in das Sortiment Ragga, Dubstep und kölsche Block-Party-Stimmung. Zuletzt stieß Michael Stahl hinzu; Stahl musste unlängst seinen eigenen, hochambitionierten Plattenladen Unrock in Krefeld dichtmachen.

Auch wenn Köln sich von der Talfahrt der Nuller Jahre erholt hat und es wieder eine spannende Konzert- und Produzentenszene gibt, ist die Zukunft der Plattenläden nicht gesichert. Läden wie a-Musik sind mehr als Subsistenzklitschen für Nerds und Connaisseure. Sie sind von öffentlichem Interesse, da sie Kultur bewahren, fördern und zugänglich machen. Odijk und seine Mitstreiter sind dabei, Zukunftspläne zu schmieden, sein vorläufiges Motto lautet: »Die Unsicherheit als spannend statt bedrohlich empfinden.«
Vielleicht wird die Stadt aber auch endlich ihrer Tradition und ihrem Anspruch gerecht und schafft eine zentrale Institution zur Förderung der musikalischen Avantgarde. Und kooperiert hierbei mit a-Musik. Etwa nach dem Vorbild des grandiosen WORM in Rotterdam. Der Musikstadt Köln würde so eine Institution gut zu Gesicht stehen.

Ursprünglich veröffentlicht in Stadtrevue 10.2015.

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