Can

»Wenn ich eine falsche Bewegung mache, falle ich runter«

Nachdem letzten Herbst auch Holger Czukay verstarb, gerät der Tributabend für Jaki Liebezeit in der Kölner Philharmonie zu einem Schwanengesang auf die Band CAN. Die Geschichte der wichtigsten Krautrockband muss noch aufgeschrieben werden.

Vor 50 Jahren erfand eine Kölner Band die Rockmusik neu. Can überwand dabei den Rockismus im Rock. Eine Wirkungsgeschichte der Band dürfte diesem Mythos standhalten. Die Einflussbekundungen von den Sex Pistols über The Fall bis hin zu Tortoise sind zumindest Legion. Zum 50-jährigen Jubiläum sollte nun die Band (bis auf die bis dato verstorbenen Michael Karoli und Jaki Liebezeit) in London zusammenkommen, um mit der Unterstützung der ehemaligen Sonic-Youth-Mitglieder Thurston Moore und Steve Shelley die Musik von Can noch einmal zum Leben zu erwecken. Doch verstarb letzten September auch Bassist Holger Czukay überraschend. Noch vor dessen Tod hatten Manos Tsangaris von Liebezeits Percussion-Ensemble Drums Off Chaos und Reiner Michalke, Leiter des Stadtgartens, einen Tributabend für den im Januar 2017 verstorbenen Jaki Liebezeit geplant. Jetzt wird es wohl auch eine Doppelhommage. Und für das letzte, neben den Sängern verbliebene Mitglied, den Keyboarder Irmin Schmidt, so etwas wie ein Schwanengesang.

Dabei ist die Geschichte der Band noch nicht aufgeschrieben. Und das was hierzu bislang geleistet wurde, stammt bezeichnenderweise von englischsprachigen Autoren. Die Musikjournalisten Julian Cope und vor allem David Stubbs etwa legten Kompendien zur Krautmusik vor, und eine bereits mehrfach angekündigte Band-Biografie von Wire-Autor Rob Young harrt noch der Veröffentlichung. Um das Besondere der Band herauszuarbeiten, muss sich eine Produktionsgeschichte vor allem mit den im Jahr 2017 verstorbenen Rhythmusarbeitern beschäftigen. Die Arbeitsweise des anarchistisch inspirierten Kollektivs war zwar basisdemokratisch organisiert und Gefüge und Chemie wesentlich für das Funktionieren der Band, aber Liebezeit und Czukay waren das Herz von Can, das die Musik unverwechselbar und auch revolutionär machte.

Liebezeit war vor Can Jazzmusiker. Tatsächlich sah es Mitte der 1960er-Jahre ganz so aus, als dass der 1938 in Dresden als Hans Heinrich Liebezeit geborene Musiker einer der wichtigsten Schlagzeuger der aufkeimenden deutschen Free-Jazz-Szene werden würde. Für einige Jahre war das Liebezeit auch. Als junger Schlagzeuger hatte er zu Beginn der Sechziger die Möglichkeit, nach Spanien zu gehen und bei Chet Baker zu spielen. Doch das was ihn in Barcelona nachhaltig prägte, war nicht der Cool Jazz des berühmten Trompeters sondern die von arabischer Musik beeinflussten Flamencorhythmen. Zurück in Deutschland nahm er Ende 1966 mit dem Pianisten Alexander von Schlippenbach in den Kölner Ariola-Studios das Album »Globe Unity« auf, aus dem kurz darauf das legendäre Big-Band-Ensemble gleichen Namens entstand. Liebezeit spielte mit den wichtigsten Musikern der aufkeimenden Free-Jazz-Szene, zum Orchestra gehören neben Schlippenbach Peter Brötzmann, Peter Kowald und auch Liebezeits frühester Weggefährte Manfred Schoof. Nach den Aufnahmen zu »Globe Unity 1967« verließ Liebezeit die Gruppe. Es zog ihn in die gerade entstehende experimentelle Rockmusik, die die britische Presse bald »Krautrock« taufen sollte. Der sogenannte »Freie Jazz«, so erzählt Manos Tsangaris, hatte für Liebezeit »schlicht zu viel Verbote«: Tonalität und Wiederholungen waren ähnlich wie in der E-Musik verpönt und Jazz im Allgemeinen bereits zum Konsumgut bürgerlicher Kunstverwalter verkommen. Doch in der Wiederholung sah Liebezeit das Geheimnis einer neu zu entwickelnden Musik, die sich außereuropäischen Rhythmen öffnete. In Liebezeits Beschäftigung mit den kreisenden Bewegungen indischer, afrikanischer und arabischer Percussionmusik liegt der Hauptgrund von Cans einzigartigem Sound.

Liebezeit gründet 1968 schließlich in Köln zusammen mit Irmin Schmidt, Michael Karoli und Holger Czukay eine Band. Ganz zu Anfang nannte man sich Inner Space, doch nachdem der New Yorker Bildhauer Malcom Mooney dazustieß, The Can. Im New Yorker Dialekt hieß das so viel wie »der Arsch«. Liebezeit und auch Irmin Schmidt erweiterten später die Bedeutung des bald um den Artikel geschrumpften Namens: CAN stand für »Communism Anarchism Nihilism«. Der andere Rhythmiker der Band, Holger Czukay, hatte wiederum in Westberlin Kontrabass bei einem Solisten der Berliner Philharmoniker gelernt, bevor er in Köln bei Karlheinz Stockhausen 
studierte. Ähnlich wie der ebenfalls klassisch ausgebildete Schmidt, grenzte sich Czukay aber bald auch gegen die E-Musik ab, die war einfach nicht »funny« genug. Am 25. Juli 1969 nahmen sie dann auf Schloss Nörvenich bei Köln das Album »Monster Movie« auf. Mooney, den die Frau von Irmin Schmidt in Paris kennen gelernt hatte, wurde als Assistent von Bildhauer Ulrich Rückriem, der im Schloss ein Atelier betrieb, engagiert, und Schlossherr und Kunstsammler Christoph Vohwinkel ermöglichte es Can, im Anwesen ein Studio einzurichten und ein Jahr mietfrei zu proben und aufzunehmen. Es folgten die Aufnahmen zu »Soundtracks« (1970) und »Tago Mago« (1971). Letztere zeitigte den Durchbruch in der Pop-Nation Nr.1, England, wo Can (bis heute!) weit mehr Aufmerksamkeit erhielt als in der Bundesrepublik. In ihrem daraufhin in Weilerswist eingerichteten Studio, wo Czukay im September 2017 tot aufgefunden wurde, nahmen sie daraufhin »Ege Bamyasi« (1972) und »Future Days« (1973) auf. Aus diesen fünf Alben besteht das kanonisierte Werk der Band, mit dem sie die Musik in der Bundesrepublik umzukrempeln und der Popavantgarde einen entscheidenden Impuls zu geben vermochte. Ihre Geschichte muss noch aufgeschrieben werden, man darf gespannt sein auf Youngs Biografie. Dass diese Geschichte auch eine der Stadt Köln ist, haben bisher nur wenige wirklich verstanden.

Überarbeitet erschienen in: Stadtrevue 01/2018.

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